
Nora Dal Cero
Auszeiten
Auszeiten im Hotel
Sylvie Reinhard ist Unternehmerin und berät seit vielen Jahren Start-ups im Aufbau. Um auch in der Familie, im Leben selbst immer wieder den Durchblick zu gewinnen, hält sie regelmässige Retraiten ab. Ganz für sich allein.
Als ich das erste Mal in Zürich in einem Hotel eingecheckt habe und meine Adresse angeben musste, fühlte sich das etwas verrucht an. Was sie wohl denken würden ? Ich sagte als Entschuldigung: Ich möchte einfach wieder mal acht Stunden am Stück schlafen. Es war so ein klassischer Fall von, beide Kinder krank, seit fast einer Woche, und du merkst, langsam wirst auch du krank. Um sich da raus zu katapultieren, muss man sich schon überwinden. Ja, es braucht Mut, gerade, wenn sie noch krank sind und du weggehst. Auch wenn dieses Weggehen nur ein paar Fahrminuten von Sylvie Reinhard ist Unternehmerin und berät seit vielen Jahren Start-ups im Aufbau. Um auch in der Familie, im Leben selbst immer wieder den Durchblick zu gewinnen, hält sie regelmässige Retraiten ab. Ganz für sich allein. der Familienwohnung entfernt ist. Dennoch haben sie es mittlerweile total akzeptiert: Mama geht jetzt in ihre Höhle zum Schlafen. Das verstehen sie. Sind auch gar nicht eifersüchtig darauf. Und für mich bedeutet es: kurz raus aus der untersten Stufe der Maslow-Bedürfnispyramide.
Mütter ermuntern
Ein Leben ohne regelmässige Check-ins mit mir selbst, das könnte ich mir kaum vorstellen. Wenn ich in ein Hotel gehe, um alleine zu sein, dann ist das ein Raum, in dem sich auch meine ganze Lebensreise zeigt. Wo ich verorten kann, wo ich gerade stehe und wohin ich als Nächstes hin möchte. Dafür pflege ich akustische Tagebücher. Sprachmemos an mich selbst. Und manchmal merke ich: Dieselben Gedanken habe ich mir schon einmal gemacht. So kannst du dich quasi aus der Vergangenheit selbst beraten. Es braucht einfach Zeit. Um zu sitzen, zu hören, in meinen Dokumentationen Muster und verborgene Zusammenhänge zu erkennen. Lebensfäden, die mich später leiten können. So fühle ich mich kontextualisiert und gehalten. Werde nicht zum Spielball des Alltags. Kann gestalten und verändern.
Ja, man könnte sagen, es sind Retraiten mit mir selbst. Bisweilen unterscheidet sich ja auch eine Familie zu haben, nicht grundlegend davon, wie man ein Projekt umsetzt oder eine Firma führt. Es gibt auch eine Metaebene, auf der es sich lohnt, gelegentlich auch strategisch zu denken.
Ich versuche, auch andere Mütter zu ermuntern, Räume für sich zu schaffen. Sage ihnen: Elternsein ist ein Herkules-Job ! Es bedeutet nicht, deine Kinder im Stich zu lassen, wenn du mal etwas für dich tust. Im Gegenteil. Sorgst du für dich selbst, dann lernen sie auch das von dir.

Ein bisschen Hedonismus frönen
Manchmal träume ich von einer Art Salon, in dem Frauen sich dem Alltag entziehen. Das System reflektieren, in dem sie leben. Aber auch dem Hedonismus frönen, ein bisschen old fashioned, wo man an Clubtischen Whiskey trinkt, debattiert, Zigarren raucht und sich Jobs zuschachert. Vielleicht gibt es noch eine Massage, Kinderbetreuung für alle, die eine brauchen. Man könnte für sich alleine etwas machen. Oder mit anderen. Und eigentlich müsste so ein Abend sogar bezahlt sein, mit einem Sitzungsgeld. Ich bin zuversichtlich, es würden spannende Dinge entstehen wie Veranstaltungskonzepte, politische Vorstösse. Ja, aber dann denke ich wieder an die Immobilienpreise. Und die Vorstellung platzt wie eine schillernde Seifenblase.
Ich habe einen grossartigen Mann. Wir teilen uns die Betreuung unter der Woche auf, jeder bekommt zwei Abende für sich alleine, ohne familiäre Verpflichtungen. Weil ein Salon leider noch fehlt, sitze ich manchmal auch einfach auf der gedeckten Treppe in unserer Siedlung. Es gibt kaum Hotels, wo man sich stundenweise einbuchen kann. Das Hamam mag ich auch als Ort des Rückzuges. Oder Kirchenräume, Bibliotheken, die Natur. Alles Orte, wo man innehalten und durchatmen kann. Das hilft sehr, wenn du von all den Alltagsansprüchen überreizt bist. Oft gehe ich auch eine Runde spazieren, wenn die Kinder im Bett sind. Für solche Dinge, Zeit und Raum für mich, bin ich unglaublich dankbar.