
Andi Speck
Umzug aufs Land
Aussteigen: Neues Glück hoch oben
Familie Bänziger Lange ist letzten Sommer von Zürich nach St.Luc ins Wallis gezogen. Der Entscheid, alle Zelte abzubrechen und in die Berge zu ziehen, stand eigentlich nicht auf ihrem Plan. Unsere Autorin Claudia hat die Familie begleitet.
Als sich Kathrin und Fabian vor 12 Jahren morgens um 6 Uhr in einem Zürcher Club kennenlernten, steckten beide mitten im urbanen Leben. Er arbeitete zum Teil 18 Stunden Schichten als Koch in der Spitzengastronomie, sie als Grafikerin in einer Werbeagentur, wo sich der Feierabend auch mal bis in die späten Abendstunden ziehen konnte. Fabian gewann Kathrins Herz, indem er sie mit selbst gemachten Pralinen, Kartoffelschaum und Delikatessen überraschte. «Mit Speck fängt man Mäuse», lacht sie, als wir sie zum Gespräch treffen.
Gourmetküche und Existenzängsten
Als Theo vier Jahre später zur Welt kam, dauerte Fabians Vaterschaftsurlaub gerade mal 20 Stunden, so lange, bis sein Sohn auf der Welt war und Fabians nächster Einsatz in der Küche begann. «Das Geld kam rein und ging gleich wieder raus», sagt Fabian. Die Kreditkarte war regelmässig überzogen und der Kontostand im Minus. So konnte es für die junge Familie nicht weitergehen. Ohne Startkapital begann Fabian, nach seinen Schichten am Samstagabend an eigenen Bratensaucen zu tüfteln. Zwischendurch fand er im Lagerraum ein paar Stunden Schlaf. «Ich gestaltete die Etiketten und half Fabian mit dem Onlineshop», sagt Kathrin. «Wir setzten alles auf eine Karte», ergänzt er. Sie hatten Glück. Kurz darauf schrieben die zwei grössten Zeitungen der Stadt über Le Saucier, wie sich Fabian nannte. Durch dieses Standbein gelang es Fabian, seine Selbstständigkeit immer mehr auszubauen. Als Kathrin während ihres zweiten Mutterschaftsurlaubes bei einer Massenentlassung ihren Job verlor, begann sie wieder zu zeichnen und hatte auch mehr Zeit zum Malen. Indem sie ihre Skizzen und Entwürfe auf Social Media teilte, bekam sie immer mehr Aufträge für Illustrationen und Zeichnungen. Schon bald hatte die junge Familie ein weiteres Standbein. Doch das Geld blieb knapp und sie zogen immer wieder um. Die hohen Zürcher Mieten trieb die Familie sogar in die Agglomeration, wo sie sich aber nie richtig zu Hause fühlten.
Als dann während der Pandemie die Lebenshaltungskosten immer weiter anstiegen und Aufträge ausblieben, wuchsen auch die Existenzängste. «Teilweise wusste ich nicht, wie wir die Miete zusammenkratzen können», sagt Kathrin und erzählt, dass sie sich als Selbstständige das Leben mit zwei Kindern fast nicht mehr leisten konnten. Sie wollte endlich zur Ruhe kommen. Finanziell und auch psychisch. Fabian sei da immer viel zuversichtlicher gewesen. Dies verursachte viel Streit. «Auch weil Fabians Optimismus ins Absurde kippte», sagt Kathrin. Sie hätten in dieser Zeit viel Lotto gespielt. «Wir haben uns an den Claim der Lottowerbung gehalten: Wer nicht mitmacht, gewinnt nicht», sagt Fabian. Als er ein Angebot bekam, für eine reiche Familie in Spanien als Privatkoch zu arbeiten, sahen sie sich bereits in Marbella am Strand – fast wie die Lottomillionäre, aber eben nur fast. «Der Lohn war lukrativ, doch irgendwie konnte ich es mir nicht vorstellen, mich in eine so starke Abhängigkeit zu begeben und die Kinder nicht mehr zu sehen», sagt Fabian. Er hätte abends und am Wochenende für seine Auftraggeber kochen müssen. «Das Wichtigste ist mir, so viel Zeit wie möglich mit Theo, Luis und Kathrin zu verbringen», sagt Fabian.
Kathrin & Fabian

Aufbruch ins Ungewisse
Die Sportferien kamen und die Familie fuhr eine Woche nach St. Luc ins Wallis. Im 300-Seelen-Dorf hat Kathrin vor einigen Jahren von ihrem Vater ein kleines Haus übernommen. «Plötzlich sah mich Fabian mit grossen Augen an und meinte, ob wir nicht einfach hierher nach St. Luc ziehen sollen», sagt Kathrin. Obwohl sich alles in ihr drin wehrte und sie sich niemals hätte vorstellen können, in ein so kleines Dörfchen zu ziehen, holte sie drei A3-Blätter, hängte sie an die Wand und schrieb Marbella, St. Luc und unbekanntes Kaff als Titel auf die einzelnen Blätter. Darunter notierte sie alle Fixkosten, Einnahmequellen, Pros und Kontras. Sie sahen es auf einen Blick. «Es war ein pragmatischer Entscheid, nach St. Luc zu ziehen», sagt Fabian. «Keine Herzenssache, sondern die beste Lösung für unser Budget», so Kathrin.
Als die Entscheidung getroffen war, ging plötzlich alles sehr schnell. «Ich weiss noch, wie ich die Kinder in der neuen Schule angemeldet habe und mir fast der Laden runterging. Im März war ich panisch, aber ich wusste, wir müssen das jetzt durchziehen.» Sie entsorgten drei Tonnen Waren. «Wir hatten so viel unnötigen Ballast, den wir endlich los waren», sagen die beiden. So nahmen sie in ihr 90 Quadratmeter Häuschen nur das Nötigste mit. Als das Zügelunternehmen die wenigen Habseligkeiten abholte, campten sie noch eine Nacht in der leeren Wohnung, ehe sie am darauffolgenden Tag mit einem Einweg-Ticket nach St. Luc fuhren. «Als wir gemeinsam mit unseren Rucksäcken über die Wiese vor unserem neuen Zuhause spazierten, spürten wir die Vorfreude und konnten es kaum erwarten», sagt Kathrin.
Kathrin

Ankommen in der Gemeinschaft
Ich war zwischen Oktober 2024 und Anfang 2025 mit Kathrin im Austausch und wollte wissen, wie es ihnen am neuen Ort ergeht. Ein Protokoll.
1. Oktober 2024
«Der Spätsommer war wunderschön. Wir holten die Kinder an der Postautohaltestelle ab und machten ausgedehnte Waldspaziergänge. Dabei fanden wir kiloweise Eierschwämme und Steinpilze. Das viele Draussensein in der Natur tut uns allen unglaublich gut. Es ist ein guter Ausgleich zu den vielen Neuanfängen. Im Moment gibt es viel zu diskutieren. Trotz Idylle haben wir einen herausfordernden Alltag. Einmal ist es die kaputte Spülmaschine, ein anderes Mal die streitenden Kinder.»
16. Oktober 2024
«Die Föhren haben sich gelb verfärbt und heute haben wir zum ersten Mal geheizt. In der Nacht war es nur ein Grad. Die Veränderungen der Natur sind hier oben viel sichtbarer als in der Stadt. Jeder Tag ist anders. Der Mond, die Farben und das Licht sind viel intensiver und einfach wunderschön. Ich bin froh, dass bald die Herbstferien beginnen. Die Jungs sind wahnsinnig müde. Die Umstellung ist für sie am krassesten. Sie haben ein neues Zuhause, eine neue Schule und eine zweite Sprache. Ich freue mich aber über mein neues Atelier, das ich mir im Keller eingerichtet habe.»
1. November 2024
«Gestern habe ich beim Znacht in die Runde gefragt, ob jemand unser altes Zuhause vermisst. Niemand! In der Schule läuft es einigermassen ok. Theo spricht nach acht Wochen schon sehr gut Französisch und ich grabe mein altes Schulfranzösisch aus, das ich vor 25 Jahren zum letzten Mal benutzt habe.»
22. November 2024
«Der Winter ist da und die Kinder konnten nicht zur Schule, weil unsere Strasse nicht gepflügt wurde. Es liegt ein halber Meter Schnee und zum Postauto sind es 800 Meter durch den Wald. Ich musste anrufen und sie abmelden. Das war zum Glück kein Problem.»
Kathrin Bänziger, 42, ist Grafikerin und teilt auf ihrem InstagramKanal ihre neuesten Zeichnungen und Skizzen. Fabian Lange, 38, ist gelernter Koch mit über 20 Jahren Erfahrung. Als Le Saucier kreiert er Gourmet-Saucen und gibt Kochbücher heraus.

6. Dezember 2024
«Der Umzug und die neue Sprache gehen doch nicht so spurlos an Theo und Luis vorbei. Luis ist vier Jahre alt und noch nicht bereit für eine neue Sprache. Es macht ihm zu schaffen. Er testet im Moment seine Grenzen in der Schule und im Hort. Auch Theo wird viel schneller sauer. Kein Wunder. Wie sollen sie auch ihre Emotionen zeigen, wenn sie noch nicht richtig Französisch sprechen können. Wir kämpfen im Moment alle, um unseren Platz hier oben zu finden. Fabian spricht kein Wort Französisch, ich bin dann die, die alles übersetzen muss. Der typische Mental Load einer Mama, einfach in einer Fremdsprache. Das ist dann manchmal schon sehr streng. Aber im Grossen und Ganzen ist es märchenhaft hier.»
31. Dezember 2024
«Wir sind jeden Tag auf den Skiern. Theo ist jetzt im Skiclub und ist jeden Samstag auf der Piste. Wir geniessen es, dass das Winterwunderland vor der eigenen Haustüre ist.»
1. Januar 2025
«Wir waren bei unseren Nachbarn zum Apéro eingeladen. Sie haben uns in den letzten Wochen sehr unterstützt und uns die Ankunft deutlich erleichtert. Sie sprechen zwar nur Französisch, aber irgendwie gehts. Wir teilen das Auto. Wir bestellen zusammen das Holz, bauen gemeinsam ein Iglu oder fahren zu Ikea, um Meetballs zu essen.»


3. Januar 2025
«Fabian ist heute im Dorf und hilft, Walliser Roggenbrot zu backen. Dafür wurde der Dorfofen zwei Tage lang eingeheizt. Dank einer Frau, die im Hort arbeitet und lange in der Deutschschweiz gelebt hat, haben wir davon erfahren. Sie hilft uns, uns zu integrieren, knüpft Bekanntschaften und lädt uns zu sich nach Hause ein. Sie ist fast schon eine Freundin geworden. Die Familie ihres Mannes hat Fabian eingeladen, beim Brotbacken zu helfen. Er ist voll in seinem Element und ich freue mich für ihn.»
10. Januar 2025
«Ich habe festgestellt, dass ich es zunehmend geniesse, in einem kleinen Dorf zu leben. Das hätte ich nie von mir gedacht. In meiner Vorstellung war das immer ein Graus, aber ich finde es hier total schön. Letzte Woche stand ich auf dem Skilift mitten in der Natur, bei frischem Pulverschnee und Sonne. Regelmässig schiessen mir die Tränen in die Augen und ich bin unendlich dankbar und gerührt, dass wir so schön wohnen dürfen. Wir leben dort, wo andere Ferien machen, und ich entwickle zum ersten Mal das Gefühl, ein Zuhause und eine Heimat zu haben.»
Nach dem Studium der Visuellen Kommunikation in Luzern machte Claudia Jucker einen Abstecher in die Filmbranche und folgte dann, als sie Mutter wurde, ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Gestalten. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Content Creator für Print- und Onlinemedien mit Fokus Reisen, Familie und Lifestyle. Wenn sie nicht schreibt, badet sie im Wald, streichelt Ponys oder schmökert durch Magazine. Sie lebt mit Mann und Kindern in Zürich. claudiajucker.com