Partnerschaft / Liebesleben
«Leidenschaft braucht die Gefahr»

plainpicture/Goto-Foto/Lucia Penaloza

zvg
lebt als Paartherapeut und Autor in Hamburg. Zu seinen Publikationen gehören: «Liebe will riskiert werden», Ariston, Fr. 22.90, «Lebt die Liebe, die ihr habt», rororo, Fr. 14.90.
wir eltern: Herr Mary, vor unserem Gespräch haben Sie mir gemailt, zu fragen, wie man die Leidenschaft in Langzeitbeziehungen erhalten könne, sei das Gleiche wie zu fragen, wie man einen Marathon laufen könne, ohne müde zu werden. Das ist ja niederschmetternd.
Michael Mary: Nö. Wieso? Meine Haltung ist: Wer eine partnerschaftliche Langzeitbeziehung favorisiert, bei dem wird die Leidenschaft zwangsläufig abnehmen. Man kann nicht beides haben.
Graben Sie sich mit diesem Fatalismus als Paartherapeut nicht selber das Wasser ab?
Möglicherweise. Aber ich finde es nicht richtig, wenn Paartherapeuten sich ihre eigene Klientel schaffen, indem sie Paaren einreden, wenn sie keinen leidenschaftlichen Sex mehr hätten, dann sei in der Beziehung etwas falsch. Denn das stimmt einfach nicht.
Sondern?
Es gibt drei Formen der Paarliebe in Beziehungen: die partnerschaftliche, die freundschaftliche und die emotional leidenschaftliche Liebe. Je nach der Phase, in der sich ein Paar befindet, verschieben sich die Schwerpunkte. Langzeitbeziehungen und Elternschaft beruhen stark auf dem Partnerschaftlichen, auf dem gemeinsamen Projekt. Dieses Projekt basiert auf Sicherheit, auf Verlässlichkeit, auf Harmonie, Absprachen und Kompromisse – das ist alles gut. Nur eben der Leidenschaft abträglich. Übrigens muss man mal daran erinnern, dass der Gedanke, innerhalb einer Ehe solle es Leidenschaft geben, ein sehr neuer ist. Im Mittelalter war das noch undenkbar, von der Kirche her war Leidenschaft in Ehen sogar verboten. Ehen waren zum Kinderkriegen da, waren Versorgungsgemeinschaften. Leidenschaft wurde in Aussenbeziehungen gelebt. Erst das Zeitalter der Romantik hat Liebe und Leidenschaft ins Spiel gebracht – und damit der heutigen AMEFI-Erwartung Vorschub geleistet.
AMEFI?
Alles mit einem für immer. Eine völlige Überforderung. Denn wie soll das gehen: Jemand soll ein verlässlicher Partner sein, mit dem man friedlich kuschelt, der die Kinder pünktlich vom Hort abholt, sich um die Probleme des anderen und um den Haushalt kümmert und gleichzeitig noch ein wilder leidenschaftlicher Liebhaber oder eine Liebhaberin. Ein bisschen viel verlangt. Zudem braucht echte Leidenschaft Gefahr.
Gefahr? Also Sex im Flugzeug oder so was?
… oder einen Quickie im Fahrstuhl. Das kann man ja alles machen, vielleicht bringt es ein bisschen neue Spannung. Für eine Zeit. Was ich meine, ist aber echte Gefahr. Fremdgehen zum Beispiel. Sagen, dass man die Beziehung verlassen will. Paare haben nach solchen Erschütterungen oft den Sex ihres Lebens.
Wie bitte? Der Tipp lautet: Gehe fremd und im Bett wirds wieder munter?
Das ist ironisch gemeint. Aber nicht nur. Ich erzähl Ihnen mal was aus meiner Praxis. Ich hatte da ein junges Elternpaar. Sie wollte nach der Geburt ein Jahr lang keinen Sex. Es kam zu Problemen. Und unter anderem auch zu dem Satz – Entschuldigung, aber so wars –: «Dein Schwanz kotzt mich an.» Ein paar Monate später hat er ihr offen gesagt, er sei dabei, sich in eine Kollegin zu verlieben. Er wollte seine Frau nicht heimlich betrügen. Und siehe – plötzlich hat ihr sein Penis wieder sehr gut gefallen …
Bewusst fremdzugehen birgt aber ein ziemliches Risiko für die Partnerschaft. Ein Preis, der Eltern für ein wenig mehr Leidenschaft wahrscheinlich doch zu hoch ist.
Bewusst fremdzugehen birgt aber ein ziemliches Risiko für die Partnerschaft. Ein Preis, der Eltern für ein wenig mehr Leidenschaft wahrscheinlich doch zu hoch ist.
Sie plädieren für zerdeppertes Geschirr und Affären als sexfördernde Prise Gefahr?
Wers mag … Aber eine alltagstauglichere Gefahr kann auch sein, sich seinem Partner zu öffnen, sich zu offenbaren.
Das klingt aber doch nach Harmonie und vernünftigem Schatz-wir-müssen-mal-reden.
Nein. Was man offenbart, muss ja nicht unbedingt Angenehmes sein. Und manches kann man nicht mal friedlich und leise sagen. «Du stinkst mir» braucht, um glaubwürdig rüberzukommen, schon eine gewisse Lautstärke.
Heisst nicht das immer wieder gelesene Rezept für gelingende Beziehungen ganz anders? Nämlich: Tausche dich konstruktiv aus, finde Kompromisse?
Es gibt Streit und Streit. Streit nutzt nichts, wenn er keine neuen Informationen liefert. Wenn aber etwas Neues zu Tage kommt, während einer «ausser sich» ist, dann ist Streit wertvoll. Nochmals: Ich habe nichts gegen Harmonie und Kompromisse. Das sind wichtige Bestandteile von Beziehungen, partnerschaftlichen Beziehungen. Man kann partnerschaftlich vereinbaren: Ich hol montags und donnerstags die Kinder von der Krippe und du mittwochs und freitags. Aber wenn es um Leidenschaft geht, funktioniert das nicht. Man kann ja schlecht sagen: Montags und mittwochs bin ich leidenschaftlich und dienstags und freitags du. Liebe und Leidenschaft widerfahren einem. Man kann sie nicht planen.
Es gibt aber Therapeuten, die empfehlen, Zeit für Sex fest in die Agenda zu schreiben.
Klar, Sex kann man planen. Aber leidenschaftlichen Sex kann man nicht planen. Die Funktion der Leidenschaft ist es ja gerade, einen über Grenzen hinweg zu heben, den Kopf auszuschalten. Urlaub von sich selbst zu haben. Planen widerspricht dem.
Manche Fachleute empfehlen, man solle Kärtchen mit seinen Sex-Wünschen schreiben und sich mit dem Partner darüber austauschen.
Ich habe sogar mal einen Kollegen gehört, der davon gesprochen hat, dass man sich gegenseitig Listen mit Zutaten für den Sex vorliest und dann gemeinsam überlegt, welche «Zutaten man zum Sex dazutun kann» … Ich bitte Sie! Zum Schluss kam sogar noch der Ratschlag: «Und denken Sie daran, den Sex zu geniessen.» Denken und Sex – das passt doch nicht.
Es gibt also nur «furious love» wie bei Liz Taylor und Richard Burton oder die lustlose Langzeit-Pantoffel-Partnerschaft? Sehr frustrierend.
Eine Beziehung muss doch nur für die beiden funktionieren. Jedes Paar muss seine Beziehung individuell gestalten, nicht so, wie man ihnen sagt, wie eine Beziehung angeblich funktionieren soll. Deshalb gibt es auch keine universellen Rezepte. Bei Liz Taylor und Richard Burton hat die Leidenschaft geklappt, aber nicht die Beziehung. Die beiden haben es nicht hingekriegt, zusammen zu leben, obwohl sie das wollten. Und andere Paare tun sich nach ein paar Jahren halt mit der Leidenschaft schwer.
Kein Hoffnungsfunke, kein Rat nirgends?
Doch. Wenigstens sollte man ab und an für Ruhe und Zeit füreinander sorgen. Es gibt ja Eltern, da schläft dauernd mindestens ein Kind auf der Bettritze, oder sie sind als Helikopter- Eltern ganztägig um das Kind herum. Dass sich das auf die Sexualität auswirkt, liegt auf der Hand. Auch sollte man in Beziehungen darauf achten, dass man sich nicht zu nah ist. Entweder räumlich nicht zu nah – etwa eine Fernbeziehung leben. Das ist für Eltern schwer möglich. Oder sich psychisch nicht zu nah zu kommen. Das heisst man selber bleiben, authentisch sein. Klare Ansagen machen, auch wenn die stören. Harmonie um jeden Preis ist tödlich. Man muss sich auch mal bekämpfen. Und dann muss man wissen: Beziehungen laufen in Phasen. Mal ist man mehr leidenschaftlich, mal mehr partnerschaftlich, mal freundschaftlich. Das ist normal.
Und wenn einer mit der Länge einer Phase nicht einverstanden ist?
Dann kann man vielleicht beim Fachmann schauen lassen, ob es irgendwelche Probleme gibt, die der Sexualität im Weg stehen. Oder man kann denken: Noch fünf Jahre, dann sind die Kinder gross, dann bin ich weg.
Oh Gott …
Gar nicht, und das ist ja keine Empfehlung. Man soll sich nur nicht ständig am Ideal messen und Unerfüllbares erwarten, sondern gucken, wie die Tatsachen sind, sich abfinden. Oder eben nicht …
Kann man denn irgendetwas vorbeugend tun?
Solange noch Leidenschaft da ist? Das ist, als wollte man beim Zahnarzt Karies wegmachen lassen, die es noch gar nicht gibt …
Bitte wenigstens einen einzigen Tipp. Bitte.
Authentisch sein. Realistisch. Und wenn man zufrieden ist, sich bloss von absolut niemandem einreden lassen, man habe Probleme, nur weil man einer angeblichen Norm nicht entspricht.
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