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Vaterzeit
Hilfe, mein Kind macht die ersten Schritte!
Wunder geschehen! Wenn man ein Kleinkind zu Hause hat, das seine ersten Schritte tut, sogar noch sehr viel öfter.
Jedes Mal, wenn ich in Neapel aus dem Zug steige, denke ich an Blut. An jenes des Heiligen San Gennaro, das sich am 19. September im Dom jeweils verflüssigt. Als das Wunder 1973 ausblieb, brach die Cholera aus, 1980 traf die Stadt ein schweres Erdbeben, bei dem über 2000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Es mag daran liegen, dass die Kirche beim Ansturm der vielen Leute etwas wärmer wird und sich auch das birnenförmige Gefäss, in dem die Reliquie sich befindet, erwärmt. Oder an irgendetwas anderem – aber die Geschichte bleibt merkwürdig.
Dann passierte es
Als Luule, Luules Mami Tea und ich an einem Sonntag im Februar in Neapel aus dem Flugzeug stiegen, dachte ich allerdings an eine Begebenheit, die sich einen Tag zuvor abgespielt hatte. Luule machte am Samstagnachmittag ohne Hilfe so etwas wie mehr als zwei tappende Schritte. Aber da ich der einzige Zeuge war, konnte ich niemandem vom Wunder der gehenden Luule erzählen.
Kaum durch den Zoll gekommen, hatte ich sowieso andere Sorgen. Luule im Kinderwagen, zwei grosse Koffer an den Händen und mit einem Rucksack galt es, mit dem Flughafenbus und der Metro in unsere Wohnung zu kommen. Kaum da, warfen wir alles in die eine Ecke und gingen los, knurrten doch die Mägen. Da vor der ausgewählten Pizzeria eine lange Schlange war, gingen wir in jene nebenan, assen Pizza fritta und Luule war glücklich. Dann passierte es.
Wir waren zurück in der Wohnung, hatten Luule die Schuhe ausgezogen und . . . sie ging los in die Welt. Nicht zwei Schritte, nicht drei, sondern, so schien es, so viele sie wollte. Sie durchschritt jedenfalls das Wohnzimmer bis zum Kinderbett, kam zum Sofa zurück und lachte. Sie bot der staunenden Welt auch gleich eine Wiederholung des Kunststückes an, damit es per Video festgehalten und zu den Grosseltern nach Estland geschickt werden konnte.
Luule geht weiter
«Neapel sehen und gehen», murmelte ich ergriffen und dachte an die Pizza, anstatt daran, dass sich mit dieser Tat nicht nur Luules, sondern auch mein Leben dramatisch verändert hatte. Noch hatte ich davon keine Ahnung, stiess am Abend in der Küche gutgelaunt mit Tea an mit einem neapolitanischen Wein aus der Lacryma-ChristiTraube (Tränen Christi). Flüssiges Heiligenblut, Tränen von Jesus . . . Wunder allüberall und mittendrin die Pizza. Hatte sie Luule Flügel verliehen?
«Weiter so », dachte ich : auf zu den Pizzafestspielen ! Vielleicht passieren ja noch mehrere Wunder, vielleicht würde Luule nach einer Margherita zu sprechen beginnen. Wie klug, hatte ich bereits vor Wochen für Montagmittag in der angeblich besten Pizzeria der Welt reserviert. Kaum waren wir am nächsten Morgen gegen 10 Uhr draussen, Luule wie gewohnt im Wagen, begann ich zu merken, wie das Leben weitergehen würde : So, wie Luule ging. Luule wollte nun nämlich bald nicht mehr im Wagen sitzen.
Ab in eine Bar ! Doch der Ruhemoment Bar war nun eine Viertelstunde des Aktivismus. Luule wollte nicht einfach mehr am Tisch bei Papa und Mama sitzen und ein Rustico kauen, sondern zum Banco oder zum Getränkeautomat tappen. Und klar, nun konnte sie sich vor andere Tische stellen und sich die Komplimente und Kusshände ohne Papas Hilfe abholen. Das machte ihr offensichtlich sehr viel Spass.
Als wir endlich auf der Piazza del Plebiscito angekommen waren, die so gross ist wie vier Zürcher Bellevues, und uns nur noch fünf Minuten von der Pizzeria entfernt befanden, gab es kein Halten mehr: Luule musste den Platz durchschreiten. Das dauerte. Doch wir schafften es in die Pizzeria – und siehe da : Das radgrosse Ungetüm konnte sie von ihrer neugewonnenen Kunst ablenken.
Christian Berzins (1970) ist Autor bei den Zeitungen von CH Media und Kolumnist bei «wir eltern». Seit er im Oktober 2022 Vater von Luule geworden ist, hielt er uns über seine Erlebnisse als Papa auf dem Laufenden. Dies ist seine letzte Kolumne für uns. Wir danken Christian von Herzen für seine wundervollen, erheiternden und feinfühligen Texte über sein Papasein mit Luule und wünschen ihm und seiner Familie das Allerbeste.