
Esther Michel
Prävention
Spielen ohne Zeug
Was passiert, wenn ein Kindergarten alle Spielsachen wegräumt, wenn es keine Anleitungen und kaum Regeln mehr gibt?
Es führen viele Treppen hinauf zur Klasse von Eliane Studer, die in Birmensdorf seit zwei Jahren einen 1. und 2. Kindergarten unterrichtet. Wer es bis nach oben geschafft hat, sieht dort an diesem Morgen als Erstes eine Gruppe wiehernder Kinder, die eine Pferdeherde imitieren. Ein paar andere liegen auf dem Boden und spielen mit Holzwäscheklammern, während andere in der Reihe hüpfen, dass der alte Holzboden nur so knarrt. 20 Kinder wuseln in den drei Räumen des Kindergartens wild durcheinander, alle sind in Bewegung, der Lärmpegel ist hoch. So weit, so normal. Doch es sind weit und breit keine Spielsachen zu sehen. Zumindest nicht das, was Kinder heute unter Spielsachen verstehen. Die sind alle weg. Der Fuchs hat sie jetzt und spielt damit im Wald.
Vor den Ferien schrieb eben dieser Fuchs den Kindern im Kindergarten Birmensdorf einen Brief: «Mir ist langweilig, könnt ihr Kinder mir Spielsachen in den Wald zum Spielen schicken? Ihr habt ja so viele ?» Die Kinder wählten gemeinsam Spielsachen aus, die sie dem Fuchs einpackten. Jeden Tag erhielt die Klasse weitere Briefe, jeden Tag suchten die Kinder weiteres Spielzeug für den Fuchs aus, bis der Kindergarten leer war. Und das bleibt er nun auch für mindestens acht Wochen.
Eliane Studer, Kindergartenleherperson


«Spielzeugfreier Kindergarten» nennt sich das Projekt, das vom Kanton Zürich von der Stelle für Suchtprävention angeboten wird. Während acht bis zehn Wochen gibt es keine vorgefertigten Spielsachen im Kindergarten. Es dürfen nur Kisten, Tücher, Stühle, Tische, Seile, Bretter oder Materialien aus der Natur bleiben. Alle Kinder bestimmen selbst, wann sie mit diesen Materialien spielen wollen, mit welchen Kindern sie in Aktion treten oder ob und wann sie nach draussen möchten. Die Lehrperson bereitet keine Lernangebote vor. Das Ziel: Kindern Raum für neue Erfahrungen geben. Christa Gomez ist Fachbereichsleiterin in der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich und erklärt: «Wir möchten mit dem spielzeugfreien Kindergarten während der knapp zwei Monate Kompetenzen wie Beziehungsfähigkeit, Selbstwahrnehmung und Kreativität stärken sowie die Fähigkeit, Konflikte zu lösen. Das wirkt sich positiv auf das Sozialverhalten, die Lernmotivation sowie die physische und psychische Gesundheit der Kinder aus.» Die Eltern werden ebenfalls mit ins Boot geholt: Dem Projekt geht immer ein Elternabend durch die Lehrpersonen und die Suchtpräventionsstelle voraus.
Bei Streit hilft der goldene Stuhl
Zurück in das Gewusel im Kindergarten: Es knallt – ein Kind stolpert über die niedrige Schwelle aus einem Hinterzimmer in den Gang und weint. Ein Mädchen mit dunklen kurzen Haaren steht währenddessen vor der Lehrerin und fragt: «Darf ich aufs WC ?», die Lehrerin nickt. «Hast du dir wehgetan ?», fragt Eliane Studer erst einmal den Jungen, der über die Schwelle gestolpert ist. Er nickt, scheint aber unversehrt. «Was kannst du machen, damit kein Unfall mehr passiert ?», fragt sie ihn und kniet sich zum Kind. «Pause ?», fragt der Junge. «Eine gute Idee», antwortet sie. «Es ist ein sehr anstrengendes Projekt, ich bin in diesen Wochen nicht die klassische Lehrerin, sondern viel eher Coach», schildert Eliane Studer ihre Rolle im spielzeugfreien Kindergarten. «Ich beobachte und stosse lediglich Denkprozesse bei den Kindern an. Ich gebe ihnen keine Anleitung, keine Aufgaben, keine Ziele, nicht einmal die Pausenzeiten gebe ich vor, sie bestimmen alles selbst. Ich begleite sie lediglich im Suchen von Lösungsstrategien und ich coache sie, wenn nötig, bei Verhandlungen.» Findet ein Kind zum Beispiel kein Handtuch und kommt zur Lehrerin, um ihr das mitzuteilen, gibt sie ihm nicht das Handtuch, sondern fragt: «Was kannst du jetzt selbst machen, damit du eines findest ?» Findet das Kind für ein Problem selbst keine Lösung darf es den goldigen Stuhl nutzen, eines der beiden Konfliktlöseinstrumente des Projekts. Dann kommen alle anderen hinzu, stellen sich um das Kind auf dem goldigen Stuhl, die Gruppe sucht gemeinsam nach Lösungen.
Zwei Mädchen haben aus Holzmaterialien ein Klavier gebaut und singen: «Oh du goldiges Sünneli.» Anschliessend bauen sie einen Turm aus grossen Holzklötzen, Material, das bleiben durfte. «Nein, nicht höher ! », schreit die Jüngere. «Doch ! Wenn wir den Turm so bauen, können wir sogar drauf sitzen», entgegnet die Grössere. Sie stapeln weiter. Danach spielen sie verstecken in den grossen Schubladen, wo sonst das Spielzeug gelagert ist und in die knapp ein Kindergartenkind passt. «Kinder lernen durch diese Erfahrung, sich in neuen Situationen zurechtzufinden und dass nicht immer das, was sie gerade am liebsten möchten, zur Verfügung steht», erklärt Christa Gomez. Klingt alles gut, doch was hat das alles mit Suchtprävention zu tun? Das Kind übe Frustrationstoleranz und erfahre so, wie es seinen Gemütszustand und seine Umwelt selbst beeinflussen kann, erklärt Gomez.


Selbstwirksamkeit hilft gegen Sucht
«Dieses Konzept wird Selbstwirksamkeit genannt. Nach heutigem Forschungsstand ist klar, dass Menschen, die über eine grosse Selbstwirksamkeit verfügen, weniger Gefahr laufen, sich ihre guten Gefühle und Lösungen für Konflikte durch Suchtmittel verschaffen zu müssen», so die Leiterin der Suchtpräventionsstelle. Manchmal wird Christa Gomez an Elternabenden gefragt, ob Kinder vor Süchten geschützt seien, wenn sie den Spielzeugfreien Kindergarten besucht haben. Hier stellt Gomez klar : «So einfach ist es leider nicht. In der Prävention gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein.» Daher brauche es über die gesamte Schulzeit hinweg unterschiedliche und aufbauende Präventionsaktivitäten, der Spielzeugfreie Kindergarten sei ein Anfang.
Ein Junge schlurft zur Kindergartenlehrperson, man sieht ihm die Lustlosigkeit an: «Mir ist langweilig», jammert er. «Das ist es mir manchmal auch», antwortet Eliane Studer. Je später der Morgen, desto müder und gelangweilter sind die Kinder. Die Lehrerin erklärt: «Es ist wichtig, dass Kinder Langeweile spüren und diese auch lernen, zu überwinden. Das können die meisten in diesem Alter bewältigen. Es gibt aber auch Kinder, die dabei Unterstützung durch die Lehrperson brauchen. Gerade bei integrierten Kindern oder Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen ist manchmal eine engere Begleitung nötig, damit alle profitieren.» Was Studer meint: Kinder, die zum Beispiel besondere Bedürfnisse haben oder im Autismus-Spektrum sind, brauchen bei so einem hohen Lärmpegel und wenig Struktur Rückzugsorte und Anleitungen, um Lösungen zu finden und Konflikte zu lösen. «Ganz ohne Regeln funktioniert es in dieser Zeit natürlich nicht. Die Kinder wissen, dass sie sowohl anderen wie auch sich selbst nicht wehtun dürfen und dem Material Sorge tragen müssen», erklärt die Lehrerin. Dazu kommen von den Kindern selbst definierte Regeln und Sanktionen. Zum Beispiel: Kein Rennen in den Räumen. Als Sanktion hat diese Klasse eine Auszeit mit der Sanduhr beschlossen.
Christa Gomez, Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich
Bessere Konzentrationsfähigkeit
Eine von der Suchtpräventionsstelle in Auftrag gegebene Evaluation im Schuljahr 2020/21 untersuchte, ob sich die Lebenskompetenzen «Soziale Initiative», «Konzentrationsfähigkeit», «Frustrationstoleranz», «Soziale Integration» und «Empathiefähigkeit» im Projektverlauf ohne Spielsachen bei den Kindern positiv veränderten. Im Bericht heisst es: «Bei allen fünf untersuchten Lebenskompetenzen zeigte sich eine signifikant positive Entwicklung.» Den grössten Lernzuwachs erreichten die Kinder in den Bereichen «Soziale Initiative» und «Konzentrationsfähigkeit».
Negative Entwicklungen zeigten sich keine. Der Junge, der gestolpert war, unterbricht die Lehrerin erneut weinend. Hinter ihm steht Roman, ein Mitschüler. Beide tragen einen Teppich, den sogenannten Friedensteppich. Der Teppich ist ein weiteres Konfliktlöseinstrument. Die beiden Buben rollen den Teppich aus. Roman stellt sich an ein Ende, Julian ans andere. Der beginnt zu sprechen: «Roman, ich möchte nicht, dass ihr mich die ganze Zeit ausschliesst und vergesst im Spiel.» Die Lehrerin rückt mit ihrem Stuhl an den Teppich und zeigt Präsenz. Roman sagt: «Ich bin so müde, kannst du das verstehen? Ich fühle mich so traurig und müde heute.» Julian erwidert: «Aber könnt ihr mich nicht wenigstens ein bisschen mitspielen lassen, auch wenn du müde bist?» Die beiden einigen sich, dass Julian nicht mehr ausgeschlossen wird und sich dafür etwas zurücknimmt. Er ist jetzt immer als Vierter dran im Spiel.


Ein Windspiel klingelt, das Signal für das Abschlussritual. Die Lehrerin lässt Entspannungsmusik laufen, die Kinder suchen sich im Raum einen Platz. Die einen sitzen, andere liegen mit geschlossenen Augen in Kissen und Tüchern. Nach dem Lied bilden sie einen Sitzkreis mit der Lehrerin und reflektieren mit Gefühlskarten: «Ich habe den Tag streng gefunden», sagt Mina und hat daher einen müden Dino auf der Karte. «Ich bin fröhlich, weil ich mit den Kindern Pferde gespielt habe», sagt die Sitznachbarin mit der glücklichen Dino-Karte. «Heute hat es mir gestunken, dass keine Spielsachen da waren», findet ein anderes Kind.
Eliane Studer gibt zum Schluss in die Runde: «Mir ist aufgefallen, dass ihr noch gar keine Hütte gebaut habt und einander öfters ausschliesst. Ich finde, das können wir noch besser. Was meint ihr ?» Die meisten Kinder nicken. Anderen fallen beinahe die Augen zu.