
Kindergarten Schulhaus Milchbuck Zürich
Entwicklung
Hilfe mein Kind will nicht zeichnen
Alle Kinder zeichnen gern. Nein, nicht alle. Was, wenn das eigene Kind einfach keine Lust dazu hat? Wir haben eine Kindergärtnerin und eine Malpädagogin gefragt, was man tun sollte und was lieber nicht.
Da hängen sie, angepinnt an der Wand des Kindergartens: 21 Zeichnungen «Meine Familie». 21 Mal ist zu sehen, wie Vier- bis Sechsjährige sich selbst sehen oder was sie davon auf ein weisses Papier bringen. Die Unterschiede sind riesig und fallen jedem Laien sofort auf, den Eltern am Elternabend erst recht: Wildes Gekritzel, Kopffüssler mit zwanzig Propellerfingern oder detailreiche Selbstporträts inklusive Himmel und Hund. Gehört das eigene Kind zur Fraktion «abstrakte Kunst», kommt schnell mal die elterliche Frage hoch, ob das noch normal ist.
«Kinderzeichnungen geben Hinweise über den motorischen und kognitiven Entwicklungsstand sowie das emotionale Wohlbefinden eines Kindes», schreibt Oskar Jenni, Zürcher Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in seinem Buch «Die kindliche Entwicklung verstehen». Und weiter: «Die wesentlichen Entwicklungsmeilensteine im Zeichnen werden in den ersten zehn Lebensjahren erreicht.»
Sind die Sorgen also begründet, wenn man zu Hause einen unwilligen Krakel-Zeichner oder eine ungewollt abstrakte Künstlerin hat? Wir fragen bei einer nach, die es wissen muss. Andrea Bernath unterrichtet seit 30 Jahren auf der Kindergartenstufe und hat in dieser Zeit sehr viele Kinderzeichnungen gesehen.
«Ausmalen ist nicht kreativ»
«Kinder zeichnen heute weniger oft frei drauflos», sagt sie. Einige Kinder würden gar ausgefeilte Vermeidungsstrategien entwickeln. «Die Kinder trauen sich kreativ viel weniger zu als früher.» Das «einfach machen» falle ihnen schwer, weil sie an den Ansprüchen an sich selbst scheitern», vermutet die Kindergärtnerin. Ihrer Meinung nach hat sich dies mit der intensiven Nutzung von Bildschirmmedien verstärkt. «Alles kommt perfekt aus dem Drucker und alle loben das Kind, wie schön es gemalt hat. Aber es ist ja nicht selbst gemalt. Ausmalen ist Fleiss- und Sorgfaltsarbeit und nicht kreativ.»
Wenn Andrea Bernath merkt, dass ein Kind Mühe mit Zeichnen hat, bietet sie ihm verschiedene Maltechniken an, damit es die Angst verliert, etwas falsch zu machen. Und sie spricht die Eltern darauf an. Manchmal antworten ihr die Eltern dann, dass sie dem Kind nicht auch noch beim Zeichnen reinreden wollen. Es sei eine Gratwanderung.
Andrea Bernath, Kindergärtnerin

Zeichnen trainiert die Feinmotorik
Die Kindergärtnerin muss sich einiges einfallen lassen, um die Kinder zum Kreativsein zu animieren. Sie geht mit ihnen in den Wald oder gestaltet gemeinsam ein Bilderbuch. Wenn ein Kind gar nicht zeichnet, gibt sie auch mal eine Schachtel Farbstifte mit nach Hause. «Ich fordere das Zeichnen ein, weil ich sehe, dass sich meine Hartnäckigkeit lohnt, wenn der Übertritt zur Schule ansteht.» Zeichnen ist eine wichtige Vorstufe fürs Schreiben, trainiert es doch die Feinmotorik und die Stifthaltung.
Ist es ein Problem, wenn Kinder gar nicht malen? «Meine eigenen Kinder hatten Zugang zur ganzen Bandbreite an Maltechniken und haben sich trotzdem geweigert», sagt Andrea Bernath. «Sowohl meine Tochter als auch mein Sohn haben nicht gerne gemalt. Sie wollten sich lieber bewegen und draussen sein. Kaum wurde es jedoch emotional, hat mein Sohn das Malen genutzt, um zu verarbeiten. Zum Beispiel als der Hund vom Gotti gestorben ist.»
Ein Malort frei von Wertung und Lob
Malen, weil es einem selbst guttut, ohne Auftrag von aussen, ohne Wertung, das ist es, was Pädagogin Andrea Good und Malerin Seraina Borner in ihrem Malraum «malda» Kindern und Erwachsenen ermöglichen wollen. Ihr Atelier im Zürcher Kreis 5 ist ein geschlossener Raum mit einer offenen Farbpalette. Die Pinsel liegen immer am selben Ort. Das Papier hängt an der Wand und es wird im Stehen gemalt. Die einzigen Regeln im Raum haben mit dem Material zu tun, nicht mit dem Bild. Es geht nicht darum, wie viel oder was da produziert wird, denn die Bilder, die dort entstehen, verlassen den Raum nicht. «Für die Kinder ist es total in Ordnung, dass ihre Bilder niemandem gezeigt werden», sagt Andrea Good.
Im Atelier wird weder gelehrt noch gewertet. «Kinder haben in dem Moment, wo ihnen klar wird, worum es hier geht, keine grosse Mühe, vor dem weissen Blatt zu stehen», sagt Malleiterin Andrea Good.
Interessant sei, dass die Kinder oft mit Motiven anfangen zu malen, die sie schon kennen. Zum Beispiel Emojis. Sie haben dann den Raum und die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und plötzlich tauchen sie in ihre eigenen Welten ein. Je länger ein Kind ins Atelier kommt, desto mehr verlieren sich die angelernten Figuren und sie entwickeln ihre ganz eigenen Ideen aus sich heraus.

Die Fantasie ist schnell geweckt
Als Malleiterin brauchte sie eine Weile, bewusst keine Komplimente mehr zu machen. Ihr gefällt an ihrer Arbeit, dass die Kinder durch das Malen gestärkt werden und mit der Zeit nicht mehr darauf warten, dass man sie lobt. So können sie ihre Kreativität viel freier leben. Und wie sieht sie die Konkurrenz der digitalen Geräte? «Ich glaube, es ist manchmal einfacher, Bilder zu konsumieren, statt selber welche zu schaffen.» Ihre Erfahrung zeigt, dass die Fantasie der Kinder sehr schnell geweckt wird, sobald der Raum dazu zur Verfügung steht. «Kreativität braucht einen luftleeren Raum», manchmal habe man die Tendenz, jeden Raum sofort auszufüllen. Damit die Kinder an den überfachlichen Kompetenzen wachsen können, braucht es aber schon eine gewisse Regelmässigkeit im Malatelier. Eine Session dauert 90 Minuten. «Es ist erstaunlich, mit was für einer Ruhe und Konzentration gearbeitet wird», sagt Andrea Good. «Die Kinder sind während des Malens ganz im Moment.»
Andrea Good, Malpädagogin

Eine Malecke für die Kinder kann in jeder Wohnung eingerichtet werden. Ein abgedeckter Tisch, Becher oder Schachteln gefüllt mit altersgerechte Stifte und Papier, mehr braucht es nicht, dass Kindern jederzeit drauflos malen können. Wichtig: Die Werke nicht bewerten, sondern nachfragen, was das Kind selbst darin sieht, was ihm daran gefällt. Kinder, die nicht gerne auf Papier malen, werden oft kreativ, wenn sie Dinge anmalen können. Leere WC-Rollen, Eierkartons und Kartonverpackungen sind ideal dafür. Manchmal hilft auch ein Input wie: versuch ein Bild zu malen nur mit Kreisen oder Flächen in Blautönen.
Malateliers, wo Kinder frei mit ganz vielen Materialien und Farben experimentieren können, gibt es mittlerweile in vielen Orten.
«Häufig zu klare Vorstellungen»
Auch von Andrea Good möchten wir wissen, was sie dazu meint, wenn ein Kind gar nicht malt. Sie beobachtet, dass Kinder dann anfangen zu malen, wenn sie erleben, dass Malen selbstverständlich ist und nicht bewertet wird. «Oftmals hilft es, wenn die Kinder wissen, dass sie damit keine Ziele erreichen müssen.» Wie Kindergärtnerin Andrea Bernath stellt auch Andrea Good fest, dass Kinder, die nicht so oft malen, häufig eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie das, was sie auf das Papier bringen wollen, aussehen muss. «Ich finde es wichtig, dass man als Eltern oder als Bezugspersonen der Kinder nicht das Gefühl hat, man macht etwas falsch, wen das Kind nicht zeichnet. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man die Gelegenheit zum Malen bietet. Egal ob in einem Atelier oder zu Hause.»