
100 Jahre «wir eltern»
«Das Bedürfnis der Eltern nach Austausch war enorm»
Anfangs nur männliche, ab den 1990er Jahre auch weibliche Chefredaktor* innen haben «wir eltern» durch die letzten 100 Jahre manövriert. Die letzten vier Chefinnen schauen zurück auf besondere Herausforderungen.
Dodo Fessel
Chefredaktorin von: 1997 bis 2005
«wir eltern»: Sie haben schon ab 1987 zum Redaktionsteam von «wir eltern» gehört, ab 1997 waren Sie dann die zweite Frau, die dem Magazin vorstand. Wie war die Situation damals?
Dodo Fessel: Damals war die wirtschaftliche Lage in der Schweiz nicht gerade rosig, und die Geburtszahlen befanden sich im Keller. Erst zu Beginn der Nuller-Jahre kamen wieder mehr Kinder auf die Welt. Im sanften Gleichklang erholten sich auch die Abozahlen etwas.
Wie hat sich das Magazin damals positioniert?
«wir eltern» hat sich damals stark in der Beratung und Aufklärung engagiert. Wir hatten verschiedene Expert* innen-Gruppen, die man schriftlich oder telefonisch anfragen konnte. Das wurde sehr rege benutzt. Es gab ja vor dem Internetzeitalter kaum unabhängige Quellen und Stellen, das Bedürfnis nach Information und Austausch unter den Müttern war enorm. Wir haben dann auch eine ganze Reihe von Ratgebern herausgegeben.
Das klingt nach einer inhaltlich stark medizinischen Ausrichtung?
Ja, das war historisch bedingt. In den Anfangszeiten schrieben viele Kinderärzte für das Magazin. Mit diesem Erbe hatte ich noch 70 Jahre später zu kämpfen. Kinderärzte und Gynäkologen (es waren damals fast ausschliesslich Männer) verstanden «wir eltern» als eine Art Sprachrohr für ihre Informationen und Meinungen. Wenn wir dann kritisch über Spitalgeburten oder zum Thema Impfen auch Leserinnen zu Wort kamen, die der Sache kritisch gegenüberstanden, dann war die Empörung gross. Es wurde von den Ärzten gedroht, das Magazin nicht mehr im Wartezimmer auszulegen. Mir war es aber wichtig, die Eltern umfassend und unabhängig zu informieren. Unsere Leserinnen und Leser sollten Informationen bekommen, die ihnen halfen, bei Arztterminen Fragen zu stellen und Entscheidungen zu treffen. Meine Chefs gaben mir da auch Rückendeckung.
Welches waren die Aufreger-Themen dieser Zeit?
An Aufreger, wie wir sie heute kennen, kann ich mich nicht erinnern. Aber klar gab es zu verschiedenen Themen unterschiedliche Meinungen. Vor allem Mütter, die ihre Kinder nicht aus finanziellen Gründen in eine Krippe brachten, mussten viel aushalten.
Wie sah die Konkurrenz damals aus?
Unsere schärfste Konkurrentin war die deutsche Zeitschrift Eltern, die eine riesige Auflage und enorme finanzielle Mittel hatte. Als Reaktion darauf, haben wir uns so nah an den Leser* innen wie nur möglich positioniert mit den erwähnen Beratungen, Veranstaltungen und Angeboten. Mit den Skiwochen für Familien in Valbella, die ein grosser Hit waren, ist uns das sehr gut gelungen.
Erinnern Sie sich an eine Geschichte, die besonders viele Reaktionen ausgelöst hat?
Das Neugeborene einer unserer Leserinnen war ein Schrei-Baby. Am Rande ihrer Kräfte, hackte sie ihre Aggressionen und Enttäuschungen in den «wir eltern»-Blog. Hier war das Echo gewaltig. Viele Leserinnen boten der Mutter ihre Hilfe an. Eine von ihnen hatte selbst vier Kinder. Sie meldete sich bei der Leserin und schon anhand der Festnetz-Nummer war klar, dass die beiden in derselben Gegend wohnten, ja, sogar ums Eck. So konnte das untröstliche Baby immer wieder Zeit bei der Viererband verbringen, und die Mama sich in Ruhe um ihre ältere Tochter kümmern. Die beiden Frauen bauten dann einen Entlastungsdienst für Mütter mit Schrei-Babys auf. «wir eltern» hatte diese Aktion journalistisch begleitet.
Was wünschen Sie «wir eltern» zum 100. Geburtstag?
Dass es nochmals so viele Jahre werden. Es ist schon viel Konkurrenz gekommen und wieder gegangen.
Monika Zech
Chefredaktorin von: 2005 bis 2010
«wir eltern»: Sie waren 5 Jahre lang Chefredaktorin von «wir eltern», was ist Ihnen am meisten geblieben aus dieser Zeit?
Monika Zech: Ganz klar das Team, so eine kollegiale und begeisterte Atmosphäre habe ich vorher und nachher nie mehr erlebt. Wir waren etwa acht Frauen und ein einziger Mann. Viele der Redaktorinnen waren alleinerziehend und alle waren Mütter. Wir wussten, worüber wir schrieben.
Was waren die grossen Herausforderungen für das Magazin in dieser Zeit?
Vor meiner Zeit war der thematische Fokus bei «wir eltern» sehr stark auf Schwangerschaft und Geburt. Es gab viele medizinische Artikel. Ich wollte dies ändern und der Erziehung und dem Familienleben mehr Platz einräumen. Und dann erstarkte in meiner Zeit auch die Konkurrenz aus dem Internet, die ihre Inhalte gratis und franko zur Verfügung stellte enorm. Namentlich die Webseite Swissmom.ch machte uns Sorgen, die jetzt ja zum gleichen Verlag gehört wie «wir eltern».
Wie war der Austausch mit den Leser innen?
Das Forum auf unserer Webseite war eine tolle Sache, es wurde intensiv genutzt. Für viele Mütter war das der Ort, um Gleichgesinnte zu finden. Auch Leserbriefe waren an der Tagesordnung, es bestand ein vertrautes Verhältnis mit der Leserschaft.
Welches waren die Aufreger-Themen dieser Zeit, Anfang der Nullerjahre?
Das Impfen war ein ganz heisses Eisen. Die Impfgegnerschaft war sehr gut organisiert und ziemlich radikal. Ich mag mich erinnern, dass wir eine Podiumsdiskussion mit einem Professor des Inselspitals abbrechen mussten, weil Impfgegnerinnen den Saal gestürmt hatten. Auch das Forum mussten wir zweimal abstellen, weil es zu übelsten schriftlichen Beschimpfungen kam.
Was war Ihnen besonders wichtig in der Berichterstattung über das Elternsein?
Ich wollte das unglaublich enge Korsett, wie eine gute Mutter damals zu sein hatte, aufschnüren. Wir haben viel über Vereinbarkeit und neue Rollen geschrieben. Einigen Leserinnen war das auch zu viel. Es hiess, wir würden das zu sehr pushen und die traditionelle Mütter und Vollzeithausfrau vernachlässigen.
Was hat sich seither für Eltern in der Schweiz verbessert?
Ich glaube einiges. Elternschaft ist heute viel vielseitiger. Gleichberechtigung in der Erziehungsarbeit kein frommer Wunsch mehr. Kinder in einer Krippe betreuen zu lassen, finden heute selbst die Bürgerlichen ok.
Und was ist schlechter geworden?
Ich kann das nur aus meiner Sicht als Grossmutter beurteilen. Was mir Sorge bereitet, ist dieser Perfektionsdruck. Nichts wird dem Zufall überlassen. Die Kinder, die Ehe, die Wohnung, die Ferien, alles wird ständig optimiert. Die Kinder sind zu einem Projekt geworden, in das 150 Prozent Energie hineingesteckt wird.
Was würden Sie heute anders machen?
Im Nachhinein würde ich mich mehr wehren gegen die Verlagsleitung, die es nicht immer gut gemeint hat mit diesem tollen Heft. Es war ein ständiger Kampf, weil wir vermeintliche Frauen- und Babythemen bedienten. Ich verdiente anfangs sogar deutlich weniger als die Herren Chefredaktoren von anderen Zeitschriften im gleichen Verlag und erfuhr das nur durch Zufall.
Was wünschen Sie «wir eltern» für die nächsten 20 Jahre?
Es bedarf einer grossen Anstrengung, in dieser Nische erfolgreich zu sein – damals und heute. Deshalb wünsche ich «wir eltern», dass die Chefetage der Redaktion die nötige Anerkennung und Unterstützung entgegenbringt, die es braucht, dass es dieses Magazin weitere 100 Jahren gibt.
Nicole Althaus
Chefredaktorin von: 2010 bis 2014
«wir eltern»: Vor welchen Herausforderungen standen Sie, als Sie die Position der Chefredaktorin antraten?
Nicole Althaus: Der Auftrag war, das Heft ins neue Jahrtausend zu bringen, zu modernisieren und thematisch den Themen von berufstätigen Müttern und Vätern anzupassen. Man liess mir freie Hand und solche Bedingungen bekommt man im Arbeitsleben selten. Es hat grossen Spass gemacht und ich habe viel gelernt.
Was ist Ihnen am meisten geblieben aus der Zeit bei «wir eltern»?
Das kleine aber wahnsinnig tolle Team, das ich angetroffen habe. Wir haben uns gegenseitig befruchtet, jedenfalls haben die fünf Frauen mich immer wieder inspiriert. Man schenkte mir Vertrauen.
Was würden Sie heute anders machen?
Im Magazin? Nicht viel. Online einiges. Das Problem ist, dass ein Monatstitel wie «wir eltern» nur erfolgreich digitalisiert werden kann, wenn er sich auf Service und Beratung konzentriert. Das tat aber damals schon die Webseite Swissmom.ch. Diese hat «wir eltern» -Verleger Peter Wanner ja nach meinem Abgang auch gekauft.
Wie war der Kontakt mit den Leser innen?
«wir eltern» gehört zu den Produkten, in denen die Leserschaft auch das Editorial liest. Das kannte ich so nicht. Der Kontakt war viel intensiver als ich es von anderen Medien kannte.
Welche Geschichten sorgten für Kritik?
Ich kann mich an eine ganz kurze Geschichte von Caren Battaglia erinnern. Es war ein humoreskes, wunderbar geschriebenes Stück, über die Vor-und Nachteile von Haustieren. Da haben sich einige auf die Füsse getreten gefühlt, weil Caren vom Kauf einer langlebigen Schildkröte abriet.
Was waren die grossen Themen damals in Sachen Elternschaft?
Leider, leider dieselben wie heute. Die Doppelbelastung der Mütter, die mangelhafte Beteiligung der Väter, die Ungleichbehandlung von Väter und Mütter im öffentlichen Diskurs.
Welche Berechtigung hat ein Print-Magazin wie «wir eltern» im Jahr 2023?
Dieselbe Berechtigung, die alle Print-Titel haben. Sie servieren dem Lesenden einen Tellerservice, statt einem All-You-Can-EatBuffet. Lese ich ein Magazin, bin ich irgendwann fertig, Websites führen in eine Endlosschleife. Und: Ich habe die Chance mit Themen konfrontiert zu werden, die mir der Algorithmus sonst nicht zeigt.
Karen Schärer
Chefredaktorin von: 2014 bis 2022
«wir eltern»: Sie haben bis im Mai letzten Jahr die «wir eltern»- Redaktion geleitet, was haben Sie an Ihrer Arbeit besonders geschätzt?
Karen Schärer: Jeden Monat das Öffnen der Kartons mit den druckfrischen Magazinen. Den grossen Fächer an Aufgaben. Das Kreative, Genaue, das Zwischenmenschliche. Die Zusammenarbeit mit all jenen, die durch Texte, Bilder, Gestaltung, Verkauf, Marketing dazu beitragen, dass «wir eltern» nicht nur erstklassig aussieht und inhaltlich reich ist, sondern auch finanziert und wahrgenommen wird.
Was fanden Sie schwierig?
Junge Eltern nutzen Medien anders als vor ein paar Jahren; von ihrer Aufmerksamkeit und Treue hängt das Fortbestehen von «wir eltern» ab. Als Medienmarke mit einer langen Geschichte und Teil eines grossen Verlagshauses entwickelt sich «wir eltern» weniger leichtfüssig als frisch lancierte digitale Plattformen im Parenting-Bereich. Zudem fehlten uns oft die Mittel, um geplante Neuerungen auch wirklich umzusetzen.
Welche Geschichte hat besonders viele Reaktionen ausgelöst?
Unter der Schlagzeile «Kinderscham» (in Anlehnung an die «Flugscham») berichteten wir über Frauen und Männer, die aus ökologischen Überlegungen auf Kinder verzichten. Einige verstanden nicht, dass wir als Elternmagazin dieses Thema überhaupt aufgriffen.
Welche Geschichte konnten Sie nicht bringen?
Keine. Anspruchsvoll war bisweilen, willige Protagonist* innen zu finden. Es gelang aber, stets einen persönlichen Zugang zu finden: So berichtete eine Mutter über ihre Alleingeburt, ein Vater über seine Vasektomie. Wir begleiteten ein Paar in die Fertilitätsklinik und porträtierten eine Single-Frau, die sich ihren Kinderwunsch mittels Samenspende erfüllt hat.
Eltern sollten sich …
... bewusst sein, dass der Staat die Weichen stellt und dass es Kraft braucht, nicht in traditionelle Rollenmuster hineinzurutschen. Mit dem Stimm- und Wahlzettel können wir alle dazu beitragen, dass Mütter und Väter noch mehr Chancengleichheit bekommen.
Was wünschen Sie «wir eltern» für die nächsten 20 Jahre?
«wir eltern» soll für künftige Generationen von jungen Eltern eine genauso geschätzte, vertraute Stimme bleiben, wie sie es für deren Eltern und Grosseltern war.
Katja Fischer De Santi war von Mai 2022 bis Oktober 2024 Chefredaktorin von «wir eltern». Zuvor war sie 15 Jahre lang als Gesellschaftsjournalistin bei verschiedenen Tageszeitungen in leitenden Funktionen tätig. Katja lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Buben am Bodensee, weil dort die Gedanken so weit schweifen können.