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Elternkolumne
Was mir unser Hair-Gate gezeigt hat
Echt jetzt ?! Mädchen haben lange Haare, Buben kurze. Dieses Klischee steckt noch immer in unseren Köpfen. Zeit umzudenken, sagt die Journalistin Sibille Moor.
Es ist ein gemütlicher Samstagmorgen. Unsere beiden Töchter, vier und zwei Jahre alt, sind wie immer früh wach, lassen uns aber noch etwas im Bett rumlümmeln. Nach einer Weile sage ich zu meinem Mann: «Es ist so verdächtig still.» Er steht auf und ich höre ihn nur ungläubig «Nein, nein» sagen. Ich entdecke die drei im Büro: die ältere Tochter mit der Bastelschere in der Hand, Haarbüschel der jüngeren im Papierkorb und auf dem Boden.
Wahrlich ein Bad Hair Day! Einige Stunden später fährt mein Mann mit den beiden zur Coiffeuse. Sie verwandelt die völlig verschnittene, ursprünglich schulterlange Frisur in einen frechen Kurzhaarschnitt. Als sie nach Hause kommen, muss ich gleich zweimal hinschauen: Auf den ersten Blick erkenne ich meine Tochter fast nicht wieder. Doch ihr schönes Gesicht kommt nun viel besser zur Geltung. Und: Das morgendliche Theater ums Bürsten ist seither Geschichte. Genauso wie das Haarewaschen nun viel schneller, entspannter und weniger tränenreich verläuft. Also eigentlich doch ein Good Hair Day!
Unterschätzt habe ich jedoch, wie emotional der Akt des Haare-Abschneidens für andere ist – insbesondere für Frauen. Da gab es Mitleid mit unserer jüngeren Tochter. Der waren ihre langen Haare allerdings so was von egal. Da gab es Rachegelüste unserer älteren Tochter gegenüber. «Soll ich auch mal die Schere holen?», wurde sie zum Beispiel gefragt. Was uns Erwachsenen in solchen Momenten fehlt, ist die kindliche Perspektive: Für unsere ältere Tochter war das Haareschneiden an ein Rollenspiel geknüpft. Sie ist der Geissenpeter, ihre Schwester Heidi. Und das Trickfilm-Heidi hat nun mal kurze Haare. Der Geissenpeter natürlich auch, aber bei Heidi ging das «Coiffeurle» schlicht einfacher.
Genervt haben mich vor allem die «Du siehst aus wie ein Junge»-Kommentare. Insbesondere dann, wenn sie von älteren Frauen mit Kurzhaarschnitt kamen. Ein «Sie sehen aus wie ein Mann» würden diese wohl – zu Recht – unverschämt finden. Daran, was eine solche Aussage mit einem Kind macht, verschwenden sie keinen Gedanken. Und: Sie zementieren alte Klischees.
Denn unser Hair-Gate hat mir bewusst gemacht: Das Klischee «Mädchen haben lange Haare, Buben kurze» steckt noch immer tief in unseren Köpfen. Und ich gebe es ja zu, auch wir haben unseren Mädchen lange Haare wachsen lassen – ohne gross darüber nachzudenken. Auf dem Spielplatz habe ich einmal einen Jungen mit langen Haaren, ohne genau hinzuschauen, als Mädchen bezeichnet. Wie sehr hängt ihm wohl der Satz «Ich bin ein Junge mit langen Haaren» zum Hals heraus.
Wir schreiben das Jahr 2022. Es ist wahrlich an der Zeit umzudenken. Und der erste Schritt dazu ist, sich Stereotypen bewusst zu werden. Gerade kleine Kinder ordnen wir sehr schnell aufgrund von Haaren und Kleidern einem Geschlecht zu. Und das übernehmen sie von uns. Erst kürzlich sagte unsere ältere Tochter zu mir: «Nein, das ist kein Mann, sondern eine Frau. Sie hat nämlich lange Haare.»
Doch müssen wir Personen immer gleich einem Geschlecht zuordnen? Muss ich sagen: «Schau, das Mädchen möchte auch mal rutschen»? Reicht nicht auch: «Schau, das Kind möchte auch mal rutschen»? Es geht mir nicht darum, Kinder «genderkreativ» zu erziehen wie Eltern, die ihrem Kind kein Geschlecht zuordnen. Ich möchte auch nicht den Begriff «Frau» durch «Mensch mit Vagina» ersetzen, wie es derzeit mancherorts diskutiert wird. Wenn Mädchen lange Haare haben möchten, sollen sie lange Haare haben. Und Buben kurze.
Doch mit Sprache achtsam umzugehen, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen und im besten Fall abzubauen, hilft unseren Kindern. Vielleicht leben sie so später einmal in einer Welt mit weniger Stereotypen, mit weniger starrem Denken. In einer Welt, in der sich jeder Mensch so kleiden, frisieren, entfalten, einfach so sein kann, wie es ihm oder ihr entspricht.
Sibille Moor hat Anglistik studiert und mehrere Jahre als Redaktorin für Zürcher Tageszeitungen gearbeitet. Heute unterrichtet sie Englisch und Deutsch und textet als Social Media Managerin. Seit sie Mutter ist treiben sie die Herausforderungen im Familienalltag um. Und genau darüber schreibt sie für «wir eltern».