Eine Woche ohne Nein
Verbieten verboten

Aurélie Grand
Wir sind eine temperamentvolle Familie. Und wir haben keine Schwierigkeiten damit, Nein zu sagen. Alle vier von uns. Laut und deutlich. Mein Mann Christoph, die sechseinhalbjährige Mara, die anderthalbjährige Ella und ich. Das ist allerdings nicht immer lustig, für beide Parteien. Ein Nein erzeugt Gegendruck, das wissen wir, und es ist auch nicht immer nötig, das wissen wir auch. Trotzdem rutscht es uns sooft einfach raus. «Nein, zieh die andere Jacke an!» – «Nein, du isst jetzt erst den Apfel DANN gibts erst Guetzli!» – «Weil ich es so sage! Punkt.» Würde ich bei jeder – zugegeben nicht immer ganz liebevoll formulierten – Aufforderung mit einem Bleistift ein Strichlein an die Wand malen, hätten wir jetzt graue Wände. Gewiss, viele Anweisungen braucht es. Unbedingt. Und konsequent wollen wir auch sein. Und die Kinder gut erziehen. Das Gesamtpaket halt; von den gesellschaftlichen Regeln bis hin zum Klassiker «Sag bitteschön Bitte und Danke und Grüezi und Adiö».
Irgendwann quassle ich allerdings ununterbrochen auf die armen Kleinen ein und sie hören mit der Zeit gar nicht mehr zu. Die ständigen Aufforderungen, die vielen Neins – wir wissen genau, wann es zu viel wird. Dennoch bleiben wir auf Kurs, denn wir sind als Eltern nicht immer so Zen, wie wir es gerne sein möchten.
Wir machen deshalb eine Erziehungspause. Eine Woche lang gibts bei uns weder Regeln noch Neins. Ich werde nur mit den Schultern zucken und Ja sagen, egal wie unerhört und unmöglich das kindliche Vorhaben sein mag. Solange es nicht Leib und Leben gefährdet natürlich. Christoph quittierte diese Idee mit enthusiastischer Begeisterung: «Wie bitte? Dann zieh ich aus für eine Woche!» In guten, wie in schlechten Zeiten, sag ich da nur. Und so haben wir uns gemeinsam an dieses Experiment gewagt. Das Ziel: Unser Heim in einen Hort der Ruhe und Harmonie zu verwandeln.
MONTAG
Der üblicherweise laute und hektische Morgen verläuft erstaunlich ruhig. Christoph rutscht in der Früh ein Nein raus, als Ellas Händchen beim Wickeln in Richtung Windelinhalt huschte. Ein berechtigtes Nein zwar, doch kommt er prompt ganz erschrocken um die Ecke und hält sich – «ups!» – den Mund zu.
Von mir gibts zur Abwechslung null Kommentare zu Maras Outfit und als Ella beim Einkaufen immer wieder freudig etwas aus dem Einkaufswagen wirft, hebe ich es nur wortlos auf. Und dann: «Mami, wir haben morgen den Spielzeug-Zeigi-Tag im Chindsgi, darf ich das Handy mitnehmen?» Öhm … – Und nein, sie hat kein eigenes. Es ist ein altes Exemplar und wir haben ihre Lieblingsmusik drauf geladen. Aber trotzdem kann sie schlecht mit einem Handy im Kindergarten antanzen, während andere ihre Bääbi und Autöli vorführen.
«Oh ja, klar», sagte ich, «und was hättest du sonst noch so zur Auswahl?» Ich entnehme ein leises Poltern in ihrem Zimmer und zurück kommt sie mit einem Bääbi. «Ich nehme das da mit.» – Gutes Kind. Die Reaktion bei einem «Nei, sicher nöd», wäre zweifellos anders ausgefallen.)

DIENSTAG
Mara trägt heute zum dritten Mal in Folge die gleichen Kleider. Mein «Zieh doch mal was anderes an» verkneife ich mir. Während ich das Abendessen koche, fragt sie nach einem Glace. Das macht sie sonst nie, dementsprechend überrascht ist sie auch, als ich Ja sage. Vermutet sie etwas? Behutsam schlagen wir schliesslich vor, dass es wieder mal an der Zeit wäre zu duschen und sich die Haare zu waschen. Ganz ohne Druck. Wir stossen mit unserem Anliegen auf erschreckend wenig Anklang. Wir werden abwarten und die fettigen Haare solange zu Zöpfen flechten.
(Notiz an mich: Sollten wir jemals wieder eine solche Aktion starten, dann unbedingt drauf achten, dass die Kinder frisch gewaschen in die Woche starten!)
MITTWOCH
Mara wuselt wie ein junger Welpe in der Wohnung rum. Es fällt mir schwer, sie NICHT darauf hinzuweisen, dass SIE DOCH BITTE ETWAS RUNTERKOMMEN SOLL! – Ella hat sich derweil eine reife Tomate gekrallt, in sie hineingebissen und mit viel Freude festgestellt, dass sie lustig rumspritzt, wenn man draufdrückt. Ich verkneife mir das schrille Nein (aber so richtig!) und nehme ihr geduldig lächelnd die zerquetschte Tomate aus der Hand. Erst reinige ich das Kind, dann den Boden, schlussendlich die Wände und dann nochmals das Kind, das sich zwischenzeitlich eine neue Tomate geholt hat. Um Wände, Gemüse und Nerven zu schonen, gehen wir auf den Spielplatz. Da watschelt sie mir ständig davon. Als sie sich dem offenen Gartentürchen eines uns fremden Gartens nähert, rufe ich sie zu mir – «da bliibe Ella!». Sie läuft weiter, in den Garten, zieht am Türchen, «zack», Türchen zu. «Maaaaaaamiiiii!»
DONNERSTAG
Ich bin erkältet und mein Nervenkostüm ist gefährlich dünn. Zugegeben, mit so manchem Ja kann ich mir günstig Ruhe erkaufen. Doch die Früchte dieses regellosen Daseins missfallen mir. Für gewöhnlich gibts am Tisch kein Spielzeug, es wird nicht gesungen, nicht aufgestanden und auch nicht getanzt. Heute sehe ich bei all diesen Dingen tatenlos zu und ärgere mich (Warum tut sie das? Wartet sie auf ein Nein? Ist das blanke Provokation?). Ich versuche alles zu ignorieren. Mit ganzer Kraft. Nach einer Weile hört sie, zu meinem Erstaunen, einfach auf. In der Apotheke gibts das obligate Truubezückerli und Mara murmelt irgendwas vor sich hin, das ein Danke hätte sein können, aber so genau weiss das niemand. Ich verkneife mir das «Seisch no Danke!» und bedanke mich selber übertrieben höflich. Christoph hält sich gut. Besser als ich heute. Aufgabe für heute Abend: Nervenkostüm in Ordnung bringen und morgen entspannt bleiben.
FREITAG
Fast wäre Mara heute Morgen zu spät in den Chindsgi gegangen. Widerwillig mussten wir das Trödeln tolerieren. Dafür haben wir jetzt einen Trick: Auf alle Fragen, die wir mit Nein beantworten möchten, stellen wir nur noch Gegenfragen. So ist die ursprüngliche Frage bald vergessen. Unterdessen klettert Ella auf die Küchenkombination, holt einzeln alle Früchte aus der Schale und reiht sie fein säuberlich auf dem Küchenboden auf. Ich beschliesse, erst dann aufzuräumen, wenn sie sich an ihr nächstes Projekt wagt. «Dörfi es Citro?», fragt mich Mara vor dem Zmittag und füllt sich das zarte Mäglein mit Kohlensäure. Der Teller bleibt stehen.
«Ha kei Hunger meh». Na bravo. Wo blieb meine Gegenfrage?
Inzwischen liegt die nasse Regenjacke in einer Zimmerecke am Boden und ich unterdrücke meinen Drang sie darauf hinzuweisen. Als wir aufbrechen, krallt sie sich die patschnasse Jacke – «Wäh! Die isch ganz chalt!» Später im Auto hat sie auf einmal Hunger. So ein Pech aber auch, dass ich gerade heute nichts dabei habe.

SAMSTAG
Wir warten heute auf Situationen um an unserem Gegenfragen-Trick zu feilen. Aber es kommen keine. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir Freunde besuchen und einen lustigen Tag verbringen. Als wir schliesslich aufbrechen wollen, «Chömmer no 11 Minute bliibe?» – «Ja.» – 11 Minuten vergehen. «Chömmer no 6 Minute bliibe?» «Ja.» – «Dörfi nochli vo de Pizza ha?» – «Ja.» «Dörfi au nochli vom Chueche?» – «Ja». Geduldig packen unsere Gastgeber alle weg geräumten Reste wieder aus.
Als wir aber nach vielen «Jas» immer noch dasitzen und sie ihre Kinder im Geiste bereits im Pischi sehen, wird es uns unangenehm und wir üben ganz sanften Druck aus. Als wir es endlich nach Hause schaffen, ist es halb elf abends (wir waren zum Mittagessen dort!) und wir beschliessen gleich am nächsten Morgen unsere Freunde über unsere Spezialwoche aufzuklären. Schliesslich wollen wir wieder einmal eingeladen werden.

FAZIT
Vom Hort der Ruhe und Harmonie sind wir noch weit entfernt. Die Kinder sind noch die gleichen, nicht höflicher, aber auch nicht frecher. Und die Haupt-Hausregeln führen wir morgen wieder knallhart ein. Aber da wir uns eine Woche lang auf die Finger geguckt haben, waren wir gezwungen, uns ständig zu fragen, welche Anweisungen und welche Verbote wirklich nötig sind, und wie wir unser Anliegen entschärfend formulieren könnten. Wir beobachteten auch, wie sich einige Situationen von ganz alleine lösten. Bemerkenswerterweise waren die häufigsten Neins, die uns auf der Zunge lagen, die überflüssigsten. Und gleichzeitig diejenigen, die ansonsten kalt ignoriert werden oder in lauten Diskussionen enden.
Natürlich war uns schon vor diesem Test bewusst, dass die Chance erhört zu werden mit jedem Nein sinkt. Aber wir wissen jetzt auch, dass wir so viele Regeln gar nicht brauchen und die wichtigsten haben wir ihnen, zumindest Mara, wohl eh schon eingeimpft.
Interessanterweise wurde das morgendliche Aufstehen und das abendliche Zubettgehen nie in Frage gestellt. Weder war der TVKonsum ein Thema, noch wurde jemand verletzt. Rückblickend hatten die Kinder eine lustige Woche und wir einen kostenlosen Selbstreflexionsworkshop.