
Anita Allemann
Entwicklung
Papa, ich hab Angst
Von Daniela Lukassen-Held
Angst kennt jeder Mensch – Kinder erst recht! Fachleute erklären, wie Eltern die Kleinen in ihren Nöten begleiten können.
Es ist der Schneider aus der Daumenlutscher-Geschichte des Struwwelpeters, der unserem Sohn und damit auch uns unruhige Nächte beschert. Und er sorgt dafür, dass bei uns nicht nur das Licht brennen muss, wenn das Kind im Bett liegt, der Schneider macht viele Räume im Haus zu No-go-Areas, die das Kind nicht mehr allein betritt. Erklärungen, dass es diese Figur mit der grossen Schere gar nicht gibt und dass es sie nie gegeben hat, helfen nicht. Angst – was auf der einen Seite ziemlich anstrengend und mitunter auch lästig ist – schützt uns und unsere Kinder auf der anderen Seite davor, uns nicht tollkühn in eine gefährliche Situation zu begeben. Stattdessen sind wir vorsichtig, eben, weil wir Angst haben. Und die Furcht versetzt uns in Alarmbereitschaft, damit wir entweder kämpfen oder fliehen können. Für unsere Vorfahren war das überlebenswichtig. Ohne Angst wäre die Begegnung mit wilden Tieren sonst wohl selten glimpflich ausgegangen.
Wenn wir Angst haben, laufen in unserem Körper viele Mechanismen ab: Adrenalin wird freigesetzt und damit werden wir wachsamer. Wir atmen flacher, unser Herz schlägt schneller, unsere Pupillen werden weiter und unsere Muskeln stärker durchblutet, damit wir zur Flucht bereit sind. Auf der anderen Seite werden die Körperfunktionen, die wir in einer bedrohlichen Situation nicht brauchen, die vielleicht sogar hinderlich wären, heruntergefahren. So haben wir etwa keinen Hunger, wenn wir Angst haben. Nicht umsonst sagt man, dass jemand vor Angst erstarrt. Denn auch das ist möglich.
Neue Entwicklungsstufen, neue Ängste
Wissenschaftler der Universität Haifa haben herausgefunden, dass Kinder, die sich vor nichts ängstigen, aggressiver und weniger sozial sind als Mädchen und Buben, die sich auch mal fürchten.
Angst gehört zu einer gesunden Entwicklung also dazu. «Mit jeder Entwicklungsstufe erlebt ein Kind neue Ängste», erklärt der Autor und Familienberater Jan-Uwe Rogge. Um zu verstehen, weshalb sich die Kleinen in einem bestimmten Alter auch vor den Dingen fürchten, die es gar nicht gibt, lohnt sich ein Blick auf die kindliche Entwicklung. Denn mit den verschiedenen Fähigkeiten und der Art zu denken, entwickelt sich auch die Angst.
«Je nach kognitivem, emotionalem und motorischem Entwicklungsstand wandelt sich der Inhalt der Angst im Kindesalter. So treten bei Babys vor allem Ängste vor äusseren Gegebenheiten, wie zum Beispiel starkem Lärm und Trennungsangst auf. Im Vorschulalter dominiert eher die Angst vor imaginären Wesen», sagt Ina Blanc. Sie ist Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie ZEPP der Universität Basel. «Ab dem Primarschulalter stehen dann vermehrt spezifische Phobien, zum Beispiel Angst vor Hunden, im Vordergrund und später Schulund Leistungsangst sowie Angst vor sozialen Situationen.»
Ina Blanc, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
Zu neuen Ängsten kommt es besonders dann, wenn die Kleinen grosse Entwicklungsschritte machen. Das liegt daran, dass sich ihre Wahrnehmung und ihr Autonomieverhalten verändern und die Kinder sich zuerst daran gewöhnen müssen, wie Ina Blanc erklärt.
Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Fremdeln. Hat das Baby gestern noch vergnügt jeden Fremden im Café glücklich angestrahlt, fürchtet es sich heute plötzlich vor der Nachbarin und beginnt zu weinen, wenn sie es anschaut. Das Baby hat gelernt, dass es Bekanntes und Unbekanntes gibt. Und eben dieses Unbekannte macht ihm auf einmal Angst – ein wichtiger Schritt in seiner Entwicklung auf der einen, eine neue Angst auf der anderen Seite. Während wir Grossen die Gefühle unserer Kinder oftmals nachvollziehen können, wie die Angst vor dem Gewitter, wenn der Donner laut grollt und helle Blitze plötzlich am Himmel zucken, stehen wir anderen Ängsten etwas ratlos gegenüber. Was tun, wenn der Nachwuchs sich weigert, im eigenen Bett zu schlafen – aus Furcht, ein Monster könnte darunter lauern ? Wie reagieren, wenn das Kind keinen Raum im Haus mehr allein betreten möchte, weil dort aus seiner Sicht der böse Schneider aus dem Struwwelpeter sein Unwesen treiben könnte ?
Egal, was der Auslöser ist – eines ist immer wichtig: dass wir die Furcht unserer Kinder ernst nehmen. Besonders bei den Jüngsten ist es essenziell, das Gefühl auch richtig zu benennen. Denn nur, wenn die Kinder wissen, dass das Grummeln in ihrem Bauch Angst heisst, können sie auch lernen, damit umzugehen.

Jan-Uwe Rogge, Familienberater
Autonomie fördern
Aber nicht nur die Kinder, auch wir Erwachsenen müssen den Umgang mit der Angst der Kinder erst lernen. Und das fällt nicht immer leicht. «Eltern können ängstliche Kinder unterstützen, indem sie deren Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und Autonomie fördern. Generell ist bei Ängsten wichtig, dass man erst überprüft, wie begründet sie sind. Wenn das Kind nicht in Gefahr ist, kann man mit ihm über die Funktion der Angst sprechen und mit ihm üben, sich der Angst in kleinen Schritten zu stellen. Denn Vermeidung macht die Angst nur grösser. Im Vorfeld sollte man zusammen mit dem Kind schauen, welche Unterstützung es dazu braucht», sagt Ina Blanc. «Bei kleineren Kindern ist es oft wirkungsvoll, ihre Vorstellungskraft zu nutzen und die angstauslösenden Fantasiebilder in lustige zu verwandeln. Dazu können Eltern zum Beispiel gemeinsam mit dem Nachwuchs eine Gutenachtgeschichte erfinden. Der Ausgang können Fragen sein, wie etwa: Warum hat sich denn das Monster unter dem Bett versteckt? Meinst du, es fürchtet die Dunkelheit genauso wie du?», regt Blanc an. Bei älteren Mädchen und Buben könne hier ein Realitätscheck helfen: «Licht anmachen und unter dem Bett nachschauen.»
Ebenso plötzlich wie die Entwicklungsschritte eines Kindes kommen auch die Ängste. Eine plötzliche Angst vor tiefem Wasser etwa, die den Zehnjährigen davon abhält, in den See zu springen, an dem die Familie viel Zeit verbringt, und den das Kind kennt, seit es klein ist. «Es gibt keine Entwicklung ohne Widerspruch», sagt Jan-Uwe Rogge. «Aber für viele Eltern ist es schwierig, sich in Entwicklungsprozesse hineinzuversetzen.» Die Herausforderungen, die etwa ein anstehender Schulwechsel mit sich bringt, die Veränderungen, mit denen sich Kinder in der Pubertät auseinandersetzen müssen – all das schürt auch bei grösseren Mädchen und Buben neue Ängste. «Angst hat nichts mit dem Alter zu tun», fasst Rogge zusammen.
Ehrlich sein
Und das stellen wir fest, wenn wir selbst uns fürchten. Etwa, wenn wir an der Decke plötzlich eine Spinne entdecken. Und jetzt ? Weglaufen oder so tun, als seien wir tapfer ? «Wenn ich selbst Angst habe, kann ich meinem Kind nicht sagen, dass ich ganz stark bin. Das merkt das Kind an meiner Stimme, an meinem Gesichtsausdruck, an meiner Gestik und Mimik», erklärt Jan-Uwe Rogge. «Wenn ich jetzt versuche, ein Held zu sein, ist das ein Widerspruch und damit können Kinder nicht umgehen.» Ehrlich währt hier darum am längsten – ebenso wie das Reden über die Angst. «Wichtig ist es, mit den Kindern darüber nachzudenken, welche Techniken der Angstverarbeitung sie haben», rät Rogge. Das kann ein Glücksbringer sein, der beim Gang in den Kindergarten Sicherheit gibt oder ein Ritual, etwa der abendliche Gang durch das Kinderzimmer, um gemeinsam unter Betten und in Schränken zu schauen, damit sich dort keine Monster verstecken können.
• Kindliche Gefühle ernst nehmen: Ein Satz wie «Du bist doch schon gross» ist hier nicht angebracht. Vielmehr gilt es, gemeinsam zu überlegen, wie das Kind seine Angst bewältigen kann. Insbesondere Kinder, die sich schon verbal ausdrücken können, sollten unbedingt einbezogen werden.
• Gemeinsam nach Strategien zum Umgang mit der Angst suchen: Ein Kuscheltier als Begleiter in den Kindergarten, ein Glücksbringer, den das Kind in der ersten Zeit in der Schule dabeihat, Rituale, die dem Kind Sicherheit geben, das gemeinsame Lesen von Kinderbüchern zum Thema oder Entspannungsübungen können helfen.
• Über eigene Ängste reden: Auch Mama und Papa haben Angst. Wenn Kinder nachfragen, heisst es deshalb: Ehrlich sein! Allerdings gilt dabei, Kinder nicht mit der eigenen Furcht zu ängstigen. Also ruhig bleiben, wenn die Spinne in der Ecke sitzt und trotzdem erklären, dass die Achtbeiner nicht zu den eigenen Lieblingstieren zählen.
Helfen lassen
Kinder stärken spielt also eine wichtige Rolle beim Bewältigen der Angst. Aber wie viel Angst ist eigentlich normal? Und wann liegt eine sogenannte Angststörung vor?
«Von einer Angststörung spricht man, wenn die Angst vor einer objektiv unbedrohlichen Situation über mehrere Wochen anhält und der Leidensdruck des Kindes gross ist, wenn das Kind sich zurückzieht und gewisse Aktivitäten, Orte oder Menschen meidet oder wenn somatische Beschwerden auftreten, zum Beispiel Bauchschmerzen», erklärt Ina Blanc. «Manchmal ist es für Eltern schwierig, die Angst des Kindes zu erkennen, wenn diese so gross ist, dass sich das Kind nicht einmal traut, darüber zu sprechen und sich die Angst nur indirekt im Verhalten zeigt. Wenn ein Verdacht auf eine Angststörung besteht, sollten sich Eltern professionelle Hilfe für ihr Kind holen.»
• Im Kinderbuch «Kleine Helden – grosser Mut» von Jan-Uwe Rogge und Angelika Bartram geht es um Angst und Mut. Rowohlt Verlag.
• «Glückskind. Feel Good Tagebuch für Kinder» von Ina Blanc ist ein Buch, das Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit bei Primarschulkindern fördert. Fidea Design GmbH.
• Ein toller Ratgeber für Eltern ist «Ängste machen Kinder stark» von Jan-Uwe Rogge. Rowohlt Verlag.