
Roland Blumer
Skiferien
Tschappina GR
Von Nicole Althaus, Manuela von Ah, Veronica Bonilla Gurzeler
Unterkunft und Infos: www.tschappina.ch, 081 651 59 56
Wer in der Walsersiedlung am Heinzerberg eines der wenigen Zimmer bucht, bucht das Gegenteil von Skiferien: Keine Szenies, welche die Piste mit dem Catwalk verwechseln, keine Schneebars, in der man zum Cüpli eine Frisur mitbringen muss, kein langes Werweisen, wo man als nächstes hoch- und wo man wieder runterfährt. Im Bergdorf am Fusse des Piz Beverin gibt es 3 Skilifte, 3 Restaurants, 22 Landwirtschaftsbetriebe und keine Überraschungen. Zum Glück. Denn sonst wäre der idyllische Sonnenhang am Ende der Postautolinie kein Kleinod mehr, sondern eine Touristenattraktion. Sonst würden alle Wintersportler angelockt, die auch in den Ferien stets auf der Jagd sind: nach Kicks, neuen Bekanntschaften, Abenteuern. So aber fahren nur Menschen nach Tschappina, die das Unerwartete und das Abenteuer gerade vermeiden wollen. Menschen, die froh sind, dass sie jeden Hügel kennen und jede Schanze, die es schätzen, dass der Beizer und der Helfer am Skilift einen am zweiten Tag schon beim Vornamen nennen und es bloss zwei Restaurants auf der Piste gibt. Denn diese Menschen haben in der Regel Kinder und gelernt, dass es sich am besten entspannt die Wintersonne geniessen lässt, wenn das Skigebiet gross genug ist, dass die Kleinen sich nicht langweilen. Aber klein genug, dass man jede Kurve auch im Schlaf nehmen könnte und immer jemand weiss, wo die Kinder gerade hoch oder runterfahren. Man könnte auch sagen: In Tschappina funktioniert die soziale Kontrolle noch und das ist gerade mit Nachwuchs im Primarschulalter ein unbezahlbarer Vorteil. Der fährt nämlich, sobald er einigermassen sicher auf den Brettern steht, am liebsten alleine Ski. Deshalb trifft, wer in Tschappina ein Zimmer bucht, auf viele unglaublich entspannte Väter und Mütter. Und merkt schnell einmal: Das ist ansteckend!
Überhaupt fühlt man sich im Bergdorf ein bisschen so, als wäre man ins letzte Jahrhundert gereist. Nach Tschappina muss man wollen, man kommt nicht zufällig daran vorbei. Man liest auch nicht davon in Zeitungen, und hören tut man auch selten von diesem Ort. Zu abgelegen, um Schlagzeilen zu machen. Kein hingeklotztes Hotel zerstört die Illusion der heilen Welt. Kein Touristenbus schleppt sich Haarnadelkurve um Haarnadelkurve hoch. Selten hat man so wenig Menschen auf soviel weissgepuderter Landschaft gesehen und zugleich so viele Menschen getroffen, die sich noch bei einem Kafi Schnaps auf ein Gespräch einlassen, statt irgendwelche Abkürzungen ins Handy zu tippen. Oder Verkäufer, die einen drei paar Skier in die Hand drücken mit den Worten: «Probier ruhig aus und bring mir zurück, was dir nicht passt.» In Tschappina hat man nicht viel Fremdenverkehr, aber dafür umso mehr Musse, mit den Fremden zu verkehren. Gerade so als stünde der Ort auf 1400 Metern nicht nur abseits des Durchgangsverkehrs, sondern auch abseits der Zeit.
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