Durchschlafen
Schlaf, mein Kind

Manchmal dauert es, bis das Kind endlich schläft.
Für die allermeisten Eltern ist es ein Dauerthema: Der Kinderschlaf im ersten Lebensjahr. Kein Wunder. Neugeborene kennen weder einen Tag-Nacht-Rhythmus noch verlässliche Bettzeiten. Schlaf- und Wachphasen wechseln sich rasch ab.
«Im ersten Lebensjahr macht das Baby eine ausserordentliche Entwicklung durch», sagt Dr. Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Es muss lernen, seine Schlafzeiten vor allem auf die Nacht zu verlegen und mehrere Stunden am Stück zu schlafen. Dabei helfen ihm zwei Systeme.
Das eine ist die innere Uhr, auch zirkadianer Rhythmus genannt; er orientiert sich am Tageslicht, aber auch an alltäglichen Aktivitäten, die immer etwa zur gleichen Zeit erfolgen, wie Essen, Baden, Pyjama anziehen. Das andere ist die Fähigkeit des Gehirns, längere Zeit wach zu bleiben, genug Schlafdruck auf und im Schlaf wieder abzubauen. Dies nennen Fachleute Schlafhomöostase.
«Babys bauen Schlafdruck schnell wieder auf und auch schnell wieder ab. Wie lange sie wach bleiben beziehungsweise am Stück schlafen können, ist deshalb eine Frage der Hirnreifung», sagt Oskar Jenni.
Wunsch und Realität
Und wie das mit Reifeprozessen so ist, sie verlaufen nicht nach einem fixen Fahrplan, sondern in individuellem Tempo. Manche Kinder lernen mit zwei Monaten durchschlafen, andere erst mit einem halben Jahr oder noch später. Laut Statistik schlafen nach vier Wochen 10 bis 20 Prozent der Kinder durch, nach sechs Monaten bereits 80 Prozent.
Die Frage drängt sich auf: Was heisst eigentlich durchschlafen? Welches Mass liegt der Statistik zugrunde? Ist es die Traumvorstellung aller Eltern: «Acht-Uhr-abendsbis-acht-Uhr-Früh»? Wohl kaum, sonst wären die Durchschnittswerte mit Garantie um einiges tiefer. «Durchschlafen ist eine Definitionsfrage», sagt Oskar Jenni. Remo Largos Klassiker «Babyjahre» erklärt, dass ein Säugling durchschläft, wenn er sechs bis acht Stunden Nachtruhe hält.
Rein physiologisch schlafen allerdings weder Kinder noch Erwachsene durch. Je nach Alter erwachen wir alle 50 bis 90 Minuten, dösen aber wenige Minuten später gleich wieder ein und können uns morgens auch nicht mehr ans Wachsein erinnern. Babys müssen jedoch erst lernen, alleine wieder einzuschlafen. In den ersten Monaten kommt erschwerend dazu, dass ihnen nachts auch der Hunger den Schlaf raubt.
Ihr Stoffwechsel ist nämlich noch nicht fähig, Nährstoffe kurzfristig zu speichern. Mit etwa sechs Monaten gelingt dies jedoch den meisten Kindern. «Brauchen sie danach nachts noch die Brust, sind sie einfach gewöhnt, so den Schlaf wieder zu finden», sagt Jenni. Und betont im gleichen Atemzug, dass er daran nichts Schlechtes finden könne. «Es kommt auf die Haltung der Familie an. Wenn es für die Mutter so stimmt, schadet es dem Kind nicht.»
Weinen lassen oder nicht?
Fakt ist, dass Kinder, die nachts gestillt werden und auch solche, die mit ins Elternbett dürfen, länger nicht durchschlafen. Zwar bleibt den Müttern und Vätern mit dem Familienbett so die nächtliche Wanderschaft durch die Wohnung erspart; viele Eltern befürchten jedoch, dass das Kleine, hat es sich einmal einquartiert im Ehebett, nicht mehr so einfach daraus zu vertreiben ist.
Ein Kompromiss könnte sein, aus dem Babybett einen Babybalkon zu machen und neben das Ehebett zu stellen, so dass das Kind beruhigt werden kann, ohne dass die Eltern aufstehen müssen. Oskar Jenni: «Es gibt aber Kinder, die mit acht Monaten noch nicht selber wieder einschlafen können. Die Aufgabe der Eltern ist es deshalb, dem Kind dabei zu helfen.»
Das meint auch Anna Urben, Mütterberaterin HFD: «Oft muss es einfach ein bisschen gestreichelt werden und merken, dass es nicht alleine ist», sagt sie. Allerdings soll ihm auch die Chance gegeben werden, den Schlaf selber wieder zu finden: «Manche Eltern reagieren oft bereits beim ersten Pieps. Das kann dazu führen, dass das Kind nicht lernt, sich selbst zu beruhigen.»
Zum Thema Kinderschlaf gibt es eine nicht enden wollende Zahl von Ratgebern. Haben unsere Grosseltern ihre Kinder abends unzimperlich zu festgesetzten Bettzeiten in die Wiege gelegt und allenfalls schreien lassen, falls die Kleinen mit der Behandlung nicht einverstanden waren, setzte in den 60er- und 70er-Jahren eine Gegenbewegung ein.
Babys wurden nun in den Schlaf getragen, gewiegt, gestillt, gesungen, getanzt. Wen diese aufwendige Methoden zu sehr entkräftete oder wer sich damit nicht anfreunden konnte, für den kam in den 80er-Jahren das Einschlafprogramm des amerikanischen Kinderarztes Dr. Richard Ferber gerade recht. Die Methode lässt sich als «kontrolliertes Weinenlassen» beschreiben. Das Kind wird wach ins Bett gelegt, nach einem Einschlafritual verabschiedet und alleine im Zimmer gelassen.
Die Ferber-Methode
Beginnt es zu schreien, wartet man drei Minuten lang, bis man es trösten geht, nimmt es aber keinesfalls auf, verlässt es wieder und wartet erneut. Zur Not mit Ohropax in den Ohren, falls das verzweifelte Geschrei bis in den hintersten Winkel der Wohnung zu hören ist. Die Wartezeiten werden nun immer grösser. Irgendwann ergibt sich auch das ausdauerndste Kind in sein Schicksal und schläft ein.
Die Ferber-Methode war von ihrem Erfinder ursprünglich als eine Art Notbremse für verzweifelte, erschöpfte Eltern von mindestens einjährigen Kindern gedacht, wurde in den folgenden Jahren jedoch beliebig verändert, abgewandelt und mit neuen Namen wie Sanduhr- oder Tweedle-Methode versehen und in abgeschwächter Form schon für Knirpse ab sechs Monaten empfohlen.
Kinderarzt Jenni warnt vor zu früher Anwendung eines solchen Schlaflernprogramms: «Ist das Kind in seiner Entwicklung noch nicht so weit, dass es selbstständig einschlafen kann oder sind andere Gründe wie eine zu lange Bettzeit dafür verantwortlich, brechen die Eltern die Methode oft frühzeitig und enttäuscht ab.» Zudem gibt Jenni zu bedenken: tage- oder wochenlanges Schreien kann die emotionale Beziehung der Eltern zum Kind und umgekehrt beeinflussen.
Schlafberatung und Schlafprotokoll
Kinderspital Zürich, Schlafsprechstunde, 044 266 77 75, www.kispi.uzh.ch
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