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Raunächte
Raunächte: Zwölf magische Nächte voller Mythen
Was ist dran, an den zwölf magischen Nächten voller Mythen und Bräuchen? Von magischen Ritualen, wie sie sich für Familien eignen und – einem spirituell eher schwierigen Fall.
Was soll ich sagen: Ich bin einfach nicht so der feinstoffliche Typ. Noch nie habe ich mir für 2.77 Franken die Minute per Telefon die Karten legen lassen. Ich umarme keine Bäume, denn Rinde zieht Fäden am Pullover, wende meinen Blick selten nach Innen, weil ich da primär Magen, Darm, Milz und so’n Zeug vermute, besitze weder Engel noch Buddhas aus Ytong-Stein für den Garten; und – Tiefpunkt – eine zu Recherchezwecken besuchte Wahrsagerin hat mich sogar mal als «zu wenig schwingungsintensiv» aus ihrem Wohnwagen geschmissen.
So siehts aus.
Aber: Mein Geburtstag ist am 5.Januar. Und das, habe ich inzwischen gelernt, gibt Hoffnung, dass da spirituell vielleicht doch noch was zu holen ist.
Schliesslich ist die Nacht vom 5. auf den 6. Januar nicht nur die letzte der 12 Raunächte, sondern offenbar magisch und besonders, ebenso wie die an diesem Tag Geborenen.
So was hört man doch gern.




Geschichten und Bräuche
Und weil die Zeit zwischen Weihnachten und Ferienende ohnehin meist nur mit Essen, Geschenke tauschen, Kater-Bekämpfung und in Schach halten überdrehter Kinder gefüllt ist, kann man sich eigentlich gerade so gut mit den Raunächten beschäftigen. Mit ihren Traditionen, uralten Geschichten und Bräuchen. Die ganz nebenbei den Kindern mindestens so viel Spass machen wie diese ploppenden «Pop it Fidget Toys», piependen Handyspiele und «Gypsy, das Einhorn mit Licht und Sound». Eltern sowieso. Schon allein, weil sie so schön ruhig sind.
Mitten in Zürich, da wo es urban und hip ist, zündet Sandra Gohlke gerade selbstgesammeltes Kiefernharz und Lavendel an. Eine zarte Rauchsäule steigt auf und füllt die Wohnung mit Wald-Duft. Auf dem Boden brennen Teelichter, angeordnet in einer Spirale, die den Kreislauf des Lebens symbolisieren soll. «Ja, Raunachts-Zeremonien und Räuchern liegen im Trend», sagt die 49-jährige Ritualfachfrau, Lehrerin, Heilpädagogin und Mutter von vier Kindern mit einem Lachen. «Aber ist das etwas Schlechtes? Ein Trend entsteht schliesslich nur da, wo auch bei vielen ein Bedürfnis ist, oder?» Und dieses Bedürfnis, da hat sie recht, existiert. «Holistic Lifestyle» heisst der Oberbegriff für diese oft schicke Spiritualität aus achtsamer Naturverbundenheit und Sonnengruss, Kakaozeremonie, «Mindfullness» und, klar, auch einem boomenden Business. Rund eine Milliarde Franken jährlich, sagen Schätzungen, würde in der Schweiz mit Spirituellem aller Art verdient. Zielgruppe: Frauen. Immerhin glauben, laut Bundesamt für Statistik, 56 Prozent von ihnen an die Fähigkeit zum Hellsehen, 58 Prozent sind sich sicher, dass Engel oder andere übernatürliche Wesen in unserem Leben ihre Finger und Flügel im Spiel haben.
Doch mag man selbst auch bislang nur von den Flügeln der Mücken im Garten gestreift worden sein und das Geschäft mit magischem Mumpitz brummen, hinter all dem Irrationalen steht etwas zutiefst Menschliches: die ewige faustische Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dreiviertel der Erwachsenen jedenfalls, so eine Untersuchung der Universität Innsbruck, beschäftigen sich mit jener Suche nach dem tieferen Sinn, diesem Mehr im Leben. Tendenz rund um den Jahreswechsel, sei hier vermutet, steigend: Das ist heute so, das war früher so.
Sandra Gohlke, Ritualfachfrau
Reden auch Hamster mit?
«Die Raunächte», erzählt Sandra Gohlke «sind von alters her eine Zeit, in der sich alles aufs Innen konzentriert». Bitterkalt sei es gewesen in jenen 12 Tagen und Nächten, die den Verlauf des Mondjahres von dem des Sonnenjahres unterscheiden, dunkel. So dunkel wie sonst nie im Jahr. Bis dann ab 6.Januar die Tage erkennbar wieder heller werden. «Das Licht wiedergeboren wird», nennt Sandra Gohlke es. Und der raunende Ton passt gut zu «Raunächten», in denen es, sagen Überlieferungen aus germanischer und keltischer Zeit, genau um eben jenes «Raunen» geht, um verschlüsselte Botschaften, Kontakt zu den Ahnen und darum, welche Zeichen einem etwas über die Zukunft mitteilen wollen.
Und weil Mitteilungen nur dann Sinn machen, wenn auch jemand zuhört, heissen die Raunächte mancherorts «Los»-Nächte. Los in der Doppelbedeutung von «Schicksal» und – im Alemannischen und Schweizerdeutschen – «lose», also zuhören. Wie tief man eintauchen möchte ins Übersinnliche, bleibt dabei jedem selbst überlassen.
Unstrittig jedenfalls gibt es tolle Geschichten rund um die Raunächte. Zottige «ruche» Dämonen, wird gesagt, geisterten in jener «verlorenen Zeit» durchs Dunkel (noch immer präsent etwa in den Appenzeller «Perchtenumzügen») und lassen sich nur durch heftiges Krachmachen und Knallen zu Silvester vergraulen. Odin, heisst es, galoppiere mit seinem Gefolge herum; die Tiere im Stall könnten in der Zeit zwischen Weihnachten und Drei Könige sprechen, und unverheiratete Frauen, die träfen in den Raunächten um Mitternacht auf einer Wegkreuzung ihren Zukünftigen und würden in heftiger Liebe entbrennen. Was liebestechnisch in den Raunächten los ist, wenn der Zukünftige längst zum Gegenwärtigen geworden ist und neben einem auf der Couch netflixt und ob auch Meerschweinchen und Hamster im Kinderzimmer mitreden dürfen, ist unklar.
Magisches Denken
«Mir sind die Ruhe und das nach Innen gehen dieser Tage wichtig», erklärt Sandra Gohlke ihre Zuneigung zu den Raunächten, «dass man sich gemeinsam mit den Kindern Gedanken macht zum Werden und Vergehen und darüber, wie wir selbst in den Kreislauf der Natur eingebunden sind.» Das könne ein Spaziergang in den schlafenden winterlichen Wald sein, ein Gespräch über verstorbene Familienmitglieder, darüber, ob Erdbeeren zu Weihnachten jahreszeitgemäss sind oder über Probleme, von denen man sich erhofft, sie mögen sich im kommenden Jahr in Luft auflösen und Platz machen für Neues. Rituale, weiss sie aufgrund ihrer pädagogischen Erfahrung, kämen vor allem bei Kindern gut an. Nicht nur weil sie oft sinnlich und berührend sind, und auch nicht nur, weil Rituale, wie im «Geo» zu lesen stand, Halt geben und biochemische Reaktionen in menschlichen Gehirnen auslösen, sondern weil Kinder, stärker als Erwachsene, bildhaft und magisch denken. Symbole, Geschichten, Feuer und besonders Gerüche…all das wirke auf Kinder unmittelbar und tief. Das Jahr über Kräuter und Harze zu sammeln, sie zu trocknen, zu bündeln, zu zermahlen und in einem speziellen Gefäss in der Zeit zwischen den Jahren zu verräuchern, gehöre für sie daher einfach dazu, sagt Sandra Gohlke. Und, nein, die Zimt-Duftkerze «Höstkväll» aus einem schwedischen Einrichtungshaus erfülle nicht den gleichen Zweck. Die «wenig schwingungsintensive» Person schämt sich ein bisschen für den eigentlich durchaus zeitsparenden Vorschlag.
Räuchern für die Ruhe
Auch Bruno Kalbermatten würde es bei der pragmatischen Idee vermutlich grausen. Räuchern ist nämlich sein Geschäft, seine Begabung und, ja, auch seine Passion. «Ich bin damit aufgewachsen. Schon meine Grossmutter war ein richtiges Kräuterweiblein.» Der Räucherspezialist aus Brig im Wallis wird in die Häuser geholt, wenn sich die Bewohner* innen dort unwohl fühlen. Dann geht er mit seinem Rauchgefäss von Zimmer zu Zimmer und verjagt damit, erzählt er, die schlechten Energien. Bevorzugt zum Jahreswechsel. Doch er wird auch in Familien gerufen, wenn Kinder schlecht schlafen. Dann dampft Bruno Kalbermatten hier und qualmt da, häufig mit Lavendel, «und plötzlich finden die Kinder Ruhe». Wieso? Weshalb? «Das ist doch egal, Hauptsache es wirkt.» Missionieren und Bekehren ist nicht sein Ding. Deshalb könnte er zwar jetzt erzählen, dass sich schon Moses bei der Flucht aus Ägypten ein Päuschen gönnte, um auf einem Altar Akazienholz zu räuchern; er könnte von den Römern berichten, die für ihre Schutzgötter des Hauses, die «Penaten», Räucherstäbchen abbrannten; oder er könnte einwenden, der Geruchssinn sei der älteste und Gefühle am stärksten triggernde Sinn des Menschen mit seinen zehn Millionen Riechzellen. Könnte er. Tut er aber nicht. Für Bruno Kalbermatten ist halt einfach die Ratio nicht die ultima ratio. «Vom Denken ins Spüren» zu wechseln, heisst es auf seiner Website, könne höchst vernünftig sein. Zumal in jener «geschenkten Zeit» um den Jahreswechsel, wenn, so Bruno Kalbermatten, «die dicken Mauern zwischen den Welten zur dünnen Zeltwand werden…» Der wenig schwingungsintensiven Zuhörerin fällt bei «Zeltwand» sofort der verregnete Campingurlaub damals in Dänemark ein und wie die Schlafsäcke noch Monate später schimmelig gemüffelt haben… «…bis sie dann wieder undurchlässig wird, die Grenze zur jenseitigen Welt: in der Nacht vom 5. auf den 6.Januar», grätscht Bruno Kalbermatten in die Erinnerung. Deshalb sei diese Nacht eine besonders mystische, «starke» Raunacht. Überhaupt seien «Quatemberlis» – Kinder, die in den Raunächten geboren werden – Menschen, die Zeit ihres Lebens in besonders engem Kontakt zu jenseitigen Welten und zur Magie stünden, weiss Bruno Kalbermatten.
Das 5. Januar-Quatemberli, das ich ja offenbar bin, fühlt sich spontan überhaupt nicht angesprochen und checkt sein übersinnliches Potenzial schnell gegen in Nadine Stegelmeiers Buch über die Raunächte. Wundersamerweise steht aber auch da zu lesen, dass wer während jener zwölf Tage und Nächte geboren wurde, «mit dem zweiten Gesicht gesegnet» sei. Na, toll. Als hätte ich – vor allem morgens – nicht schon genug Ärger mit meinem ersten. Auf ein zweites kann ich da echt verzichten. Doch so einfach ist das nicht, wenn ich Bruno Kalbermatten richtig verstehe. «Kinder der Raunächte wollen von ihren Gaben oft nichts wissen. Aber wenn ein Hirsch sagt, ich bin kein Hirsch, ich bin ein Reh, so bleibt er dennoch ein Hirsch.»
Ähm. Ja.
Hat was. Logisch gesehen.
Dann also: Hirsch.
Vielleicht kann man sich ja auf die Dauer nicht nur mit einem morgendlich verquollenen, sondern auch einem zweiten Gesicht anfreunden. Wenn überhaupt, dann in den Raunächten. Vielleicht mithilfe dieser Familienrituale, denn die sind – schwingungsintensiv hin oder her – wirklich zauberhaft.
Caren Battaglia hat Germanistik, Pädagogik und Publizistik studiert. Und genau das interessiert sie bis heute: Literatur, Geschichten, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren – und wie man am besten davon erzählt. Für «wir eltern» schreibt sie über Partnerschaft und Patchwork, Bildung, Bindung, Erziehung, Erziehungsversuche und alles andere, was mit Familie zu tun hat. Mit ihrer eigenen lebt sie in der Nähe von Zürich.