
Ephraim Bieri
Entwicklung / Musik
Kinder, lasst uns musizieren
Von Judith Bögli Fotos Ephraim Bieri
In jedem Kind steckt eine angeborene musikalische Neugier. Diese kann auf einfache Weise unterstützt werden und das Kind profitiert davon ein Leben lang.







Musik kann einen positiven Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes haben, das ist heute unbestritten. An den über 400 Musikschulen, die in der Schweiz und in Liechtenstein dem Verband Musikschulen Schweiz (VMS) angeschlossen sind, werden rund 280 000 Musikschülerinnen und Musikschüler unterrichtet. Dazu kommt eine stattliche Anzahl Kinder, die an privaten Musikschulen musizieren.
Das musikalischeAngebot für Kinder und ihre Eltern ist breit und reicht von Eltern-Kind-Singen und Früh-Rhythmik über den Kinderchor, Bambusflöte bauen bis zum gängigen Instrumentalunterricht. Wann und wie ein Kind in die Welt der Musik einsteigt, wird stark von den Eltern und seinem ganzen Umfeld geprägt.
Raum für Kreativität
«Der beste Zeitpunkt, um mit Musik zu beginnen, ist neun Monate vor der Geburt der Mutter», zitiert Regula Schwarzenbach den Musikpädagogen Zoltán Kodály. Wenn also schon die Grossmutter mit der Mutter im Bauch musizierte, so ist das die beste Ausgangslage. Für die Flötistin und Gründerin des Edwin E. Gordon Institut Schweiz gibt es kein Mindestalter für Musik. Im Gegenteil: «Es ist nie zu früh, Musik zu lernen, Hauptsache es geschieht in liebevoller Atmosphäre, dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst und ohne Leistungsdruck.»
Schon Kindern kurz nach der Geburt bietet Regula Schwarzenbach in Uster Musikunterricht nach der Theorie von Edwin E. Gordonan. Das Besondere der Theorie zeigt sich im Begriff Audiation. Audiationsfähigkeit bedeutet, akustisch nicht präsente Musik innerlich zu hören und zu verstehen. «Audiation ist für die Musik, was der Gedanke für die Sprache ist», sagt Regula Schwarzenbach und betont: «Je früher man mit Musik anfängt, desto einfacher ist es.»
Neugier von Kleinkindern nutzen
Die Bereitschaft, Musik zu erlernen sei in den ersten 18 Monaten am grössten. Dabei gehe es aber nicht um Frühförderung im Sinne einer musikalischen Karriere, sondern darum, die angeborene musikalische Neugier kleiner Kinder zu nutzen. Musikalität könne bis zum neunten Lebensjahr entwickelt werden, aber es sei wie beim Muskel, der nicht gebraucht werde: «Er kann verkümmern. Ihn später wieder aufzubauen, ist schwieriger.» Regula Schwarzenbach braucht bei ihrem Musikunterricht mit den Kleinsten weder Instrumente noch Liedtexte.
Die MusicLearning Theory verfolgt das Ziel, das Kind intrinsisch zu fördern, Raum für Kreativität und eigenen Ausdruck zu lassen. So singt sie beispielsweise nur kurze, aber rhythmisch anspruchsvolle musikalische Inputs, nimmt dann die Reaktionen der Kinder wieder auf und spiegelt, was sie bei den Kindern wahrnimmt.
Das passende Instrument finden
Auch die bekannte Violinistin Gwendolyn Masin, die in Bern, Dublin und Budapest zu Hause ist, plädiert für einen frühen Start in die Musik. Sie selber spielte mit drei Jahren Klavier und wechselte mit fünf Jahren zur Geige. «Ich spielte gerne Klavier, aber mit der Geige konnte ich mich bewegen, ich konnte mit ihr tanzen», sagt sie. Instrument und Persönlichkeit müssten zueinander passen, das sei die Grundlage.
Wenn also ein Kind einen Instrumentenwunsch äussere, sollte der von den Eltern sehr ernst genommen werden, sagt Masin. Je früher man mit Musik beginne, desto grösser die Chancen, später erfolgreich zu musizieren. Da stecke kein Frühförderungswahn dahinter, sondern reine Physiologie. Durch das frühe Spielen eines Instruments entstehen im Gehirn wichtige Nervenverbindungen. Diese sind laut Masin besonders wichtig für Koordination, Bewegung und Konzentration.
Musik wirkt aufs Hirn
Über die Wirkung von Musik im Kinderhirn existieren verschiedenste Studien. Als erwiesen scheint, dass durch aktives Musizieren die Dichte an Nervenzellen im Hirn zunimmt und die verschiedenen Gehirnregionen besser vernetzt werden. Da man beim Musikmachen gleichzeitig hört, sieht und sich bewegt, sind entsprechend viele Hirngebiete aktiv. Alle diese Veränderungen im Hirn haben einen positiven Effekt auf das Lernen in anderen Bereichen.
Um Kinder ab vier Jahren spielerisch in den Geigenunterricht einzuführen, hat Gwendolyn Masin ein spezielles Lehrmittel entwickelt, das noch 2017 in deutscher Fassung erscheint. 50 Prozent des Hefts richten sich an das Kind selber. Zusammen mit Michaela, der Leitfigur, machen sich die Kinder auf einen musikalischen Lernweg voller Fantasiefiguren, Märchen und Spiele. Die anderen 50 Prozent des Hefts richten sich an die Eltern. Ihnen wird erklärt, welchetheoretischen Überlegungen hinter den Ausführungen für die Kinder stecken. «Es ist sehr wichtig, dass Eltern verstehen, was ihre Kinder lernen», sagt Gwendolyn Masin. Die Idee sei dabei, dass auch musikunerfahrene Eltern Zugang zur Musik findenund ihr Kind im Lernprozess unterstützen könnten.
Instrumente in Kindergrösse
In welchem Alter ein bestimmtes Instrumente erlernt werden kann, dazu findet man heute kaum noch Regeln oder Empfehlungen. «In die meisten Instrumentenfächer kann man ab vier, fünf Jahren problemlos einsteigen», sagt auch Gerhard Müller, Direktor der Musikschule Konservatorium Bern. Alte Faustregeln, beispielsweise, dass der Zahnwechsel für das Erlernen eines Blechblasinstruments vorbei sein müsse, gelten längst nicht mehr.
Heute gebe es sogar für schlagzeuginteressierte Kinder die Möglichkeit, mit fünf Jahren in die Frühperkussion einzusteigen. «Ob der Einstieg so früh möglich ist, hängt vor allem davon ab, ob die Lehrperson bereit ist, mit so kleinen Kindern zu arbeiten», sagt Gerhard Müller. Ähnliches ist auch beim Verband der Musikschulen Schweiz zu hören.
Fast alle Instrumente könnten dank Kindergrössen ab spätestens sechs bis acht Jahren gespielt werden, dies gelte sogar für Kontrabässe. Auch bei Blasinstrumenten ist die Altersgrenze gesunken. Lange galt hier die Blockflöte als Einstiegsinstrument, was heute aber als überholt gilt.
Musikschulen beraten Familien
Wann und mit welchem Instrument ein Kind in den Musikunterricht einsteigt, isteine sehr individuelle Entscheidung, die von der ganzen Familie sorgfältig getroffen werden muss. Hilfreich für diese Entscheidung ist oft ein unverbindliches Beratungsgespräch an einer Musikschule.
Die meisten Musikschulen bieten auch regelmässig Tage der offenen Tür an, an denen Instrumente ausprobiert werden können und die Lehrpersonen für Informationen zur Verfügung stehen. So kann ein Kind auch mit weniger bekannten Instrumenten in Kontakt kommen und bleibt nicht unbedingt bei den bekannten Spitzenreitern Klavier, Violine, Cello oder Gitarre hängen.
Egal, wo die musikalische Begeisterung eines Kindes auftrifft: Wird sie wahrgenommen und vom Umfeld getragen, kann etwas Wunderbares daraus entstehen – vorausgesetzt, die Lust an der Musik steht im Vordergrund.