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Entwicklung / Musik
Jeden Tag üben?
Wird das geliebte Hobby zur Last, steigen Kinder aus dem Instrumentalunterricht aus. Musikpädagoge Christian Berger erklärt, wie Eltern ein motivierendes Umfeld schaffen.

Christina Berger / zvg
Christian Berger (1963) leitet an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) den Masterstudiengang Elementare Musikpädagogik. Er komponiert und konzertiert im In- und Ausland.
wir eltern: Herr Berger, Kinder haben heute so viele Freizeitoptionen. Müssen sie zwingend noch ein Instrument spielen?
Christian Berger: Musikmachen ist wesensspezifisch für den Menschen – es gehört zu uns. Im musikalischen Tun kann ein Instrument Platz haben. Doch ein Instrument zu spielen, darf nie zwingend sein. Wichtigist, dass sich das Kind unterstützt fühlt statt gedrängt. Eltern können ihrem Kind vermitteln: «Es ist schön, dass du das machen kannst und wenn du Lust hast, solltest du es machen.»
Und wenn sich ein Kind für ein Instrument entschieden hat?
Dann geht es in die gleiche Richtung weiter. Statt Leistungsdruck wirkt ein positives, motivierendes Umfeld gerade bei jüngeren Kindern für die Lernbiografie unterstützend. Es gibt viele Menschen, die abrupt mit einem Instrument aufhören. Offensichtlich ist das Musizieren auf diesem Instrument nicht zum Bedürfnis geworden; es gibt keine Verbindung zum Tun.
Und mit einer unterstützenden Haltung gelingt es besser, dem Kind diese Verbindung zu ermöglichen?
Viel besser! Ein Beispiel: Wer eine unterstützende Haltung einnimmt, lässt ein Kind selbstverständlich nach zwei Jahren Klavierunterricht zur Posaune wechseln, wenn es den Wunsch äussert und alle Beteiligten einen Sinn darin sehen. Denn der Wert liegt in der Tätigkeit der Auseinandersetzung mit musikalischen Ausdrucksweisen und nicht in der Entscheidung, beim erstgewählten Instrument zu bleiben.
Halten Sie auch nichts von Abmachungen wie jeden Tag 10 Minuten zu üben?
Doch, schon. Eltern sollten hier eine Form der Unterstützung finden, die verbindlich ist, aber das Kind auch dem Alter und seinen vielen anderen Bedürfnissen entsprechend wahrnimmt. Es sollte eine gute Verbindung geben zwischen notwendigem Üben und der eigenen intrinsischen Motivation. Also sollten Eltern zum Ausdruck bringen: «Es ist etwas Tolles und wir sollten es einrichten, dass du zum Üben kommst.» Wenn es hingegen heisst: «Du hast noch nicht geübt, du darfst nicht nach draussen», wird das geliebte Hobby zur Last.
Das klingt anspruchsvoll.
Ja, aber es ist auch befreiend. Eltern kommen ja auch unter Druck. Das Kind übt zu wenig, man zahlt für den Unterricht, das Instrument war auch nicht billig, was denkt der Lehrer, und so fort. Man beginnt, Sachen gross zu machen, die überhaupt keine Relevanz haben dafür, was tatsächlich stattfindet. Den Wert des musischen Tuns sollten wir darin sehen, dass er Beschäftigung ermöglicht und eine Tiefe darin stattfindet, das Kind macht sich hier etwas zu eigen – und es gibt verschiedene Wege, das zu machen. Üben gehört dazu. Doch empfindet das Kind das Musikmachen nur als anstrengend, wird es schwierig, es dran zu behalten.
Dann steigt es aus.
Hier ist das ganze System herausgefordert. Viele Lehrer sind selbst geprägt durch ihre Biografien, in denen es hiess: «Wer übt, kommt weit.» Und es stimmt in ihrem Fall, sie sind ja Musiker geworden. Der grösste Teil der Kinder, die Musik machen, finden es schön, sich mit dem Instrument zu beschäftigen, aber sie lieben auch noch viel mehr auf der Welt. Diese Kinder zu unterstützen heisst, man muss einen guten Dialog finden im Anweisen, im Verbindlichen, aber auch im Platz lassen, damit das Kind es für sich macht und die Tätigkeit nicht für den Lehrer, die Eltern oder Grosseltern ausübt. Hier ist viel in Bewegung an den Musikschulen und in der Musikpädagogik, aber das ist eine grosse Herausforderung.
Früher war es üblich, dass Kinder im Kindergarten schon Blockflöte spielen lernen. Sowohl die Blockflöte als auch der frühe Start sind heute nicht mehr verbreitet. Warum?
Die Blockflötenbewegung war der Start einer neuen Idee, dass Musikmachen für alle möglich sein muss. Die Blockflöte war günstig, leicht zu transportieren, Kinder konnten rasch einfache Melodien spielen. Mittlerweile sind wir Gott sei Dank viel weiter. Weder gibt es Einsteigerinstrumente, noch gibt es ein Instrument, das für alle passt. Heute ist man der Auffassung, dass sich jüngere Kinder in der Musikalischen Grundschule oder den Angeboten einer Elementaren Musikpädagogik breit mit Musik und Bewegung auseinandersetzen sollen. Wenn daraus nachher ein Instrumentenwunsch entsteht, soll das Kind möglichst mit seinem Wunschinstrument anfangen können.
Gibt es einen idealen Einstiegspunkt für den Instrumentalunterricht?
Ich bin der Auffassung, der beste Einstieg ist dann, wenn das Kind sagt: «Ich will.» Wenn das in der zweiten Klasse ist, ist das schön. Wenn es in der fünften Klasse oder erst in der Pubertät ist, ist es genauso schön. Ein Kind, das in der fünften Klasse in den Instrumentalunterricht einsteigt, steht intellektuell an einem ganz anderen Ort und kann viele Sachen verstehen, die das jüngere Kind noch nicht intellektuell einordnen kann. Der frühe Einstieg kann sich relativieren.