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Mental Load
Mental Load: Was eine Mutter dazu sagt
Mental Load ist eine nie endende, ermüdende Denk-Arbeit, die fast zu 100 Prozent auf den Schultern der Frauen lastet. Ein Elternpaar findet einen Ausweg.
Endlos lange To-do-Listen und viel Organisation gehören zum Familienleben dazu. Streit ist vorprogrammiert, denn diesen Mental Load tragen immer noch grösstenteils die Mütter. Warum ist das so? Das Elternpaar Rikli-Hunziker hat sich Gedanken dazu gemacht. In diesem Artikel lesen Sie die Überlegungen von Marah Rikli zum Thema. Die Replik ihres Mannes ist untenstehend verlinkt.
Hier folgt zunächst das «Sie sagt»:
Bei mir begann es mit dem Denk-Stress schon in der Schwangerschaft: Babybett, Kinderwagen, Kleider und Windeln besorgen, Geburtshäuser und Kliniken anschauen, die Geburtskarten vorbereiten, meinen Arbeitgeber informieren und den Wiedereinstieg besprechen sowie beim HR die nötigen Formulare ausfüllen. Dazu kamen die Frauenarzt-, Hebammen- und Akupunktur-Termine. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es den Schwangeren ergeht, die dazu auch noch heiraten oder umziehen.
Denn mal ehrlich, sobald im Unterleib der Frau ein kleiner Embryo eingezogen ist, liegt nicht nur das Austragen dessen, sondern auch die Haupt-Denk- und Organisationsarbeit bei ihr. So rannte also auch ich wie eine fremdgesteuerte Ameise in die Babyläden, zu Ikea und in die Kinderbörse, während der werdende Papa einfach wie immer arbeitete, seinen Hobbys nachging und fand, es sei reine Überfürsorge, sich um all das schon jetzt zu kümmern.
Auch nach der Geburt war es erst nicht anders: Ich dachte daran, das Babybett frisch zu beziehen oder die Nuggis auszukochen. Ich meldete das Baby bei der Krankenkasse an und organisierte den Kita-Platz oder stellte den Antrag auf Subventionen. Für meinen älteren Sohn musste ebenfalls gesorgt sein: Hosen flicken, da schon wieder kaputt. Packen fürs Klassenlager. Sechs Wochen nach der Geburt des Geschwisterchens fand bei ihm ein Elternabend statt – ich ging hin und stillte gleichzeitig das Baby.




Trotz Frauenstreik, Sprachregelungen und VaKi-Turnen dominiert bei Familie Schweizer (und somit erst auch bei uns) nach wie vor die traditionelle Rollenverteilung. Kaum sind die Kinder auf der Welt, ist der Mann in hohem Pensum am Arbeiten, die Frau hauptsächlich bei den Kindern. Die logische Konsequenz: Der Mann hat kaum eine Vorstellung davon, woran es im gemachten Nest alles zu denken gilt. Und: Die Frau steuert häufig auf ein Burn-out zu. Denn anders als beim Mental Load im Geschäft lässt sich der «Hausfrauen-Mental-Load» nämlich nicht einfach mit dem PC herunterfahren. Der Tag ist nie zu Ende, die Arbeit immer vor Augen. So entwickelte ich mich immer mehr zu dem, was ich nie sein wollte: einer nörgelnden, müden und unzufriedenen «Hausfrau».
Immer wieder gab es Streit, mein Mann war dabei hilflos und ich vermute verletzt. Auch er wollte das nicht. Er würde ja schon «helfen», wenn er denn wüsste, was es zu «helfen» gäbe, sagte er, forderte darum eine «Schatz-denk-bitte-noch-daran-Liste» und arbeitete diese auch brav ab. Was für mich jedoch hiess: Ich musste nicht mehr nur dran denken, was es noch zum Drandenken gab, sondern hatte auch noch daran zu denken, es ihm aufzuschreiben. So degradierte er sich vom Partner zum Assistenten, mit Gleichberechtigung hatte das alles wenig zu tun.
Das Problem mit dem Mental Load in Familien ist ja nicht nur ein temporäres, mit Schulkindern spitzt es sich weiter zu. Schulreisen, Klassenlager, Elternabende, Hausaufgaben, Sportvereins-Anlässe und Ferienbetreuung gilt es zu koordinieren, gewisse Lehrer kontaktieren gar konsequent die Mutter. Diese Erfahrung hatte ich bereits in meiner ersten Ehe gemacht.
Spätestens jetzt wurde es darum Zeit, unsere Rollenverteilung zu prüfen: Wäre es nicht besser, ich würde mein Pensum aufstocken und er seines reduzieren, damit es fairer würde? Immerhin war das gemeinsame Kind jetzt schon drei Jahre alt. Ich brachte konkrete Beispiele meiner Hausarbeit, zeigte meinem Mann die vielen Ordner mit Kita-Administration, IV-Unterlagen für unsere Tochter oder die Unmengen von Zetteln aus der Schule meines Sohnes. Wir machten eine gemeinsame digitale Agenda. Er sah nun alle die Termine.
Heute arbeitet er 60 Prozent und ich 80 Prozent. Wir haben den Mental Load zusammen im Griff, auch wenn wir immer noch ab und zu Zuständigkeiten klären müssen. Ich glaube, es ist niemand schuld an dieser Misere, aber es braucht ein grundsätzliches Umdenken, eine Umstrukturierung der Familie, ein sich verabschieden von veralteten Familienmodellen. So wie mein Mann raus musste aus der ach so praktischen Denkfalle, ich mache das ja alles viel besser als er, und einsehen musste, dass Haus- und Denkarbeit genauso wertvoll ist wie Geld verdienen im Büro. Und ich musste lernen, ihn daheim wirklich für voll zu nehmen. So änderte sich einiges.
Wollen wir Frauen weniger Mental Load, müssen wir mehr davon abgeben oder uns weniger davon aufladen. Es braucht kein selbstgemachtes Brot zum Znüni und nicht jedes Familienmitglied wünscht sich ein selbst gebasteltes Geburtstagsgeschenk. Unser Wohnzimmerboden ist auch noch einigermassen erträglich, wenn er eine Woche nicht feucht aufgenommen wurde und auch andere können mal einen Sitz im Elternrat übernehmen. Wir Frauen sollten definitiv mehr aus dem Haus und mehr in die Arbeitswelt. Und dem Mann vertrauen, dass er es zu Hause auch packt. Sofern er denn weiss, was er zu tun hat.
Marah Rikli ist freie Autorin, Moderatorin, ehemalige Buchhändlerin und aktive Speakerin für Diversität und Inklusion. Sie lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Zürich. Und lancierte kürzlich ihren eignen Podcast Podcast Sara & Marah im Gespräch mit…