
Nora Dal Cero
Auszeiten
«Rollenspiele sind meine Auszeit von der Familie»
Als Kind träume Lea Deak davon, für ein paar Wochen auf einer Burg zu leben. Als sie Mutter wurde, sehnte sie sich nach einem Ort, an dem sie sich komplett vergessen und eine andere sein konnte. Heute nimmt sie an Larp-Spielen teil.
Meine älteste Tochter war gerade zwei Jahre alt, als ich im Fernsehen eine Dokumentation über Larp-Spiele sah. Die Abkürzung steht für Live Action Role Playing und ist eine Form von Rollenspielen, bei denen die Teilnehmer ihre Spielfigur physisch selbst darstellen und über Tage gemeinsam darin abtauchen. Ich war fasziniert, begann zu recherchieren. Das führte mich an einen Larp-Stammtisch in Zürich, wo sich Gleichgesinnte treffen. Bald darauf nahm ich an meinem ersten Kampftraining teil. Zwar kann ich als ehemalige WM-Teilnehmerin fechten, aber hier geht es um einen cineastischen Kampf, um Schönheit und Ausdruck. Das Erlebnis ist der Gewinn, nicht das Gewinnen.
Bald darauf fühlte ich wieder, wie es ist, wenn mein Körper wahrhaftig und mit ganzem Geist gebraucht wird. Wenn ich komplett umschalte und Höchstleistungen erbringen kann. Und während ich im Alltag schon keine Lust habe, mich zum Joggen zu zwingen, kann ich im Spiel über fünf Tage lang in schwerer Rüstung durch den Wald rennen. Ich trinke viel Wasser, esse gesund. Das tut körperlich extrem gut ! Aber natürlich ist das nur eine Komponente. Die Vorbereitungen auf ein Spiel beginnen schon Wochen vorher. In Brockenhäusern suche ich Stoffe zusammen, am Laufmeter würde das ein Vermögen kosten. Denn ich nähe alle meine Gewandungen selbst. Eigentlich bin ich ganz froh um die Beschränkung beim Material: Wir verwenden nur, was es im Mittelalter auch schon gab. Also meist Seide, Wolle oder Leinen. Es löst bei mir Kreativität aus, wenn ich Probleme mit wenig Mitteln lösen muss. Bei der Stoffsuche gehe ich vom jeweiligen Charakter aus.
Sich selber besser kennenlernen
Die Kostüme müssen primär halten, dürfen dreckig werden, man muss damit durch einen Dornenwald rennen können. Obwohl ich manchmal monatelang an den Ziernähten arbeite. Ich habe für die Gewandungen und das restliche Material einen Lagerraum gemietet. Da gibt es fünf feste Charaktere, die ich öfters spiele. Diese sind nach einer Art Rezept aufgebaut: Zu einem Drittel verkörpern sie, was du bist. Der zweite Teil sind Eigenschaften, die dir gar nicht entsprechen. Und der dritte Teil steht für das, was du gerne wärst. Im Charakter erlebe ich komplett andere Bedingungen, da sind auch Dinge möglich, die ich sonst gar nicht aushalten würde. Etwa, wenn verfeindete Gruppen ihre Kinder tauschen. So etwas könnte ich niemals. Und doch habe ich mich auch selbst besser kennengelernt. Bedürfnisse an mir entdeckt, die ich sonst verdrängt habe. Ich kann schreien, mich unter einen Tisch fallen lassen, mich komplett reinstürzen in diese andere Welt. Und ja, das unterscheidet sie komplett vom Mental Load im Alltag, wo ich jeden Tag an so viele Dinge gleichzeitig denken muss.

«Die Freiheit, allein zu sein», nimmt sich die Autorin Sarah Diehl nicht nur für sich selbst, sondern ermutigt in ihrem Buch Frauen, in Liebe und Familie ihre Eigenständigkeit zu pflegen. Sie durchleuchtet aber auch toxische Belohnungssysteme und gibt Ratschläge, um ein gutes Alleinsein zu finden.
Bei manchen Spielen kommen auch meine Kinder mit, manchmal sogar meine Mutter. Diese Welt ist auch mein Zuhause, daher war es mir wichtig, dass meine Familie sie kennenlernt. Oft gehe ich aber auch alleine und sie wissen: Wenn Mama weg ist, dann haben wir Papazeit und das ist auch gut. Wahrscheinlich habe ich erst mit den LarpSpielen gelernt, für mich selbst einzustehen, eigene Freiräume einzufordern. Einfach, weil es mir so viel zurückgegeben hat. Und ich dachte mir : glückliche Mama, glückliche Babys. Das hat mir sehr geholfen. Denn natürlich vermisse ich sie auch, doch ich möchte stark und ausgeglichen bleiben. Hin und wieder in andere Gewänder, in andere Zeiten schlüpfen und auch mal Pflichten abgeben. Vielleicht andere annehmen, wenn ich ein Heer von vierzig Leuten unterhalte.