
Monatsgespräch / David Nadal
« Ich mag das Wort Versuchskaninchen nicht»
Von Manuela von Ah
Die meisten Medikamente und Behandlungsmethoden für Kinder wurden nur an Erwachsenen getestet. David Nadal, Direktor des Forschungszentrums für das Kind am Universitäts-Kinderspital Zürich, wünscht sich, dass Eltern offener für die Forschung am Kind werden.
David Nadal (62) ist Kinderarzt, Leiter der Infektiologie am Kinderspital Zürich und Professor und Direktor des Forschungszentrums für das Kind am Universitäts-Kinderspital Zürich. Zusammen mit den Universitäts-Kinderspitälern Basel, Bern, Genf und Lausanne sowie den Kinderspitälern Aarau, Luzern und St. Gallen gründete er «SwissPedNet», ein Schweizer Netzwerk, das mithilft, die Forschung zugunsten kranker Kinder zu intensivieren. Die Zusammenarbeit erleichtert den kleinen Patienten den Zugang zu neuen Medikamenten oder diagnostischen oder therapeutischen Verfahren. Das Tessin wurde letztes Jahr in diesen Verbund neu aufgenommen. www.scto.ch
wir eltern: Herr Nadal, rund 50 bis 80 Prozent der Medikamente und Behandlungsmethoden, die Kinder heute in Spitälern oder bei der Kinderärztin erhalten, wurden gar nie an Kindern getestet. Wie kommt das?
David Nadal: Kinder gelten als besonders schützenswerte Menschen, lange hat man deshalb von Studien bei Kindern abgesehen. Wenn immer möglich sollten Medikamente zuerst an Erwachsenen getestet werden. Lässt das Forschungsvorhaben keinen unmittelbaren Nutzen für die urteilsunfähige Person erwarten, dürfen von Gesetzes wegen Risiken und Belastungen für diese nur minimal sein.
Dann werden unseren Kindern Pillen verabreicht, von denen man nicht weiss, wie sie wirken?
Weil für viele Medikamente oder Therapien entsprechende Studien an Kindern fehlen, müssen wir Kinderärzte uns tatsächlich oft auf unsere Erfahrungen verlassen statt auf wissenschaftlich erhärtete Fakten. Man spricht auch von Off Label-Use. In den allermeisten Fällen geht das gut. Die Krux ist, dass sich Ergebnisse aus der Forschung am Erwachsenen nicht einfach aufs Kind übertragen lassen. Man muss sich bewusst sein, dass der kindliche Körper auf eine Substanz anders reagieren kann.
Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Ein bekanntes Beispiel ist Ritalin. Beim Erwachsenen wirkt das Medikament anregend, ein Kind mit ADHS aber wird mit Ritalin ruhiger und kann sich besser konzentrieren. Ein anderes Beispiel ist Viagra: Bei Erwachsenen steigert es die Potenz, Frühgeborenen wird es zur Senkung des Gefässwiderstandes in der Lunge und somit zur Entlastung der Herzarbeit verabreicht. Das meiste sind Erfahrungswerte, verlässliche klinische Studien dazu wurden bisher nicht durchgeführt.
Warum wird nicht mehr geforscht?
Wir brauchen vor allem Daten, die weit über jene von Gewicht und Länge hinausgehen. Nicht-invasive Langzeitstudien wie Schlaf oder Wachstum stellen kein Problem dar. Selbst eine Krankheit wie Leukämie ist heute bei 80 Prozent der Kinder dank Forschung heilbar, und Tuberkulose und HIV beim Kind haben wir im Griff. Wünschenswert wäre aber, beispielsweise Blutwerte aus verschiedenen Lebensphasen von gesunden Kindern zu erhalten. Wir brauchen sozusagen Normwerte. Dazu muss man gesunden Kindern Blut entnehmen, was bedeutet, dass wir sie piksen müssen. Solch invasive Studien sind eine Hürde.
Sie müssen Eltern demnach überzeugen, ihre Kinder sozusagen als «Versuchskaninchen» für die Forschung zur Verfügung zu stellen?
Ich mag das Wort Versuchskaninchen nicht. Ich als Vater würde auch nicht wollen, dass mein Kind ein «Versuchskaninchen» ist. Andererseits ist ein Kind, das ein Off-Label- Use-Medikament erhält, doch eher ein «Versuchskaninchen», als wenn es im Rahmen einer Studie gut überwacht und betreut wird und die Eltern voll informiert sind! Ich verstehe Eltern, die bei uns um ihr Frühgeborenes bangen, dass sie es als höchst unangenehm empfinden, wenn sich zusätzlich jemand aufdrängt mit der Frage, ob sie bereit seien, ihr Kind an einer Studie teilnehmen zu lassen. Gerade bei den Jüngsten aber ist die Datenlage am schlechtesten.
1. Medikamente für Erwachsene
Zunächst wird das Medikament für Erwachsene entwickelt und zugelassen. Zeitraum: mehr als 10 Jahre
2. Kinderstudienplan festlegen
Die Herstellerin legt in einem Kinderstudienplan fest, für welche Altersgruppe das Medikament untersucht werden soll und wie. Der Plan wird von der Behörde bewilligt.
3. Darreichung entwickeln
Je nach Alter der in der Studie eingeschlossenen Kinder wird eine geeignete Darreichungsform entwickelt, z. B. ein Sirup oder eine Minitablette.
4. Phase zwei: Studie mit wenigen kranken Kindern
Kranke Kinder werden behandelt und der Wirkstoff mit der bisherigen Standardtherapie verglichen. (Phase-I-Studie mit gesunden Kindern nur in Ausnahmefällen.)
5. Phase drei: Studie mit vielen kranken Kindern
Nun wird das Medikament an Hunderten, manchmal Tausenden Kindern erprobt. Auf diese Weise können auch seltenere Nebenwirkungen entdeckt werden.
6. Begutachtung/Zulassung
Die Zulassungsbehörde begutachtet die Resultate. Fallen diese positiv aus, erhält das Medikament die Zulassung auch für Kinder.
Quelle: Broschüre «Mehr Arzneimittel für Kinder entwickeln» von SwissPedNet und Interpharma
Welche Ängste haben der Eltern?
Die grösste Befürchtung der Eltern ist, dass man bei ihrem Kind Schaden anrichten könnte. Das ist verständlich. Die Situation ist aber eine andere, wenn bisher keine wirksame Therapie zur Verfügung steht. Insbesondere, wenn ein Kind eine schwere Krankheit mit einer schlechten Prognose hat, sind Eltern froh und dankbar, wenn neue Behandlungsverfahren geprüft werden können.
Bei Antibiotika beispielsweise sind Ärzte und Eltern freizügiger bei der Verordnung als bei Medikamenten mit offensichtlich toxischer Wirkung wie etwa Krebsmedikamenten, die nur von Spezialisten verordnet werden. Viele haben das Gefühl, Antibiotika seien meist gut verträglich. Welcher Schaden damit angerichtet werden kann, ist nicht immer bekannt. Das bezieht sich nicht nur auf das Organgewebe. Ein Antibiotikum kann die ganze Darmflora oder die Flora im Nasen-Rachenraum verändern und Auswirkungen auf die Verdauung, Nahrungsaufnahme und so weiter haben. Wir überlegen uns grundsätzlich sehr genau, welche Studien wir durchführen und welche wir bleiben lassen. Wir sind uns bewusst, dass das, was wir mit den Kindern machen in dieser sehr fragilen Lebensphase, Bedeutung haben kann für das spätere Leben. Wir eruieren deshalb die bestmöglichen Therapien sehr sorgfältig.
Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie klinische Forschung an Kindern aussieht?
Wir haben zurzeit eine Studie am Laufen,bei der es darum geht, ob man auf dem Notfall bei Kindern Lachgas als Narkosemittel einsetzen soll oder nicht. Lachgas wird zwar auf der Notfallstation schon lange eingesetzt – aber eben im sogenannten Off-Label-Use. Wir wollen herausfinden, ob wir für die Schmerzbekämpfung auf intravenöse Narkosen verzichten könnten.
Worauf achten Sie, wenn Sie Eltern und ihre Kinder in Studien einbinden?
Die Studien müssen wirklich sinnvoll sein, das heisst, wichtige Fragen beantworten können. Wir wollen keine Vermarktungsstudien oder Studien zur Steigerung der Profilierung von Personen. Die Sicherheit der Kinder steht im Vordergrund. Andererseits wollen wir Kinder rasch in den Genuss neuer, potenziell wirksamer Substanzen kommen lassen. Dies soll aber nicht auf Kosten der Sicherheit geschehen.
Tatsache ist doch, dass man als Eltern das Beste will für sein krankes Kind. Und es erhält das Beste. Auch deshalb, weil zuvor andere Familien bereit waren, ihr Kind an Studien teilnehmen zu lassen. Wir versuchen Eltern zu überzeugen, dass sie einen Beitrag leisten können. Nicht unbedingt fürs eigene Kind, aber vielleicht für andere Kinder oder die übernächste Generation.
Die Schweiz hat strenge Richtlinien punkto Studien an Kindern. Ist das im Ausland anders?
Das ist ein heikler Punkt. Das Schlimmste ist, wenn Studien in der Dritten Welt durchgeführt werden – trotzdem wird es gemacht. Zum einen, weil gewisse Krankheiten in Afrika oder China viel häufiger vorkommen, zum anderen, weil die ethischen Richtlinien weniger rigide sind. Das ist nicht tolerierbar. Zudem reagieren unsere Kinder unter Umständen anders auf Medikamente als afrikanische oder chinesische Kinder. Wir müssen hierzulande selber zum medizinischen Fortschritt beitragen, wir können nicht erwarten, dass dies in der Dritten Welt gemacht wird für uns. Alle Kinder haben die gleichen Rechte.
Wir haben einen hohen Standard in der Schweiz. Trotzdem verstehen wir vieles noch nicht. Wir machen gute Medizin – aber wir könnten bessere machen.
Wie sieht die Zukunft aus? Welche Krankheiten respektive welche Heilmittel dagegen werden in der Pädiatrie im Moment besonders intensiv erforscht?
Krankheiten bei Kindern sind glücklicherweise generell seltener als bei Erwachsenen. Aber die sogenannt seltenen Krankheiten – wie etwa angeborene Stoffwechseldefekte – stellen eine sehr grosse Herausforderung dar. Klinische Forschungsnetzwerke in der Schweiz und in verschiedenen Ländern Europas sollen dazu verhelfen, möglichst vielen Kindern mit seltenen Krankheiten neue Behandlungsmodalitäten anzubieten und diese auch mit Gewinn für die einzelnen Patienten zu studieren.
Das könnte Sie auch interessieren: Zwei Spezialisten für fetomaternale Medizin retten einem ungeborenen Kind das Leben. In einer Not-OP innerhalb des Mutterleibes, veröden die Ärzte erstmals einen Lungentumor. Sehen Sie den Artikel dazu hier.



