Mütter- und Väterberatung
Guter Rat ist nicht teuer

Messen und Wiegen: In der Mütterberatung gibt es für Babys einen Gesundheitscheck, aber nicht nur.
Jeden Freitagnachmittag nehmen jeweils Mütter mit ihren Babys und vereinzelt auch Väter den Kindertreff in der Zürcher Hardau-Siedlung in Beschlag. Die Kleinen werden von ihrer Kleidung befreit, gewogen und gemessen. Manch eines schreit dabei los, ein anderes pinkelt ausgerechnet dann, wenn es auf die Waage gelegt wird: Babyalltag auf der Mütter- und Väterberatung.
Die Beratung ist eine kostenlose Einrichtung, die landesweit in den Gemeinden und Stadtquartieren für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern angeboten wird. Damit ist sie einzigartig – nur Finnland scheint eine vergleichbare Institution zu haben.
Die Mütter- und Väterberaterinnen leiten betreffend Ernährung, Pflege und Erziehung genauso an wie bei Fragen zur geistigen und seelischen Entwicklung des Kindes oder zur sozialen Situation der Familie.
Von der Kontrolleurin zur Begleiterin
«Das pflegerische Grundwissen ist wichtig für Mütterberaterinnen», sagt Rita Bieri, Geschäftsleiterin des Schweizerischen Verbands der Mütterberaterinnen (SVM). «Eine Mütterberaterin muss einschätzen können, ob ein Kind ein medizinisches Problem hat und wenn nötig sofort reagieren.» Mütterberaterinnen sind meist Krankenschwestern, die den 2-jährigen, berufsbegleitenden Diplomlehrgang zur Mütterberaterin HFD (Höheres Fach-Diplom) absolviert haben.
Das Angebot der Mütter- und Väterberatung umfasst die persönliche Beratung vor Ort, Einzelberatungen auf Anmeldung, Telefonberatung, Hausbesuche und an manchen Orten Babymassage. Auf einer Karteikarte wird für jedes Kind nachgeführt, wie gross und schwer es ist und welche Themen besprochen, welche Empfehlungen abgegeben worden sind.
«Wir unterstehen der Schweigepflicht», sagt Beatrice Avduli, Mütterberaterin HFD in Zürich, «wenn wir Eltern an eine weitere Institution verweisen oder mit dem Kinderarzt reden möchten, brauchen wir das Einverständnis der Eltern.»
«Die Schwestern hatten früher eine Kontrollposition», sagt Rita Bieri (Siehe Kasten unten), der Eindruck der Überwachung sei in manchen Köpfen bis heute erhalten geblieben.
«Mittlerweile hat sich die Aufgabe der Mütterberaterin aber von der Kontrolle weg, hin zur Beratung, Begleitung und Unterstützung von Müttern und Vätern entwickelt», so Bieri.
Anwältin des Kindes
Besteht allerdings ein Verdacht auf Vernachlässigung des Kindes oder körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt, thematisiert die Mütterberaterin ihre Sorge gegenüber den Eltern. «Oft sind die Eltern überfordert. Begleitung und Unterstützung können helfen», sagt Beatrice Avduli.
Ist es nicht möglich, die Eltern zur Mitarbeit zu bewegen, muss die Mütterberaterin abwägen, inwiefern das Wohl des Kindes gefährdet ist und allenfalls eine Meldung bei der Vormundschaftsbehörde machen: «Das bedeutet für mich einen Rollenwechsel von der freiwilligen Beraterin zur Anwältin des Kindes. Solche Situationen sind immer belastend.»
In der Mütter- und Väterberatung können aber auch Verhaltensauffälligkeiten entdeckt werden. Ein Vorteil: «Wenn beispielsweise motorische Verzögerungen erst im Kindergarten bemerkt werden, ist es meist zu spät. Und es entstehen Folgekosten, die der Staat zu tragen hat», sagt Rita Bieri.
Isolation und postnatale Depressionen
Irène Candido, Präsidentin des SVM und Mütterberaterin HFD in Grenchen, ist allein für das ganze Stadtgebiet zuständig. «An Grenzen stösst man dann, wenn die Probleme sehr komplex sind», sagt sie, «vor allem in Stadtregionen ist die soziale Belastung der Eltern oft hoch – hier leben anteilmässig mehr Sozialhilfeempfänger.»
Die Beratung sei in den letzten Jahren vielschichtiger geworden. Die multikulturelle Gesellschaft schafft nicht nur mit Verständigungsproblemen, sondern auch mit unterschiedlichen Vorstellungen und Bräuchen neue Herausforderungen. «In den letzten Jahren erlebe ich häufiger, dass Mütter sich isoliert fühlen, nachdem sie vorher berufstätig waren», sagt Candido.
«Auch postnatale Depressionen nehmen zu. Die Frauen haben hohe Ansprüche an sich selbst, aber auch das Umfeld erwartet, dass sie ihren Job hundertprozentig richtig machen – wie vorher im Berufsleben.»
Gespräch bleibt konkurrenzlos
Soziale Probleme treten aber keineswegs nur in Städten auf. Auch Catherine Wyler, Mütterberaterin HFD in einem Winterthurer Stadtquartier und in mehreren Landgemeinden, kann bestätigen: «Heute werden mir vermehrt Fragen zur Erziehung gestellt, aber auch mit finanziellen Problemen von Familien werde ich konfrontiert.» Das persönliche Gespräch wird auch nicht durch Informationsquellen wie das Internet ersetzt. Wyler: «Oft haben die Eltern die Informationen schon, wollen sie aber noch persönlich besprechen.»
Mehr Infos und Standortsuche unter: www.muetterberatung.ch
Die Geschichte der Mütterberatung
Der Ursprung der Mütterberatung reicht bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Damals war die Säuglingssterblichkeit hoch, weshalb 1901 in der Schweiz so genannte Milchküchen entstanden. Hier erhielten Mütter von ausgebildeten Säuglingsfürsorgerinnen nicht nur saubere Säuglingsmilch, sondern auch Unterricht in Pflege, Ernährung und Erziehung von Kleinkindern.
Ab 1920 zog das Kinderhilfswerk «Pro Juventute» mit der «Wanderausstellung für Säuglingspflege» durch die Schweiz und förderte damit die Verbreitung von Mütterberatungsstellen. Die Säuglingsfürsorgerinnen bekamen den amtlichen Auftrag, die Wöchnerinnen zu Hause unangemeldet zu besuchen und zu kontrollieren, ob Hygiene und Pflege akzeptabel waren.
Die Mütter- und Väterberatung wird von etwa 90 Prozent der Eltern genutzt, wie die Pro Juventute in ihrer Elternbefragung von 2008 herausgefunden hat, und dient der Gesundheitsförderung, Prävention und Erziehungsberatung im Kleinkindbereich von null bis fünf Jahren – in einer Zeitspanne also, in der die Weichen etwa für Übergewicht oder Bewegungsmangel gestellt werden.