
Tebea Reusser
Bedürfnisorientierte Erziehung
Wie bedürfnisorientierte Erziehung gelingt
Heutzutage wollen Eltern ihre Kinder bindungs- und bedürfnisorientiert erziehen. Das ist gar nicht so einfach, denn es erfordert ein Umdenken, viel Reflexion und die Auseinandersetzung damit, was Bedürfnisse überhaupt sind.
Ein neuer Umgang mit den Kindern, nicht mehr und nicht weniger, das wollen heute viele junge Eltern. Nicht dass sie eine schlechte Kindheit gehabt hätten, mit den eigenen Eltern zerstritten wären oder mit viel Getöse alles Alte und Bekannte über Bord werfen würden. Nein, das Neue kommt leise daher, vollzieht sich im Innern. Es entspricht «einem Gefühl», sagt Chung Matter* (40), Vater von Lena (8) und Mio (4). Hannah Weiss (35), die Mutter der beiden Kinder, ergänzt: «Wir gehen mit unseren Kindern so um, wie es uns natürlich erscheint, wir folgen unserem Herzen.»
Die Familie wohnt in einer modernen Wohnung in einem konsequent nach den Zielen der 2000 Watt-Gesellschaft erbauten Quartier am Stadtrand von Zürich. Sie arbeitet 50 Prozent als Dokumentalistin, er 80 Prozent als Buchhändler. «Mein Vater ist Schweizer, meine Mutter kommt aus Laos. Ich und meine drei Geschwister sind asiatisch erzogen worden, wir mussten parieren und manchmal gab es einen Klaps auf den Hintern», erzählt der junge Mann mit dem sanften Gesicht und den kunstvoll tätowierten Armen.
Als sein erstes Kind da war, habe er gemerkt, dass seine Erziehung zu streng gewesen sei, sagt er. Und auch Hannah spürte, dass sie ihren Kindern näher sein wollte, als sie selbst es erlebt hatte. «Meine Eltern stellten mich ins Bad, wenn ich nachts weinte und machten die Türe zu, damit sie ungestört schlafen konnten», erzählt sie.
Ihre eigenen Kinder haben in den ersten Jahren im Familienbett geschlafen. «Noch heute wandern sie fast jede Nacht zu uns ins Bett», sagt Hannah. «Das ist ok, denn wir möchten, dass sie ohne Angst aufwachsen und immer zu uns kommen können, wenn sie uns brauchen.» Bindungs- und bedürfnisorientierter Erziehungsstil nennt sich, was die Zürcher Familie beschreibt und was viele Eltern heute anstreben.
Eigene Haltung dem Kind gegenüber
Dabei handelt es sich nicht um eine neue Methode, die sich auf ein übergeordnetes Erziehungsziel ausrichtet, sondern vielmehr um eine Haltung, mit welcher dem Kind begegnet wird. Diese beschreibt Susanne Mierau (41), Pädagogin, Bloggerin und Buchautorin, im Skype-Gespräch mit «wir eltern» so: «Das wichtigste Merkmal ist Offenheit. Ich bin offen für das Wesen des Kindes, ich nehme es bedingungslos an und begleite es ein Stück weit auf seinem Weg.»
Mierau, die mit ihrem Mann und drei Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren in einem kleinen Dorf in Brandenburg lebt, gehört zu den meistbeachteten Vertreter* innen der bedürfnisorientierten Elternschaft; sie hat mehrere Bücher darüber geschrieben, zwei davon sind «Spiegel»-Bestseller. Darin und auf @geborgen_wachsen erklärt sie, wieso es sich lohnt, im Umgang mit Kindern und ihren Bedürfnissen auf Druck, Erwartungen, Strafen oder Belohnungen zu verzichten.

Um bedürfnisorientiert erziehen zu können, ist es wichtig zu wissen, was Bedürfnisse überhaupt sind und wie sie sich im Laufe des Heranwachsens verändern. «Auch als Erwachsene haben wir Bedürfnisse, die sich im Kern von denen der Kinder gar nicht so stark unterscheiden», sagt Susanne Mierau. Sie lassen sich in drei Hauptgruppen einteilen:
- Bedürfnisse nach Nahrung, Erholung, Schutz und Wärme (Grundbedürfnisse)
- Bedürfnisse nach emotionaler Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit (Zugehörigkeitsbedürfnis)
- Bedürfnisse nach Erkundung und Eigenständigkeit (Autonomiebedürfnisse)
Wenn es den Eltern gelingt, diese Bedürfnisse ausreichend zu erfüllen, fühlt sich das Kind angenommen, mit sich selbst und mit anderen wohl und sicher. Es weiss: Ich bin geborgen und verbunden, werde gehalten und getragen. Wenn es zudem erlebt, dass seine Bedürfnisse grundsätzlich richtig sind und auch seine schwierigen Gefühle sein dürfen, fühlt es sich wertgeschätzt und gesehen, so wie es ist.
Durch das offene Erkunden der Umwelt macht das Kind eine Vielzahl von Erfahrungen und lernt schon früh, seinen Interessen und Impulsen angstfrei nachzugehen. Es entwickelt Eigenständigkeit, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit.

In den ersten Lebensjahren sind die Kinder noch nicht fähig sicherzustellen, dass ihre Bedürfnisse gedeckt werden. Es ist die Aufgabe der Eltern zu erkennen, was das Kind braucht, es «lesen» zu lernen und seine Signale richtig zu interpretieren.
Je jünger das Kind, desto zeitnaher muss dies geschehen. «Hat es Hunger, fängt es vielleicht an, an der Hand zu nuckeln», sagt Susanne Mierau. «Wenn wir nicht darauf reagieren, kommt das nächstgrössere Signal: Es fängt an zu weinen. Doch vielleicht will das Baby gar nicht trinken, sondern ihm ist kalt, es braucht Schlaf oder möchte Nähe und Geborgenheit.»
Werden die Bedürfnisse des Kindes regelmässig falsch interpretiert, muss es sich stärker anstrengen, sie zu kommunizieren – eine Negativ-Spirale setzt ein, der Stress nimmt zu. Je nach Temperament des Kindes kann es jedoch auch sein, dass es die Strategie wählt, Bedürfnisse zu unterdrücken. Es passt sich an und ist scheinbar zufrieden, erlebt sich und seine Bedürfnisse aber als falsch, unfähig oder wertlos.
Es ist eine hohe Kunst und eine grosse Verantwortung, das Kind richtig zu verstehen. Eine Aufgabe, an der wir als Eltern manchmal verzweifeln und immer wieder scheitern. Susanne Mierau, was hilft? «Da wir nicht mehr in Grossfamilien leben und den Umgang mit Kindern über Vorbilder lernen, braucht es Infos, Bildung, vielleicht sogar Kurse», sagt die Elternberaterin, die in Berlin Kleinkindpädagogik studiert hat.
«Ebenso wichtig ist genug Zeit, Gelassenheit und dass wir uns vernetzen, dass wir uns mit anderen austauschen und Unterstützung erhalten.» Der deutsche Kinderarzt Herbert Rentz-Polster formuliert es in einem Interview so: «Biologisch gesprochen sind wir kooperative Brüter. Für unseren so aufwendigen Nachwuchs braucht es Helfer am Nest, viele Hände, warmen Rückenwind aus dem Dorf.»
Eigene Bedürfnisse achten
Fehlt es an diesen Zutaten, passiert es schnell, dass die Mütter – und manchmal auch die Väter – ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen verlieren, weil sie so sehr mit dem Kind und dem ganzen Drumherum beschäftigt sind. «Klar, in der ersten Zeit und gerade auch wenn man mehrere Kinder hat, muss man Abstriche machen.
Aber langfristig ist es keine gute Idee, nicht mehr zu duschen», sagt Susanne Mierau. Es geht deshalb darum zu erkennen, was wir als Eltern brauchen und welche Grenzen wir selbst haben. Wenn Kinder grösser werden, müssen sie lernen, dass sie nicht alles sofort bekommen.

«Heute Morgen habe ich mit Lenny gebastelt. Als es Zeit wurde, Mittagessen zu kochen, wollte er um keinen Preis, dass ich aufhöre», erzählt Damirs Huser im Videotelefonat mit «wir eltern». Die 35-jährige Mutter aus Herisau AI und ihr Mann Lars (36) wollen ihren fünfjährigen Sohn bedürfnisorientiert aufwachsen lassen.
«Trotzdem musste ich Lenny beim Basteln auf später vertrösten, denn wir waren hungrig und wollten essen.» Sie habe das Lenny erklärt, doch der Bub sei frustriert gewesen. «Wir mussten seine schwierigen Gefühle aushalten.»
In anderen Situationen sind es die Eltern, die sich dem Kind anpassen. «In meiner Familie galt die Regel beim Abendessen: Zuerst gibt es das Käse- oder Wurstbrot und erst danach das Gonfi-Brötli», erzählt Vater Lars. «Als es Lenny immer wieder anders haben wollte, musste ich mich fragen, ob es Sinn macht, an meinem Prinzip festzuhalten.»
Er habe gemerkt, dass es keinen schlüssigen Grund dafür gab. Ausserdem sei ihm klar geworden, dass er Lenny nicht vertraue. «Eigentlich spüren wir ja auch beim Essen, was uns guttut und was wir brauchen. Wir müssen aber die Gelegenheit erhalten, Erfahrungen damit zu machen.»
Susanne Mierau sagt, wenn es passiere, dass immer wieder an der gleichen Stelle ein Konflikt auftauche, lohne es sich, genauer hinzuschauen: Wieso ist es mir so wichtig, dass das Kind aufisst? Weshalb will ich unbedingt, dass es allein von der Schule nach Hause geht?
Oder umgekehrt: Woher kommt die Angst, dass es das nicht schaffen könnte? «Wir müssen uns fragen, ob der Konflikt tatsächlich etwas mit dem Kind zu tun hat oder ob nicht vielmehr unsere persönliche Interpretation dazu führt, dass wir diesen Konflikt haben.»
Häufig schauen wir in die falsche Richtung. Wir blicken missbilligend zum Kind und verlangen etwas von ihm, was es weder bieten noch leisten kann. Weil wir noch nicht begriffen haben, wer das Kind überhaupt ist. Vielleicht ist es in hohem Mass abenteuerlustig, will alles entdecken und erkunden. Oder es möchte erst aufmerksam beobachten, ist ruhiger, in sich gekehrt.
Wir müssen uns also immer wieder selbst reflektieren, unsere Überzeugungen erkennen, alte Glaubenssätze über Bord werfen, wenn sie niemandem mehr dienen. Und: Unsere Ängste und Befürchtungen ernst nehmen und versuchen, ihnen auf den Grund zu gehen. «Dafür müssen wir am Anfang etwas Zeit und Energie investieren», sagt Mierau. «Beides sparen wir später ein, wenn die Kinder grösser sind, weil wir nicht ausbessern müssen, was schiefgelaufen ist.»
**Um offen reden zu können, ohne ihre Angehörigen zu verletzen, wünschte die Familie eine Anonymisierung ihrer Namen.*
Bedürfnisorientierte Erziehung: Lektüretipps zum Thema
Wer sind die Wegbereiter* innen des bedürfnisorientierten Erziehungsstils und welche Bücher und Blogs gibt es dazu? Ein paar - nicht abschliessende - Empfehlungen.
♦ Psychotherapeutin Jean Lidloff legte mit ihrem Buch über die Lebensweise des indigenen Volks der Yequana den Grundstein für die bedürfnisorientierte Elternschaft. «Auf der Suche nach dem verlorenen Glück» (1977).
♦ Entwicklungsforscher Remo Largo zeigte auf, wie vielfältig Entwicklung und Verhalten der Kinder sind und warnte vor dem Förderwahn in Familie, Kita und Schule. «Babyjahre» (1997), «Kinderjahre» (1999), «Schülerjahre» (2009).
♦ Familientherapeut Jesper Juul setzte sich unermüdlich dafür ein, dass wir Kinder gleichwürdig behandeln und ihnen die Möglichkeit geben, Selbstgefühl zu entwickeln. «Dein kompetentes Kind» (1995), «Leitwölfe sein» (2016).
♦ Hirnforscher Gerald Hüther fordert, dass wir Kinder nicht zu Objekten unserer Wünsche und Ziele machen, sondern ihnen helfen, ihr Potenzial zu entfalten. «Etwas mehr Hirn, bitte» (2015).
♦ Wissenschaftsjournalistin Nicola Schmidt zeigt, wie wir als Spezies Mensch unseren Nachwuchs artgerecht aufziehen können. «Der Eltern-Kompass» (2020), «Artgerecht» (ab 2015).
♦ Die Autorinnen Danielle Graf und Katja Seide unterstützen mit ihrem Blog und den Büchern über «Das gewünschteste Wunschkind» Eltern im bedürfnisorientierten Alltag (ab 2016).
♦ Kleinkindpädagogin Susanne Mierau begleitet mit ihrem grossen Fachwissen Eltern durch den anspruchsvollen Familienalltag. «Geborgen wachsen» (2016), «Frei und unverbogen» (2021).
♦ Bloggerin Ellen Girod setzt sich ein für mehr Respekt Kindern gegenüber und beschreibt auf chezmamapoule.ch ein Familienleben mit Kindern auf Augenhöhe.
Veronica Bonilla wollte früher Fallschirmspringerin werden. Seit sie den freien Fall bei der Geburt ihrer Kinder erlebt hat, hat sich dieser Wunsch in Luft aufgelöst. Übergänge und Grenzerfahrungen faszinieren sie bis heute. Dabei liebt sie es, um die Ecke zu denken und sich davon überraschen zu lassen, was dort auftaucht. Und stellt immer wieder fest, dass ihr Herz ganz laut für die Kinder schlägt. Sie war bis 2022 auf der Redaktion fest angestellt, seither als Freie für das Magazin tätig.