Entspannung für Eltern
Baby-Pause
Von Stéphanie Berger Krummacher

Daniel Ammann
Kaum hatte ich den Gemeinschaftsraum betreten, sah ich: Mit meinen Augenringen befand ich mich in bester Gesellschaft. Die zehn anwesenden Mütter und Väter trugen dieselben Schatten «frischgebackener » Eltern um die Augen und mindestens ein Baby auf dem Arm. Der Alltag mit einem Säugling hinterlässt Spuren. Nicht nur im Herz. Selber hatte ich seit mehreren Monaten nicht mehr durchgeschlafen. Nachts hielt mich das Baby wach, tagsüber der knapp 4-jährige Junge auf Trab. Nun aber standen drei Tage Mama-Oase zwischen mir und meinem Mutteralltag. Drei Tage, in denen ich den Tagesablauf bestimmen würde und nicht meine Kinder.
Ungestörtes Dîner à deux
Ein Luxus, den sich Eltern in den ersten Wochen nach einer Geburt kaum mehr gönnen. Ein Luxus, der genau deshalb gefragt ist: Zum siebten Mal schon führt Andrea Büchi, Gründerin der MamaOase, die Erholungstage für Mütter und Väter von Säuglingen durch. Die Nachfrage ist gross: Der Wunsch nach ein paar Stunden Schlaf am Stück, nach einer Mahlzeit ohne Baby im Arm ist gross. Einfach nur sein ohne müssen, das klingt traumhaft. Im Hotel Hirschen im Bregenzerwald ist das wieder möglich.
Ein Glück, dass das Abpumpen bei mir bereits gut klappte und ich meinen Jüngsten früh an die Flasche gewöhnt hatte. Bei Kaffee und Kuchen lernten wir zuerst andere Eltern und die Babybetreuerinnen kennen, die wir danach in einem individuellen Gespräch über Eigenheiten und Wünsche unseres Babys aufklären konnten. Das ruhige und selbstsichere Auftreten der Betreuerinnen gab mir die Gewissheit: Hier kann ich mein Kind sorgenlos abgeben und es wird gut umsorgt. Wie die meisten anderen Babys verbrachte auch mein kleiner Sohn in der MamaOase zum ersten Mal die Nacht oder einen Teil davon ohne Mama. Kaum ein Baby, das nicht weinte, kaum eines, das sich nicht erst einmal in fremden Armen zurecht finden musste. Ich fragte mich bang, wie ich einen Viergänger geniessen sollte, wo mein fünfmonatiger Sohn doch nicht einschlafen konnte in der fremden Umgebung. Doch die Betreuerinnen hatten die nötige Ruhe und Routine. Und so schluckte ich mein banges Gefühl mit der Vorspeise hinunter und gönnte mir den Luxus eines ungestörten Dinners.

Honig-Massage und Klangtherapie
Nicht allen gelang das reibungslos. Beim nachmittäglichen Kaffee hatte mir eine junge Mutter gestanden, sie habe ihrer Familie nicht verraten, wohin sie mit ihrem Mann und ihrer vier Monate alten Tochter verreist sei. Das tue sie erst nach der Rückkehr. Sie glaube eben nicht, dass ihre Mutter Verständnis für ihr Erholungsbedürfnis habe. Die Erschöpfung verheimlichen? Das ist gar nicht so selten, wie Andrea Trochsler von der Mütter- und Väterberatung Kanton Bern sagt: «Die jungen Mütter von heute reden über Erschöpfung und Überforderung eher mit einer Beraterin, an einem geschützten Ort also, als mit ihrer Familie oder dem Freundeskreis.» Sie bestätigt, dass der heutigen Generation von Müttern vorgehalten wird, früher hätten es die Frauen schwerer gehabt. «Diese mussten zwar um eine elektrische Waschmaschine oder um einen Staubsauger kämpfen, aber dafür waren sie in einen Familienverbund eingebettet, hatten Eltern oder andere Verwandte, die helfend in der Nähe waren», sagt Trochsler. Junge Eltern seien heute oft auf sich allein gestellt, die Grosseltern in einer anderen Stadt oder noch berufstätig. Und ausserdem werde tagtäglich über die Werbung suggeriert, wie schön und einfach es sei, ein Baby zu haben und wie gut man dabei aussehen sollte.

MamaOase-Gründerin Andrea Büchi kennt die Erschöpfung und das Problem, keine Grossfamilie um sich zu haben, aus eigener Erfahrung. «Wir sind an einen neuen Ort gezogen und kannten kaum jemanden. Die ersten Wochen mit zwei kleinen Kindern empfand ich als anstrengend: Ich kam ab und zu an meine Belastungsgrenzen und sehnte mich nach mehr Schlaf, nach Zeit für mich selbst und für die Partnerschaft. » Als ihr zweites Kind drei Monate alt war, hatte Büchi die Idee für eine «Auftankinsel» im Babyalltag. Die Berufserfahrung in der Werbe- und Tourismusbranche kam ihr gelegen. Sie suchte nach einem geeigneten Hotel und fand es mit dem Landgasthof Hirschen in Hittisau im Bregenzerwald. Eine gute Wahl: Von Honig-Massagen bis zu ayurvedischen Ganzkörper-Treatments, von Klang- und Farbtherapien bis hin zu hauseigenen Kräuterbädern, das Angebot ist so vielfältig wie die Wünsche der Eltern. Wer sich wie ich lieber draussen entspannt, kann ausgedehnte Spaziergänge machen, im Wald, über das Feld oder am Wasser. Und abends wartet ein köstlicher Mehrgänger, liebevoll aus regionalen und saisonalen Zutaten gekocht.
Wer Single ist oder ohne Partner anreist und Mühe hat, die Mahlzeiten allein zu essen, sollte eines der Mutter-Kind-Arrangements buchen. Paare bleiben lieber unter sich. Schliesslich kommt in den ersten Wochen nach der Geburt auch die Beziehung oft zu kurz. Wie zum Beispiel bei Claudia* und ihrem Mann. Das Paar ist mit seinen Zwillingen angereist, «um endlich einmal wieder ausschlafen zu können und ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen! » Nun fühle sie sich erholter, erzählt Claudia, und freue sich wieder richtig auf den Alltag mit ihren drei Kindern. Stimmt, dachte ich, darum geht es: Sich wieder am Familienleben zu erfreuen!