Reinhard Winter
Zwischen Würstchen und Wirtschaftsboss

«wir eltern»
wir eltern: Herr Winter, Ihr Buch heisst «Jungen – eine Gebrauchsanweisung». Sind Jungen so kompliziert, dass man eine Gebrauchsanweisung für sie braucht?
Reinhard Winter: Nein. Natürlich nicht. Jungen sind prima! Aber mir ist bei meiner Arbeit mit Eltern aufgefallen, dass sie in schwierigen Erziehungssituationen Konkretes hören wollen, keine wissenschaftliche Erklärung, warum etwas so oder anders ist, sondern eine klare Antwort auf die Frage «Was soll ich jetzt machen?»
Und was sollen sie machen?
Die wichtigste «Gebrauchsanweisung» ist, seinen Jungen erst mal ganz genau wahrzunehmen. Was ist das überhaupt für einer? Auf welche Art ist dieser Junge männlich? Da ist die Bandbreite vom sportlichen extrovertierten Jungen bis zum schüchternen Denker ja riesig.
Das mag sein. Aber glaubt man Studien und Presseberichten, sind all diese Varianten offenbar vorwiegend im negativen Bereich angesiedelt. Jungen sind die Aggressiven, die Bildungsverlierer…
Dieser Alarmismus ist nicht nur Unsinn, sondern schädlich. Wenn ein Thema wie «arme Jungs» so gehypt wird wie derzeit, wird es auch schnell langweilig und dann redet keiner mehr darüber. Das wäre schade. Zudem färben diese ständigen Katastrophenberichte die Brille, durch die Jungen wahrgenommen werden: Nämlich nur noch als Problemfälle, als Benachteiligte, als böse Störenfriede. Das beeinflusst die Art, wie Eltern und Lehrer mit Jungen umgehen und es beschädigt das Selbstbild der Jungs. Sie sehen sich dann selbst als arme Würstchen. Das hilft keinem.
Sind sie denn nun Würstchen oder nicht? Einerseits versagen sie häufiger in der Schule, andererseits sind Spitzenpositionen der Wirtschaft fest in männlicher Hand …
Naja, ob wirtschaftlicher Erfolg und eine Topkarriere Indizien für ein gelungenes, glückliches Leben sind, mag dahingestellt sein. Auch die Schulkomplikationen muss an differenzierter sehen. Zwar sind es eher die Schüler, die versagen, aber auch die aussergewöhnlich guten Leistungen werden von ihnen erbracht. Nicht die Jungen sind problematisch, sondern sie reagieren auf bestimmte Situationen zuweilen problematisch.
Was soll das genau heissen?
Das soll heissen, dass etwa Aggressivität nichts Schlechtes sein muss. Etwas erreichen wollen, nach vorne denken, sich durchsetzen zu können, ist gut. Auch Raufen und Kämpfen ist nicht per se schlecht, aber Jungen müssen eine kultivierte Form davon lernen.
Kämpfen ist positiv? Da werden aber manche die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Sollen sie. Wenn es beim Raufen fair zugeht, ist es doch ein guter Ausdruck von Körperlichkeit. Bei Mädchen würde man sich manchmal wünschen, eine Auseinandersetzung wäre mit einer schlichten Rangelei erledigt. Mädchen leben ihre Aggressionen subtiler, aber keinesfalls netter aus. Wohlgemerkt: Irgendwann, so ab der Pubertät, sollten auch Jungen differenziertere Formen der Konfliktbewältigung beherrschen.
Warum haben aus Ihrer Sicht dann Jungen momentan dieses Imageproblem?
Haben sie ja gar nicht. Zum Teil wird Männlichkeit – Geschlechtlichkeit überhaupt – sogar enorm überhöht. Sehen Sie sich doch die Machos auf MTV an oder die Mädchen bei Germany᾿s Next Top-Model. Beide Erscheinungen wären in ihrer Klischeehaftigkeit noch vor ein paar Jahren verpönt gewesen. Jetzt haben die Kinder und Jugendlichen diese Extreme vor Augen und müssen lernen, sich Geeignetes herauszupicken. Das können die meisten auch.
Damit wären wir bei den Vorbildern. In keinem Bericht über Jungen wird vergessen darauf hinzuweisen, dass es in der Kindheit an männlichen Vorbildern fehlt.
Sicherlich ist es – sowohl für Mädchen als auch für Jungen – nicht gut, dass sie in Kindergarten und Schule nahezu ausschliesslich von Frauen umgeben sind. Aber es geht um mehr als um das Imitieren eines Vorbildes. Vielmehr ist es so, dass zum Alltag von Jungen reale Männer gehören sollten, damit sie verschiedene Facetten des Männlichen sehen. Sie könnten also erleben, dass Männer nicht sein müssen wie Computer- Action-Helden oder Rapper auf MTV, sondern dass Männer auch völlig anders und trotzdem sehr männlich sein können. Mädchen dagegen erleben jeden Tag, dass keine einzige Frau in ihrem Umfeld so ist wie Heidi Klum und Konsorten und es trotzdem viele tolle Frauen gibt.
Ist Schule – zusätzlich zur Überzahl der Lehrerinnen im Kollegium – insgesamt zu weiblich für Jungen?
Dazu kann ich nicht viel sagen, ich bin kein Schulpsychologe. Aber auch in schulischen Belangen ticken Jungen vermutlich anders als Mädchen. Sie akzeptieren Autoritäten seltener unhinterfragt und brauchen deshalb klarere Grenzen. Viele Jungen bewerten schulische Leistung nicht als statusverbessernd, sondern sie haben eher Angst, als Streber dazustehen. Ausserdem kommt manches Methodisch-Didaktische eher den Mädchen entgegen. Das sag ich, obwohl ich Typisierungen nicht mag.
Spitzen wir es doch ruhig ein bisschen zu, damit es deutlich wird. Was ist denn im Unterricht mädchenmässig und was wäre eher für Jungen geeignet?
Mädchen kommunizieren von klein auf über Beziehungen. Das haben sie in allen Schattierungen drauf. Zwischentöne, die Unterscheidung von Beziehungs- und Inhaltsebene, all das beherrschen Mädchen früh. Darin sind sie deutlich besser als Jungen. Deshalb hassen Jungen unklare Aufträge oder Aufgaben der Art: «Diskutiert doch mal in kleinen Gruppen, welche Probleme ihr mit dem Stoff habt». Jungen mögen Problematisieren nicht. Sie wollen klare, knappe Aufgaben und Aufträge, bei denen man im besten Fall auch noch direkt etwas tun kann.

«wir eltern»
Reinhard Winter ist Autor, Diplompädagoge und arbeitet in der Jungen- und Männerberatung sowie Elternbildung.
Ein Beispiel, bitte.
Nehmen wir den Sexualkundeunterricht. Für Mädchen könnte der Auftrag lauten: «Besprecht mit eurer Banknachbarin, welche Fragen und Ängste ihr im Bereich der Sexualität habt». Jungenauftrag: «Was wisst ihr schon alles über Sexualität?» oder besser noch: «Zieht los und zählt die Sexshops in der Stadt.»
Die Unterrichtseinheit dürfte relativ grossen Beifall finden
Klar. Erstens mögen es Jungen, wenn man sie bei ihren Kompetenzen packt, sie ihr Wissen zeigen lässt. Und der zweite Auftrag ist wunderbar praktisch. Übrigens: Ich mag an Jungen ihr klares Bekenntnis zur Sexualität. Das ist doch sympathisch.
Und damit noch mehr Positives über Buben gesagt wird: Was ist noch besonders sympathisch?
Ihre Aktivität, ihr Wille etwas zu tun, sich zu bewegen, Aufgaben zu lösen. Schon als Dreijährige wollen kleine Jungs gemeinsam im Sand das tiefste Loch der Welt graben, ohne gross dabei zu reden, oder gar, wie Mädchen, die Frage zu klären: «Bin ich jetzt dein allerbester Freund?» Und dann sind Jungen gerne lustig. Für einen guten Gag tun sie alles.
Sie selbst haben einen Sohn und eine Tochter. Welches Geschlecht ist für Eltern nun das kompliziertere?
Glück und Unglück sind da gerecht verteilt. Mein Sohn konnte mich in der Pubertät stärker treffen als meine Tochter, dafür haben wir tolle Sachen miteinander gemacht. Und für meine Tochter war ich phasenweise der Allergrösste. Dafür hatte ich in der Vorpubertät ständig die Befürchtung: «Ach Gott, jetzt ist sie sicherlich gleich wieder gekränkt. » Besser und schlechter gibts nicht. Und deshalb sollten Erwachsene sowohl Jungen als auch Mädchen darin unterstützen, ihre Weiblichkeit und Männlichkeit ganz individuell zu leben. Das kann man ja heute. Glücklicherweise.