
Geschwister / Streit
Zwei wie Hund und Katze
Von Anita Zulauf
Eltern freuen sich auf Harmonie und Kinderlachen, wenn ein zweites Kind unterwegs ist. Oft herrscht aber eher dicke Luft zwischen den Geschwistern. Ein Familienalltag zwischen Liebe, Eifersucht und Hass.
Was haben wir uns als Kinder gekloppt, gezankt, gestritten: wer die kleine Katze halten darf, wer als Erstes mit dem Finger auf den Liftknopf drückt und ob der geteilte Schokoriegel auch wirklich, wirklich gleich lang ist. Wir haben uns an den Haaren gerissen, geknufft, gezwickt, geschubst und angebrüllt. Doch kurz bevor unserer Mutter der Geduldsfaden endgültig zu reissen drohte, tobten wir zufrieden gemeinsam durch den Garten. Heute tun unsere Kinder genau dasselbe – und bringen uns Eltern regelmässig an den Rand des Wahnsinns.
Drei- bis siebenjährige Kinder geraten alle siebzehn Minuten aneinander, heisst es in einer Studie der Universität von Illinois von 2009. Im Alter von zwei bis vier Jahren zoffen sie sich gar alle zehn Minuten. Doch der bilaterale Kinderzimmerterror hat auch sein Gutes. Denn laut Fachleuten sind Geschwister das perfekte Übungsfeld. Hier lernen Kinder, Konflikte auszutragen, auszuteilen aber auch einzustecken, sich aneinander zu messen, sich durchzusetzen, zu gewinnen und zu verlieren. Sie lernen, sich abzugrenzen, Kompromisse zu schliessen und wieder zu versöhnen. Kurz: Streit zwischen Geschwistern ist wichtig für die Bildung sozialer und emotionaler Kompetenzen. Er ist unter anderem Basis für die Entwicklung von emotionaler Intelligenz und der Persönlichkeit, des Ich-Seins.
Und meist ist der Streit so schnell verpufft, wie er angefangen hat – bis es wieder knallt. «Bei Geschwistern mit einer guten Basis wird nichts davon die Beziehung zerstören », sagt der deutsche Sozialpädagoge Joachim Armbrust in der «Welt». Oder wie es der Schriftsteller Kurt Tucholsky ausdrückte: «Wilde Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen eine Friedenspfeife – Kinder können beides.» Er beschreibt so die Ambivalenz von Geschwisterbeziehungen: Vorbild und Rivale, Hass und Liebe, Verbündete und Konkurrenten, alles findet statt.
Eine Langzeitstudie aus Grossbritannien ergab, dass junge Erwachsene, die als Kinder über lange Zeit von einem Geschwister gemobbt wurden, eine doppelt so hohe Rate für seelische Störungen wie Depressionen, Angstzustände und selbstverletzendes Verhalten aufweisen als andere Gleichaltrige. Dieter Wolke, Psychologe der Universität Warwick und Mitautor der Studie sagt in der «FAZ», dass wer zu Hause Mobbingopfer ist, auch in der Schule zwei- bis dreimal so häufig in diese Rolle gerät. Wolke schlägt Eltern vor, konkrete Familienregeln einzuführen, damit der Streit unter Geschwistern nicht eskaliert:
- Streitigkeiten dürfen nicht giftig, despektierlich, beleidigend und verletzend werden.
- Der verbale Umgang muss respektvoll sein.
- Gewalt ist tabu.
- Besitz wird nicht einfach weggenommen.
- Vor dem Betreten des Geschwisterzimmers wird angeklopft.
Werden diese Regeln verletzt, sollen Eltern konsequent eingreifen. Tipps und Hilfe für betroffene Kinder und Eltern:
Kein Kind will Geschwister
So weit, so gut und normal also. Doch: Gibt es Grenzen, Situationen, wo Eltern eingreifen müssen? Fachleute raten ab, sich allzu schnell in Kinderstreitereien einzumischen. Aber wenn Kinder Gewalt anwenden, wenn sie beissen, kratzen, würgen, harte Schläge, Fusstritte und so weiter austeilen, muss sofort eingegriffen werden. Genauso bei verbaler und psychischer Gewalt wie üble Schimpfwörter austeilen, den andern verspotten, ausschliessen, auslachen, abwerten oder ignorieren.
Lena war zweieinhalb, als Ben geboren wurde. «Als ich mit dem Baby vom Spital nach Hause kam, sagte Lena: Ich will ihn nicht. Wann bringst du ihn wieder zurück?», erzählt Anna G. Heute ist Ben eineinhalb Jahre alt, Lena vier. «Ben liebt Lena über alles, er vergöttert sie, will sein wie sie, will mit ihr zusammensein, mit ihr spielen», sagt die Mutter. Doch Lena schubst ihn meistens weg, sagt geh, ich will alleine sein. Gehorcht er nicht sofort, schreit sie, kratzt ihm übers Gesicht, sodass sichtbare Spuren zu sehen sind. «Er brüllt natürlich. Und neuerdings fängt er an, sich zu wehren und seine Schwester zu beissen. So ist es mehr oder weniger jeden Tag», sagt Anna G. Ist Ben im Bett, ist Lena «das liebste Kind der Welt». Doch kaum ist er wieder wach, trotzt sie, lässt sich auf den Boden fallen, quengelt, schreit, ist schlecht drauf. Anna G. ist ratlos. Und klar kippe oft die Stimmung gegen Lena, «wir sind einfach schon sehr genervt über ihr Verhalten. Das ist doch nicht mehr normal».
«Da die aggressiven Verhaltensweisen während der frühen Kinderjahre fast immer vom älteren Geschwister ausgehen, drängt sich die Vermutung auf, dass der Beweggrund dafür Eifersucht und Neid auf das jüngere Geschwister ist», sagt der Entwicklungspsychologe und Familienforscher Hartmut Kasten in seinem Buch «Geschwister.»
Eltern erwarten die Geburt des zweiten Kindes oft sehnsüchtig. Sie sind glücklich, ihrem Erstgeborenen einen Spielgefährten zu schenken, freuen sich auf fröhliches Kinderlachen – und verstehen dann nicht, wenn aus dem Kinderzimmer ein Boxring wird. «Man kann es Eltern nicht oft genug sagen: Es ist ein Irrtum, zu glauben, der Wunsch nach einem zweiten Kind beruhe auf der Forderung des älteren Kindes», schreibt der französische Kinderpsychologe und Autor Marcel Rufo in «Geschwisterliebe – Geschwisterhass ». Auch wenn Einzelkinder sagen «Ich will einen Bruder» oder «Wann bekomme ich eine Schwester», dann ist es nicht ihr Wunsch. «Mit solchen Worten reden sie den Eltern nach dem Mund», so Rufo. Denn kein Kind ist glücklich darüber, sein Spielzeug und schon gar nicht die Liebe der Eltern mit jemand anderem teilen zu müssen. «Das ist für ein zweijähriges Kind undenkbar», so Rufo weiter.

Die kleine Prinzessin
Keines der Kinder in einer Familie wird es je so gut haben wie das Erstgeborene – aber wahrscheinlich auch keines so schwer. Erstgeborene spielen erste Geige, geniessen die volle Aufmerksamkeit von Mama, Papa, Oma und Opa, jeder Pups wird beklatscht, jeder Fortschritt bejubelt, das erste Löffelchen Brei, das erste Lächeln, die ausgestreckten Ärmchen, die süssen kleinen Zähnchen. Applaus, Applaus. Und die Eltern haben oft viel Zeit – für Geschichten, fürs Im-Sandbuddeln, In-die-Wolken-Gucken, Kuscheln, Schmusen, Liebhaben. Wunderts da wirklich, dass das erstgeborene Kind irritiert und eifersüchtig reagiert, wenn ihm von einem Tag auf den anderen ein kleines, schrumpliges Wesen vorgesetzt wird?
Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, gab diesem Phänomen bereits vor 100 Jahren einen Namen: Das Enttrohnungstrauma. Der kleine Prinz, die kleine Prinzessin am elterlichen Hof wird entmachtet. «Der drohende Verlust von Liebe ist es unter anderem, der Wut, Verzweiflung und Aggressionen auslösen kann», schreibt der Zürcher Kinderpsychologe Jürg Frick in seinem Buch «Ich mag dich – du nervst mich». Im Alltag zu Hause bestätige sich denn auch die Angst, weniger geliebt zu werden. Die Mutter kümmert sich tatsächlich mehrheitlich um das Baby, stillt es, kuschelt mit ihm. Und auch Papa, Oma und Opa wenden sich begeistert dem Baby zu – natürlich weiss das Ältere nicht mehr, dass es als Baby die gleichen Zuwendungen erhalten hat – wenn nicht noch mehr. Mit dem Neuankömmling ist zudem vielfach auch der Appell an das Erstgeborene verknüpft, ab jetzt einsichtig und vernünftig sein zu müssen. Du bist jetzt der Grosse. Punkt.
Es sei völlig normal, dass Kinder dann manchmal aggressiv auf das kleine Geschwister reagieren würden. «Mit Flüchen und verächtlichen Äusserungen reagiert es sich ab. Mit erstaunlicher Lockerheit gehen ihm Gemeinheiten über die Lippen, die auf den Tod des Störenfrieds oder zumindest auf seine endgültige Entfernung anspielen», so Rufo. Eifersucht aber, sagt er, sei so ein natürliches Gefühl, man müsse sich mehr Sorgen machen, wenn ein Kind keinerlei Eifersucht und Aggressivität zeige.
Jan war zwei, als sein Bruder Tom zur Welt kam. «Als Jan seinen Bruder zum ersten Mal sah, da haben seine Augen geleuchtet. Das war ein ganz schöner Moment», sagt Laura S. Doch bereits wenige Wochen später reagierte der Zweijährige eifersüchtig auf das Baby. «Wenn ich stillte, machte er konsequent Lärm, knallte den Ball durchs Wohnzimmer, war aggressiv.» Es begann ein Auf und Ab über Jahre. Jan versuchte, Tom klein zu halten, er ignorierte ihn zeitweise völlig, gab ihm auf Fragen keine Antworten. Beim Spiel mit den Nachbarskindern schloss er den Jüngeren aus. «Zu Hause haben sie oft zusammen gespielt», so Laura S. Über längere Phasen sei es gut gegangen. Doch nach jeder guten Zeit wurde es immer noch schlimmer. Tom hat seinen grossen Bruder bewundert, hätte sich mehr Nähe gewünscht und dass er ihn beschützt. Meist vergeblich. Heute sind die beiden Jungs 15 und 17 Jahre alt. Seit einem halben Jahr ist die Beziehung besser. «Jan spricht sogar ab und zu mit Tom. Er kann jetzt über seinen Schmerz reden, den grossen Verlust, den er gespürt hat, als Tom zur Welt kam.»
Verdrängtes Schweigen
Wie sich die Beziehung unter den Kindern entwickelt, hängt laut Fachleuten primär vom Verhalten der Eltern ab. Es braucht viel Feingefühl für das ältere Kind, wenn ein Geschwister geboren wird. Psychologe Marcel Rufo setzt auf Zuwendungen und Liebe: Schwierigem Verhalten kann man ganz einfach mit Zuhören, viel Nähe, Kuscheln und viel Zärtlichkeit begegnen, denn alles was das Kind will und braucht, ist die Vergewisserung, dass die Eltern es noch immer lieben. Der dänische Therapeut und Autor Jesper Juul sagt in der «Zeit», dass in solchen Situationen am besten der Vater das grosse
Kind erreichen kann. «Er kann nun, ein Mal nur, seinem älteren Kind sagen: Es ist ja wunderbar mit diesem kleinen Bruder, aber mein Gott, es ist auch anstrengend, findest du nicht? Für dich muss es doch auch seltsam sein, dass er plötzlich da ist. Mich stört es auch, dass Mama so viel Zeit mit dem Baby verbringt. Aber ich denke, wir gewöhnen uns daran.» Kommen diese Worte von Herzen, dann wirken sie oft Wunder, so der Däne. «Wenn die grossen Kinder sich verstanden fühlen, wenn sie lernen, dass sie sich mit ihren Gefühlen an die Erwachsenen wenden dürfen, dann hören sie innert ein paar Wochen auf mit dieser Gewalt, mit dieser Eifersucht, die in Wirklichkeit Trauer ist. Und in jeder Trauer gibt es Aggressivität».
Auch für Marcel Rufo ist das Recht auf Gefühlsäusserungen wichtig: «Aus tiefster Überzeugung rate ich Eltern, das Kind äussern zu lassen, was es auf dem Herzen hat. Denn wird Eifersucht zu streng bestraft oder reagieren die Eltern mit Ablehnung oder Liebesentzug, kann es dazu führen, dass das Kind seine Gefühle verheimlicht, um von der Zuneigung und Geborgenheit der Eltern nicht ausgeschlossen zu werden », sagt Marcel Rufo. Das werde aber eines Tages zwangsläufig zu einem heftigeren Ausbruch führen.
Ein Lob der Eifersucht
Es wäre nun allerdings ungerecht zu denken, dass nur das erstgeborene Kind eifersüchtig ist», schreibt Rufo. Auch das jüngere Kind hegt Neidgefühle. Das grössere Kind kann immer alles schon, was das kleinere erst noch lernen muss: schneller rennen, besser Radfahren, eher lesen, darf später ins Bett, ist sowieso stärker und gewinnt bei Spielen. Dazu schreibt Marcel Rufo unter «Ein Lob auf die Eifersucht»: «Die Eifersucht ist der Mörtel des Narzissmus, der Ursprung jeglichen Wettbewerbs. Durch sie entwickeln wir uns erst selbst. Der Eifersüchtige leidet unter dem Erfolg des anderen und will es ihm gleichtun, ihn sogar überflügeln. Er will der Beste werden, der Beste von allen.» Der grosse Bruder, die Schwester, spielen bei der Herausbildung der eigenen Persönlichkeit eine wichtige Rolle, die weit über den Kampf um Mutterund Vaterliebe herausgeht. Und auch hier sind die Eltern gefragt: Geschwister nicht vergleichen, nicht Schwächen gegeneinander ausspielen, sondern die individuellen Stärken der Kinder loben. Denn sicherlich hat jedes Kind Nischen, in denen es brillieren kann, egal, ob es super im Klettern oder klasse in Mathe ist. Kluge Eltern bestärken und motivieren ihre Kinder in diesen Nischen, sagen Fachleute. Und ja, oft brauche es nur ein liebevolles Lächeln, ein freundliches Gesicht, das Gefühl, geliebt zu werden, so wie man ist.
Plötzlich Geschwister
Wenn ein Erstgeborenes ein Geschwister bekommt, ist Eifersucht völlig normal. Wichtig ist, dass das ältere Kind viel Verständnis, Liebe und Kuschelzeit bekommt. Hier ein paar Tipps zum Umgang mit Kindern in dieser Situation. Tröstlich für Eltern: Es ist nie zu spät, damit anzufangen.
- Kleinsein dürfen: Das Ältere ist ja tatsächlich noch klein und soll nicht immer gross und verständig sein müssen, nur weil jetzt ein Kleines da ist. Dieser Satz liegt nur im Interesse der Eltern.
- Rückzug: Das Ältere soll auch mal allein und in Ruhe spielen dürfen. Wichtig für alle Kinder: Nicht alles teilen müssen. Eigentum ist Eigentum. Erst fragen.
- Kräftemessen: macht manchmal einfach Spass. Wenn keines der Kinder in Bedrängnis kommt, nicht einmischen.
- Verbaler Sreit: muss sein. Nicht einmischen, schon gar nicht Position ergreifen. Besser: «Geht bitte raus zum Streiten, ich möchte meine Ruhe haben.» Ist entspannend. Und wirkt Wunder.
- Gewalt: sofort eingreifen. Fusstritte, Schläge, beissen, würgen, kratzen, harte Schimpfwörter sind ein absolutes No-Go.
- Mama-Papa-Zeit: Väter spielen eine wichtige Rolle, können sich Zeit für das Ältere nehmen oder das Baby übernehmen, damit die Mutter sich dem grösseren Kind widmen kann.
- Geschwisterkurse: für werdende Geschwister. Verschiedene Angebote googeln unter geschwisterkurse.ch.
- Altersabstand: Der Schweizer Klassiker von zwei-, zweieinhalb Jahren bis zum zweiten Kind ist nicht ideal. Fachleute empfehlen mindestens drei oder gar fünf bis sieben Jahre.
Wolf Erlbruch hat 13 beispielhafte Szenen geschwisterlichen Zusammenlebens gezeichnet. Wer Geschwister hat, wird so manches Bekannte wiederfinden. Wer keine hat, wird vielleicht aufatmen.
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