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Eltern pflegen
«2 Jahre lang habe ich nie abgemacht»
Leandra* lebt mit ihrem Mann Stefan und ihrem kleinen Sohn Sergio in Zürich. Sie holte ihre 85-jährige Mutter zu sich. Bis es nicht mehr ging.
Mein Leben war perfekt, ich war so glücklich. Endlich mit dem Wunschkind schwanger ! Mit 46 Jahren! Und dann starb an Silvester vor vier Jahren mein Vater. Drei Wochen später kam Sergio auf die Welt. Das waren krasse Wechselbäder der Gefühle. Wenige Wochen später begann meine Mutter, sonderbar zu werden. Sie kümmerte sich nicht mehr um den Garten, wiederholte ständig die gleichen Geschichten, vergass alles. Auch das Schweizerdeutsche. Sie sprach nur noch Italienisch, ihre Muttersprache.
Die demente Mutter ins Kinderzimmer einquartiert
Anfangs haben wir gedacht, es sei vielleicht die Trauer, aber irgendwann wurde es mir doch unheimlich, als sie mir exakt fünfmal erzählt hat, dass sie ein Bälleli für Sergio gekauft hat. In der Memory-Klinik hat man dann Demenz festgestellt. Der Abbau ging wahnsinnig schnell. Jahrelang hatte ich mir vorgestellt, wie schön es wäre, wenn wir ein Kind bekommen würden. Und jetzt, wo es endlich geklappt hatte, war es gar nicht so schön. Sergio war zwar ein supersüsses, heiss geliebtes Kind, aber ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand. Ein quirliges Baby, das nachts mehrmals aufwacht, eine Mutter, die sich verhält wie ein Kleinkind, der Hund meiner Mutter, meine 50-Prozent-Stelle ...
Für Heimplätze gab es ellenlange Wartelisten, oder aber der Platz war unbezahlbar. Ich habe also meine Mutter zu uns in die Vierzimmerwohnung geholt – den Hund hat meine Schwester genommen – und in Sergios Kinderzimmer einquartiert. Ich habe sie gewaschen, für sie gekocht, bin mit ihr zum Arzt, habe ihre Hosen gewechselt, wenn sie es nicht auf die Toilette geschafft hat. Und vor allem habe ich versucht, so zu wirken, als mache mir das nichts aus. Sie sollte sich doch nicht schämen! Sergio hat bei uns im Schlafzimmer geschlafen.
Ich hab fast niemanden etwas gesagt
Mein Mann und ich waren nie allein, aufgrund des Stresses haben wir zudem recht oft gestritten. Am Arbeitsplatz habe ich zwar gesagt, dass meine Mutter jetzt bei mir wohnt, aber mehr nicht. Ich habe Angst um meine Stelle. Da stehen viele junge Leute in den Startlöchern, die sich um nichts als um sich selbst und die Karriere kümmern können.
Ausserdem läuft im Job gerade die zigste Spar-Runde und wir bekommen ständig gesagt, dass wir effizienter werden müssen. Tja, wie soll das gehen, wenn der richtige Stress erst nach Dienstschluss losgeht? Kündigen oder mein Pensum kürzen ging aber auch nicht. Wir brauchen das Geld. Es kamen ja jetzt noch weitere Kosten dazu. Beispielsweise habe ich Sergio noch einen zusätzlichen Tag in die Krippe gegeben, damit ich Zeit für die Angelegenheiten meiner Mutter hatte. Die Wohnung musste aufgelöst werden, Heime besichtigt und sich von Stelle zu Stelle durchgefragt werden. Meist hat sich überhaupt niemand zuständig gefühlt. Es war zum Verrücktwerden. Einmal bin ich notfallmässig mit meiner Mutter ins Spital, da hatte ich sie, die nicht mehr richtig laufen konnte, am rechten und Sergio, der noch nicht richtig laufen konnte, am linken Arm ... Na ja.
Ständig ein schlechtes Gewissen
Zweieinhalb Jahre lang habe ich niemals etwas abgemacht oder bin in den Ausgang. Schliesslich ist es meine Mutter, da kann ich ja meinem Mann schlecht sagen, schau du nach Sohn und Mutter, ich geh aus. Ich hatte ihm gegenüber sowieso ein schlechtes Gewissen, weil sie bei uns gelebt hat und ich vollkommen absorbiert war. Seit ein paar Monaten lebt meine Mutter in einem Heim in der Nähe ihres Heimatortes. Das ist mit der Sprache besser. Ich konnte das rein körperlich nicht mehr.
Nun fahre ich mehrmals im Monat jeweils vier Stunden hin und zurück. Ich muss ihr Kleider bringen, ihre Sachen mit Schildchen versehen, ihr Zimmer einrichten ... Obwohl es jetzt leichter ist, gibt es immer noch viel zu tun. Sergio ist sehr stolz, dass er jetzt ein eigenes Kinderzimmer hat. Was ich an der Situation am schlimmsten fand? Die Reaktion von anderen. Es interessiert sich kaum jemand ernsthaft dafür, wie es einem in einer solchen Lage geht. Fast meint man, sich dafür entschuldigen zu müssen, dass man sich um Kind und Mutter kümmert und nicht ausschliesslich um seinen Job. Ist der wirklich das Wichtigste im Leben? Ich sehe das nicht so.
* Die Namen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.