Reportage aus dem Geburtshaus Zürich Oberland
Wohl und Wehe

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Dieses Haus atmet Frauenpower. Ja, es muss wieder mal benutzt werden, dieses Wort, das mit der schleichenden Verunglimpfung des Feminismus in den letzten Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen ist. Frauenpower! Wie kein anderes beschreibt es den Geist im Geburtshaus Zürich Oberland. Denn hier sind vor allem Frauen am Werk – diejenigen, die ein Kind auf die Welt bringen und diejenigen, die ihnen dabei helfen.
Oben im Nest – so heisst der behagliche Wohn- und Essraum im 2. Stock – steht noch das Frühstück auf dem Tisch. Zwischen 8 und 11 Uhr gibt es hier für die Wochenbett-Eltern Cornflakes und Müesli, Wurst, Käse, Konfi und Mandelmus, Kaffee und Stilltee. Die Sonne scheint durch die grossen Fenster und die fünf Frauen und ihre Männer, die zum Teil ebenfalls hier übernachten, haben bereits tüchtig zugelangt. Eine Geburt macht Appetit! Jetzt sitzt nur noch Claudia Burri (41) mit dem zwei Tage alten Lucian im Arm am Tisch, strahlt Glück und verträumte Gelassenheit aus. Bereits ihr erstes Kind hat die Therapeutin aus Uster im Geburtshaus geboren: «Hier fühle ich mich wie in einer grossen Familie rundum versorgt, ich kann mich aufs Baby konzentrieren und total entspannen.» Mit der Hebamme Gisela Burri (58) geht die Mutter jetzt ihr Baby baden. Lucian wird ganz still im warmen Wasser. Die Hebamme hebt ihn schliesslich heraus, legt ihn Claudia Burri auf den nackten Oberkörper und deckt die beiden warm zu. Baby-Heilbad und Bonding in einem? Gisela Burri winkt ab. «Das könnte man so sagen; wir tun einfach das, was aus dem Herzen kommt», sagt sie. «Duftlämpli und farbige Vorhänge haben die Spitäler längst von den Geburtshäusern kopiert. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Letztlich geht es uns darum, Frauen in Würde gebären zu lassen und ihnen die Kraft zu geben, diesen Übergang gut zu meistern. Denn in den ersten Tagen werden die Weichen gestellt.»
Feng Shui und Champagner
Weiss und stattlich steht das Geburtshaus am Dorfrand von Bäretswil unterhalb der Hauptstrasse. Vor drei Jahren zogen die Hebammen ins ehemalige Hotel Schürli, Baujahr 1992. «Im alten Geburtshaus in Wald wurde es zu eng, und uns war schon länger klar, dass wir dort den handgestrickten Groove nie ganz loswürden», sagt Gisela Burri, eine der Gründerinnen des Hauses. Am neuen Ort ist Platz für zwei Gebärzimmer mit grossen Geburtswannen, für Behandlungs- und Schulungsräume, für fünf Wochenbettzimmer sowie Verwaltungs- und Wirtschaftsräume. Dass der neue Standort kaum je einen Design-Preis gewinnen wird, ist nicht zu verhehlen – zu auffällig ist der Mix aus Landpensions-Interieur, Feng Shui, Rosenquarzlicht und Heilpflanzen-Farbkonzept. Doch die Hebammen sind sehr wohl in der Neuzeit angekommen: «Im Schrank jedes Wochenbettzimmers steht ein Fernseher, wir haben kabelloses Internet und nach der Geburt bringen wir auf Wunsch den Champagner ans Bett», sagt Gisela Burri, und ihr verschmitztes Lachen macht deutlich, dass hier keine ideologisch-verbrämte Weltabgewandtheit herrscht.
Gegründet wurde das Geburtshaus vor zwanzig Jahren aus einer schieren Not heraus: In Rüti, Wald und Bauma schlossen reihum kleine Spitäler und deren Geburtsabteilungen. «Wir wollten den Frauen die Möglichkeit bieten, weiterhin in der Region und ausserhalb eines Zentrumsspitals zu gebären», erinnert sich Gisela Burri. In der Schweiz gab es damals bereits drei von Hebammen geleitete Geburtshäuser. Diese hatten sich zum Ziel gesetzt, der Ära der technischen Geburtshilfe, die in den 70er- und 80er-Jahren routinemässig Wehenmittel, Zange, Saugglocke und Dammschnitt einsetzte, etwas entgegenzuhalten: ihr Jahrhunderte altes Wissen von der Kunst des Gebärens. Seither haben sich die Geburtshäuser verändert, weiterentwickelt und ihre Organisationsstruktur professionalisiert: Statt Basisdemokratie gibt es im Geburtshaus Zürich Oberland mittlerweile eine Geschäftsleitung, bestehend aus fünf Hebammen; aus dem Verein wurde eine Aktiengesellschaft.

Gesundheit erhalten
«Die Voraussetzungen für eine natürliche Geburt sind damals wie heute dieselben», sagt Geschäftsleiterin Bea Angehrn. Die gebärende Frau braucht einen Ort, wo sie sich geborgen und sicher fühlt; genug Zeit, um der Geburt ihren natürlichen Lauf zu lassen sowie eine 1:1-Betreuung durch eine erfahrene Hebamme. «Wir bieten Geburtshilfe und nicht Geburtsmedizin an», so Bea Angehrn, selber Mutter eines Sohnes, den die Hebamme vor 14 Jahren in freier Natur an einem Waldrand geboren hat, wo sie in einem Bauwagen wohnte. «Im Gegensatz zur risikofokussierten Geburtsmedizin, die durch Interventionen immer etwas abwenden will, versucht die Geburtshilfe so wenig wie möglich einzugreifen, dafür die natürlichen Ressourcen der Frauen zu stärken», sagt die Hebamme. Deshalb bietet das Geburtshaus auch Schwangerschaftskontrollen an; einzig für den Ultraschall Ende 1. und 2. Trimester müssen die Frauen in eine Arztpraxis. «So fallen unnötige oder verunsichernde Untersuchungen wie ein Ultraschall vor der 12. Woche oder eine routinemässige Gebärmutterhals-Messung weg», sagt Bea Angehrn. Schliesslich seien 85 Prozent der Schwangeren gesund und dieses Gesunde gelte es zu erhalten.
«Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Frauen in dieser Lebensphase zu unterstützen, sodass sie der Geburt mit Zuversicht und Freude entgegensehen können.» Umfragen zeigen immer wieder, dass sich die meisten Frauen eine interventionsfreie Geburt wünschen. Dem steht der Fakt gegenüber, dass bei der Geburt im Spital neun von zehn Frauen eine medizinische Massnahme wie hormonelle Einleitung, chemische Schmerzlinderung oder Kaiserschnitt erhalten. «Wäre ich bei der ersten Geburt im Spital gewesen, hätte ich vielleicht auch nach einer PDA verlangt», sagt Andrea Läuppi (34), die für eine Vorsorgeuntersuchung im Geburtshaus ist. «Stattdessen haben mir die Hebammen geholfen, aus dem Schmerz Kraft zu schöpfen. Das war für mich als Frau eine prägende Erfahrung. Ich weiss heute, wie stark ich bin.» Für sie ist klar, dass sie nur im Notfall im Spital gebären würde: «Dort ist es mir zu steril, schliesslich bin ich ja nicht krank.»
Andrea Läuppi hat bereits ihr erstes Kind hier geboren. Dieses musste allerdings nach der Geburt zur Überwachung ins Kinderspital Zürich verlegt werden, weil es längere Zeit Sauerstoff brauchte. Den zweiten Teil des Wochenbetts verbrachten Mutter und Tochter jedoch im Geburtshaus. «Die gesunde Lebenseinstellung der Leute hier hat mir total gut getan.»
In fünf Minuten im Spital
Treten während oder nach der Geburt Komplikationen auf, ist man von Bäretswil in fünf Minuten im Spital Wetzikon. Jede zehnte Frau muss während der Geburt verlegt werden, fast immer wegen Geburtsstillstand.Drei Viertel davon sind Erstgebärende; auf der Website des Geburtshauses kann die genaue Verlegungsstatistik angeschaut werden. «Eine erfahrene Hebamme erkennt frühzeitig, wenn sich Schwierigkeiten anbahnen», sagt Gisela Burri. Die grössere Distanz zur Notfallmedizin ist der Hauptgrund, wieso nur wenige Kinder in einem Geburtshaus zur Welt kommen – 2011 waren es 1250 von 80 808 Neugeborenen in der Schweiz. Seit einiger Zeit geht Gebären ohne Arzt auch im Spital – mit der medizinischen Infrastruktur im Rücken. Sozusagen der Fünfer und das Weggli: Im Berner Inselspital ist es seit 2005 möglich, in der Maternité im Zürcher Triemlispital seit wenigen Monaten. Bea Angehrn sieht die neue Entwicklung in den Spitälern nicht als Konkurrenz: «Sie freut uns. Im Prinzip ist dies der richtige Ansatz.» Es stelle sich allerdings die Frage, wo die Geburtshilfe aufhöre und die Geburtsmedizin beginne? Wenn festgelegt werde, wie lange die Presswehen dauern dürften, sei das bereits wieder ein Eingriff ins Geburtsgeschehen und beeinträchtige den ureigenen Rhythmus, der jeder Geburt innewohne. Angehrn: «Unsere Erfahrung zeigt: Bei einer gesunden Schwangeren ist Geduld meist die beste Geburtshilfe.»
Endlich auf der Spitalliste
Lange Zeit mussten die Frauen einen erheblichen Teil für die Kosten der Geburtshausgeburt selbst übernehmen. Seit 2012 ist das nicht mehr so. Die Deutschschweizer Geburtshäuser haben den Sprung auf die Spitallisten der Kantone geschafft, das heisst, Geburt und Wochenbett im Geburtshaus werden nun wie im Spital vollumfänglich von den Krankenversicherern übernommen. «Der administrative Aufwand war und ist für die einzelnen Häuser hoch und wir haben anders als die Spitäler keine Möglichkeit zur Quersubvention», sagt Bea Angehrn, die sich als Vertreterin der Interessensgemeinschaft Geburtshäuser (IGGH) auf der politischen Ebene für die Aufnahme der Geburtshäuser eingesetzt hat. Nicht zuletzt deswegen sind seit 2009 drei etablierte Geburtshäuser zugegangen. Neben der gesellschaftlichen Anerkennung gilt es jetzt, für die geleistete Arbeit auch die finanzielle Wertschätzung zu erhalten: «Eine Geburtshaus-Hebamme in leitender Position verdient 30 Prozent weniger als eine leitende Spital-Hebamme, bei den übrigen Hebammen beträgt die Lohndifferenz 20 Prozent», so Angehrn. «Eine marktübliche Entlöhnung ist überfällig und langfristig für uns auch eine Frage des Überlebens. Schon jetzt haben wir Mühe, Nachwuchs zu finden.» Die Krux ist, dass Geburtshäuser mit der Fallpauschalen-Abrechnung, die seit 2012 gilt, ein um 20% tieferes Kostengewicht haben als die Spitäler – dies obwohl sie bei einer komplikationslosen natürlichen Geburt die gleiche Leistung erbringen wie jedes Spital. Simon Hölzer von Swiss-DRG begründet das niedrigere Kostengewicht mit den tieferen Kosten der Geburtshäuser. «Diese sind aber eben deswegen so tief, weil wir uns keine marktüblichen Löhne leisten können», sagt Bea Angehrn. «Wir werden jedoch dran bleiben, denn wie die WHO sind wir überzeugt, dass eine natürliche Geburt die Gesundheit von Mutter und Kind langfristig am besten gewährleistet.»