Haustier
Wir wollen einen Hund

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Seit Januar 2017 ist der SKN Kurs nicht mehr obligatorisch bei der Anschaffung des ersten Hundes. Er ist jedoch trotzdem empfehlenswert.
wir eltern: In Schweizer Haushalten leben rund 500 000 Hunde. Was ist zu tun, wenn man sich für einen Hund als neues Familienmitglied entscheidet?
Brigitte Knubel: Zuerst müssen sich die Erwachsenen darüber klar werden, ob auch sie einen Hund wollen; der Kinderwunsch allein genügt nicht. Denn: Bis der Hund einen soliden Grundgehorsam erlernt hat, muss er erzogen werden. Diese Phase dauert je nach Rasse eineinhalb bis drei Jahre. Um sich auf die neue Persönlichkeit im Haushalt vorzubereiten, müssen alle Ersthundehalter einen vierstündigen Theoriekurs besuchen, den sogenannten Sachkundenachweis SKN – und zwar bevor der Hund angeschafft wird. Im ersten Jahr sind dann mindestens vier einstündige praktische Trainings Pflicht.
Egal, ob man einen Pitbull oder einen Chihuahua hat?
Ja! Das Gesetz verlangt, dass Hunde «gesellschaftskompatibel» erzogen und geführt werden können. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Hund zu 98 Prozent genetisch übereinstimmt mit dem Wolf. Auch die Kleinsthunde, die oft in eindeutig provozierender Körpersprache aus den Handtaschen ihrer Besitzerinnen gifteln, was diese meist fälschlicherweise als Angst interpretieren. Nicht selten kommt es zu Beissunfällen.
Was lernt man im SKN?
Man erfährt viel Wissenswertes rund um die Hundehaltung: Wie viel Auslauf, Erziehung und Pflege braucht ein Hund? Welche Rasse passt zu uns? Welche Kosten entstehen? Im besten Fall überlegt man sich nochmals gründlich, ob man dem Hund wirklich ein artgerechtes Leben ermöglichen kann. Und ob man sich vorstellen kann, die nächsten 15 Jahre verantwortlich zu sein für das Tier.
Wie alt sollten die Kinder sein, wenn man den Hund anschafft?
Es ist sehr anspruchsvoll, neben einem jungen Hund auch noch ein kleines Kind zu haben, das am Boden herumkrabbelt – beide verstehen noch nicht so richtig, was sie dürfen und was nicht. Hunde in der Pubertät sind genauso mühsam wie Kinder in der Pubertät. Ist der Hund also vier bis acht Monate alt, sollten die Kinder nicht jünger als drei bis vier Jahre sein. In dem Alter sind sie feinmotorisch und hoffentlich charakterlich so weit entwickelt, dass sie dem Hund keinen Schmerz mehr zufügen, wenn sie mit ihm spielen. Auch sollten sie bereits in der Lage sein, die wichtigsten Regeln im Umgang mit dem Hund zu befolgen.
Welche Hunde sind besonders geeignet für Kinder?
Die Hunderassen werden von der FCI, der Fédération cynologique internationale, in zehn Gruppen aufgeteilt. Empfehlenswert sind Hunde der Gruppen acht und neun, also Gesellschafts- und Begleithunde wie Pudel, Malteser und Kromfohrländer sowie Apportier-, Stöber- und Wasserhunde wie Retriever, Barbet, Lagotto oder die Neuzüchtung Labradoodle, eine Mischung aus Labrador und Pudel. Viel wichtiger als die Rasse sind allerdings Abstammung und Konditionierung; letztere muss bereits beim Züchter beginnen. Grundsätzlich ist der Hund, was man aus ihm macht. Und das wiederum ist eine Frage der Gewöhnung, Erziehung und Beschäftigung.
Von welchen Hunden raten Sie ab?
Von Hunden aus schlechten Zuchten und von Hunden, deren Herkunft und Geschichte man nicht kennt – also auch Augen auf bei Strassenhunden. Ebenso rate ich Familien mit kleinen Kindern von Minihunden ab, denn diese sind oft sehr fragil: Neben vielen anderen Fehlentwicklungen wächst bei Chihuahuas und ähnlichen Hunden die Fontanelle nicht zu, ihr Köpfchen ist ungeschützt und zerbrechlich. Fällt ein fünf Kilo schweres Kind auf diesen Hund, ist er tot. Das ist auch für das Kind ein Riesenschock.
Wie gross oder schwer sollte ein Hund für eine Familie mit kleinen Kindern sein?
Vier bis sechs Kilo sind das Minimum. Wir müssen beide vor beiden schützen: die Kinder vor den Hunden, die Hunde vor den Kindern.
Was sind häufige Schwierigkeiten von Familien im Umgang mit einem Hund?
Die aufgestellten Regeln bei Kindern und dem Hund konsequent durchzusetzen, braucht Wille, Ausdauer und kostet Nerven; hier hapert es häufig. Oftmals wird auch der Zeitaufwand unterschätzt.
Wie hoch ist er?
Grundsätzlich muss ein Hund täglich einen zweistuündigen Spaziergang machen können – auch ein kleiner Hund, denn auch er hat vier Beine und läuft gerne. Junge Hunde haben ganz besonders viel Power; können sie sich nicht genug bewegen, leben sie in der Wohnung ihre gesamte Energie aus. Auch wenn ein Hund Auslauf im Garten hat, braucht er regelmässige Spaziergänge, denn nur so hat er Kontakt mit anderen Hunden und ist unter seinesgleichen. Wir dürfen nicht vergessen: Wir sind für ihn erweitertes soziales Umfeld, aber nicht Hundeersatz.
Was passiert, wenn der Hund nicht genug Bewegung hat?
Unterbeschäftigte Hunde zeigen alle Facetten unliebsamer Verhaltensweisen wie kläffen, schnappen, jagen.
Zwei Stunden täglich sind viel. Arbeiten beide Elternteile, scheint es unverantwortlich, neben Kindern auch noch einen Hund zu halten.
Sie sprechen mir aus dem Herzen! Aber es gibt Lösungen: Man schaut sich vor dem Kauf nach einem Hundegötti oder einer Hundegotte um, die beispielsweise zwei Tage pro Woche Dog-Sitting macht. Dann kann aus einer Überforderung eine
Win-win-Situation werden.
Können alle Familienmitglieder gleichwertige Bezugspersonen sein oder braucht der Hund eine Meisterin oder einen Meister?
Beide Elternteile können Leitfigur sein, aber kein Kind unter 14 Jahren. Jüngere Kinder sind in der Regel zu wenig durchsetzungsfähig und auch körperlich zu wenig stark, womit es zum Hierarchie-Duell kommt. Ausserdem sollte das Kind mindestens das Doppelte des Körpergewichts des Hundes haben, wenn es mit ihm spazieren geht. Gerade wenn der Hund in der Pubertät «flegelt», wird es ihn sonst nicht führen können.
Was gilt es zu beachten, wenn der Hund schon vor dem Kind da war?
Wichtig ist, dass der Hund in die Familienerweiterung einbezogen wird. Grenzt man ihn aus Angst aus, dass er dem Kind etwas machen könnte, entzieht man ihm jegliches Vertrauen. Dann wird es gefährlich, denn dies weckt Aggressionen, die mit dem neuen Familienmitglied gekoppelt werden.
Zur Person
Brigitte Knubel (53) ist Hundetrainerin DMT, SKN Trainerin, Ausbildnerin für Erwachsene EFA2 und gibt Hundeerziehungskurse für Einzelpersonen, Kleingruppen und Familien. Sie ist mit Hunden aufgewachsen und wird in den Trainings von ihrer Hündin Dhana, einer Langhaarschäferhündin, begleitet.
➺ www.hundmensch-gemeinsamlernen.ch
Buchtipp
Christina Falke, Hund und Kind, beste Freunde, GU-Verlag, Fr. 15.90
Regeln im Umgang mit Hunden
- Nie einen schlafenden Hund wecken oder erschrecken.
- Nie beim Essen stören.
- Nie necken (z.B. «wuff wuff» rufen).
- Keine Jagd- und Rennspiele – kann wegen Missverständnissen in der Körpersprache eskalieren.
So deuten Hunde unsere Körpersprache
- Anstarren — für den Hund eine Drohung.
- Davonrennen — in Hundesprache: «auf zur Jagd!»
- Schreien — heizt die Situation an, Jagdsignal.
- Hände in die Höhe werfen — Spielaufforderung oder Drohung (Schläge).
Richtiges Verhalten, wenn ein Hund angreift
- Erstarren.
- Arme an den Körper anlegen, Hände nicht zu Fäusten ballen.
- Gesicht und Blick abgewandt.
- Wenn gestürzt: regungslos am Boden liegen bleiben.
Weiterführende Links