Erziehung
Wie viel Lob ist gesund?

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«Bravo!», jubelt Mama, wenn Sohnemann zwei Klötze nebeneinander stellt.
«Das ist die schönste Zeichnung, die ich je bekommen habe», flötet der Papa zum Kindergartengekritzel seiner Tochter.
Und zwei Jahre später strahlt das Elternpaar vor Stolz, wenn Töchterchen die Violine quält, sie aber nur Vivaldi gehört haben wollen.
Klingt überspitzt? Dann hören Sie sich mal auf dem nächstgelegenen Spielplatz um. Einer amerikanischen Studie zufolge halten es 85 Prozent der Eltern für wichtig, ihren Sprösslingen so oft wie möglich zu versichern, wie toll sie sind. Sie werden ganz unbemerkt zu Chearleadern ihrer Kinder, die reflexartig und bei jeder Gelegenheit aufspringen und jeden noch so kleinen Schritt des Nachwuchses beklatschen. Ganz im Gegensatz etwa zu asiatischen Kulturen, die sparsam mit Applaus umgehen, um ja keine altklugen Angeber mit aufgeblasenem Ego heranzuzüchten.
Es ist noch gar nicht so lange her, da hielten es Eltern auch im Abendland wie die Asiaten. Bloss eine Generation muss man zurückblicken: Viel mehr als ein anerkennendes Kopfnicken haben heutige Erziehende als Kind von Mutter und Vater nicht gekriegt für eine besondere Leistung.
«Früher wurden Kinder tatsächlich mehr getadelt als gelobt», sagt Eva Zeltner, Zürcher Psychologin und Autorin verschiedener Erziehungsbücher. Gründe für das neuzeitliche Konzept vom Lob im Überfluss gibt es verschiedene: die Erkenntnis, wie wichtig ein gutes Selbstwertgefühl ist, die Abkehr von der allzu autoritären Erziehung oder die Tatsache, dass Kinder heutzutage nicht mehr einfach zum Leben der Eltern gehören, sondern ihr Leben sind. Und weil der Nachwuchs dafür ein starkes Selbstbewusstsein braucht, wird geradezu verliebt jeder kleinste Schischi gelobt und alles vermieden, was das zarte Gemüt irritieren könnte. Lob als Airbag fürs Kind.
Loben gegen Schuldgefühle
«Völlig falsch!», schrieb der amerikanische Autor Po Bronson in seinem Bestseller «10 schockierende Wahrheiten über Erziehung» und löste damit einen gehörigen Wirbel aus: Lob könne verunsichern, demotivieren und sogar kränken, behauptet er und fasste damit zusammen, worauf Experten schon seit Jahren hinweisen. Als Konsequenz seiner Erkenntnis setzte Bronson seinen Sohn auf Lobesentzug und stellte überrascht fest: Dem Kind war das piepegal. Ein Nicken oder ein aufmerksamer Blick genügte dem Kleinen zur Bestätigung seines Tuns. Nicht so dem Papa. Der litt unter dem Lobesentzug, fühlte sich schlecht. In der Öffentlichkeit traute er sich nicht einmal, das Loben ganz zu verkneifen, um nicht als Rabenvater dazustehen. «Loben ist heute zum Allheilmittel gegen die Schuldgefühle der Eltern geworden», schliesst Bronson daraus. Zu wenig Zeit fürs Kind, zu hohe Ansprüche – ein Lob wird es schon kompensieren.
Wie viel Lob ist also gesund? Und wann ist weniger mehr? Auf der Suche nach allgemeingültigen Antworten haben sich zwei amerikanische Psychologen durch Berge von Studienergebnissen aus über dreissig Jahren geackert und herausgefunden, dass Lob für die Entwicklung einer starken und gesunden Persönlichkeit tatsächlich sehr wichtig ist. Unachtsam ausgesprochenes oder zu allgemein gehaltenes Lob oder übertriebenes Bejubeln ist nicht nur nutzlos, sondern schädlich.
Gelobt, geschummelt, gescheitert
Dass schon ein einziger Satz eine ungeahnte Wirkung erzielen kann, hat Carol Dweck von der amerikanischen Universität Stanford in mehreren Untersuchungen bewiesen. Sie hat Kinder verschiedene Tests absolvieren lassen. Nach dem ersten Test wurden alle gelobt, egal, wie sie abgeschnitten hatten. Die einen mit dem Satz: «Du bist aber gut im Rätsellösen» für ihre Intelligenz, und die anderen mit «Du hast dir aber grosse Mühe gegeben» für den Einsatz.
In der Folge drückten sich die erste Gruppe im Gegensatz zur zweiten vor Herausforderungen, gab bei schwierigen Tests schneller auf, schummelte eher, schielte auf die Ergebnisse der Konkurrenz und schnitt beim einfachen Abschlusstest gar schlechter ab als ganz am Anfang.
Für die Luzerner Paar- und Familienpsychotherapeutin Esther Oertli sind diese Ergebnisse keine Überraschung: «Ein Kind, das für seine Persönlichkeit gelobt wird, meint, dass Mama und Papa es gern haben, weil es so klug ist.» Das führe dazu, dass das Kind tunlichst vermeide, etwas zu tun, was es als weniger schlau dastehen lasse. Die Lösung: Kinder nicht für etwas loben, das an ihre Persönlichkeit gebunden ist, sondern nur für Dinge, die sie selbst beeinflussen können. Das ermutige sie, selber eine Herausforderung anzupacken, so Oertli. Und Lernen funktioniere ja über die eigenen Erfahrungen und nicht über ein Lob allein. «Wer sein Kind für eine Charaktereigenschaft lobt, lobt letztlich sich selbst.»
Folgende Tipps helfen, damit das Lob nicht zum Fluch wird:
- Konkret loben: Wer ständig und ohne Anlass lobt, nimmt sein Kind nicht ernst. Nur dann loben, wenn es wirklich etwas Besonderes geleistet hat. Wichtig: Ein Versagen nicht verschweigen oder mit Lob abschwächen. Sonst lernt das Kind nicht, mit Niederlagen umzugehen.
- Aufrichtig loben: Ein Kind kann ab etwa sieben Jahren zwischen echtem und unechtem Lob unterscheiden. Durch unehrliches Lob fühlt es sich manipuliert und unverstanden. Also kein «Oh, du kannst super klettern», wenn es offensichtlich überfordert ist und auch kein «Wie schön!», wenn eine Zeichnung sichtbar lieblos aufs Papier geklatscht wurde.
- Nur für Dinge loben, die man beeinflussen kann:
Statt: «Du bist so schlau», besser sagen «Du hast dich wirklich gut auf die Prüfung vorbereitet». Das motiviert, sich auch nächstes Mal anzustrengen. - Beschreibend loben:
Statt ein «Bravo!» hinzuwerfen, konkret beschreiben, was einem gefällt: «Es gefällt mir, dass du für dein Blumenbild so bunte Farben gewählt hast.» - Nicht übertreiben:
«Ich habe noch nie jemanden besser Klavier spielen hören!» Das Lob ist erstens falsch und zweitens suggeriert es, dass man vom Nachwuchs Spitzenleistungen erwartet. - Nicht für simple Sachen loben:
Ein «Wow! Du hast die Mütze ausgezogen!» ist schlicht überflüssig. Schliesslich sollte man den Nachwuchs auch nicht unterschätzen. - Nicht für etwas loben, das das Kind gerne tut:
Wenn der Sohn gerne Spinat isst, sollte man ihn nicht jedes Mal dafür loben. Sonst beginnt er sich zu fragen, ob es den Spinat nur des Lobes wegen isst. Gut möglich, dass er die Freude daran verliert. - Nicht vergleichen:
«Bravo! Du warst die Beste von allen!» Aber was, wenn Töchterchen beim nächsten Mal nicht gewinnt? Sie verliert die Motivation, weil sie glaubt, dass nur der Sieg zählt. - Altersgemäss loben:
Kleinkinder können ein Lob noch nicht verstehen. Sie brauchen bloss Aufmerksamkeit. Auf ein «Mama, schau!» erwarten sie keine Lobeshymne. Ein anerkennendes Nicken kann völlig reichen.