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Selektiver Mutismus
Was tun, wenn ein Kind verstummt?
Manche Kinder plaudern zu Hause wie ein Wasserfall, sagen im Kindergarten oder in der Schule jedoch kein Wort. Selektiver Mutismus könnte dahinter stecken, eine Angststörung. Je früher diese erkannt wird, desto besser.
Als Linnea dreieinhalb Jahre alt ist, will sie in die Wald-Spielgruppe. Doch während die anderen Kinder durch den Wald toben, schaut sie nur zu. Sie sitzt auf einer Bank, beobachtet, isst. Und schweigt. Auch nach einem Jahr in der gleichen Gruppe sagt das Mädchen kein Wort. Weder zu den anderen Kindern noch zu den Spielgruppenleiterinnen.
«Wir haben uns damals nicht viele Gedanken gemacht, weil wir als Kinder auch eher schüchtern waren», erinnert sich ihre Mutter Daniela Schiess. Zu Hause plaudert Linnea munter, im Zug erzählt sie wildfremden Menschen ihr halbes Leben. Nur in Situationen, in denen sie einen Erwartungsdruck spürt, verstummt sie. Zum Beispiel beim Hallo-, Danke- oder Tschüsssagen. Linneas Schweigen hält an, als sie in den Kindergarten kommt. Bei der logopädischen Reihenuntersuchung wird die Logopädin hellhörig. Ihre Diagnose: selektiver Mutismus. «Wir hatten keine Ahnung, was das ist», erzählt Daniela Schiess.
Es ist mehr als nur Schüchternheit
Ist ein Kind selektiv mutistisch, schweigt es in sozialen Situationen wie im Kindergarten oder in der Schule, während es im vertrauten Umfeld normal spricht. Oft heisst es dann: «Das Kind ist schüchtern, es taut dann schon noch auf.» Ja, schüchterne Kinder tauen auf, selektiv mutistische nicht – darin ist sich die Forschung heute einig. «Hält das Schweigen über zwei Monate an, sollten Betreuungs- oder Lehrpersonen dies den Eltern melden», sagt Franziska Florineth. Sie ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und hat in den vergangenen 25 Jahren gegen 100 selektiv mutistische Kinder behandelt.
Denn: Selektiven Mutismus überwinden die allerwenigsten Kinder ohne Unterstützung. Das Phänomen zählt zu den komplexen Angststörungen und tritt etwa bei 7 von 1000 Kindern auf. Die Betroffenen wollen sprechen, sind aufgrund ihrer Angst aber total blockiertund erstarren. Eine direkte Ursache für die Störung ist bis heute unbekannt.
Mehrsprachigkeit ist ein Risikofaktor
Vielmehr geht die Wissenschaft von Wechselwirkungen mehrerer Risikofaktoren aus. Dazu gehört zum Beispiel die persönliche Art, mit Problemen umzugehen, eine familiäre Veranlagung oder eine Überfunktion des Angstzentrums im Gehirn. Ebenfalls können Migration und Mehrsprachigkeit dazu beitragen, dass Kinder in der fremden Umgebung oder Sprache schweigen. «Ist ein Kind mehrsprachig, kann das Risiko für selektiven Mutismus bis zu viermal höher sein», sagt Sprachtherapeutin Sabine Laerum, die sich ebenfalls auf die Behandlung der Angststörung spezialisiert hat. Nicht zu vernachlässigen sind auch Sprachentwicklungsstörungen: zwischen 33 und 50 Prozent der selektiv mutistischen Kinder weisen eine solche auf.
♦ Unbedingt mit Fachpersonen zusammenarbeiten.
♦ Aushalten, wenn Fragen Dritter unbeantwortet bleiben. Eltern können sagen: «Wir üben das mutige Sprechen, aber im Moment ist sie/er noch nicht so weit zu antworten.»
♦ Das Sprechen nicht per se übernehmen, aber dennoch keinen Druck ausüben.
♦ Vorlesen lassen, Sprachnachrichten aufnehmen, kleinschrittig vorgehen.
♦ Gemeinsam, also im Chor, «Hallo», «Danke» oder «Tschüss» sagen.
♦ Kinder oder Lehrpersonen nach Hause zum Spielen einladen, weil dort das Sprechen am einfachsten fällt.
♦ Das Umfeld informieren und anleiten: Zunächst keine Fragen stellen, sondern beschreiben, was das Kind tut. Bei Fragen 5-10 Sekunden Zeit zum Antworten geben.
Infos: www.mutismus-schweiz.ch oder https://mutig-sprechen.com
Teddybär übernimmt das
Bleibt die Störung unbehandelt, kann sie gravierende Folgen haben. Franziska Florineth weiss: Oft leiden Betroffene später unter Depressionen, bleiben arbeitslos und haben Schwierigkeiten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wenn es auch nie zu spät ist, so rät sie, selektiven Mutismus so früh wie möglich zu behandeln.
Linnea lernt nach der Diagnose in regelmässigen Logopädie-Stunden, ihr Schweigen zu durchbrechen. «Am meisten hat mir mein Teddybär geholfen», sagt die heute Zwölfjährige. Sie darf diesen fortan in den Chindsgi mitnehmen und wenn sie sich nicht traut, spricht er für sie. Sagt der Kindergärtnerin zum Beispiel, dass Linnea aufs Klo muss. Als kleinen Anreiz schenken ihre Eltern ihr ein Armband. Und jedes Mal, wenn sie in einer schwierigen Situation mutig spricht, erhält sie einen Anhänger. Nach nur wenigen Monaten hat Linnea ihre Angststörung hinter sich gelassen. Vor der ganzen Klasse etwas sagen – das braucht auch heute noch Überwindung. «Aber in kleineren Gruppen ist sie manchmal kaum zu bremsen», sagt ihre Mutter.
Eisernes Schweigen im Kindergarten
Innert nur einem Jahr hat auch Viola* grosse Fortschritte gemacht. Die heute Sechsjährige verstummt, als sie mit zweieinhalb Jahren in die Kita kommt. Zu diesem Zeitpunkt hört sie auch auf, mit Verwandten oder anderen Kindern zu sprechen. «Am Anfang dachten wir, sie braucht einfach Zeit», erzählt Mutter Maria*. Nach einem Jahr wechselt Viola in einen privaten Kindergarten. Auch dort schweigt sie eisern.
Zunehmend hilflos und verzweifelt sucht Maria Rat im Internet, liest über selektiven Mutismus und dass dieser möglichst rasch behandelt werden sollte. «Ich machte mir grosse Vorwürfe, so lange gewartet zu haben. Ich konnte kaum mehr schlafen.» Eine erste Behandlung bei einem Psychotherapeuten bringt keine Fortschritte. Maria erinnert sich: «Er meinte, Viola spiele Spielchen. Es mache ihr Spass, mit dem Schweigen Macht über ihn auszuüben.» Franziska Florineth kennt diese Problematik. Zum einen wüssten viele Therapeut* innen zu wenig über das Thema. «Zum andern ist die Arbeit mit einem selektiv mutistischen Kind sehr anspruchsvoll. Man muss es aushalten können, dass Kinder teilweise wochen- oder monatelang nicht mit einem sprechen.»

Mit Therapiehund
Als Viola fünf Jahre alt ist, wechselt sie in Franziska Florineths Praxis. «Wichtig ist, kleinschrittig, individuell und interdisziplinär vorzugehen», sagt die Psychotherapeutin. Dem stimmt Sabine Laerum zu. Beide Therapeutinnen treffen das Kind wenn möglich zum ersten Mal zu Hause, in seinem «safe place». Sabine Laerum sagt: «Ich nehme zu Beginn die Sprecherwartung komplett raus und stelle keine Fragen.» Das Aufbauen einer vertrauensvollen Beziehung steht für beide im Vordergrund. Dafür beschreibe sie im Spiel, was das Kind tue und lobe es, zum Beispiel: «Du stellst alle Autos in eine Reihe. Schöne Idee, sie dabei nach Farben zu sortieren.»
Nach dem Hausbesuch kommt Viola die ersten Male mit Mama oder Papa in Franziska Florineths Praxis. Anfangs flüstert sie nur mit ihren Eltern, später traut sie sich laut mit ihnen vor der Therapeutin zu sprechen. Später spielen sie Versteckis, wobei Viola bald in der Lage ist, laut zu zählen, oder sie gehen mit Therapiehund Eddie spazieren. «Die Bewegung und das Draussensein lockern. Einem Hund Befehle zu erteilen und diese auch durchzusetzen, baut die Selbstwirksamkeit auf», erklärt Franziska Florineth.
Weil Viola bereits lesen und sich anfangs in der Praxis nur so ohne Hemmungen äussern kann, lässt die Therapeutin sie ihre Lieblingsbildergeschichte vorlesen. Anfangs sitzt sie selbst weit weg, damit sich Viola nicht bedroht fühlt und rückt dann in Absprache mit ihr schrittweise näher. Zudem bittet sie Viola, ihr mehrmals wöchentlich Sprach- und Videonachrichten zu schicken. Auch zum Tschüss sagen nach der Therapie. «Als ersten Schritt musste sie mir vom Parkplatz aus eine Sprachnachricht senden, danach vom Treppenhaus, dann von vor der Tür und schliesslich schaffte sie es, sich direkt von mir zu verabschieden.»
Lehrpersonen einbeziehen
Nach einem Jahr Therapie ist Viola sogar bereit, einer wildfremden Journalistin Auskunft zu geben. «Wenn ich viel Mut brauche, nehme ich mein Obur-Bärchen mit», erzählt die Sechsjährige, «und ich sage Obur, dass er zu Hause bleiben soll.» Obur? Das ist der Vielfrass aus dem Bilderbuch «Anna und Obur», der Anna die Worte stiehlt und verschlingt. Dank einer Therapie wird Anna stärker und Obur kleiner, sodass er ihr immer seltener die Worte klauen kann – so wie bei Viola. Die Therapie ist allerdings nur ein Puzzleteil. Darin sind sich beide befragten Therapeutinnen einig. Ziehen Eltern oder Betreuungspersonen nicht mit, sind die Voraussetzungen schwierig. Wichtig sei Transparenz: Lehrerinnen und Lehrer und Klasse sollten informiert sein. «Lehrpersonen müssen wissen, dass sie das Kind nicht mit Fragen bombardieren und nicht unter Druck setzen sollten, zu sprechen», sagt Franziska Florineth.
Zudem sollten die anderen Kinder das Sprechen für das schweigende Kind nicht übernehmen. Oder nicht in Jubel ausbrechen, wenn es sich getraut hat, etwas zu sagen. «Das kann ein Kind für längere Zeit wieder verstummen lassen.»
Violas Mutter Maria ist erleichtert, dass ihre Tochter nach den langen Jahren des Schweigens die Worte wiedergefunden hat. Diese Zeit sei sehr hart gewesen. «Als sie nach fast drei Jahren zum ersten Mal eine Freundin begrüsst hat, die zu uns nach Hause kam, war das ein extrem schöner Moment.»
**Namen von der Redaktion geändert*
Sibille Moor hat Anglistik studiert und mehrere Jahre als Redaktorin für Zürcher Tageszeitungen gearbeitet. Heute unterrichtet sie Englisch und Deutsch und textet als Social Media Managerin. Seit sie Mutter ist treiben sie die Herausforderungen im Familienalltag um. Und genau darüber schreibt sie für «wir eltern».