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Pubertät
Was Eltern über das Teenie-Hirn wissen sollten
Das Teenie-Hirn ist im Umbau. Was in der Zeit zwischen 12 und 20 im Gehirn Pubertierender geschieht, und was dies für Auswirkungen auf die Jugendlichen hat.
Sind die eigentlich noch ganz richtig im Kopf? Klammheimlich hat man sich das ja als Eltern Pubertierender schon manches Mal gefragt. Wie sonst ist zu erklären, dass das eigene Kind soeben noch ein sanftes Engelein ist und eine Minute später zum rasenden Rumpelstilzchen mutiert? Wieso schlurft es so matt dahin und das nach 14 Stunden Schlaf? Wie kann es sein, dass ein leidlich intelligenter Teenager testet, welche Geschwindigkeit ein Trottinett maximal erreichen kann und anschliessend vom Rettungsdienst aus einer Baugrube gezogen werden muss? Wie? Da stimmt doch was nicht im Kopf! Richtig, da stimmt was nicht im Kopf. Das Gehirn jedenfalls ist in dieser Phase wegen Umbaus geschlossen.
Pubertät: Wachstumsschub im Gehirn
Denn nie zuvor und nie danach wird im Hirn so viel umgemodelt, neu verdrahtet, eingerissen und anders wieder aufgebaut wie in der Zeit zwischen 12 und 20. So hat etwa die Grosshirnrinde kurz vor der Pubertät einen schwindelerregenden Wachstumsschub hingelegt, neue neuronale Verbindungen spriessen wie Pilze aus feuchtem Waldboden, andere dagegen werden gleich mit der Abrissbirne zerstört. Bis zu 30000 Synapsen pro Sekunde, 2,6 Milliarden am Tag, werden während der Teenie-Jahre abgebaut.
Kurz: Altes wird gekübelt, nie da Gewesenes aufgebaut, Dysfunktionales gekappt, effektivere, schnellere Wege gesucht. Sehr schnelle. Nie im Leben ist die Denkgeschwindigkeit so rasant, nie sind die Reaktionszeiten so kurz wie in der Pubertät. Gehört, gemacht. Gesehen, gemerkt. Gewollt, getan – eben leider oft ohne zeitraubendes Nachdenken dazwischenzuschalten.
Was in der Pubertät im Gehirn passiert
Wie bei allen Baustellen läuft der Normalbetrieb zeitweilig holperig. Wie etwa:
♦ Der Schlaf- Wachrhythmus. Bei Heranwachsenden produziert die Zirbeldrüse das Schläfrigkeitshormon Melatonin mit zweistündiger Verspätung. Folge: Der Teenager findet nicht ins Bett – und morgens nicht heraus. Daher vielleicht das matte Schlurfen.
♦ Der Präfrontalkortex ist noch in Arbeit und erst mit etwa 20 Jahren voll entwickelt. Deshalb sind Vernunft, Logik und Gefühlskontrolle unsichere Kandidaten. Manchmal zu Höchstleistungen fähig, manchmal im Sabbatical.
♦ Bei den neuronalen Verknüpfungen finden Renovierungsarbeiten statt. Deshalb sinkt bei 12- bis 18-Jährigen die Geschwindigkeit, Gefühle anderer Menschen zu erkennen, um satte 20 Prozent. Freundschaftskrisen, Liebes-Kuddelmuddel und fröhlich unbefangenes Herumtrampeln auf elterlichen Nerven sind häufig die Folge.
♦ Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses steigt rapide an. Auch weit entfernte Areale werden miteinander verdrahtet, die Informationsübermittlung klappt wie geschmiert. Die Myelinisierung, die Ummantelung der Nervenfasern, die die elektrischen Impulse weitertragen, erreicht einen neuen Höhepunkt. Die Merkfähigkeit scheint unbegrenzt und erreicht ihren Peak mit 19 Jahren. Ab 25 sinkt sie dann wieder.
♦ Der Nucleus accumbens, zuständig im Hirn für Belohnungen und Glücksgefühle, ist bei Jugendlichen träger als bei Erwachsenen. Damit das Ding anspringt, muss der Reiz entsprechend stärker sein: Alkohol hochprozentiger, Musik lauter, der Looping auf der Chilbi dreifach. Und da eben der Präfrontalkortex noch nicht voll auf der Höhe ist, fehlt oftmals die Fähigkeit, Langzeitfolgen kurzfristiger Kicks mit zu bedenken. Nicht von ungefähr ist die Unfallgefahr in diesen Jahren um 300 Prozent erhöht.
♦ Die Hypophyse leistet in der Pubertät Schwerstarbeit: Hormone werden in Mengen produziert. Die Folge: Bart oder Busen, Pickel, explodierende Sprachfähigkeiten (die allerdings durch hartnäckiges Schweigen daheim den Eltern zuweilen völlig entgehen); ein verwuscheltes Kälte- und Hitzeempfinden, weshalb Jugendliche eine dünne Jeansjacke selbst bei Schneefall völlig ausreichend finden. Zeitgleich wird die räumliche Wahrnehmung besser und durch die Workaholic-Hypophyse die Fähigkeit zu «divergentem Denken» befeuert. Die Fähigkeit, die Vernunft mal beiseite zu lassen, idealistisch zu sein, die Welt neu zu denken, sich selbst neu zu erfinden – vielleicht zeitweilig mit blauen Haaren. Baustellenende: voraussichtlich mit 25 Jahren. Schade eigentlich. War auch ganz schön, das kreative Chaos.
Caren Battaglia hat Germanistik, Pädagogik und Publizistik studiert. Und genau das interessiert sie bis heute: Literatur, Geschichten, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren – und wie man am besten davon erzählt. Für «wir eltern» schreibt sie über Partnerschaft und Patchwork, Bildung, Bindung, Erziehung, Erziehungsversuche und alles andere, was mit Familie zu tun hat. Mit ihrer eigenen lebt sie in der Nähe von Zürich.