
Andreas Zimmermann
Interview
Was Eltern nicht verstehen
Von Caren Battaglia
Unsere Schulen werden zu Unrecht dauernd kritisiert, findet Erziehungswissenschafter Roland Reichenbach. Denn um Bildung gehe es in der Schule eigentlich nur am Rande.
«Kindheit – eine Beruhigung» heisst der Titel des Sammelbandes, in dem jetzt ein flammendes Plädoyer für die Schule von Ihnen zu lesen ist. Können wir Eltern uns ein bisschen locker machen?
Roland Reichenbach: Bei dem Buchtitel hab ich nicht mitgeredet (lacht). Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er auch gut «Eine Beunruhigung» heissen können. Denn es gibt beim Aufwachsen der Kinder so vieles, das ich sehr beunruhigend finde. Etwa diese ganzen Bildschirme ständig. Ich könnte mir denken, dass dadurch die Fähigkeit zur Imagination abnimmt. Also die Kompetenz, innere Bilder zu erzeugen in Form von Erinnerung, Vorstellungsvermögen, Fantasie. Ich befürchte, diese Oberflächlichkeit und Schnelligkeit werden sich auf die innere Bildung der Kinder und Heranwachsenden negativ auswirken.
Bildung – damit wären wir beim Thema Schule und Ihrer Verteidigung der Schule. Sind Sie gerne zur Schule gegangen?
Mal so, mal so. Betragen war nicht gerade meine Bestnote. Wie gut ich die Schule fand, hing von der Lehrperson ab.
Mit Ihrem Pro-Plädoyer im Kapitel «Warum sollen Kinder in die Schule gehen?» stehen Sie derzeit ein bisschen quer im Raum. Schulbashing, Privatschulen, Unschooling-Welle – all das weist in eine andere Richtung.
Ja, weil viele Eltern nur immer ihr eigenes Kind im Fokus haben. Nur dessen vermeintlich «individuellen Lernerfolg». Mal ehrlich: Ginge es in der Schule ausschliesslich um den Stoff, dann könnte man das ganze Pensum mit effizientem Lernen problemlos innerhalb von drei Jahren in die Köpfe kriegen. Aber Schule erfüllt viel mehr Funktionen als reine Stoffvermittlung. Deshalb brauchen wir sie. Braucht die Gesellschaft sie. Und brauchen Schüler den Stoff, mit dem sie vermeintlich gar nichts anfangen können. Das ist wichtig für die Demokratie.
Äh, was? Dinge zu lernen, die man nicht braucht, ist wichtig für die Demokratie?
Ja. Vor den binomischen Formeln sind alle gleich. In unserer demokratischen Gesellschaft gibt es nicht eine einzelne einflussreiche Gruppe, die diktiert, was gelernt werden soll. Die Schule ist in gutem Sinne wertkonservativ. Sie konserviert Werte. Sie entzieht sich der leidigen allgegenwärtigen Verwertungsmentalität, entzieht sich partikulären Interessen und auch dieser Herstellungsmentalität. Damit meine ich den blauäugigen pädagogischen Glauben, wenn man immer A täte, käme immer B heraus.
Vor den binomischen Formeln sind alle gleich? Mit der Chancengleichheit ist es aber gerade im Schweizer Schulsystem nicht so weit her.
Das ist richtig. Die Schule beseitigt letztlich auch keine Ungleichheiten der Gesellschaft, das wäre naiv. Sie spiegelt sie. Sie ist keine Erfüllungsgehilfe von Ideologien.
Und trotz der Chancenungleichheit werfen Sie sich für die Schule in die Bresche.
Ja. Aber mal weg von der gesellschaftlichen Bedeutung und der Wichtigkeit für die Demokratie. Auch eine Nummer kleiner – also für die Einzelne oder den Einzelnen – ist die Schule unersetzlich. Sie ist beispielsweise ein toller Ort, um alle Emotionen kennenzulernen: von Langeweile bis Panik. In der Schule ist die Gruppe – im besten Fall – sozial völlig durchmischt. Die Kinder lernen dort, mit den unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Und –ebenfalls im besten Fall – erleben Kinder in der Schule eine Lehrperson, die ihnen zeigt: Dieser Unterrichtsstoff hier ist mir wichtig. Und ihnen das mit Leidenschaft verkauft. Lehrpersonen, die das können, sind ein Glück. Die, an die sich die Schüler und Schülerinnen später erinnern und die sie prägen.
Manche alternative Schulen werben damit, dass die Schüler:innen dort ganz selbstbestimmt lernen und sich ihren Lernstoff selbst aussuchen dürfen.
Das ist vor allem Rhetorik. Weder im Sport noch in der Musik käme jemand auf die Idee, dass jemand lernen könnte, ohne dass ihm zuvor ein anderer zeigt, wie es geht. Kein Mensch hat etwas gegen Klavierunterricht, aber in der Schule soll das Prinzip Lehren und Lernen, Vormachen-Nachmachen auf einmal schlecht sein? Und mal ehrlich: Es ist vor allem eine bestimmte Gruppe von Eltern, die extrem schulskeptisch ist und nach Alternativen sucht.
Welche?
Eltern mit starker Bildungsaspiration. Also Eltern mit sehr klaren Vorstellungen bezüglich des Bildungsabschlusses, den ihr Nachwuchs erreichen soll. Diese Eltern interessieren sich ausschliesslich für ihr eigenes Kind. Alle anderen Kinder sind ihnen egal. Dadurch, dass privilegierte Kinder aber plötzlich aus der gemeinsamen staatlichen Schule herausgenommen werden, entsteht eine Schieflage. Die soeben schon erwähnte wichtige soziale Durchmischung ist dann nicht mehr gegeben.
Dann finden sie auch private Kurse für die Gymi-Prüfungen fragwürdig?
Ja, die können sich längst nicht alle leisten. In Ostasien gibt es für dieses Auseinanderdriften im Schulwesen sogar einen Begriff: shadow education. Eine Bildungs-Schattenwirtschaft. Lehrpersonen, die in diesem zweiten Markt tätig sind, verdienen etwa in Korea mitunter sogar mehr Geld als die in der regulären Schule. Höchst fragwürdig! Das sind Mechanismen, die letztendlich dazu führen, dass nur eine privilegierte Schicht eine privilegierte Schule besucht. Dabei kommt es für die Kinder aus Elternhäusern, in denen sie ohnehin gefördert und gestützt werden, viel weniger darauf an, nach welcher Art sie in der Schule lernen. Die kommen überall zurecht. Ob freie Arbeit, Wochenplan oder lehrerzentrierter Unterricht. Aber andere Schüler, aus weniger privilegierten Schichten, die benötigen in der regulären Schule richtig gute Lehrpersonen.
Was macht einen guten Lehrer oder eine gute Lehrerin denn aus?
Die Lehrperson zeigt glaubhaft, was sie für wichtig hält.
Sie signalisiert: Ich zeige es dir. Du lernst. Und ich will, dass du gut bist.
Ich glaube daran, dass du es kannst.
Und wenn es nicht klappt, obwohl du dich anstrengst, dann kannst du sicher sein, dass ich dir helfe.
Und damit hat es sich?
Lehren und Lernen ist ein persönliches Geschäft. Es läuft über Beziehung. Man braucht den Menschen. Das wird jeder sofort unterschreiben, der sich an seine Schulzeit erinnert. Immer gibt es da diese Lehrperson, die in einem besondere Spuren hinterlassen hat. Und zwar ziemlich egal, wie sie unterrichtet hat. Ich reg mich richtig auf – wie jetzt zum Beispiel – wenn ich etwa höre: Aktiv lernen ist gut, passiv ist schlecht. Warum soll es schlecht sein, einen spannenden, fesselnden Lehrervortrag zu hören? (lacht). Na, spätestens jetzt glaubt mir niemand mehr, dass ich eigentlich links bin.
Na ja, klingt zumindest eher konservativ
Wertkonservativ ist im Bereich der Pädagogik ja auch nichts Schlechtes. Ändern um des Änderns willen ist Unsinn. Gutes gilt es zu bewahren. Die Schule gehört dazu.
Was tut die Schule denn besonders Gutes?
Vieles. Nehmen Sie doch nur die Aufbewahrungsfunktion der Schule. Während der Corona-Pandemie haben wir ja gesehen, wie alles ins Schlingern gerät, wenn die Schule ihre Aufbewahrungsfunktion nicht erfüllt, also die Kinder eine bestimmte Anzahl von Stunden betreut und damit die Eltern entlastet. Und sie ist für viele Kinder auch ein Halt. Verlässlichkeit. Das muss man nicht ständig schlechtreden. Ausserdem lernt man dort enorm viel, was man sonst niemals lernen würde.
Was etwa?
Miteinander umgehen. Gemeinheiten aushalten. Wie schön es ist, zusammen Unsinn zu machen. Zu pfuschen, ein wenig zu schummeln und zu täuschen. Das gehört auch zur Gesellschaftstauglichkeit.
Ich will nicht behaupten, dass ich all das nicht in der Schule gelernt hätte, aber dass Schummeln und Täuschen Werte sind, das hab ich noch nie von jemandem gehört.
Aber das sind sie! Schüler:innen lernen im Unterricht, so zu tun, als ob sie den Stoff interessant fänden und Lehrer:innen tun so, als glaubten sie ihnen. Eine eingespielte Choreografie. Schüler, die dieses Interesse-Vortäuschen nicht verstehen und offen «keinen Bock» signalisieren, kriegen aufgrund ihrer Ehrlichkeit erhebliche Schwierigkeiten. Ist auch später im Beruf so. Oder nehmen wir das Lügen: Es ist zwar verpönt, aber in einer Welt der radikalen Ehrlichkeit wäre Zusammenleben geradezu unmöglich. Versuchen Sie mal, eine Weile lang rückhaltlos ehrlich zu sein. Ich prophezeie: Ihr Leben wird schnell sehr ungesellig. Nein, in der Schule geht es nicht, wie viele Eltern egozentrisch meinen, primär um Individualität, sondern um Gemeinschaft und Gemeinsinn. Wenn Sie sich an Ihre Schulzeit zurückerinnern, erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie Cosinus und Tangens gelernt haben? Nein. Aber an Gemeinschaftserlebnisse mit Sicherheit zuhauf

Roland Reichenbach (*1962) ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich – und Vater. Ursprünglich war der gebürtige Saaner Primarlehrer. Er kennt das Sujet «Schule» demnach aus allen erdenklichen Perspektiven.
Oskar Jenni (Hrsg): «Kindheit – eine Beruhigung», Kein&Aber, Fr.30.–.