
Annie Wehrli
Gesellschaft
Zu viel Happiness macht auch nur unglücklich
Schon wieder ein neues Rezept für Glück und gelingendes Leben. Brauchen wir das? Nein! Denn all dieses Streben nach Seligkeit nervt gewaltig – und schadet. Eine Polemik.
Jetzt also «Nagomi». Der neuste Weg zu Harmonie, Balance und Lebensfreude. Knackfrisch aus Japan importiert und direkt ins Regal der Abteilung «sonnig-Werden-leicht-gemacht» gewandert. Hygge und Lagom sind ja inzwischen durch. Waldbaden ist ab Oktober zu kalt. Yoga abgestanden, weil alltäglich. Und «Glücksatmung», um sich luftig und leicht zu fühlen, hat ebenfalls Patina, denn Atmen lässt sich ja generell nur schwer vermeiden – egal mit welchem Effekt. Deshalb nun eben: «Nagomi.»
«Gleichgewicht, Behaglichkeit und Ruhe von Herz und Geist», verspricht das «Nagomi»-Buch von Lebenskunst-Guru Ken Mogi. Zu erreichen durch: flächendeckendes Masshalten. Denn dies soll man tun, will man nagomisch leben.
Schadet ja nix, könnte man jetzt einwenden. Ein einzelnes Glas Prosecco zu trinken ist vermutlich tatsächlich empfehlenswerter als eine komplette Magnum-Flasche. Merkt man spätestens am nächsten Morgen. Behaglichkeit? Klingt auch super. Ruhe von Herz und Geist? Why not. Mittelwarm Duschen, nicht zu krass Feiern und Lieben, stattdessen stets sanfter Einklang und milde Harmonie…Nur zu, wer es gerne hat.
In diesen Glückssucher-Rezepten steckt ein Geschäft
Aber: Ich habe auf dieses ganze Glücksgedudel jetzt so was von keinen Bock mehr. Und zwar egal auf welches. Warum? Weil ich ein schlechtgelaunter Mensch bin? Anderen ihr «Rosige Momente»-Schaumbad oder den Gewürztee «Be happy» missgönne? Nein. Meinetwegen trinkt ihn, den Tee. Von mir aus in Mengen, wie ein Kamel Wasser an der Oase. Mir egal. Was mir aber nicht egal ist: In all diesen Glückssucher-Rezepten steckt ein Mordsgeschäft – und ein Imperativ.
Du bist, sagen wir als Vater oder Mutter, gerade kein bisschen happy? Deine Partnerin hat soeben recht unharmonisch die Tür geknallt? Dann hast du sicher zu wenige Bücher mit Sprüchen wie «Pflücke den Tag» gekauft, gelesen und beherzigt. Drei deiner vier Kinder liegen mit Brechdurchfall im Bett, zwei haben Fieber um die 39 Grad? Sieh das Gute! (Ich muss kurz überlegen, was das sein könnte, aber vielleicht fällt mir noch was ein.) Dein Job wird gestrichen? Think positive! Endlich Zeit, ein hübsches Fotobuch mit den Babybildern zu gestalten oder eine Fortbildung zum «Chakra-Practioner» zu beginnen. Und Gipfel des Zinnobers: Wie, du hast eine schwere Migräne? Ob da nicht im Sinne der Ganzheitlichkeit von Seele, Geist und Körper falsches Denken mit dran schuld ist? Nimm die Schmerzen freudig an. Gefälligst.
Die Tellerwäscher-Mär
Das ist doch Mist! Grosser Mist. Das schanzt doch die Verantwortung für alles Schlechte, das einem im Leben passiert, dem Einzelnen zu. Eine Variante von «Jeder ist seines Glückes Schmied» und dem verlogenen Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Märchen. Tellerwäscher waschen auf ewig. Zumindest 99 Prozent davon. Funfact: In der Schweiz schaffen es Akademikerkinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent auf Gymnasium und Uni, Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, mit einer Wahrscheinlichkeit von 24 Prozent. Tendenz: seit Jahren gleichbleibend. Vielleicht spielt da doch anderes hinein als der Wille zum Glück-Schmieden beim jeweils einzelnen Kind.
Ja aber, lässt sich jetzt anmerken, im Wesentlichen ist das doch trotzdem schön, aufs Gute zu gucken, sich an jedem Blümchen am Wegesrand und jedem Bäuerchen des Babys zu erfreuen. «Always Look on the Bright Side of Life» – das klingt erstrebenswert beschwingt, heiter, pastellig. Finden offenbar vor allem Frauen und Mütter. Die nämlich stellen die Hauptkäuferschaft von Büchern wie «Nagomi» (Einband: Pastell), «Mein kreatives Happy Buch» (Einband: Pastell) «Familie hyggelig» (Einband: Pastell). Sie sind es, die Apps wie «Happify» (Buttons: Pastell) herunterladen, in «Happinez» (Cover: richtig, pastellig) blättern und auf Instagram mittun am Wettrüsten ums glücksprallste Bild.
Hauts nicht hin, dann ist was falsch mit dir
Wenn, ja wenn umgekehrt nicht ein Schuh daraus würde. Wenn es nicht für viele ins genaue Gegenteil kippen würde. Denn haut es nicht hin mit dem rundum rosigen Leben, das man sich mit ein bisschen richtiger Sicht und den richtigen Ratgebern angeblich aneignen kann, bedeutet das: Mit dir ist etwas falsch. Du denkst falsch, fühlst falsch, isst falsch. Und ganz sicher ist es falsch, sich neben Kind, Beruf, Beziehung, Bio-Küche nicht ausreichend Mussestunden freizuschaufeln, um mit eigenen Händen hyggelige Socken zu stricken oder Finken zu filzen. Schon allein wegen des Glücksgefühls durch Kreativität.
Ja, wer schafft denn das? Und warum wirkt es, als müsste man? Heisst das elfte Gebot: Du sollst Finken filzen, auf dass Frieden herrsche in Seele und Weltenrund? Muss man ständig an sich arbeiten, Gutes, Wahres und Schönes tun, denken und fühlen? Nein. Muss man nicht. Ganz und gar nicht.
60 Millionen Menschen schlucken den «Glücklichmacher» Prozac. Das Lebenshilfe-Buch «Die Kunst des guten Lebens» vom Luzerner Rolf Dobelli hat sich über 220 000 Mal verkauft. 2,9 Milliarden Dollar setzt die Coaching-Branche weltweit jedes Jahr um. Zuwachsraten zweistellig. Was sagt uns das? Dass die Menschheit mangelhafter wird? Oder doch eher, dass sie sich mangelhaft fühlt? Vielleicht nämlich deshalb, weil es schlicht unmöglich ist, sich 24/7 «tipptopp», nagomi und positiv statt auch mal traurig und hässig zu fühlen.
Fluchen lindert Schmerz
Begonnen hat dieser Siegeszug der penetranten Glückssuche 1998 mit Martin Seligmann, dem Erfinder der «positiven Psychologie». Von seiner University of Pennsylvania aus verbreiteten sich Millionen von Ratgebern mit der – zugegeben, verknappt dargestellten – frohen Botschaft: «Man kann ein Glas als halb voll oder als halb leer sehen. Sieh es stets als halb voll.» Im Kielwasser des halb vollen Glases surften angeblich diverse segensreiche Nebenwirkungen: Unverdrossen zuversichtliche Kinder sollten bessere Noten bringen, Erwachsene schöner aussehen, positiv gestimmte Eltern besser erziehen und überhaupt – stand zu lesen – sei Erfolg nur mit stahlhartem, wetterfestem Optimismus zu haben. Ein Muffel, wer nicht mitzieht. Ein schlechter Vater oder eine schlechte Mutter, wer sein Kind nicht ununterbrochen geniesst und Heiterkeit aus jeder Pore schwitzt. Allerdings ist er stressig, der Lächelzwang. Irgendwann verkrampfen sich die Gesichtsmuskeln – und schädlich ist er auch. Erwiesen ist nämlich inzwischen:
♦ Schmerz wird besser erträglich durch Fluchen und Schimpfen. Das haben amerikanische Wissenschaftler herausgefunden und könnte erklären, weshalb Mütter beim Gebären einen Hang zu unflätigen Wörtern entwickeln.
♦ Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen dauert definitiv länger als zwei Wochen. Traurigkeit, die länger währt, als «Depression» einzustufen – wie viele medizinische Handbücher das tun – ist: blanker Unsinn.
♦ Positiv-Terror verleitet zum Selbstbetrug. Fand doch Thomas Gilovich, Psychologie-Professor der amerikanischen Cornell-University, heraus: 70 Prozent der Schüler* innen haben ein massiv gefotoshoptes Selbstbild. Sie hielten sich für talentierter als die Mehrheit und prädestiniert für spätere Führungsaufgaben. 100 Prozent fanden, sie selbst seien deutlich netter als der Durchschnitt. 100 Prozent netter als der Durchschnitt? Da wiegt man selbst als Laienmathematikerin skeptisch sein Haupt. Jedenfalls ist es bei den Befunden kein Wunder, dass all die hochbegabten und wonnigen Kinder, Schwierigkeiten kriegen, sobald die Realität in sie hinein knallt.
♦ Apropos Realität: Hiess es nicht schon bei Freud, Kinder sollten das Realitätsprinzip erlernen? Recht hatte er. Belegen doch zahlreiche Untersuchungen: nicht die rosarote, sondern die glasklare oder leicht dunkel eingefärbte Brille sorgt für eine kluge Sicht auf die Welt, für kritisches Denken, für Aufmerksamkeit und Genauigkeit. Weh den Flugreisenden, deren Pilot die Lebensdevise «Wird schon gut gehen» vertritt.
♦ Allzeit heitere Sonnenscheinchen, ermittelte der britische Psychologe Richard Bentall, neigten nicht nur zur Naivität, sondern ebenso zu Vorurteilen und Stereotypen. Auch Korrelationen zu - nennen wir es «kognitiver Schlichtheit» - liessen sich feststellen.
♦ Dauerlächeln macht nicht unbedingt sympathisch. Gibt es irgendwen, der Gustav Gans lieber mag als Donald Duck? Eben.
♦ Und – auch das ist durchdenkenswert – sollte man anstreben, sein Kind zu einem unerschütterlich optimistischen Menschen heranzuziehen: Optimisten lachen weniger. Optimisten haben weniger Humor. Das mag widersinnig klingen, ist aber Fakt, wie amerikanische Forscher herausgefunden haben. Möglicherweise, weil Witz und Tiefgang Verwandte ersten Grades sind.
Kurz: «Nagomi» kann mich mal. So was von. Das ständige Feintuning der eigenen Weltsicht nervt. Sich stets freudig mit dem halben Glas zu arrangieren ist nämlich viel bequemer, als beherzt an der Realität etwas zu ändern, sich zu wehren und das verdammte Glas endlich mal so richtig randvoll zu machen.
Ich finde: Weg mit dem ganzen Pastell in Gemüt und Erziehung. Her mit den Knallfarben. Und wenn schon japanisch, dann Sushi.
Caren Battaglia hat Germanistik, Pädagogik und Publizistik studiert. Und genau das interessiert sie bis heute: Literatur, Geschichten, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren – und wie man am besten davon erzählt. Für «wir eltern» schreibt sie über Partnerschaft und Patchwork, Bildung, Bindung, Erziehung, Erziehungsversuche und alles andere, was mit Familie zu tun hat. Mit ihrer eigenen lebt sie in der Nähe von Zürich.