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Schreibenlernen
Warum das Schreiben von Hand wichtig bleibt
Von Muriel Gnehm
Digitalisierung im Klassenzimmer? Aber nicht beim Schreibenlernen. Dort spielen Bildschirme und Tastaturen höchstens eine Nebenrolle. Warum das Schreiben von Hand auch im digitalen Zeitalter wichtig bleibt, erklärt Sibylle Hurschler Lichtsteiner.
Die Schnürlischrift ist Vergangenheit. Alle Schülerinnen und Schüler in der Deutschschweiz lernen seit mehreren Jahren die Basisschrift. Obwohl es das Schönschreiben als Schulfach nicht mehr gibt, wird immer noch viel Zeit dafür aufgewendet, handschriftlich Schreiben zu erlernen.
Wäre es in Zeiten von Tablets und Computern nicht sinnvoller, von Anfang an aufs Tastaturschreiben zu setzen? Darüber haben wir mit Sibylle Hurschler Lichtsteiner gesprochen. Sie ist Dozentin für Psychomotorik und Schriftdidaktik an der PH Luzern und forscht seit Jahren zu solchen Fragen.
wir eltern: Frau Hurschler, Studien haben ergeben, dass die Handschrift selbst im digitalen Zeitalter fürs Lesenlernen und Schreibenlernen noch zentral ist. Warum?
Sibylle Hurschler Lichtsteiner: Kinder können sich Buchstaben besser einprägen, wenn sie diese von Hand schreiben lernen und nicht bloss tippen. Zudem ist das Schreiben mit zehn Fingern in diesem Alter schwierig. Mit drei Fingern geht es viel einfacher. So können viele Kinder von Hand schon bald ihren eigenen Namen schreiben. Und das ist ein erstes Erfolgserlebnis!
Bitte erklären Sie genauer, wie die Bewegungen das Schreibenlernen unterstützen.
Beim Schreiben von Hand machen Anfängerinnen und Anfänger zunächst langsame Bewegungen. Der Weg zu jedem Buchstaben ist ein anderer; das Kind muss sich kleine Bewegungsabläufe merken. Beim Tippen ist die Unterschiedlichkeit viel geringer, die Wege sind kürzer. Deshalb ist es schwieriger, sich die Buchstaben einzuprägen. So gelingt denn auch die Automatisierung beim handschriftlichen Schreiben besser.

Redaktion
Sibylle Hurschler Lichtsteiner (* 1965) ist seit 2008 an der PH Luzern Dozentin für Schriftdidaktik, Grafomotorik und Psychomotorik. Überdies ist sie Projektleiterin der Forschungsgruppe Sprachen und Schrift. Ursprünglich bildete sie sich zur Primarlehrerin aus und zur Psychomotoriktherapeutin weiter.
Link zu Videos zum Buchstaben üben: ➺ lmvdmz.lu.ch/lmv/basisschrift
Was meinen Sie mit der Automatisierung?
Beim Schreiben von Hand ist es wie beim Schwimmen. Irgendwann denkt man nicht mehr darüber nach, wie eine Schwimmbewegung geht. Man schwimmt einfach und kann sich dabei anderen Dingen zuwenden. Bezüglich des Schreibens bedeutet dies, dass der Kopf frei wird, und man sich zum Beispiel eine Geschichte ausdenken kann.
Wie lange dauert es durchschnittlich, bis dies beim Schreiben so weit ist?
In der zweiten Klasse schreiben viele Kinder bereits einzelne Buchstaben, ohne nachzudenken. Ab der dritten Klasse entwickelt sich das Schreibtempo sehr unterschiedlich weiter.
Rein theoretisch: Würde es überhaupt funktionieren, Schreiben nur über das Tastaturschreiben zu erlernen? Oder braucht es dazu den Tanz der Stifte?
Es würde bestimmt funktionieren. Es ist einfach eine Frage des Aufwands und der Motivation, da die motorischen Fertigkeiten dafür viel schwieriger zu erwerben sind. Zumal uns auch die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur sehr zufällig erscheint.
Das ist sie aber nicht, oder?
Nein. Als die mechanische Schreibmaschine erfunden wurde, hat man die Tastatur in der englischen Sprache bewusst so angelegt, dass Buchstaben nebeneinanderliegen, die man nicht gleich häufig braucht. Denn sonst verzahnten sich die einzelnen Gabeln ständig ineinander. Für uns aber ergibt diese Anordnung keinen Sinn, weshalb man sich jede einzelne Taste einprägen muss.
Ab wann lernen die Kinder das Tastaturschreiben in der Schule?
Im Lehrplan 21 steht, dass die Schülerinnen und Schüler handschriftlich und auf der Tastatur Schreiben lernen müssen. Wann dies geschieht, ist von Kanton zu Kanton verschieden. Im Kanton Luzern etwa steht ab der vierten Klasse ein Tastaturschreiblernprogramm zur Verfügung. Und dazu gibt es Empfehlungen, wie die Lehrpersonen dieses in den Deutschunterricht integrieren können.
Linkshändigkeit ist heute keine Benachteiligung mehr. Die Schreibbewegungen sind für Linkshändige etwas anspruchsvoller als für Rechtshändige. Das Schreiben gleicht einer Stossbewegung statt einer Ziehbewegung. Damit die Schreibspur nicht verdeckt wird, muss das Blatt Papier immer wieder neu ausgerichtet werden.
Die Basisschrift macht dies einfacher: Heutzutage muss kein Kind mehr ein so langes Wort wie «Vierwaldstättersee» vollständig verbunden schreiben. Weil weniger Buchstaben verbunden sind, wird die Hand nicht mehr so stark belastet.
Zudem wird nicht mehr vorgegeben, in welcher Drehrichtung etwa das «O» geschrieben wird. Es muss bloss leserlich sein. Auf komplizierte Formen, wie sie der «Schnürlischrift» eigen waren, wird ebenfalls verzichtet. Das Schreiben von Hand ist dadurch viel einfacher und individueller geworden.
Dann sind Ende Primarschule alle Kinder des Zehnfingersystems mächtig?
Dazu hat die PH Schwyz eine Untersuchung in einer Schweizer Primarschule durchgeführt. Diese ergab, dass nach zwei Jahren Unterricht 70 Prozent das Zehnfingersystem einigermassen beherrschten. Was dabei alarmierend ist: 30 Prozent haben es nicht gelernt. Da geht dann die Schere auseinander: Wie kommen diese 30 Prozent dazu, dass sie es später genauso kompetent nützen können?
Und wie kommen sie dazu?
Das ist mir nicht bekannt. Wichtig wäre aber, dass diese Kinder in der Oberstufe nochmals die Möglichkeit bekämen, begleitet zu üben.
Die Kinder lernen also immer noch zuerst handschriftlich Schreiben. Seit 2016 mit der Deutschschweizer Basisschrift.
Genau, die Kinder lernen mithilfe dieser Schrift von Beginn an eine persönliche Handschrift. Unsere Studien zeigen, dass die Kinder heute leserlicher und fliessender schreiben als mit dem alten System. Und dass sie auch lieber schreiben.
Wieso ist dem so?
Weil sie nicht mehr innert kürzester Zeit zwei Schriften erlernen müssen und weil die vereinfachten Buchstaben und die teilverbundene Schrift einfacher sind.
Wie können Eltern ihre Kinder in diesem Lernprozess unterstützen?
Es ist wichtig, dass man sie im Vorschulalter manuell vielseitig fördert. Dass man mit ihnen backt, knetet, malt, bastelt, werkt und musiziert. Kinder, die häufig zeichnen, haben erwiesenermassen früher eine ansprechende Handschrift. Arbeitsblätter für Vorschulkinder braucht es hingegen noch nicht. Vielmehr sollen Eltern anerkennen, was ihre Kinder bereits können.
Wie, zum Beispiel?
Wenn ein Kind den ersten Buchstaben seines Namens malt, soll man es dafür loben. Und nicht sagen: «Schau mal, und so sehen die nächsten Buchstaben deines Namens aus.» Die ganze Welt der Buchstaben soll ein Geschenk sein. Die Eltern können diese mit dem Kind zusammen entdecken. Zum Beispiel vor einem Geschäft stehen bleiben, mit ihm den Schriftzug des Namens anschauen und vielleicht an einem bereits bekannten Buchstaben anknüpfen.
Und wenn die Kinder in die Schule kommen und überhaupt keine Lust aufs Schreiben haben?
Dann empfehle ich Spiele. Man kann dem Kind zum Beispiel einen Buchstaben auf den Rücken malen, und es darf ihn erraten und nachher selbst einen auf den Rücken der Eltern schreiben. Dabei können die Kinder keine Fehler machen, sie können ja gar nicht genau arbeiten. Wichtig ist auch, dass die Kinder unterschiedliche Schreibgeräte ausprobieren dürfen. Zum Beispiel auch Fingerfarben!
Wie lange dauert es, bis sich die persönliche Schrift ausgebildet hat?
Die Schrift entwickelt sich ein Leben lang weiter. Früher durften die Schülerinnen und Schüler irgendwann so schreiben, wie sie wollten. Der Übergang war nicht angeleitet. So haben künstlerisch Begabte ihre Handschrift selbst entwickelt. Aber es gibt auch Erwachsene, die heute noch eine wenig eigenständige Schulschrift haben. Mit der Basisschrift werden die Schülerinnen und Schüler zu einer persönlichen Handschrift herangeführt.
Inwiefern?
Das Basisschrift-Alphabet ist nur ein Richtalphabet, weshalb Kinder schon früh ihre eigenen Formen entwickeln können. Dabei müssen diese lediglich leserlich sein.