Kopftuchdebatte
Vom Kopftuch ist keine Rede

Desirée Good
Punkt acht sitzt Naciimo (13) im Korridor vor dem Schulzimmer, neben ihr sitzen Alma, Celina und Djelza, um sich über die Hausaufgaben auszutauschen. Drei aufgeweckte Mädchen der sechsten Klasse. Naciimo ist hübsch, von zierlicher Gestalt, hat strahlende, wache Augen, sie trägt wie die meisten hier Jeans, ein Shirt und bequeme Turnschuhe. Sie schultert einen der viel gesehenen blauen Schulranzen mit Delfinen. Ihr Lieblingsspiel heisst Memory, ihr Lieblingsessen Pizza. Doch ein Kopftuch trägt nur sie. Als Einzige im Schulhaus Engelwies in St. Gallen. Heute ist es ein beiges Tuch mit Glitzersaum. Zu Hause hat sie noch ein gelbes, ein oranges und ein violettes. Sie hat kein Lieblingstuch, sie mag sie alle gern. Die Tücher gehören einfach zu ihr.
Die Glocke schrillt, die Lehrerin der fünften und sechsten Klasse, die Naciimo seit August besucht, begrüsst ihre 16 Schützlinge. Bevor Heidi Mauch mit dem Unterricht beginnen kann, herrscht ein Riesengewimmel, ein grosses Durcheinander. Alle müssen ihr Hausaufgabenheft beim Lehrerpult vorbeibringen. Auch Naciimo hat ihre Aufgaben erledigt. Sie ist erst seit einem knappen Jahr in der Schweiz, spricht noch gebrochen Hochdeutsch und muss hart arbeiten, damit sie mit ihren Klassenkameradinnen und -kameraden mithalten kann. Doch sie nimmts gelassen. Sie mag Mathe. In die Förderklasse mochte sie ihre Mutter nicht schicken, weil diese überzeugt ist, dass Naciimo viel schneller Deutsch lernt, wenn sie mit Kindern zusammen ist, deren Muttersprache keine Fremdsprache ist.
Frau Mauch beginnt den Tag mit Lockerungsübungen zu Vivaldis «Vier Jahreszeiten ». Dies, so sagt sie, «schaltet unsere Hirnhälften ein und bringt unsere Energie zusammen.» Und es wirkt. Endlich sitzen alle Schülerinnen und Schüler einigermassen konzentriert am Pult, und Frau Mauch fragt die Kinder, wie sich Naciimo aus dem fernen Somalia in der kurzen Zeit integriert habe. Die Hände schnellen hoch, fast alle haben etwas dazu zu sagen. «Sie hat sich gut eingelebt», meint Celina. Und Alma ergänzt: «Sie spielt mit uns und lernt fleissig die Sprache. » Fabian meint: «Sie ist recht scheu und fragt nie, ob sie mitspielen darf, aber wenn wir sie fragen, macht sie immer gerne mit.» Man ist sich einig. Naciimo ist sehr nett. Marc betont ihre sprachlichen Fähigkeiten: «Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell Deutsch sprechen kann. Und das, obwohl sie gleichzeitig auch noch Englisch und Französisch lernen muss.» Naciimo selbst ist noch nicht zufrieden mit ihren Sprachkompetenzen. «Ist die Schule streng für dich?», fragt Frau Mauch nun sie. Scheu lächelnd nickt sie, doch hinter ihrem Lächeln steckt die Entschlossenheit aufzuholen. An ihrem Ehrgeiz zweifelt an der Schule niemand. Auch nicht Heidi Mauch, die sich im späteren Gespräch sehr beeindruckt über ihre Leistungen zeigt. «Dies vereinfacht natürlich die Integrationsbemühungen unserer Schule bedeutend», sagt sie.
Die Kinder sind im Schulalltag angekommen. Zuerst gruppieren sie sich im Kreis und bekommen die Aufgabe, einander zu erzählen, was sie am Wochenende gemacht haben, um das Gehörte sodann möglichst korrekt einem anderen Kind weiterzuerzählen. Naciimos Wochenende ist schnell erzählt: Sie war wie immer zu Hause, in der Sozialwohnung im Parterre einer grossen Blocksiedlung am Rande der Stadt, zusammen mit ihrer Familie, das heisst, mit ihrer Mutter, zwei Schwestern und einem Bruder. Sie verbringen die Freizeit mit den Nachbarskindern, die meisten kommen aus fremden Ländern, einige von ihnen aus Somalia, wie sie selbst.

Eigenwillige Kleidung
Spannend für Aussenstehende ist, dass das Kopftuch bei den Kindern kein Thema ist. «Am Anfang gab es eine kurze Irritation», erinnert sich Heidi Mauch. Aber weil das Engelwies eine multikulturelle Schule sei, habe die eigenwillige Kleidung Naciimos schnell als eine von vielen kulturellen Eigenheiten an Bedeutung verloren. Hilfreich sei auch der Umstand, dass Naciimo selbst aus ihrem Kopftuch kein Thema mache.
Dennoch wurde Naciimo am ersten Schultag wieder nach Hause geschickt. «Ich trug ein buntes Ganzkörpertuch, erinnert sich das Mädchen. Dieses verhüllte nicht ihr Gesicht, aber ihre Körperkonturen waren kaum mehr zu erkennen. Niemand habe sie dazu verknurrt, es zu tragen, sagt sie. Diese Kleidung sei in Somalia einfach üblich, und so habe sie sich nichts dabei gedacht, als sie morgens das Gewand anzog. Naciimo kehrte also nach Hause zurück, wo sie das Tuch gegen eine einfache Kopfbedeckung austauschte. Die Schule verlangte vom örtlichen Imam, dem obersten Gelehrten der Moschee, eine Bestätigung, dass Naciimo ihr Kopftuch aus religiöser Notwendigkeit trage. Dieser tat wie ihm geboten, und so kam es zum Kompromiss zwischen Schulleitung und Naciimos Familie, mit dem heute offensichtlich alle gut leben können.
Natürlich habe sie die Vorfälle an der Schule Au-Heerbrugg beschäftigt, sagt Engelwies-Schulleiterin Donata Grieger. Kurzer Rückblick: Im April 2013 schickte die Primarschule im Kanton St. Gallen zwei somalische Schulmädchen nach Hause, weil diese sich geweigert hatten, ohne Kopfbedeckung den Unterricht zu besuchen. Dass man den Mädchen die Bildung verweigerte, sorgte für öffentliche Empörung. Die Schule sah sich gezwungen, ihren Entscheid zurückzunehmen, obwohl der zuständige St. Galler Erziehungsdirektor Stefan Kölliker in einem Kreisschreiben das Kopftuchverbot an Schulen als «zulässig» erklärt hatte. Letzten Februar sprach sich die Stimmbevölkerung von Au und Heerbrugg für das Kopftuchverbot aus. Im Engelwies ging man mit der strittigen Frage etwas behutsamer vor. «Obwohl wir die Beweggründe der Schule Au teilweise nachvollziehen können», so Donata Grieger. Es ist spürbar, dass es sich die Schulleiterin – und mit ihr wohl viele in der ganzen Schweiz – nicht einfach macht mit der Frage, wo die Grenzen des Tolerierbaren sind, wenn es um die Integration von Kindern fremder und insbesondere muslimischer Herkunft geht. «Nicht alle Familien sind so kooperativ wie jene von Naciimo.»

Bildung zuerst
Wie aber können die Kantone die Schule unterstützen, in solchen Fragen weise und integrationswirksame Entscheide zu treffen? Christian Amsler ist Erziehungsdirektor im Kanton Schaffh ausen und Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz der Deutschschweizer Kantone. Der FDP-Regierungsrat sieht sich nicht wie sein St. Galler Pendant Kölliker (SVP) zuständig für Fragen der Religionsfreiheit, sondern versteht seinen Auft rag allein darin, die pädagogischen Interessen der Kinder zu verfolgen. «Entscheidend ist für mich die Frage, ob Kinder ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können, Kopft uch hin oder her.» Amsler ist überzeugt, dass das Kopftuch ein Mädchen weder am Erwerb des Schulstoff es noch an der Integration hindert. Auf die Frage, ob das Kopft uch nicht ein Zeichen der Unterdrückung der Frauen und also auch jener Mädchen sei, die seine Schulen besuchten, lässt er sich nicht gerne ein. Die Schule sei für diese Diskussion nicht zuständig, betont er.
Das sieht Saïda Keller-Messahli, selbst Muslimin, jedoch Verfechterin eines modernen Religionsverständnisses, anders. Sie ist glühende Kämpferin für ein Kopftuchverbot an den Schulen. «Das Kopft uch ist auf den ersten Blick nur ein Stück Stoff », räumt sie ein. «Aber es steht für etwas Einschneidendes, nämlich, dass Mädchen, die ins geschlechtsreife Alter kommen, ihren Körper verhüllen, und sich sozusagen für ihren Körper, für ihr Dasein, schämen müssen. Unsere Schweizer Gesellschaft darf eine solche Symbolik in ihren Verantwortungsbereichen, also auch an den Volksschulen, nicht zulassen. Wir wollen junge Frauen, die sich selbstbewusst entwickeln und sich ihrer Rechte bewusst sind.»

Naciimos Mutter Ubah Ali Hussein – sie hat einen ebenso freundlichen und wachen Blick wie ihre Tochter – betont, dass sie ihre Tücher absolut freiwillig trage. Sie habe im somalischen Krieg ihren Vater, den Ehemann und einen Bruder verloren, musste fl iehen und lebte fast zwei Jahre ohne ihre Kinder in der Schweiz. Was genau geschah, darüber kann sie nicht reden. «Die Zeit war zu schmerzhaft für mich.» Aber gerade sie habe durch den Verlust ihrer männlichen Angehörigen niemanden, der ihr und ihren Töchtern diktiere, das Kopft uch oder den Niqab zu tragen. Sie machten es alle, weil sie es wollten. Sie gesteht zwar ein, dass es hierzulande sehr umständlich wäre, ein Ganzkörpertuch wie in ihrer Heimat zu tragen. «Nur schon das Rennen auf den Bus wäre sehr behindernd », lächelt sie. «Trotzdem wäre es mir ohne ein Tuch über meinem Haar ebenso unangenehm, wie es wohl für eine westliche Frau unangenehm wäre, ein solches zu tragen», versucht sie ihre Empfi ndung zu beschreiben.
Saïda Keller-Messahli stellt der Erklärung von Naciimos Mutter tragische Beispiele entgegen. Oft schon habe sie «Feuerwehr » gespielt für Teenager, die sich dem patriarchalen Diktat hätten unterwerfen müssen, «sei es wegen einer geplanten Zwangsheirat, sei es wegen des Kopftuchs ». Sie habe einigen von ihnen helfen können, sagt sie. So habe sie deren Eltern überzeugt, dass sie ihre Töchter keinen Zwängen unterwerfen dürfen, und dass in der Schweiz gleiche Rechte für Mann und Frau gelten. Nicht selten habe ihre Überzeugungsarbeit ein Umdenken eingeläutet. Dieses Engagement erwarte sie auch von den Schulen und damit ein klares und deutliches Nein zu Kopft uch, Ganzkörperbadeanzügen (Burkinis) im Schwimmun- St. Galler Erziehungsdirektor Stefan Kölliker in einem Kreisschreiben das Kopft uchverbot an Schulen als «zulässig» erklärt hatte. Letzten Februar sprach sich die Stimmbevölkerung von Au und Heerbrugg für das Kopft uchverbot aus. Im Engelwies ging man mit der strittigen Frage etwas behutsamer vor. «Obwohl wir die Beweggründe der Schule Au teilweise nachvollziehen können», so Donata Grieger. Es ist spürbar, dass es sich die Schulleiterin – und mit ihr wohl viele in der ganzen Schweiz – nicht einfach macht mit der Frage, wo die Grenzen des Tolerierbaren sind, wenn es um die Integration von Kindern fremder und insbesondere muslimischer Herkunft geht. «Nicht alle Familien sind so kooperativ wie jene von Naciimo.» Bildung zuerst Wie aber können die Kantone die Schule unterstützen, in solchen Fragen weise und integrationswirksame Entscheide zu treffen? Christian Amsler ist Erziehungsdirektor im Kanton Schaffh ausen und Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz der terricht und Schuldispensationen, die von fundamentalistischen Muslimen ebenfalls unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit durchgeboxt würden.

Glück heisst Leben
Naciimo hat Glück. Sie fühlt sich in St. Gallen und im Schulhaus Engelwies gut aufgenommen. Glück ist aber auch noch etwas anderes, das hat sie von ihrer Mutter gelernt: «Glück heisst Leben», diesen Satz schrieb sie an die Wandtafel, als sie und ihre Klassengspändli das Wort Glück beschreiben mussten. Naciimo weiss um ihre Chance, hier ein gutes Leben zu haben. Sie ist bereit, sich besonders dafür anzustrengen, das spüren ihre Lehrerin Heidi Mauch und auch Schulleiterin Donata Grieger. Und weil sie zu allem Glück «auch intelligent ist», wie sie betonen, wird sie vielleicht auch eine Erfolg versprechende Zukunft in der Schweiz haben. Wegweisend seien aber nicht allein die erworbenen Kompetenzen, so Donata Grieger, «sondern möglicherweise auch, ob sie der kulturellen Tradition folgend einen Landsmann heiratet und früh Kinder haben wird oder ob sie die Chance nutzt und ein Studium absolviert.»
Naciimo sitzt inzwischen tief gebeugt über ihrem Mathe-Heft . Nichts und niemand kann sie stören im zuweilen unruhigen Klassenzimmer. Sie will ihre Aufgaben gelöst haben, bevor die Pausenglocke schrillt. Es scheint, als wolle sie sich selbst, ihrer Familie, vielleicht auch der Gesellschaft zeigen, welches Potenzial in ihr steckt. Wer die 13-Jährige heute fragt, welcher Beruf ihr gefallen würde, hört eine unmissverständliche Antwort: «Ich will Ärztin werden und den Menschen helfen.» Der Wunsch der Mutter, sich einmal «für die Gesellschaft nützlich zu machen», ist tief in ihr verankert. Ob sie eine Beziehung zulasse, falls sich Naciimo einmal in einen Schweizer verliebe, beantwortet die Mutter nicht ohne gewisse Nachdenklichkeit: «Wenn es das Schicksal will ... Dies entscheide nicht ich, dies hängt von meiner Tochter ab.» Das Kopft uch, soviel ist klar, will Naciimo immer, immer tragen.
Noch lange nicht zu Ende diskutiert
In der Schulgemeinde Au-Heerbrugg haben die Stimmberechtigten am 9. Februar das Kopftuch wieder eingeführt. Der Schulrat hatte sein im Frühling 2013 ausgesprochenes Verbot aufgrund der medialen Empörung zunächst rückgängig gemacht. Daraufhin wurde der Entscheid vor die Urne gebracht: Eine Zweidrittelsmehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner von Au und Heerbrugg will, dass die betroffenen muslimischen Mädchen ihr Kopftuch in der Schule ablegen. Der Volksentscheid wird möglicherweise angefochten, weil er laut dem zuständigen Rechtsanwalt und Nationalrat Daniel Vischer (Grüne, ZH) übergeordnetem Recht widerspricht. Das Bundesgericht hat nämlich 2013 einen anderen Fall in einer Schule in Bürglen (TG) behandelt – auch dort wurden zwei muslimische Mädchen aus Mazedonien der Schule verwiesen, weil sie sich geweigert hatten, das Kopftuch abzulegen – und festgehalten, dass es für ein Verbot an Schulen an gesetzlichen Grundlagen mangle. Was das Bundesgericht aber offen liess, ist die Frage, ob ein Kopftuchverbot als massiver Eingriff in die Religionsfreiheit verstanden werden muss. Im Kanton Tessin hat die Bevölkerung vergangenen Herbst einem Burkaverbot zugestimmt. Ähnliche Bestrebungen gibt es nun auch in der Deutschschweiz unter der Führung von SVP-Nationalrat Walter Wobmann (SO). Es dürfte auch hierzu noch Diskussionen und allenfalls Gerichtsfälle geben, bis die Schulleitungen eine einheitliche Grundlage für das weitere Vorgehen erhalten. Der Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren, Christian Amsler (FDP, SH), wünscht sich anstelle eines Gerichtsurteils «lieber einen gemeinsamen Beschluss der Kantone, wie künftig flächendeckend mit der Frage zur Kopfbedeckung umgegangen wird.» Er sei zuversichtlich, dass das Recht auf Bildung und auch auf Glaubensund Gewissensfreiheit in gerichtlichen Entscheiden obsiegen werde.