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Interview Trickfilme
Verstörender Trend in Trickfilmen: Sexy Silhouette
Wespentaille ist ein Muss. Zumindest für weibliche Zeichentrickfiguren. Denn die werden im Kinderfernsehen zunehmend sexualisiert. Rundliche Frauen kommen gar nicht vor. Das belegt eine Studie der Uni Rostock.

zvg
Christine Linke ist Professorin an der Universität Wismar im Fachbereich Kommunikations- und Medienwissenschaft. Ihre Studien zur Geschlechterdarstellung in den Medien, die sie gemeinsam mit Kolleginnen an der Uni Rostock durchführte, schlugen hohe Wellen. Lautete doch das Fazit: Gleichheit, Frauenbilder ohne Klischees? Fehlanzeige. Christine Linke hat einen Sohn und findet: «Eltern, habt ein Auge darauf, was eure Kinder schauen und besprecht es mit ihnen. Bestärkt sie darin, sich von Stereotypen von typisch ‹weiblich› oder ‹männlich› nicht einengen zu lassen.»
wir eltern: Frau Linke, Sie haben sozusagen den Body-Mass-Index von Trickfilmfiguren erforscht. Wie viel hat denn die Biene Maja in den letzten 30 Jahren abgespeckt? Sie ist ja jetzt eine Biene mit Wespentaille…
Christine Linke (lacht): Ja, sie ist rank und schlank geworden. Aber wir haben in unserer Studie keinen Zeitvergleich, sondern eine Bestandsaufnahme gemacht. Zusammen mit Elizabeth Prommer, Julia Stüwe und Sarah Eisenbeis habe ich die Frage untersucht: Wie ist es um die Körperbilder, um die Genderdarstellung in Trickfilmen, also bei gezeichneten und animierten Figuren des Kinderfernsehens bestellt?
Und wie ist es um die Figur der Figuren bestellt?
Schlecht. Viele weibliche Figuren sind in aktuellen Filmen so dünn, wie es anatomisch unmöglich wäre. Genauer gesagt: Die weiblichen Figuren sind stark sexualisiert dargestellt.
Sex im Kinderfernsehen?
So ist das nicht gemeint. Vielmehr ist es so, dass die weiblichen gezeichneten Figuren nicht die Figur eines Kindes haben, sondern eher die Figur einer erwachsenen Frau, einer sexy Frau mit extremer Sanduhr-Figur.
Ich erklärs kurz: Bei einer normalen Frau beträgt die sogenannte Waistto- Hip-Ratio, also das Verhältnis Taille geteilt durch Hüftumfang: 0,8. Als attraktiv gilt 0,7 – wenn eben die Taille schmaler als die Hüfte ist. Kinder haben in der Regel einen Wert von 1.
Bei unserer Untersuchung wurde aber bei der Hälfte der weiblichen Hauptfiguren ein WHR-Wert von unter 0,67 gemessen. Eine Figur hatte sogar den Wert von 0,2. Sie wären nicht lebensfähig. Leber, Herz, Lunge hätten überhaupt keinen Platz. Doch quer durch alle Sender dominierte diese sexy Sanduhr-Silhouette. Rundliche Frauenfiguren kommen erst gar nicht vor.
Und die männlichen Figuren?
Die werden zwar auch zunehmend sexualisiert; sprich, dem Ideal eines männlichen Körpers mit breiteren Schultern und schmalen Hüften angeglichen. Aber trotzdem waren 75 Prozent recht realistisch dargestellt. Bei den männlichen gezeichneten Figuren gab es eine deutlich breitere Streuung: dünne, pummelige … alles. Bei ihnen war kein derart stark idealisiertes Körperbild und keine so strenge Rollennorm erkennbar.
Wir haben schon vor vielen Jahren im Studium über die Küchenhoff-Studie von 1975 diskutiert und über sein Fazit: «Männer im Fernsehen handeln, Frauen kommen vor.» Damals waren weibliche Wesen in Film und Fernsehen deutlich unterrepräsentiert…
Das hat sich sogar noch verstärkt. In amerikanischen Kinofilmen etwa – hat eine Auszählung zwischen 2007 und 2014 ergeben – waren 79 Prozent der Hauptrollen männlich besetzt. In Zeichentrickfilmen des Kinderprogramms, so eine etwas ältere Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend und Bildungsfernsehen, sind es 80 Prozent. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Wir haben diesmal die beliebten Trickfilme mit gezeichneten, animierten Figuren untersucht. Also Filme, in denen auch Tiere, Maschinen, Pflanzen, Schwämme sprechen können. Befund: 75 Prozent der Tiere, 87 Prozent der magischen Figuren und 93 Prozent der Pflanzen waren männlich. Die Daten passen ins Gesamtbild.
Welches Bild?
Nur so viel: Anführer von Gruppen sind im Kinderfernsehen zu 81 Prozent männlich besetzt. Geht es um Sachinformationen und Erklären, übernehmen das zu 64 Prozent Männer, 84 Prozent der Stimmen aus dem Off sind männlich und – Frauen verschwinden bekanntlich mit den Jahren im besagten Bermudadreieck.
Sie meinen das Unsichtbar-Werden älterer Frauen?
Ja. Nehmen wir die non-fiktionale Erwachsenunterhaltung: Da kommen im Alter über 40 Jahren auf eine Frau acht Männer.
Und bei Ihren Zeichentrickfiguren?
Ich sag nur: 90 Prozent der Figuren mit grauen oder weissen Haaren sind männlichen Geschlechts.
Hilfe, wir sind gefangen in einem «Mad Men»-Szenario.
Keine schöne Vorstellung, aber ja. Der Blick scheint in Teilen der Medien ein unglaublich patriarchalischer zu sein: Weibliche Figuren tauchen nur im reproduktionsfähigen Alter auf. Sie müssen mal den Film «Bombshell» mit Nicole Kidman als in die Jahre gekommene Fernsehmoderatorin schauen. Da geht es genau darum.
In Zeiten von Body-Positivity und Gender-Sensibility vermittelt das Kinderfernsehen also exakt Gegenteiliges. Da wird offenbar eher der Boden für einen Backlash bereitet.
Das können Sie so formulieren. Aber das ist eine These. Wir haben jetzt erst einmal grundlegende Daten gesammelt. Die Studie umfasste insgesamt 3500 Stunden Material und eine Analyse von 327 Hauptfiguren des animierten Kinderfernsehens. Dabei haben wir festgestellt: Die aktuelle Trickfilmwelt wird bevölkert von jungen, sexualisierten Frauenfiguren mit einem überzeichnet dünnen Sanduhr-Körper.
Erstaunlich eigentlich, dass das funktioniert, denn ein normales Mädchen kann sich doch mit einem Wesen mit maximalen Kurven und minimaler Taille gar nicht identifizieren.
Das ist eine interessante Überlegung. Aber offenbar geht es weniger um Identifikation als um ein Ideal: noch schöner, noch schlanker. Und um Gender-Marketing. Man verspricht sich gute Verkaufszahlen, wenn man die Produkte stärker auf Jungen und Mädchen zuschneidet. Das ist gleich in zweifacher Hinsicht problematisch: zu Konsum animieren plus Vermittlung uralter Rollenbilder.
Gibt es denn keinen einzigen Lichtblick am Horizont?
Doch, einige Lichtblicke. Positiv ist, dass es natürlich auch gute Produktionen von engagierten Machern und Macherinnen gibt. Ebenfalls positiv ist, dass unsere Studie überhaupt von der MaLisa- Stiftung (dahinter steht Maria Furtwängler mit ihrer Tochter Lisa) in Auftrag gegeben wurde und unsere präsentierten Ergebnisse bei Film- und Programm- Macherinnen und -Machern grosses Erstaunen und manchmal geradezu Entsetzen ausgelöst haben. Und das Allerpositivste: Es gibt deshalb im Sommer 2021 an der Universität Rostock eine Anschlussstudie, bei der wir noch weiter in die Tiefe gehen. Es ist offensichtlich: Es gibt noch einiges zu tun.
Caren Battaglia hat Germanistik, Pädagogik und Publizistik studiert. Und genau das interessiert sie bis heute: Literatur, Geschichten, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren – und wie man am besten davon erzählt. Für «wir eltern» schreibt sie über Partnerschaft und Patchwork, Bildung, Bindung, Erziehung, Erziehungsversuche und alles andere, was mit Familie zu tun hat. Mit ihrer eigenen lebt sie in der Nähe von Zürich.