Vaterlandkolumne
«Väterlich, streng und konsequent»

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Eine Familie im Hotel. Das Abendessen ist serviert worden. Eines der Kinder befindet sich noch im Spielzimmer, der Onkel der Kleinen soll sie an den Tisch holen. Offenbar ist damit zu rechnen, dass ihr das nicht passen wird, denn der Onkel klagt beim Aufstehen: «Ich will aber nicht wieder der Böse sein!» Folgerichtig kehrt er ohne Nichte in den Speisesaal zurück.
Ein anderer Eindruck, vom Spielplatz: Ein Junge von etwa acht Jahren kommt daher, beleidigt meinen halb so alten Sohn, der auf der Schaukel sitzt, schneidet mir eine Grimasse. Als ich ihn zurechtweise, spaziert der Junge zu seinem Vater, spuckt vor diesem auf den Boden und verlacht seinen Protest. Kein Wunder, denn die väterliche Rüge wird zwar hörbar genervt, aber auch betont gesittet vorgetragen und appelliert an Moral und Zivilisiertheit des Bengels. Der ist entsprechend unbeeindruckt und haut als Nächstes seiner Schwester im Kinderwagen aufs Köpfchen. Jetzt wird der Vater wütend – zumindest muss das vermutet werden, denn er fleht nur unwesentlich lauter als vorhin erneut um Einsicht und Benimm.
Nicht der Böse sein wollen, sondern möglichst friedlich kommunizieren – das scheint heutzutage ein verbreiteter Erziehungsstil zu sein. Überall ist zu beobachten, wie Eltern mit sanftmütigem Singsang ihre Kinder im Zaum zu halten versuchen, während diese in anarchistischer Ausgelassenheit über all die Grenzen hinwegspazieren, die ihnen niemand je setzt.
Kinder sind weder vernünftig noch allzu einsichtig, und zivilisiert sind sie erst recht nicht. Sie sind egozentrische kleine Rabauken, die in ihrer Umwelt eine Dienerschaft mit der einzigen Daseinsberechtigung erkennen, sie zu unterhalten und ihre Wünsche zu erfüllen. Man kann ihnen das nicht vorwerfen – es entspricht ihrem Entwicklungsstand. Vorwerfen lässt sich hingegen ihren Eltern, dass sie diesen ihren Kindern von Anfang an erwarten, zu verstehen, was Anstand und Respekt bedeuten. Bloss um zu vermeiden, mal auf den Tisch zu hauen und in deutlichen Worten klarzustellen, wie die Verhältnisse liegen. Das Patriarchalische ist heute so geächtet, dass jeder Schritt in die entsprechende Richtung als Zeichen eines primitiven, schlechten Charakters gedeutet wird. Dabei ist es gerade die Aufgabe eines Vaters, eben väterlich zu sein und damit halt auch streng und konsequent.
Ich wollte anfangs auch nicht böse sein zu meinem Sohn. Er war so klein und niedlich und unschuldig, und ich fürchtete, ich könne seiner zarten Seele irreparablen Schaden zufügen durch hartes Auftreten. Doch bald wurde mir bewusst, dass ich einige Regeln für unser Zusammenleben festlegen und diese radikal durchsetzen muss, was bedeutet, dass ich ihn ständig frustriere, weil ich zu vielem Nein sage und zu seinem fassungslosen Ärger auch dabei bleibe, und dass ich ihn in regelmässigen Abständen scharf zurechtweise und hin und wieder auch ziemlich laut werde. Er findet das jedes Mal schrecklich, und auch mir ist es unangenehm – aber wie soll mein Sohn lernen, dass mir etwas ernst und wichtig ist, wenn ich es nicht genau so handhabe? Wie soll er begreifen, dass er eine Grenze überschritten hat, wenn meine Rückmeldung dazu derart nebensächlich klingt, als würde ich es lediglich bedauern, dass die Erdbeerkonfitüre verschimmelt ist? Wie soll er merken, dass sein Verhalten ungebührlich ist, wenn ich es ihm nicht so deutlich wie möglich sage? Und wie soll er verstehen, dass eine Regel gilt, wenn sie nie gilt?
Eltern, die es um jeden Preis verhindern wollen, streng und klar zu ihren Kindern zu sein, sind keine Eltern, sondern grosse Spielkameraden. Sie tun damit nur ihrem verlogenen Eigenbild des lieben, guten Menschen einen Gefallen. Ihrem Kind aber vermitteln sie, dass man durch schlechten Benimm jedes Ziel erreichen kann. Und wozu das führt, darüber berichten die Zeitungen jeden Tag.
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