Was stillende Frauen Essen sollen
Ungeliebter Still-Speiseplan

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Als ich vor 12 Jahren mein erstes Kind bekam, wollte ich unbedingt 6 Monate lang voll stillen, wie es den offiziellen Empfehlungen der Kinderärzte entspricht. Und doch war ich schon nach wenigen Tagen drauf und dran, meine guten Vorsätze über Bord zu werfen und zum Milchpulver zu greifen. Nicht, weil ich zu wenig Muttermilch gehabt hätte oder weil Sarah kein gutes Stillbaby gewesen wäre.
Was mich belastete, waren die dauernden Einschränkungen beim Essen. Im Spital wurden unzählige frischgebackene Mütter wie ich darauf hingewiesen, dass ab jetzt viele Lebensmittel tabu seien, weil sie beim Baby zu Bauchweh, Blähungen, Nervosität und wundem Po führen könnten. Der entsprechende Lebensmittel-Verbotszettel sah etwa so aus: kein Süssmost, keine kohlensäurehaltigen Getränke, kein Alkohol, kein Kaffee, Cola, Schwarztee, keine Ananas, keine saftigen Pfirsiche, Zwetschgen und andere Steinfrüchte, kein blähendes Gemüse, keine scharfen Gewürze.
Diese Verbotsliste hält sich bis heute hartnäckig. Als Folge davon stand ich lustlos in der Küche und überlegte mir dauernd: Darf ich wohl ein Viertel Zwiebel an den Hackbraten schnetzeln? Oder liegt wenigstens ein Schnitz Orange drin, ohne dass Sarahs Po wund wird? Und ich fühlte mich für jedes Weinen verantwortlich. Was hatte ich denn nun schon wieder Falsches gegessen?
Verzicht führt zu Erschöpfung
Beim Essen auf so viel zu verzichten, kann übrigens durch die daraus resultierenden Vitamin- und Mineralstoffmängel nach ein paar Monaten bei der Mutter zu depressiven Verstimmungen oder Erschöpfungszuständen führen. Deshalb beschloss ich nach der Geburt des zweiten Kindes, ohne Einschränkungen auf dem Speisezettel zu leben.
Und siehe da: Der Kleine litt weder unter Bauchkrämpfen, wenn ich Zwiebeln gegessen noch wenn ich Apfelsaft getrunken hatte. Meine eigenen Erfahrungen werden mittlerweile von Ernährungswissenschaftlern gedeckt. Heute gilt die Regel, dass ein Säugling wahrscheinlich dasselbe verträgt wie seine Mutter während der Schwangerschaft.
Hatte sie zum Beispiel gegen Ende der Schwangerschaft plötzlich Mühe mit Zwiebeln und Knoblauch, könnte es sein, dass dies ihrem Baby in der Stillzeit auch nicht gut bekommt. Je abwechslungsreicher eine stillende Mutter isst, umso weniger kann der Grund für Probleme in ihrem Essen zu suchen sein. Babys weinen aus den verschiedensten Gründen. Wahrscheinlicher ist also, dass zu viel Besuch und der damit verbundene Stress zu Problemen führt als etwas Zwiebel im Salat.
Mehr Einweiss und Milchportionen
Andererseits wird der Körper während der Stillzeit besonders strapaziert und hat hohe Ansprüche an eine gute Nährstoffversorgung. So braucht eine stillende Frau gegenüber der schwangeren etwas mehr Eiweiss und eine Milchportion mehr. Auch ist der Energiebedarf täglich etwa 430 bis 570 Kalorien höher. Diese bezieht der Körper jedoch zu einem gewissen Teil aus den in der Schwangerschaft angelegten Fettdepots.
Die Zusammensetzung der Nahrung hat zudem einen grossen Einfluss auf den Vitamingehalt der Muttermilch, während sich deren Mineralstoffgehalt jedoch kaum verändert. Das heisst, dass für die Milchproduktion die mütterlichen Mineralstoffspeicher angezapft werden, wenn während der Stillzeit zu wenig Eisen, Kalzium oder Magnesium aufgenommen werden.
Es wird deshalb empfohlen, das Vitamin- und Mineralstoffpräparat aus der Schwangerschaft weiter zu nehmen. Auch ein Omega-3- Fettsäurepräparat kann sinnvoll sein. Denn die lebenswichtigen Fettsäuren beugen Wochenbett-Depressionen vor und sind wichtig für das Gehirnwachstum des Babys. Den Bedarf können Mütter statt mit Tabletten auch mit zwei Fischmahlzeiten pro Woche decken (Lachs, Forelle).
Tipps für die Stillzeit
- Meiden Sie blähende Speisen wie Knoblauch, Kohl oder Steinobst nicht von vornherein; probieren Sie aus, was Ihr Baby verträgt.
- Mütter, deren Babys mit Blähungen oder Bauchschmerzen reagieren, können meistens nach ca. 3 Monaten, wenn sich das Kleine etwas mehr bewegt, wieder fast alles essen.
- Halten Sie sich mit scharfen Gewürzen und sehr säurereichen Lebensmitteln zurück, wenn Ihr Baby oft unter einem wunden Po leidet.
- Schränken Sie den Kaffee, Schwarz- und Grüntee und Colakonsum ein, mehr als 2 Tassen pro Tag sollten es nicht sein.
- Trinken Sie etwa 2 Liter Wasser oder ungezuckerten Kräuter- und Früchtetee pro Tag. Ein Gläschen Wein ab und zu ist vertretbar. Trinken Sie dies gleich im Anschluss an eine Stillmahlzeit.
- Essen Sie so abwechslungsreich wie möglich, denn die Aromakomponenten gehen in die Muttermilch über und gewöhnen Ihr Kind an viele verschiedene Geschmäcker. Das Beste gegen zukünftiges Esstheater am Familientisch!
- Spargeln, Rhabarbern, Zwiebeln und Knoblauch verändern den Geschmack der Muttermilch und können zum Trinkstreik des Babys führen. Aber auch hier reagiert nicht jedes Baby gleich.
Achtung
Falls in Ihrer Familie oder bereits beim Baby Allergien auftreten, sollten Sie Ihre Ernährung während der Stillzeit mit dem Kinderarzt besprechen, da gelegentlich Spuren von Fremdeiweissen in die Muttermilch übergehen können. Dasselbe gilt, wenn Ihr Kind unter Koliken leidet. Manchmal bringt der Verzicht der stillenden Mutter auf Milch und Milchprodukte etwas Linderung.