Spielzeug / Von allen Seiten betrachtet
Spielzeug

istockphoto

Sie ist bei Spielsachen nicht nur das A und O, sondern das A bis Z. Denn, so Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich: «Über gutes und schlechtes Spielzeug kann man streiten. Unstrittig schlecht aber ist Spielzeug, wenn es aus Stoffen besteht, die gefährlich sein können.» Beim Kauf gilt also die Devise: «safety first». Steht doch in den Regalen der Spielwarenläden zuweilen Zeugs, mit dem Eltern ihre Kinder ähnlich beruhigt spielen lassen können wie mit einer vollautomatischen Kreissäge. Regelmässig schockieren Stichproben ergebnisse der Stiftung Warentest. Noch 2010 stellten die Tester in vier von fünf geprüften Spielzeugen eine deutlich zu hohe, gesundheitsgefährdende Schadstoffbelastung fest. Nicht nur in Produkten aus Fernost fanden sich Schwermetalle wie Blei, Allergene wie Nickel, Formaldehyd, Phthalate als Weichmacher – die nachweislich
die Fortpflanzungsfähigkeit einschränken – Nitrosamine und noch allerlei mehr, was die Spielsachen eher für die Giftmülldeponie als fürs Kinderzimmer qualifiziert. Zwar hat die EU inzwischen ihre Richtlinien verschärft, doch erstens wird auf Flohmärkten und im Internet der alte giftige Kram nach wie vor verkauft und zweitens kommen täglich neue schwarze Schafe dazu, wie etwa der monatliche EU-Sicherheitsreport zeigt. Zusätzliches Risiko geht von schlampiger Verarbeitung und minderwertigem Material aus: Teddys Knopfäuglein, die sich zu leicht abreissen und verschlucken lassen. Räder, die abfallen und spitze Nägel zurücklassen. Holzschaukeln, die nicht solide mit den tragenden Seilen verbunden sind, sodass Schaukel samt Kind durch den Garten fliegen könnte. Und knarzende Roboter, die Krach im Dezibel-Bereich eines Motorrasenmähers erzeugen. Eine kleine Orientierung in Sachen Sicherheit bieten Labels wie:
- GS: Geprüfte Sicherheit. Der Hersteller musste das Produkt von einer unabhängigen Prüfstelle testen lassen.
- CE: Bei diesem Spielzeug ist die EURichtlinie eingehalten.
- TÜV: Das Siegel des technischen Überwachungsvereins garantiert, dass die EU-Norm erfüllt und kein Chemikaliengrenzwert überschritten wurde.
- «Textiles Vertrauen»: Ein Gütezeichen für Kuscheltiere. Hier lauert kein Gift im Schlafbär-Pelz.
- Auch wichtig: Altersangaben kritisch betrachten, selbst wenn das eigene Kind seinen Altersgenossen gaaaanz weit voraus ist. Mit nichts können Hersteller ihren potenziellen Kundenkreis so schnell vergrössern wie mit grosszügig nach unten abgerundeten Altersangaben. Infos unter ec.europa.eu. Suchen: consumers safety.

«Ja, Spielzeug prägt», davon ist Entwicklungspsychologe Moritz Daum überzeugt. Wie grundsätzlich alles prägend wirkt, das emotional aufgeladen ist. Nur in Einszu- Eins-Relation funktioniere das nicht. Wer Ballerspiele spiele, werde nicht zwingend proportional zur Game-Häufigkeit aggressiver, sondern lebe vielleicht die jedem Menschen angeborenen Aggressionen
im geschützten Rahmen aus. Auch wer als Kind eine fatale Liebe zu Ramsch aus Taiwan pflegt, ist nicht dazu verdammt, als Erwachsener einen Kleidungsstil zu pflegen, der an Cindy aus Marzahn erinnert. «Spielen befriedigt Grundbedürfnisse des Kindes. Und die Grundbedürfnisse sind überall gleich und waren zu allen Zeiten gleich», sagt Axel Dammler vom Trendforschungsbüro «iconkids und Co» und Mitglied der Jury des «Toy awards». «Ball, Puppe, Teddy, Bauklötze werden deshalb immer den grössten Einfluss haben.» Zur Jahrtausendwende etwa sei die Angst umgegangen, die Technik überflute die Kinderzimmer, verdränge alles Herkömmliche und verändere die Kinder hin zu gewalttätigen Zwergen mit autistischen Zügen. «Aber was ist passiert? Wenig», so Dammler. Spielzeug prägt. Aber nicht mehr als der Rest der Welt.

Für Kinder ist Spiel Spass. Spielzeug steht für Kuschligwuschliges, Verträumtes, Lustiges und Zweckfreies. Das ist die eine Seite. Die andere: Spielzeug ist ein knallhartes Geschäft, Spiel alles andere als Spielerei. Weltweit werden auf dem Spielzeugmarkt 84 Milliarden Dollar umgesetzt. Allein in der Schweiz jährlich rund 434 Millionen Franken. 30 bis 40 Prozent davon im Weihnachtsgeschäft. Mögen andere Branchen unter Krisen und Geburtenrückgang ächzen, die Spielwarenindustrie nicht. Sie verzeichnet Zuwächse und Rekordergebnisse, die einen goldenen Onkel Dagobert verdient hätten. Einer der Gründe: Scheidungen. Wenn sich Eltern trennen und plötzlich zwei Haushalte geführt werden, werden auch zwei Kinderzimmer bespielt. Dazu eine Prise Konkurrenzkampf an Geburtstagen und anderen Festen ums tollste Geschenk. Mitleidige Grosseltern, die finanzkräftig wie nie zuvor sind, tun das ihre. Und dann ist da China als neuer Markt und Lieferant. Spielwarenunternehmer, wollen sie nicht sinken wie ein havariertes Playmobilschiff, müssen also fantasievoll sein im Entdecken stets neuer Nischen für die spielende Zielgruppe. Einen Drittel der Kundschaft stellen übrigens Männer. Vor allem bei Modelleisenbahnen, zusammensetzbaren Unimogs aus 2048 Bauteilen und filmenden Drohnen. Aber das nur am Rande.
Stillstand ist im Spielzeuggeschäft genauso verboten wie für Rennautos auf der Carrerabahn. Branchenriese Lego musste das vor rund zehn Jahren erfahren. Der dänische Klötzchenbauer schrieb rote Zahlen, asiatische Billigkopien der Steine schienen den Ruin zu bedeuten. Doch ein paar Unterlassungsklagen und Ideen später steht Lego als Weltmarktführer da. Der Grund: Die Zahl der Steine wurde reduziert, sodass es weniger unterschiedliche Gussformen braucht, unrentable Vergnügungsparks wurden abgestossen, das Lizenzgeschäft umorganisiert. Und – Lego hat neue Spielwelten erschlossen. Zusätzlich zu den traditionellen Legomännchen Polizist, Bauarbeiter und Co. gibt es nun komplette Spielwelten nach Kino und Fernsehvorbild. So bleibt Legobauen auch für ältere Jungen cool. Zusätzlich sorgte der Legofilm für volle Kassen. Genauso wie das heftig umstrittene «Lego friends», die Spielreihe für Mädchen mit Café und Schönheitssalon. «Lego friends» mag Klischees bedienen, rechnet sich aber. Und führt vielleicht – über pinkfarbene Umwege – mehr Mädchen zur Baukiste. Damit hat Lego dem anderen Branchenriesen Mattel, Hersteller von Barbie und Monster High, den Rang abgelaufen. Ringt der doch gleichfalls mit der asiatischen Konkurrenz. Barbie beispielsweise gilt in China als unsexy. Zu viel Busen, zu viel Hüfte. Auch die sprechende und spracherkennende Barbie 2.0 kommt schon vor ihrer Einführung als «NSA-Abhörpuppe» nicht wirklich gut an. Etwas gedopt haben die schwächelnden Mattel-Umsatzzahlen die grün- und lilagesichtigen Monster High Barbies. Grusel- Girlies, die Puppenspiel auch für Fast-Teenies attraktiv machen. Eine neue Nische, welche die Kassen füllt. Wer also von Spielzeug spricht, muss auch von Absatzmärkten, Wirtschaftsinteressen, Produktionsbedingungen – manchmal ist damit auch Kinderarbeit gemeint – und Marktinteressen reden. Vor pädagogisch wertvoll kommt wirtschaftlich wert-voll.

Teddy-Phase, Lillifee-Phase, World-of- Warcraft- Phase … Was, wie und womit Kinder spielen, hängt von ihrem Entwicklungsstand ab. Stellt doch jedes Alter seine eigenen Anforderungen an das Kind. Und genau die dafür notwendigen Fertigkeiten übt es im Spiel.
0-2 Jahre:
Im Mittelpunkt der Entwicklung: Körper, Fühlen, Physik.
- Typische Spiele: Geräusche mit den Lippen erzeugen, Hände drehen, greifen.
- Nachmachen: Mama streckt die Zunge raus? Baby auch.
- Naturwissenschaftliche Experimente: Löffel auf den Boden schmeissen und er fällt immer(!) nach unten. Verschiedene Materialien betasten und benuckeln (Verschluck-Gefahr!). Sachen stapeln.
- Symbolspiele: Ein Schwamm taugt auch als Telefon.
- Spielzeug: Der eigene Körper, Papier, Tücher, unter denen man sich verstecken kann, Teddy zum Kuscheln, Puppe zum Küssen, Ball, Sand plus Eimer.
2-7 Jahre:
Im Mittelpunkt der Entwicklung: Sprechen, sicherere Bewegungen, sich in jemanden hineinversetzen können, den anderen als eigenständige Person sehen, Fantasiewelten kreieren, Merkfähigkeit, Freunde, Spielgruppe, Kindergarten.
- Typische Spiele: Vater-Mutter-Kind, Prinzessin, gefährlicher Löwe, Hütten bauen, Onkel Doktor. Bewegungsspiele mit Klettergerüst, Trotti, Laufrad und Co.
- Spielzeug: das Beliebteste von allen ist ein anderes Kind, Memory, Duplo, Sachen zum Verkleiden, erste Regelspiele, Bilderbücher, Kochgeschirr, Autos, Knete.
7-12 Jahre:
Im Mittelpunkt der Entwicklung: Lesen, Schreiben, Rechnen, Leistung, Wettbewerb, Geschicklichkeit, moralische Werte.
- Typische Spiele: Spiele nach Regeln, Rollenspiele mit Stellvertretern (etwa Barbie, Hulk-Figuren). Kompliziertere Lego-Konstrukte, Fangenspielen, alles mit Bewegung, Siegen und Verlieren.
- Spielzeug: Velo, Inliner, Skateboard, Chemiekasten, Karten- und Würfelspiele, Computer-Games, Bücher.

Neben Drohnen ist Lernen DER Hype im Spielzeugmarkt. Zeitfenster, die sich schliessen; Bildungschancen, die es zu nutzen gilt … Die grassierende Elternangst, ihre Kinder könnten einst auf dem globalen Markt abgehängt werden, infiziert den Inhalt der Spielkisten. Vom Lerntablett «Sofia die Erste» in Violett, über das Creative Set «Ich lerne zählen» bis zur «frechen Englischhexe» gibt es nichts, was nicht gefördert würde. Schlimm? Nein. Solange die Kinder Spass dabei haben und es ihnen egal ist, ob sie nebenbei noch etwas lernen. Schliesslich ist erwiesen, dass ein Lernstoff, der mit einem guten Gefühl – sei es Spass, sei es ein Erfolgserlebnis – erworben wird, im Gehirn besonders solide einzementiert wird. Die Krux vieler Lernspielzeuge: Eltern finden sie klasse, Kinder doof. Schon Goethes Torquato Tasso wusste: «So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt». Den wissenschaftlichen Beleg dafür liefert eine Studie des Göttinger Sozialforschers Wolfgang Settertobulte: Er wies nach, dass Kinder explizites Lernspielzeug nur sehr sporadisch nutzten und ihr Interesse daran umso schneller verpuffte, je offensichtlicher das Spiel auf schulische Fähigkeiten abzielte. Einzig wenn die Eltern mitspielten, tolerierten die Kinder das Gefuchtel mit dem pädagogischen Zeigefinger und machten gnädig ein wenig länger mit. Den Lernvorsprung, den die Kinder sich mit den Fördergames erspielt hatten, schwand in der Schule übrigens wie Schnee an der Sonne. Schon nach ein paar Wochen waren Kinder, die ohne Englischhexe im Matsch gewühlt hatten, im Stoff genauso weit. Deshalb gilt: Spielerisches hilft zwar als Motivation beim Lernen. Beim Spielen wird aber sowieso gelernt – etwa der Umgang mit Frustrationen beim UNO, Zählen beim Leiterchenspiel, Feinmotorik und Konzentration beim Bügelperlen- Basteln.
Spiel muss nicht zum Undercoveragenten der Schule degradiert werden, es darf auch einfach nur Spass machen.

Zootiere aus Holz oder Bauernhoftiere aus Holz oder irgendwas aus Holz. Wie oft gilt: Kein Trend ohne Gegentrend. Zwar boomen fliegende, fiepende und piepende Plastikdinger aus Fernost, aber genauso wahr ist: Schlichtes Holzspielzeug boomt ebenfalls. Marc Trauffer, Geschäftsführer der Schweizer Traditionsfirma Trauffer, die DIE Schweizer Holzkuh produziert, muss es wissen: «Ich bin 2001 ins Geschäft eingestiegen. Damals hatten wir 12 bis 14 Angestellte, heute sind es 40.» Das muss reichen als Indiz für gestiegene Nachfrage. Absatz- und Umsatzzahlen bleiben Firmengeheimnis. Der Trend aus dem Foodbereich «hohe Qualität, regional und natürlich » sei auch im Spielzeugmarkt spürbar, so Trauffer. Auch griffen junge Eltern für Holzspielzeug bereitwillig tiefer in die Tasche. Marc Trauffer: «Ich denke, dass unser Spielzeug hilft, die Kindheit zu entschleunigen, das mögen offenbar immer mehr Eltern.» Folklore und ein Hauch sentimentale Erinnerung der Eltern daran, dass sie selbst mit den hölzernen Kühen gespielt haben, tun das ihre. Aber ist denn nun Holzspielzeug durchgängig der Good Guy unter den Spielzeugen? Stets die bessere Wahl? Nicht unbedingt. Selbst Ingetraud Palm-Walter vom Verein «spiel gut», der besonders empfehlenswertes Spielzeug mit einem Gütelabel auszeichnet, sagt knallhart: «Holzspielzeug ist oft gut, doch Verarbeitungsmängel kommen auch da vor. Und: Unsere Söhne hatten ein schönes Parkhaus aus Holz. Sie haben nie damit gespielt. Sie fanden, das Holzparkhaus sähe nicht wie ein echtes Parkhaus aus.» Tja.

Relaxen, bitte! Kein noch so grottiges Spielzeug entfaltet spontan eine verheerende Wirkung auf die Kinderseele. Oder wie Entwicklungspsychologe Moritz Daum sagt: «Lasst Kinder doch einfach spielen». Ja, aber die Waffen? Die ästhetischen Zumutungen? Die Manga-Augen und Monster? Achselzucken des Psychologen. «Spielzeug ist gut, wenn das Kind gut damit spielen kann». Und die Einhörner mit rosa Mähne? «Was ist dagegen einzuwenden, wenn ein Mädchen, das ein Einhorn mit einer rosa Mähne besitzt, sich mit einem anderen Mädchen trifft, das ein Einhorn mit grüner Mähne besitzt, und sie spielen einen ganzen Nachmittag in ihrer tollen Fantasiewelt? Gar nichts.» Auch die derzeit angesagten bunten Riesengewehre bringen ihn nicht wirklich aus der Ruhe: «Menschen, auch Kinder, haben nun mal Aggressionen und leben diese spielerisch aus.» Räuber und Poli, Cowboy und Indianer, das alles sei kreuznormal. «Wenn Kinder allerdings nur noch Gewaltspiele spielen, sich isolieren und den Kontakt zur Realität verlieren, sollte man sehr aufmerksam hinsehen.» Selbst Ingetraud Palm-Walter von «spiel gut», die sich selbst fröhlich «Gutmensch» nennt und niemals ein Gewaltspielzeug zertifizieren würde, findet: «Wir als Eltern haben nie Pistolen geschenkt, weil wir das nicht gut finden. Aber wofür unsere Jungs ihr Taschengeld ausgeben wollten, da haben wir ihnen nicht reingeredet.» Also einfach das Kinderzimmer spielzeugtechnisch zur offenen Zone erklären? Nein, sind sich Wissenschaftler einig. Eltern selektieren, was den Weg ins Kinderzimmer findet und sie lenken auf lange Sicht die Präferenzen der Kinder schon allein dadurch, dass sie ab und an mitspielen und durch das Interesse, das sie an manchen Spielsachen zeigen oder eben nicht. Auf kurze Sicht gilt, wie Moritz Daum sagt: «Kinder haben ein Recht auf ihre eigene Spielwelt, in der Erwachsene nichts zu suchen haben.» Und mal ehrlich, wie toll hätten die eigenen Eltern es gefunden, wenn sie von den aufregenden Nachmittagen mit Klingelstreichen gewusst hätten? Wie hübsch fand die eigene Mutter das glubschäugige Monchichi-Bärchen und wie gut wäre wohl bei Mama und Papa das Spiel «Wir sind Kannibalen und kochen jetzt Manuela Rüger» angekommen? Na, bitte.
Zudem dürfen auch Eltern manchmal vergnügt gegen die eigenen Massstäbe verstossen. Wer sein Kind im Restaurant am iPhone daddeln lässt, ist weder Rabenvater noch Rabenmutter, sondern schlicht ein Erwachsener, der in Ruhe essen möchte.

«Das haben aber alle!» Das älteste Totschlagargument der Welt für Blödes und Überflüssiges. Müssen Eltern also hingehen und das Cowboy-Kostüm mit Colt zur Fasnacht kaufen, weil «alle im Kindergarten» das haben, obwohl Gärtner billiger, origineller und pazifistischer wäre? Psychologe Moritz Daum vertritt eine klare Meinung: «Stärker als ein fragwürdiges Spiel oder Kostüm prägt sich das Gefühl ein, ausgeschlossen zu sein. Das brennt sich ein. Cowboy vergisst das Kind, ausgelachter Gärtner gewesen zu sein hingegen nicht.» Mögliche Lösung im Spielzeugkonflikt: Sich freuen, dass das Kind Freunde hat, die ihm wichtig sind. Moderater Widerstand gegen das aus Elternsicht doofe Irgendwas. Beobachten, ob das Kind fröhlich spielt, das Gespräch suchen, warum das Kostüm oder Spielzeug so wichtig ist. Und: Chillen. Cowboys kommen und gehen.

Im Kinderzimmer herrscht Geschlechtertrennung wie in einem saudi-arabischen Dampfbad. Hier die Spielsachen für Jungs: schwarz, glänzend, gefährlich. Star-Wars-Raumschiffe, die Imperial Star Destroyer heissen, Roboter von der Statur eines Arnold Schwarzeneggers zu seinen besten Zeiten, ein Unimog Rock Crawler 3XL, das N&B Softair- Future- Gewehr für Buben ab 3 Jahren. Dort die Spielsachen für die Mädchen: Filly-Pferdchen und Filly-Einhörner in Fliederfarben, pastellige Schleich-Elfen im Blütenschloss, ein Plüschhund im rosa Täschchen, das «So styly – I love shoes»-Set von Ravensburger zum selbst designen von High Heels, dazwischen winziges Kochgeschirr, Barbies und vielleicht eine einsame Baumaschine von Lena Toys – in Pink.
Kerlig versus herzig. Ja, wo ist denn die Emanzipation geblieben? Wo ist das Spielzeug für den engagierten Vater von morgen? Die Chefin eines Softwareunternehmens? Erleben wir gerade einen Spiel-Backlash, der Rollen zementiert, statt sie flexibler zu machen? Wird da ein angeborenes Bedürfnis befriedigt? Oder doch eher ein Marktinteresse? «Letzteres», findet Ingetraud Palm-Walter von «spiel gut». «Es ist klug von der Industrie, mit der Farbgebung Spielzeug klar zu segmentieren: Das eine für Jungen, das andere für Mädchen. Wer zwei Kinder von unterschiedlichem Geschlecht hat, braucht alles doppelt.» Schade, findet sie, sei das vor allem für die Jungen. «Kleine Buben erleben ja in ihrem nahen Umfeld eine Welt, die sie eigentlich nachspielen möchten: sich kümmern, kochen, putzen. Gibt es das aber alles nur in ‹Mädchenfarben› steht ihnen das für ihr Alltagsspiel nicht zur Verfügung. » Ob es eine Art Rosa-Blau- Gen gibt, darüber streiten sich noch die Wissenschaftler. Fest dagegen steht: Mit etwa drei Jahren wissen Kinder gesichert, ob sie ein Mädchen sind oder ein Junge. Diese neu gewonnene tolle Gewissheit unterstreichen sie auf jede erdenkliche Art. Erste Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. «Mädchenfarben » und «Bubenfarben» funktionieren wie Wegweiser. Eifrig verstärkt durch die Spielwarenindustrie. Aber wie sieht es nun aus: Führen Einhorn und Co. Mädchen in eine Zukunft mit einem Rollenverständnis aus der Vergangenheit? Führen Ballerspiele dazu, dass da breitbeinige Männer-karikaturen heranwachsen? «Wie immer gehen Anlage und Umwelt Hand in Hand», weiss Entwicklungspsychologe Daum. Die Biologie, so der Wissenschaftler, sei auch beim Spielen nicht wegzudiskutieren. Selbst Äffchenjungs, belegen Studien in Tierparks, greifen bevorzugt zu Spielzeug mit Rädern, Affenmädchen zu Puppen. In freier Wildbahn verhauen sich junge Affenmännchen mit Stöcken, während Affenmädchen Äste in den Arm nehmen und fürsorglich hin und her wiegen. Rattenbuben raufen, Rattenmädchen nicht. So viel zur Anlage. «Man muss zwar der Biologie nicht ständig nachgeben», betont Daum, «ihr Raum lassen aber schon.» Ausserdem, ist er überzeugt, beeinflusse zwar die Umgebung – samt Spielumgebung –, doch zur Umgebung gehöre halt auch die Familie. Was die vorlebe, wie dort Geschlechtsrollen gestaltet würden und wie die Alltagsorganisation aussehe, vor allem das sei entscheidend. Grösseren Einfluss als Pony und Power Ranger haben Mama und Papa.