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Elternkolumne
Sex, Crime and Drugs
Maja Zivadinovic hat in ihrer Pubertät wenig ausgelassen. Für die Ängste ihrer Mutter hat sie damals kein Verständnis - heute graut es ihr vor der Teenagerzeit ihres Sohnes.
Meinen ersten Joint rauchte ich im zarten Alter von 13 Jahren. An meinem 16. Geburtstag habe ich mich so dermassen betrunken, dass mich meine Eltern zu zweit von meiner Geburtstagsparty abholen mussten. Mit dem Auto. Welches ich dann notabene auch noch vollkotzte. Kurze Zeit später flog ich mit drei Freundinnen nach Ayia Napa, wo wir tagsüber schliefen, um die ganze Nacht Party zu machen, und mit irgendwelchen Jungs auf irgendwelchen Dancefloors rumzuknutschen. Noch etwas später eröffnete ich meinen Eltern, dass ich quasi ausziehe. Da war ich 17 und parat für ein Austauschjahr im Welschland. Ich fand das alles maximal easy. Für die Tränen und Ängste meiner Mutter hatte ich null Verständnis. Ich würde ihre Gefühle erst verstehen, wenn ich selber Kinder habe. Blabla, dachte ich damals. Shit, wie recht sie hatte, denke ich heute.
Mir macht seine Zukunft Panik
Mein Sohn ist jetzt unschuldige 2,5 Jahre alt. Ich wünsche mir oft, dass das für immer so bleibt. Nicht, weil er so wahnsinnig herzig ist und mich und seinen Vater bedingungslos liebt oder ich Teenager nicht mag. Es ist anders. Mir macht seine Zukunft, gelinde gesagt, Panik. Machen wir uns nichts vor, der Bub wird sich betrinken. Er wird eventuell mit frisierten Töffli rumfahren. Wahrscheinlich wird er eine Phase erleben, in der er so viel kiffen wird, dass ich jetzt schon Schiss habe, wenn ich mir vorstelle, wie er das ganze Gras finanzieren wird. In meinen schlimmsten Albträumen vertickert er unsere Habseligkeiten. Oder dealt mit Töffli-Teilen auf dem Pausenplatz.
Apropos Pausenplatz: Wissen Sie eigentlich, was da heute so abgeht? Mein guter Freund, ein Lehrer, erzählt mir regelmässig Horror-Storys. Von Cliquen, die sich auf dem Schulareal Pornos ansehen. Würde ja noch einigermassen gehen. Aber sie schauen nicht einfach «nur» normale Schmuddelfilmchen. Nein, sie ziehen sich richtig derbes Hardcore-Zeugs rein.
Ohne Helm und Fahrausweis unterwegs
Als wäre das nicht alles schon schrecklich genug, weiss ich, dass vor allem Jungs Adrenalin-Junkies sind. Irgendwann wird mein kleines zauberhaftes Baby verreisen. Und ohne Helm Jetski und Quad fahren. Oder riesige Töffs. Er wird garantiert gefälschte Fahrausweise haben.
Irgendwann wird er eine Freundin oder einen Freund – Love is Love – haben, die/den ich nicht mögen werde. Einfach weil er/sie mir mein Baby streitig macht. Ich sags Ihnen, gegen all diese Ängste, die mich jetzt schon plagen, freue ich mich regelrecht auf das Spicken beim Prüfungenschreiben, auf das Schulschwänzen oder das Energydrinks-Klauen. Auch den Klassenlagern sehe ich entspannt entgegen. Mehr noch: Ich drücke den Buben die Daumen, dass sie es nachts zu den Mädchen ins Zimmer schaffen, ohne erwischt zu werden. Da sollen sie dann eine, zwei Runden Flaschenspiel spielen und wieder gehen. Alles easy. Wirklich.
Neulich sitze ich mit meiner Mutter und meinem Sohn im Sandkasten. Während der Kleine friedlich mit Schaufeln und Eimer spielt, gebe ich zu, dass sie recht hatte. Dass ich jetzt jede ihrer Tränen und jede ihrer Ängste verstehe. Sie lacht. Ich will wissen, wie sie all die Nächte ausgehalten hat, in denen meine Schwester und ich, dazumal ohne Handys, in irgendwelchen Clubs waren. Wie sie nicht durchgedreht ist, als sie mich mit 17 nach Lausanne hat ziehen lassen müssen und wie sie sich gefühlt hat, als wir nach bestandener Autoprüfung die ersten Male allein mit dem Auto unterwegs waren.
Nie ein Auge zugetan
Sie erzählt etwas von Urvertrauen, von Uns-Vertrauen, von Aushalten und von Atemübungen. Dass es in Tat und Wahrheit anders war, weiss sie und weiss ich. Sie hat, waren wir im Ausgang, meinen Vater geweckt, der mit ihr Wache schieben musste, bis sie uns hinter dem Vorhang im Wohnzimmer hat durchfahren sehen. Sie dachte stets, wir sehen das nicht. Sie dachte auch, dass wir ihr abgenommen haben, dass sie wirklich schläft, obwohl sie nie, aber auch wirklich nie, ein Auge zugetan hat, bevor wir nicht beide daheim waren.
Nun, ich weiss, dass es bei mir genau gleich sein wird. Und wissen Sie was? Das ist okay. Kleine Kinder, kleine Probleme. Grosse Kinder, ach, Sie wissen schon… Ich schlaf dann jetzt schon mal zehn Jahre vor! Gute Nacht!
Über Umwege, die sie als Reiseleiterin in die Türkei und an den Empfang von «Tele Züri» führten, landete Maja Zivadinovic im Journalismus. Zusammen mit Yvonne Eisenring und Gülsha Adilji macht sie seit 2021 den SRF-Podcast Zivadiliring. Ihr Lieblingsjob ist aber ein anderer: Seit Juni 2020 ist sie Mami eines Buben.