
WDR/Michael Schwettmann/Illustration WDR/Nina Caspers und Steffi Krohmann / Figur: I. Schmitt-Menzel
Kinderfernsehen
Sendung mit der Maus: Das Erfolgsgeheimnis
Von Ümit Yoker, Illustrationen Martina Paukova
Die Sendung mit der Maus hat sich in den letzten 50 Jahren kaum verändert – und wahrt trotzdem mühelos ihren Platz im Kinderfernsehen. Wie macht sie das bloss?
Flipper: abgetaucht. Lassie: überrundet von einem Haufen Hundewelpen. Maus und Elefant hingegen holen Marshall, Rocky, Chase und wie sie alle heissen nicht so schnell ein.
Seit einem halben Jahrhundert beantwortet die Sendung mit der Maus uns Fragen wie: Was passiert mit einer Ameise, wenn sie vom Hochhaus stürzt? (Nichts. Der Luftwiderstand bremst ihren Fall so stark ab, dass sie wohlbehalten unten ankommt.) Wie schwer ist eine Wolke? (Circa 25 Tonnen, so viel wie fünf Elefanten.) Wenn die Maus ruft am Sonntagmorgen, finden sich auch 2021 noch Scharen von Kindern vor dem Fernseher ein, und mit ihnen Geschwister, Eltern und Grosseltern. Wie schafft sie das nur?
«Die Sendung mit der Maus begegnet Kindern auf Augenhöhe», sagt Maya Götz, die Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI in München. «Man findet darin eine Wertschätzung gegenüber den Dingen des Alltags, die andere Sendungen so nicht bieten.» Ein sorgfältig und liebevoll gemachtes Programm, das seinem Publikum respektvoll begegnet: Klingt naheliegend für gutes Kinderfernsehen, selbstverständlich ist es nicht.
Dabei hat sich die Maus in all den Jahren kaum verändert. Seit der allerersten Folge im März 1971 besteht die Sendung aus den Lach- und Sachgeschichten, Zeichentrickfilmen und dokumentarischen Erzählungen, auf jeden Beitrag folgt ein Spot mit Maus und Elefant.
Bildschnitt und Tempo lassen den Kindern seit jeher genügend Raum, um mitzudenken und mitzuforschen. Die Magazinstruktur ist vertrautes Gerüst und offenes Gefäss zugleich: Wir kennen die Abfolge seit der eigenen Kindheit, die Fragen aber stellen heute unsere Töchter und Söhne.
Ein Familienritual
Von Anfang an habe man die Zuschauerpost bei der Maus sehr aufmerksam gelesen – und oft in der Sendung selbst beantwortet, so die Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin Götz. Zu ihren Fans findet die Maus heute über viele Wege: Sie hat einen Youtube-Channel und eine App, man trifft sie auf ihrer Internetseite ebenso an wie als Podcast.
Trotzdem gehört sie zu den Programmen, die weiterhin häufig am Fernseher und zur Sendezeit geschaut werden. Denn – auch das gehört zu ihrem Erfolgsgeheimnis – die Sendung mit der Maus ist längst ein Familienritual.
«Während sich die Kleinen von Maus zu Maus hangeln», sagt Götz, «freuen sich die Grossen darüber, der Welt wieder einmal mit Kinderaugen zu begegnen.» Längst schauen mehr Erwachsene als Kinder die Sendung: Das Durchschnittsalter des Publikums liegt bei geschlagenen 39 Jahren, wie es in einer wissenschaftlichen Arbeit mit dem bezeichnenden Titel «Die Maus wird grau» heisst.
In der Schweiz hatte das Vorschulfernsehen einst bereits ein wenig früher Fahrt aufgenommen. Schon 1968 begann das Schweizer Fernsehen mit der Ausstrahlung der Sendung Spielhaus – eine Eigenproduktion, deren Konzept sich am Anfang an das Kinderprogramm Play School der BBC anlehnte, später aber eigenen Charakter annahm. In der damaligen BRD galt da hingegen seit einigen Jahren ein Fernsehverbot für Kinder unter sechs Jahren. Es sollte erst 1969 wieder aufgehoben werden.
Die offene Haltung der Schweiz erstaunt aus heutiger Sicht, ist eine grundsätzliche Skepsis doch kaum mehr wegzudenken, wenn es um Kinder und Bildschirme geht. Die Anfänge waren jedoch von Idealismus geprägt, so ein entsprechender Forschungsbericht von 2007 des Instituts für Publizistik der Universität Zürich und der Pädagogischen Hochschule Zürich für das Bundesamt für Kommunikation.
Gross sei die Hoffnung gewesen, das bewegte Bild vermöge Bildungsunterschiede auszugleichen und Kinder aktiver, kreativer und emanzipierter zu machen. Gerade die Kleinsten würden viel davon profitieren, so glaubte man, nähmen sie doch besonders rasch Neues auf.
Entsprechend viel investierte das Schweizer Fernsehen damals in Kindersendungen: Was am Bildschirm lief, war selbst konzipiert, pädagogisch fundiert, wissenschaftlich begleitet. Die grosse Bedeutung des Spartenprogramms liess sich nicht zuletzt an seinen vielen prominenten Machern ablesen: Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler und Pantomimekünstler René Quellet waren bald feste Grössen im Spielhaus. Die Freude am Zeichnen vermittelte den Kindern in derselben Sendung über lange Jahre der Künstler Ted Scapa.
In Deutschland klang es zu jener Zeit wie gesagt anders. Besonders im Süden des Landes warnten Fachleute aus Pädagogik und Pädiatrie eindringlich vor den Gefahren des Fernsehens. Gerade eben die grosse Aufnahmefähigkeit mache die Kleinsten speziell verwundbar. Ein Schock seien die vielen Bilder für die jungen Gemüter.
Dabei: Natürlich hockten Vorschulkinder auch in Deutschland längst vor dem Bildschirm, Fernsehverbot hin oder her. Wäre es da nicht besser, wenn man ihnen ein Programm böte, das sich an ihnen orientierte? Und während man noch überlegte, kam aus den Vereinigten Staaten: die Sesamstrasse.
Die Wucht, mit der das Programm damals auch in Europa einschlug, lässt sich wohl nur nachvollziehen, wenn man sie neben bis dahin übliche Kindersendungen legte: Da Mädchen und Jungen artig im Kreis sitzend, eine Erwachsene in der Mitte, die Geschichten vorliest und zum Basteln anleitet, die Bildführung fast statisch.
Dort: Monsterpuppen mit verwuscheltem Haar, in Pink, in Gelb, in Blau, Hinterhof statt Klassenzimmer, schnelle Schnitte, rapide Sequenzen. Längst hatten Fernsehmachende gemerkt, dass es nichts gab, das die Kleinsten am Fernsehen aufmerksamer verfolgten als die Werbeblöcke zwischen den eigentlichen Programmen.
Schlagartig war die Sesamstrasse damals auch in Europa bekannt, hatte sie doch schon wenige Monate nach der ersten Ausstrahlung 1970 in München den Prix Jeunesse International gewonnen, den Oscar des Kinderfernsehens. Nun schlug auch in Deutschland die grosse Stunde des Vorschulfernsehens: In kurzer Zeit entstanden aufwendig produzierte Programme wie Rappelkiste, das feuerrote Spielmobil – und natürlich die Sendung mit der Maus.
TV sollte Kinder ermutigen, kritisch zu sein
Während man sich in den USA von einem guten Vorschulprogramm erhoffte, dass es benachteiligte Kinder mit Buchstaben und Zahlen vertraut machen und ihnen zu mehr Erfolg in der Schule verhelfen würde, standen diesseits des Atlantiks soziale Kompetenzen im Vordergrund. Das Fernsehen sollte Kinder dazu ermutigen, kritisch zu sein und eigenständig, für sich selbst und andere einzustehen.
«Es ging nicht darum, im etablierten Bildungssystem voranzukommen – sondern das etablierte Bildungssystem zu hinterfragen», sagt die dänische Medienhistorikerin Helle Strandgaard Jensen, die sich schon lange mit den mannigfaltigen Debatten rund um den Medienkonsum von Kindern auseinandersetzt.
Manche Sendung habe dabei etwas gar stark den politischen Geist der 68er geatmet, stellt Maya Götz fest, die heute auch Geschäftsführerin des Prix Jeunesse International ist. «Aus Kindergartenkindern werden keine Systemkritiker.» Schliesslich sei für dieses Alter ja gerade bezeichnend, dass man sich fest an den Werten der erwachsenen Bezugspersonen orientiere.
Die Sendung mit der Maus habe da nie mitgemacht. Sie wollte von Anfang an einfach spannendes, lustiges und berührendes Fernsehen für die Kleinsten bieten. Journalismus für Fernsehanfänger. Kindheit wurde nicht als Anhäufung von Defiziten verstanden, die möglichst schnell behoben werden mussten, sondern als Lebensphase mit eigenen Bedürfnissen.
«Die Ankunft eines neuen Mediums begleiten häufig nicht nur Ängste vor negativen Konsequenzen, sondern auch utopische Vorstellungen vom Nutzen, den es der Gesellschaft bringen könnte», sagt die dänische Wissenschaftlerin Jensen. Gerne teilten wir zudem in gute und schlechte Medien ein, obwohl auch dies die Debatte meistens wenig weiterbringe.
Wenn die Tochter nur die richtigen Bücher liest und den für gut befundenen Hörspielen lauscht, so hoffen wir, dann geht sie auch soziale Missstände an, dann steht einer gerechteren Welt (oder wahlweise guten Abschlussnoten) nichts mehr im Weg. «Deshalb verlaufen Diskussionen um den Medienkonsum von Kindern ja auch oft so heftig: Es steht für uns sehr viel auf dem Spiel.»
Privatfernsehen verdrängt Eigenproduktionen
Ein Ende der Sendung mit der Maus scheint auch im Jubiläumsjahr in weiter Ferne. Der Vorhang für das Schweizer Pionierprogramm Spielhaus fiel hingegen bereits 1994. Aufbruchstimmung war da längst keine mehr zu spüren. Eigenproduktionen? Eingestellt. Sendeplätze? Abgebaut. Redaktionsstellen? Eingespart. Was war passiert? Hatte die Sesamstrasse einst den Startschuss fürs gut gemachte Vorschulfernsehen gegeben, läutete das Privatfernsehen ab Mitte der 80er-Jahre ihr Ende ein.
Kindersendungen gab es nun zwar immer mehr, wie es im Bericht für das Bakom heisst. Doch mit der Lebenswelt ihres Publikums hatten sie immer weniger zu tun. Viele Serien kamen aus den USA und später aus Asien, für Vorschulkinder fiel kaum mehr etwas ab. Zur Debatte sei fast nur noch gestanden, dass der Service Public weniger schlecht als das rein kommerzielle Angebot sein sollte.
So düster mag Christoph Aebersold, Bereichsleiter Kinder & Schule beim Schweizer Fernsehen, das nicht sehen. Gerade in den letzten Jahren seien Kinder und junge Familien wieder stärker in den Fokus gerückt. «Es ist unser Anspruch, Programme zu bieten, die an die Lebenswelt der Kinder in der Schweiz anknüpfen wie auch altersgerecht über die Lage der Welt informieren.»
Kinder haben, wie wir, ein Recht auf anspruchsvolle Unterhaltung. «Natürlich sind auch Sendungen wie Paw Patrol nicht so gestaltet, dass sie Kindern schaden», räumt Medienwissenschaftlerin Götz ein. Aber auch ein bisschen Botschaft ändere nichts daran, dass sie letztlich nett gemachtes Dauerwerbefernsehen seien. Schliesslich verantworten ihre Produktion nicht Redaktor* innen und Pädagog* innen, sondern die grossen Spielzeughersteller der Welt. Götz resümiert: «Ein gutes Kinderprogramm braucht starke öffentliche Medien.»
Ümit Yoker hat Psychologie und Linguistik studiert und arbeitet freiberuflich für diverse Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Sie schreibt über Gesellschaft und Familie, Psychologie und Sprache – und alles, was ihr sonst noch an interessanten Themen in die Hände fällt.