Binationale Paare
Rollentausch

Sophie Stieger
Die Liebesgeschichten ähneln sich: Man lernt sich kennen und lieben, heiratet schnell, um das Glück zu halten, dem Partner eine Aufenthaltsbewilligung zu sichern und die Erlaubnis zu arbeiten. Es sind Geschichten, die voller Hoffnung beginnen, aber, wie viele Liebesgeschichten, nicht immer glücklich enden.
Spätestens, wenn das erste Kind da ist, wird gerechnet. Wer verdient mehr? Meisten ist es die Frau, die Schweizerin. Sie geht nach dem Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten. Und der Ausländer reduziert oder bleibt gleich ganz zu Hause. So war das bei den vier Männern, die wir für diese Geschichte besucht haben. Sie sind Ausnahmen, das ist klar. Sind sie für die Frauen Glücksfälle?
Das Hausmann-Modell ist auch in binationalen Ehen selten. Doch gehen Fachleute davon aus, dass Hausmänner in Familien verbreiteter sind, in denen die Frau gut ausgebildet ist und einen guten Job hat.
Nur gerade 1,1 Prozent der in der Schweiz lebenden Männer haben in der letzten Volkszählung 2000 überhaupt angegeben, Hausmann zu sein. Neuere Zahlen gibt es aus den USA: Da leben nur noch ein Drittel der Familien nach dem traditionellen Familienmodell, bei dem der Vater das Geld heimbringt und die Mutter erzieht und haushaltet. In gewissen US-Regionen sorgen sogar bereits ein Fünftel der Frauen für das Familieneinkommen.
«Verkehrte» Familien
Der Rollentausch bleibt auch im 21. Jahrhundert eine Herausforderung. Noch immer haftet das traditionelle Familienmodell in den Köpfen der Väter und Mütter, Eltern und Nachbarn. Wenn die Frau Hauptverdienerin ist, wird selbst in der soziologischen Fachliteratur von «verkehrten Familien» gesprochen. Die Herausforderung, heisst es, liege vor allem darin, dass für Männer die Arbeit ein bedeutender Teil ihrer Identität ausmache, die sie verlieren würden, sobald sie sich vom Arbeitsplatz verabschieden.
Männer, die Zuhause bleiben, werden oft skeptisch beäugt. «Ist einer Hausmann, kommt schnell der Verdacht auf, er finde keinen Job oder wolle es sich auf Kosten der Frau bequem machen», sagt die Familienberaterin Gerti Saxer. «Arbeitslosigkeit ist ein Männerbegriff», schrieb einst auch der Soziologe Anthony Giddens.
Kulturclash
Wenn ein Ausländer nicht arbeiten geht, werden die Blicke noch skeptischer. Schweizer mögen keine Fremden, die den Anschein erwecken, sie würden sich hier in ein gut abgesichertes Nest setzen. Regula Schaub aus St. Gallen wird regelmässig gefragt, ob ihr peruanischer Mann denn noch keine Stelle gefunden habe. In der Frage schwingt dann ein Unterton mit, ein vorwurfsvoller.
Bei binationalen Paaren mit einem Ausländer, der Erziehung und Haushalt übernimmt, kommt eine weitere Herausforderung dazu: Nicht selten prallen da zwei Welten aufeinander, zwei unterschiedliche Wertvorstellungen, zwei verschiedene Religionen, verschiedene Sprachen und Kulturen.
Da, wo die Hausmänner herkommen, die wir für diese Geschichte getroffen haben, ist die Rollenverteilung oft noch strikter als bei uns. Marcial Dansous Vater, ein angesehener Mann in einem kleinen Dorf in Benin, hat sich um vieles gekümmert – aber sicher nicht um den Haushalt. Dieser ist im westafrikanischen Land nach wie vor ausschliesslich Frauendomäne. Und auch in Tommaso Calcagnos Herkunftsort, eine traditionellen italienischen Familie, war die Mama Küchenchefin, Raumpflegerin und Erzieherin.
Sprengstoff für die Ehe
«Es gibt zwei Arten, wie Ausländer ihre Hausmann-Rolle empfinden», sagt Gerti Saxer, die sich aufgrund ihrer brasilianischen Herkunft auf die Beratung binationaler Paare spezialisiert hat. Solche, die Hausarbeit als Herausforderung annehmen und zu ihr einen pragmatischen Zugang haben. Dazu gehören oft Ausländer mit einer guten Ausbildung. Und dann gebe es die, die in das Abkommen eingewilligt hätten, weil sie keine anderen Möglichkeiten gesehen hätten. Oft würden diese Männer das zu Hause bleiben als Zwang empfinden. Mit dem Gefühl von Zwang komme Frustration. Und mit der Frustration die Spannung.
Geht man von der Scheidungsrate aus, ist die Konstellation, sie, Schweizerin, er, Ausländer, generell eher zum Scheitern verurteilt. Die Scheidungsrate liegt bei fast 60 Prozent und ist somit fast doppelt so hoch wie wenn die Frau Ausländerin ist. Doch will die Familientherapeutin nicht alleine dem Umstand, dass in binationalen Ehen Kulturen aufeinander prallen, die Schuld am Scheitern geben. Die Gründe seien individuell. Doch beobachtet Gerti Saxer: Wenn der Mann sich mit der Hausmann-Rolle nicht abfinden kann oder sie nicht ernst nimmt, heisst das für die Frau: Doppelbelastung.
Gerti Saxer hatte schon Paare bei ihr in der Beratungsstunde, bei denen der Mann ständig Freunde eingeladen und bewirtet hat. Die Hausarbeit blieb liegen. Die Frustration des Mannes zusammen mit der Doppelbelastung der Frau ist Sprengstoff für eine Ehe. Es braucht wenig und sie explodiert.
Liebe mit Kompromissen
Manchmal staunt Gerti Saxer, wie gut es trotz Unterschieden in der Bildung und Herkunft funktionieren kann: «Jeder Mensch, egal wo er herkommt, bringt ganz viele Ressourcen mit, um schwierige Umstände zu meistern». Ob das Hausmann-Modell funktioniert oder nicht, führt sie letztlich auf die Persönlichkeit des Mannes zurück und auf die Fähigkeit des Paares, Kompromisse zu schliessen.
Glück auf Umwegen
Als Ismail Hartmann ein Junge war, flogen ihm Bomben um die Ohren. Als irakischer Kurde sah er in seinem Heimatland mit zwanzig keine Perspektive und suchte sein Glück in Europa. Auch die Biographien der anderen Männer, die wir für diese Geschichte getroffen haben, sind eher kurvenreich als gradlinig. Und alle haben irgendeinmal während des Gesprächs gesagt: «Mir ist es egal, was die anderen denken». Die Nachbarn in der Schweiz oder die Familie im Heimatland. Ist das etwa das Geheimnis, dass es gerade bei ihnen klappt?
Marcial Dansou
(35), Fotograf
«Ich bin viel herumgekommen, das ist für einen Afrikaner nicht üblich. Aber ich hatte Glück im Leben. Meine Familie ist reich für das Dorf, in dem sie lebt, im Vergleich zu den Städtern aber wieder arm. Mein Vater hatte genug Geld, um mir und meinen sechs Geschwistern Ausbildungen zu bezahlen. Ich habe in Lagos, Nigeria, Fotografie studiert, ein hartes Pflaster. Wer sich da durchkämpfen kann, kann es überall. Ich wollte eigentlich ein Fotostudio aufbauen. Aber es kam anders: Ich wurde Übersetzer auf einem Ärzteschiff, eine christliche Mission. Mit einer Jugendmission kam ich dann auch nach Argentinien. Dort sagte man mir, ich sei der schwarze Latino. Ich habe immer einen Teil der Mentalität angenommen von den Ländern, in denen ich lebte. Ich bin flexibel. Weiter ging es nach Südafrika, wo ich auch Lea kennen lernte. Hausmann sein ist für mich ein momentaner Zustand. Deshalb ist es kein Problem. Ich schaue, dass ich bis Freitag die Wohnung geputzt habe, damit wir das Wochenende geniessen können. Meinen Eltern habe ich nie gesagt, dass ich Hausmann bin.»

Lea Dansou
(34), Primarlehrerin
«Für uns war klar, dass Marcial hier nicht irgendeinen Job annehmen muss. Klar, er könnte in einem Fastfood-Restaurant arbeiten. Aber das würde ihn nicht glücklich machen. Ich bin gerne Lehrerin. Doch wäre ich auch gerne mehr für Simona da. Im Moment ist es in Ordnung so. Von Marcial erwarte ich nicht, dass gekocht, gewaschen und geputzt ist, wenn ich nach Hause komme. Mit einem Kleinkind kommt er einfach nicht immer dazu. Ich schätze es sehr, dass er sich so engagiert. Die Wäsche erledige meist ich am Wochenende. Marcial ist unkonventionell, das mag ich an ihm. Hausarbeit ist in Benin definitiv Frauensache. Bei uns ist es Team-Work.»
Ismail Hartmann
(36), Hauswart
«Als ich ein Jahr alt war, sind meine Eltern in den Iran geflohen. Mein Vater hat für die kurdische Armee gekämpft und ist früh gestorben. In der Schule haben wir gelernt, wie wir uns bei Bombenangriffen schützen. In die Schweiz kam ich mit einem Schlepper. Eigentlich wollte ich Arzt werden. Studienplätze im Iran waren aber rar. In den Schulferien bin ich immer arbeiten gegangen und habe den Lohn zu Hause abgegeben. Wir waren elf Geschwister. Im Haushalt habe ich nie geholfen. Das war Frauensache. Ich bin Hausmann, weil meine Frau einfach besser verdient. Das Positive: Ich verbringe viel Zeit mit den Kindern. Wenn man aus einer Region kommt, wo Arbeit haben an sich ein Privileg ist, gibt es keine minderwertigen Jobs. Wenn ich im Herbst die Deutschprüfung C2 schaffe, das höchste Niveau, werde ich Soziale Arbeit studieren.»

Romi Hartmann
(41), kaufmännische Angestellte (80%)
«Ich wollte nie Kinder. Doch mit Ismail konnte ich mir zum ersten Mal vorstellen, eine Familie zu gründen. Ich wurde oft gefragt, warum ich nicht Kurdisch lerne, doch für mich war es wichtig, dass Ismail Deutsch lernt: Ohne Sprache, keine Integration. Mein Elternhaus ist eher konservativ. Da hatte mein Mann anfangs einen schweren Stand. Ismail ist ein guter Hausmann und ein noch besserer Vater. Wegen der Hausarbeit gibt es bei uns keine Konflikte. Diese hatten wir nur am Anfang unserer Beziehung. Zwei Kulturen mussten sich finden. Religion war immer wieder Thema. Schliesslich haben wir uns gesagt: Es gibt sowieso nur einen Gott. Entweder, man hat sich gern, oder nicht. Die Kinder sind reformiert. Ismail ist Moslem und isst kein Fleisch. Es kam schon vor, dass Kollegen unserem Sohn Salamisandwiches mit in die Schule nahmen, weil sie dachten, dass Papi Schweinefleisch verbiete. Das war mir ein wenig unangenehm.»
Giovanni Liñan
(50), Kaufmann
«In den USA hatten wir ein Haus mit Swimmingpool und zwei Autos. Nun leben wir in einer Genossenschaftswohnung. Das ist eine ziemliche Umstellung. Aber für die Kinder ist es das Beste. Wir wollten nicht, dass sie sich fürs Studium über beide Ohren verschulden müssen. Hier in der Schweiz erhalten sie bessere Möglichkeiten. Die Jungs brauchen mich, vor allem der jüngere. Noch ein, zwei Jahre, dann wird auch er selbstständiger sein. Und ich kann wieder mehr auswärts arbeiten oder meinen Internet-Vertrieb vorantreiben. Hausmänner wie mich gibt es hier kaum. Da staunen die Leute, dass der Südamerikaner zu Hause bleibt. Ich bin es mir gewohnt, dass man sich engagieren muss, um etwas zu erreichen. Mein Studium konnte ich mir in Peru nur dank eines Stipendiums finanzieren. Das habe ich erhalten, indem ich ein Berufsbildungsbuch schrieb. Auch in das Familienglück muss man investieren.»

Regula Schaub
(44), Direktionsassistentin
«In Arizona war ich eine richtige amerikanische Mom, unterrichtete auch die Kinder selber und hatte noch einen Teilzeitjob. Seit gut zwei Jahren bringe ich das Geld nach Hause. Der Rollentausch funktionierte erstaunlich reibungslos. Ich kam mit den Kindern alleine in die Schweiz, Giovanni reiste nach eineinhalb Jahren nach. In dieser Zeit musste ich meine Ehe oft verteidigen. Doch Giovanni brauchte einfach Zeit um seinen Verantwortungen nachzukommen und abzuschliessen. Ich hatte nach zwei Wochen schon Jobangebote. Meine Eltern haben einen Teil der Kinderbetreuung übernommen, bis Giovanni da war. Im Haushalt hat nun er das Sagen. Die Kinder finden, Giovanni sei als Hausmann besser als ich als Hausfrau. Ich will ihm nicht zu stark dreinreden. Schliesslich hat er das auch nicht getan, als ich Hausfrau war.»
Tommaso Calcagno
(48), Goldschmied, Olivenöl-Händler
«Es gibt sicher solche, die meinen, ich sei faul, weil ich keiner regelmässigen Arbeit nachgehe. He, aber so ein Haushalt gibt viel zu tun. Ich bin ein guter Koch. In einer Pizzeria hat mir eine Frau beigebracht, wie man richtig gute Pizzas macht. Meine Pizzas im Falken in Chur waren gemäss Zeitungsartikeln die besten weit und breit. Italien fehlt mir manchmal. Doch ich bin immer im November dort, zur Olivenernte. Der Olivenöl-Handel ist einer meiner vielen Nebenjobs. Wieso ich nicht Karriere machen wollte? Ich mache doch Karriere – unter anderem als Hausmann. Ich bin als Italiener wahrscheinlich emanzipierter als mancher Schweizer. Meine Frau reklamiert selten, dass ich etwas nicht richtig mache. Ausser die Kleider, die will sie selber versorgen. Ich bringe manchmal Socken und Unterwäsche von ihr und den Mädchen durcheinander. Als ich vor zehn Jahren Hausmann wurde, war das eine ziemliche Sensation. Doch ich muss nicht Bankmanager sein, um respektiert zu werden.»

Paola Giovanoli
(43), Ethnologin, Berufsschullehrerin
«Ich wollte eigentlich in Italien leben, wo wir uns kennen gelernt haben. Ich jobbte damals im Restaurant, wo Tommaso kochte. Nach dem Lehrerseminar bin ich zu ihm gezogen. Wegen der schwierigen Wirtschaftslage wurde es in Italien aber immer schwieriger, gute Jobs zu finden. Also zogen wir in die Schweiz. Ich studierte Ethnologie und arbeitete als Primarlehrerin, auch nach der Geburt von Leonie, hier im Dorf. Weil ich sie noch etwas länger stillen wollte, habe ich mit dem Schulrat abgemacht, dass Tommaso mir das Baby bringt, und, während ich Leonie die Brust gebe, er die Schüler beaufsichtigt. Für die Schüler war das ein Gaudi. Ich wollte nie Hausfrau sein. Tommaso hat mich in allen meinen Plänen immer unterstützt.»