Grosseltern
Opa ist die neue Oma

Anne Gabriel-Jürgens
Dienstags und freitags muss Max Hallauer-Mager früh raus. Der 65-Jährige überquert zügig die Quartierstrasse, steigt die Treppen in die Stadt hinab. Seinen Stock mit dem silbernen Knauf belastet er beim Gehen kaum. Nach wenigen Minuten steht der ehemalige Altersheimleiter am Central. Mitten im Zürcher Berufsverkehr, inmitten der zielstrebig zur Arbeit oder zum Zug eilenden Berufstätigen steht er da und freut sich. Silvan kommt um zehn nach sieben. Die Übergabe ist rasch vorbei, dann sind Grosspapa und der dreijährige Enkel allein.
Auch Gion Duno Simeon ist im Hütedienst seiner beiden Töchter fest eingeplant: An je einem Tag pro Woche betreut der Psychotherapeut ihre Kinder. Dafür ist der Bündner, den seine Enkel «Tat» nennen, im Rentenalter noch zum Pendler geworden.
Der emeritierte Staatsrechtsprofessor Georg Müller ist von Sonntagabend bis Dienstagnachmittag besetzt: Dann wohnt Enkel Liam bei Müllers in Erlinsbach AG. Diese Stunden reserviert der 69-Jährige «Nonno» wenn immer möglich für den Zweijährigen.
Ob Grosspapa, Tat oder Nonno: Die drei Männer spielen im Leben ihrer Enkel eine gewichtige Rolle. Und sie sind damit nicht allein. Gemäss Erhebungen des Bundesamts für Statistik betreuen 12 Prozent der Männer zwischen 65 und 74 Jahren verwandte Kinder. Wer darauf achtet, sieht sie plötzlich überall: Kinderwagen schiebende Grossväter. Georg Müller sagt: «Wenn ich mit Liam unterwegs bin, treffe ich viele Grossväter mit kleinen Kindern. Wir lachen einander zu.» Während es vielen Grossmüttern heute ein Anliegen ist, eben gerade nicht auf diese eine Rolle reduziert zu werden, gehen die Grossväter in der neuen Rolle sichtlich auf. Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Psychologie an der Universität Bern, sagt: «Grossväter, die ihre Enkel hüten, haben den Bonus des Nicht-Selbstverständlichen. » Hallauer-Mager, Simeon und Müller berichten übereinstimmend, sie hätten viel positiven Zuspruch, sei es von Passanten oder von Eltern auf dem Spielplatz.
Rollentausch
François Höpflinger, Professor für Soziologie an der Universität Zürich, bezeichnet Grossväter gar als «die neuen Grossmütter» und meint damit: «Engagierte Grossväter von heute zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein analoges Verhalten aufweisen wie engagierte Grossmütter. Es ist kindorientiert und emotional.» Das alte Bild vom Grossvater als Familienpatriarch verblasse mehr und mehr.
Statt furchteinflössend und autoritär, ist der neue Opa verspielt und kameradschaftlich. Gion Duno Simeon lässt sich von Gianna im Karussell herumdrehen, bis ihm schwindlig wird; Max Hallauer-Mager sucht mit Silvan im Wald nach Zwergen und Georg Müller begeistert sich mit Liam für Kräne und Baugruben. «So macht mir das Hüten doch auch viel mehr Spass, als wenn ich derjenige wäre, der mit der Geisel klöpft», sagt Müller.

Was aber treibt diese Männer an? Warum widmen sie sich heute so intensiv ihren Enkeln, während ihre eigenen Kinder häufig mit einem «Sonntagsvater» vorlieb nehmen mussten? Die Antwort sei vielschichtig, sagt Perrig-Chiello, die im Bereich familiärer Generationenbeziehungen forscht. Zum einen sei das Engagement der Grossväter schlicht eine gesellschaftliche Notwendigkeit: Betreuungsplätze fehlen, die Grossmutter – häufig jünger als der Grossvater – ist für die Enkelkindbetreuung nicht verfügbar. Letzteres trifft bei Hallauers teilweise zu: Zwar hat auch Max Hallauer-Mager, gelernter Krankenpfleger und ehemaliger Altersheimleiter, noch andere Verpflichtungen. Doch besser als seine Frau kann der 65-Jährige diese immer so legen, dass die Tage mit Silvan davon nicht tangiert sind. Gion Duno Simeon, der heute noch in Chur als Familientherapeut tätig ist, konnte zwar für seine Töchter da sein, wenn auch «ungleichgewichtig» in Bezug auf seine Frau, wie er zugesteht. Dieses Ungleichgewicht war auch der Auslöser für sein hingebungsvolles Engagement als Grossvater: «Ich habe selber erlebt, wie einschneidend es für eine Frau, aber auch für ein Paar und die ganze Familie ist, wenn eine Frau ihren Beruf ganz aufgeben muss, weil adäquate Betreuungsmöglichkeiten fehlen», sagt er. Deshalb bot er seinen Töchtern vor Jahren an, ihre Kinder je einen Tag die Woche zu hüten – und besteigt seit gut vier Jahren einmal die Woche den Zug nach Zürich, um Paolo (4) und Irina (2) zu betreuen. Über zwei Jahre lang reiste er zudem jeden Dienstag nach Basel. Seit die «Basler» Enkelinnen Gianna (3) und Olivia (9 Monate) kürzlich in die Region Chur gezogen, fällt die lange Zugreise weg.
Hüten hält jung
Die Zeit, die Grossväter mit ihren Enkelkindern verbringen, ist aber nicht bloss geschenkte Dienstleistung. Auch die neuen Opas sind nicht bloss Altruisten. «Enkel sind auch sinnstiftend», sagt Perrig-Chiello. Die Betreuung bringe den Grossvätern persönliche Befriedigung, denn sie würden gebraucht. «Zudem bringen Enkel frischen
Wind und Input.» Soziologe Höpflinger formuliert
es so: «Grossväter können im Umgang
mit Enkelkindern wieder ‹kindisch›
beziehungsweise ‹jung› sein. Männer benützen
die Grossvaterrolle nicht selten als sozialer
Jungbrunnen.»
«Zudem bringen Enkel frischen
Wind und Input.» Soziologe Höpflinger formuliert
es so: «Grossväter können im Umgang
mit Enkelkindern wieder ‹kindisch›
beziehungsweise ‹jung› sein. Männer benützen
die Grossvaterrolle nicht selten als sozialer
Jungbrunnen.» Freude an den Kindern, aber ich hatte nicht
viel von ihnen. Jetzt hole ich nach, entdecke
aber vieles auch neu.» Für seinen Enkel hat
der Staatsrechtsprofessor, der auch nach seiner
Emeritierung ein gefragter Gutachter
und Dozent ist, andere Verpflichtungen reduziert.
Liam sei ein «bewusster Programmpunkt
», sagt Müller. Als seine Frau vergangenen
Winter einen Unfall hatte und ihren
Enkel während drei Monaten nicht hochheben
konnte, wurde Müller zum Hauptbetreuer.
Die enge Bindung zwischen Nonno
und Liam ist geblieben – wie auch das Wickeln
so sehr zur Routine geworden ist, dass
Müller es weiterhin zu seinem Aufgabenbereich
zählt.
Wickeln und werkeln
Gewiss: Wo sich Grossmutter und Grossvater
die Betreuung der Enkel teilen, ist es
häufig die Grossmutter, die füttert, wickelt
und Geschichten erzählt, während der
Grossvater die körperlich aktive Seite auslebt
und für alles Technologische zuständig
ist. Doch mit der neuen Rolle haben
sich viele Opas auch von traditionellen
Rollenbildern emanzipiert: Neben Müller
übernehmen auch Hallauer-Mager und Simeon
ganz selbstverständlich sämtliche
Alltagsaufgaben. Sie drücken sich weder
vor dem Kochen, Füttern noch Wickeln.
«Grossväter entdecken vermehrt, dass sie
nicht nur zum ‹männlichen› Produzieren
und aktiven Handeln geeignet sind», sagt
Gion Duno Simeon, «sondern dass sie auch
fürsorgliche Aufgaben angemessen erfüllen
können.»
Simeon, der quer durch die Schweiz
reiste, um seine Töchter zu unterstützen, begegnet
seinen Enkeln auf Augenhöhe. Muss
er auf dem Spielplatz schlichten, so geht der
66-Jährige in die Hocke, um Gianna in die
Augen sehen zu können. Simeon fasziniert
es, noch einmal so nahe mitzuerleben, wie
Kinder schrittweise gross werden. Nicht zuletzt
sind die «Tat-Tage» für ihn auch beruflich
anregend: Die Teilnehmenden seiner
Triple-P-Kurse schätzen, dass er als engagierter
Grossvater die Kluft zwischen idealer
Praxis und realem Kinderalltag kennt.
Max Hallauer-Mager wiederum, dessen
Kinder im Altersheim aufwuchsen, das er
gemeinsam mit seiner Frau leitete, integriert
nun auch seinen Enkel Silvan ganz einfach
in seinen Alltag. Dabei ist er stets darauf bedacht,
dem Buben lustvolle, sinnliche Erfahrungen
zu ermöglichen. Unterwegs zum
Markt auf dem Bürkliplatz stoppt er vor der
Skulptur, die am Paradeplatz vor dem
Sprüngli steht. Er klopft an das Eisen. Unten
tönt es tief, weiter oben erklingen hellere
Töne. Silvan steigt vom Laufvelo und
legt seine Hand auf die seines Grosspapas.
Wieder zu Hause bleiben die Einkäufe vom
Morgen in einer Ecke seiner Küche liegen.
Max Hallauer-Mager ist vertieft in das Gespräch
über seinen Enkel. «Silvan lehrt mich
nochmals das Leben. Er zeigt mir Schönes»,
sagt er. Und fügt leise und voller Zärtlichkeit
an: «Wenn ich darf und kann, möchte
ich Silvan so lange als möglich durchs Leben
begleiten.» Und das ist sicher die wichtigste
Antwort auf die Frage, warum es sich
heute so viele Grossväter nicht nehmen lassen,
ihre Enkel zu hüten.