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Elternfreuden & Elternleiden
Nie wieder Lego!
«Du bist der Sucher, ich der Bauer», sagt mein Sohn und meint es ernst. So hatte ich mir unsere Vater-Sohn-Zeit nicht vorgestellt. Aber es kam noch viel schlimmer.
Ein Jahr lang lag die Verpackung des Lamborghini neben der des Bugatti im Zimmer meines neunjährigen Sohnes. Mit dem Unterschied, dass das eine Modell aufgebaut war und das andere eingeschweisst und in 3819 Teile zerstückelt in seinem Karton schlummerte. Den Lego-Bugatti hatte er zu Weihnachten geschenkt bekommen, da war er sechs. Er war sehr, sehr glücklich. So glücklich, als hätten wir ihm den echten Sportwagen unter den Baum gestellt. Preislich fehlte in der Tat nicht mehr viel.
Ein solcher Moment lässt sich nicht wiederholen. Wir versuchten es natürlich trotzdem. Allerdings entschieden wir uns diesmal für eine günstigere Variante. Sie war nur halb so teuer wie das Original, aber, wie sich herausstellen sollte, doppelt so nervig, weil die Teile nicht hundertprozentig passten. Sián bedeutet im Bologneser Dialekt so viel wie Blitz. Doch statt eines Lamborghini Sián bauten wir die chinesische Variante: einen Linbaoginni Sierne.
Empfohlen ab 16 Jahren?`Oder ab 14?
Diese Autos sind kein Spielzeug im klassischen Sinn. Man stellt sie sich in die Vitrine und lässt sie verstauben. Lego empfiehlt die Baureihe ab 16. Also müssen uns die Chinesen zwei Jahre voraus sein, denn bei ihnen ist der Lamborghini schon ab 14 freigegeben. Kinderspiel, dachten wir mit der Erfahrung vom Bugatti. Ein Legoset aufzubauen, hat etwas Meditatives. Man schaltet den Kopf aus und folgt der Anleitung. Unsere war immerhin 287 Seiten stark, 789 Schritte bis zum Ziel. Die 3819 Einzelteile kippten wir in bunte Tupperdosen, in denen wir sonst Kekse, Sossen und Gurkenstücke transportieren.
Wenn Vater und Sohn so lange eng zusammenarbeiten, lernen sie sich nicht immer von ihrer besten Seite kennen. Ich weiss jetzt, dass es Kinder gibt, denen es schon zu viel ist, wenn man in ihrer Gegenwart kaut.
«Du schmatzt.»
«Ich schmatze nicht, das sind Kaugeräusche.»
«Dann hör auf zu kauen.»
Wir einigten uns darauf, nicht zu essen, keine Musik zu hören und nur das Nötigste zu sprechen, um das Konfliktpotenzial möglichst kleinzuhalten. Ich erfuhr aber auch viel über mich: Neu war zum Beispiel die Blau-Schwarz-Schwäche oder eine mit dem Alter immer kürzer werdende Zündschnur. Was scheinbar vererbbar ist, denn nicht nur ich war schnell auf 180. Mein Sohn war es auch. Zusammen ergibt das 360, weshalb wir uns gerne im Kreis drehen. Wenn ich mich aufrege, regt er sich auf, dass ich mich nicht so aufregen soll, was mich noch mehr aufregt. Irgendwann ging meine Frau dazwischen und zwang uns zur Pause. Sie dauerte zwei Wochen.
Es gibt eine Stelle bei den Autobauern, die nennt sich «Hochzeit». Das ist der Moment, wenn das Fahrwerk und die Karosserie miteinander vermählt werden. Beim Bugatti war es eine Blitzhochzeit. Bei der chinesischen Variante traten dagegen Komplikationen auf. Nichts passte. Es waren zu viele Stecker, die alle gleichzeitig Ja riefen. Es war wie in einem dieser Filme, wenn der Pastor fragt, ob jemand der Anwesenden etwas gegen diese Verbindung einzuwenden hat. Jaaaa! Es gibt Momente im Leben, da weiss man, dass man Mist gebaut hat. Natürlich wäre es besser gewesen, ich hätte geschwiegen. Am besten für immer. Stattdessen riss ich die fragile Karosserie vom Fahrwerk runter und machte dadurch alles nur noch schlimmer. Ich war sauer auf die Chinesen, sauer auf mich selbst, sauer, dass ich so ungeduldig war.
Zeit für Tränen und eine Entschuldigung
Statt wieder zwei Wochen zu warten, klopfte ich an Jonars Tür. Er sass auf dem Bett und weinte. Zumindest diesmal wollte ich der Erwachsene sein und entschuldigte mich bei ihm. Ich sagte, dass ich es ohne ihn nicht schaffen würde. Es war der Moment, in dem die Hochzeitsgäste applaudierten, doch es blieb still zwischen uns. Dann sagte er: «Ich hab doch gesagt, du sollst warten.» Mein Sohn, der Erwachsene.
Wir haben das Auto dann irgendwie fertig bekommen. Am Ende fuhr es nicht geradeaus, sondern bewegte sich seitwärts wie ein Krebs, die Motorhaube schliesst bis heute nicht richtig und das rechte Auspuffrohr fällt gelegentlich ab. Na und? Jonar war so stolz, als hätte er den echten Lamborghini gebaut. Und ich? War froh, als es endlich vorbei war. Aber ich war auch froh, dass wir als Duo durchgehalten haben. «Weisst du», sagte er später, «es gibt noch den Ferrari Daytona, den wir bauen könnten.» Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört.