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Gesundheit
Das hilft Kindern mit schweren Essstörungen
Von Anita Zulauf und Martina Schnelli
Kinderpsychiaterin Monika Strauss erklärt, wieso Kinder mit schweren Essstörungen von Psychotherapie profitieren.

Monika Strauss, Dr. med., (*1963) ist Oberärztin für den Bereich Säuglingsund Kleinkindpsychosomatik und hat am Universitäts-Kinderspital Zürich das interdisziplinäre Sondenentwöhnungsteam aufgebaut. Strauss lebt mit ihrer Familie in Zürich.
wir eltern: Wie funktioniert Eltern-Kind Psychotherapie bei Säuglingen? Babys können ja noch nicht sprechen.
Monika Strauss: Wir arbeiten mit etwas, das im vorsprachlichen Bereich liegt. Dies gelingt durch die gleichzeitige verbale und nonverbale Interaktion der Therapeutin mit Eltern und Kind. «There is no such thing as a baby», hat der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott gesagt. Damit meinte er, dass man ein Baby nicht ohne seine Mutter, sein Beziehungsumfeld therapieren kann, da es mit ihr unzertrennlich verbunden ist.
Sind die Mütter die Hauptschuldigen, wenn ein Kind ein Ess- oder Fütterstörung hat?
Die Mütter fühlen sich verantwortlich für die Ernährung des Kindes, das ist zum Teil biologisch verankert. Und sie verbringen nach wie vor am meisten Zeit mit dem Kind. Isst es nicht, gerät die Mutter unter immensen Druck. Zusätzlich reagiert das Umfeld, manchmal sogar die Väter, oft mit Unverständnis: Was machst du falsch? Dabei ist eine wohlwollende und unterstützende Begleitung durch den Vater und andere Verwandte der grösste Schutzfaktor.
Kommen die Väter auch in die Therapie?
Ja, am liebsten sehe ich beide Eltern, sehr oft kommt dann auch die ganze Familie.
Wie gehen Sie vor?
Ich treffe die Familien meistens in der Cafeteria des Kinderspitals. Hier sehe ich, wie das Kind auf das Essen in den Vitrinen reagiert, wie es trinkt oder isst, was es mit dem Essen macht, wie die Umgebung auf es wirkt. Und natürlich wie die Eltern mit dem Kind umgehen. Wir reden auch über die eigenen Prägungen und über die Emotionen im Zusammenhang mit dem Essen. Oftmals besteht beim Kind eine Überanpassung an die versteckten Emotionen, unter anderem an die Ängste der Eltern. Wenn die Eltern diese wahrnehmen und integrieren, können die Kinder die Symptome fallenlassen.
Wie lange dauert das?
Oft braucht es dazu nicht mehr als drei bis fünf Sitzungen.
Das tönt fast nach Wunderheilung.
Manche Kollegen meinen auch heute noch, was wir machen, sei Hokuspokus oder verorten es in die Esoterik-Ecke. Doch damit hat das überhaupt nichts zu tun. Es steckt viel interdisziplinäre Arbeit dahinter, oft auch in Abwesenheit des Patienten. Bewährt hat sich auch die Gruppentherapie, die wir im Kispi anbieten und Playpicknick nennen.
Was genau ist das?
Gemeinsam mit einer Logopädin bereiten wir auf einem grossen Tuch am Boden allerlei Esswaren unterschiedlicher Konsistenz und Geschmacksrichtungen aus, die kindgerecht auf buntem Geschirr präsentiert werden. Alles ist da, von Obst und Gemüse über Würstchen zu Salzstengeli, Schoggi, Chips und auch Babybrei. Die Kleinkinder zwischen sieben Monaten und 2,5 Jahren, die begleitet von ihren Eltern zum Playpicknick kommen, dürfen mit dem Essen tun, was sie wollen: spielen, kleckern, sich beschmieren, kosten oder sich gegenseitig füttern. Das Setting soll die Kinder zum Explorieren einladen und den Druck von Fütter- und Esssituationen nehmen.
Verweigert ein Kind das Essen, kann das bei den Eltern Wut oder Ablehnung hervorrufen.
Das ist normal. Richten sich Wut oder Hass allerdings gegen das Kind, muss es vor seinen Eltern geschützt werden. In unserer westeuropäischen Gesellschaft werden diese starken Gefühle aber meist unterdrückt. Die Wut richtet sich dann auf das Medizinsystem oder man betreibt Ärzte-Hopping. Oftmals verschwindet sie auch unter der Sorge. Es ist jedoch sinnvoll, wenn man sich seiner Gefühle bewusst wird und dazu steht.
Darf man das Kind zum Essen zwingen?
Es gibt eine Regel, die einzuhalten sich die Eltern verpflichten müssen: Nie mit Gewalt dem Kind etwas in den Mund stecken. Der Mund ist der autonome Bereich des Kindes.
Ein Kind verhungert nicht am vollen Tisch, sagt der Volksmund.
Das stimmt leider nicht immer. Sonst gäbe es nicht Kinder, die mit einer Magensonde ernährt werden und therapeutische Hilfe brauchen.
Wie verändert sich die Familiendynamik, wenn die Essstörung weicht?
Es tritt eine Entspannung ein. Meist sind die Eltern immens dankbar. Es kann sein, dass ein bisher liebes und nettes Kind plötzlich frech wird, die Trotzphase nachholt oder Fremdenangst bekommt, also einen bisher blockierten Entwicklungsschritt durchmacht. Das kann Eltern verunsichern, bis sie verstehen, dass es eine positive Entwicklung ist.