
Florian Kalotay
Erziehung / Religion
Judentum
Von Text: Caren Battaglia / Fotos: Florian Kalotay
Sabbath: Für die Tarantuls die Zeit für Stille und Gebet.
Und es ward Abend, und es ward morgen. Der sechste Tag.» Am siebten ruhte Gott. So steht es in der Tora. Und weil am Sabbath der Schöpfungsgeschichte gedacht wird, Freitag ist und die Sonne gleich untergehen wird, kehrt jetzt auch bei den Tarantuls langsam Ruhe ein. Die Hühnersuppe ist gekocht, der Fisch zubereitet, die Familie macht sich fein. Der Sabbath kann kommen. Jael (37), Elijahu (45), Nina (12), Elasar (8) und Efraim (7) sind gläubige Juden. Am Türrahmen ihrer Wohnungstür hängt die Mesusa, auf der Anrichte steht der Leuchter für die Sabbathkerzen, Vater und Söhne tragen die Kippa, Mutter und Tochter Röcke bis zum Knie. Ausserhalb des Hauses trägt Jael Perücke.
Im Bücherschrank stehen hebräische Schriften, dicke Bände jüdischer Gelehrter, der Talmud und – «Donald Duck, Disneys lustige Taschenbücher». Elijahu lacht: «Für uns ist die Welt ein Ganzes: Heiliges, Profanes, alles gehört zusammen.» Getrost auch zusammen in einen Bücherschrank. Jael arbeitet als Sozialarbeiterin in der jüdischen Gemeinde, Elijahu als Assistent des Rabbiners. Er ist, wie der promovierte Germanist augenzwinkernd sagt, «Berufsjude». Religion ist im Leben der Tarantuls nicht Zuckerguss und kandierte Kirsche auf dem Kuchen, sondern der ganze Kuchen: Mehl, Backpulver, Zucker, Butter – alles. Von Geburt an und jeden Tag neu.
Elijahu stammt aus der Ukraine, «die Situation dort war aber so schlimm, dass bleiben keine Option war.» Er ging nach Deutschland, promovierte in Düsseldorf, zog nach Heidelberg, lernte seine Frau Jael kennen, eine rumänische Jüdin. Sie wurden Eltern und zügelten nach Zürich. «Die jüdische Gemeinde in Süddeutschland war zu klein. Nur noch Splitter in all den Scherben», sagt Elijahu. Die Scherben, die Schoah, Verfolgung, Tod. Israel, Geschichte, Politik … «Das wirkt wohl alles bei uns bis in die Erziehung hinein», sagt Jael. «Eine jüdische Mutter ist traditionell ängstlich und behütend. Ich habe gelesen, dass sich Traumata als Angstgefühle vererben. Das ist bei uns sicherlich so. Wir bemuttern und beschützen unsere Kinder besonders stark.»
Zusammenhalten, erhalten
Jael sieht ernst aus. Gedanken, die Jahrtausende von Ausgrenzung, Morden, Verfolgung und Diaspora dunkel färben. Entschlossen schwenkt Elijahu zurück zur Erziehung und witzelt: «Wenn auf dem Spielplatz irgendein Kind Hunger hat, reicht die Mutter einen Keks rüber. Eine jüdische Mutter packt das Kind, fährt nach Hause und kocht ihm ein Drei-Gänge-Menü …» Zusammenhalten, erhalten, Wir, unsere Gemeinschaft, unsere Familie. Unnötig zu erklären, weshalb jedes dieser Wörter hier wie in Versalien erscheint, weshalb Rituale bewahren, den Glauben weitergeben Auftrag und nicht nur Gewohnheit ist. Täglich morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem Einschlafen sprechen die Tarantuls gemeinsam ein Gebet. Den Sabbath halten sie streng ein. Auch weil er Ruhe bietet für die ganze Familie. Für die Gemeinsamkeit. Fürs Denken, Beten, einander Zuhören. Ungestört. Niemand darf Feuer anzünden und also auch nicht kochen, niemand darf arbeiten, einkaufen, Handys benutzen oder auch nur etwas tragen – nicht mal einen Schlüssel. «Wir haben uns hier einen etwas schlitzohrigen Trick ausgedacht», schmunzelt Elijahu. «Wir haben den Schlüssel an einen Gürtel gearbeitet. Kleidung darf man ja tragen.» Den Glauben gesetzestreu leben – ja. Die Gesetze ein wenig kreativ auszulegen, um mit dem Glauben ein bisschen angenehmer zu leben, ist aber auch okay. Im Wohnzimmer hat Nina gerade Klavierstunde, anschliessend ist Elasar dran. Kultur und Bildung sind den Tarantuls wichtig: «Aber wir angeln auch und gehen viel mit dem Hund – das ist untypisch für uns Juden», sagt Elijahu. Und erklärt auch gleich wieso. In den vielen Jahrhunderten der Verfolgung und des Antisemitismus, in denen es Juden stets verboten war, Land zu besitzen und ein Handwerk auszuüben, sei das Intellektuelle, Urbane die Welt der Juden geworden. Angeln und Hunde seien da eher ungewöhnlich. Beim Stichwort Tier saust Elasar los, seine geliebten «Pettersson und Findus»-Bücher holen: «Ich hab den Kater total gern!» Und weil die Tarantuls statt Kater lieber einen hüfthohen Hund mit Bass-Stimme wollten, heisst der jetzt eben Findus wie der Kater.
Katze und Hund. Muslime als Nachbarn, eine Deutsche als Gast. Hier. Da. Freund. Feind. Solche Grenzen ziehen die Tarantuls nicht. Mögen sie auch nicht. Ja, sie glauben fest. Ja, sie sind fest verwurzelt in der Gemeinde, die jüdische Traditionen sorgsam schützt und pflegt. «Aber generelle Vorbehalte oder Pauschalisierungen in irgendeine Richtung – nein, das wäre für mich Rassismus», sagt Elijahu ernst. «Wie gut man mit jemandem zurechtkommt, hängt von dessen Charakter ab, vom individuellen Menschen.» Draussen hämmert jetzt, nach seiner Schwester, Elasar auf die Klaviertasten ein und bietet eine ebenso laute wie höchst freie Improvisation eines vergnügten achtjährigen Jungen. Was, wenn er später seine Religion auch frei improvisierte? «Ich möchte, dass all meine Kinder es ganz genau so machen wie ich», sagt Elijahu. Kunstpause. Und dann: «Nämlich ihren eigenen Weg wählen. Wie ich es getan habe.» Und Jael ergänzt: «Wir wären traurig, wenn sich die Kinder von der Gemeinde abwendeten. Aber vor allem wünsche ich, dass es ihnen stets möglich sein wird, sie selber zu sein.» Das Klavierspiel in sehr, sehr forte verstummt. Die Tarantuls lächeln. Die Suppe ist fertig, die Sonne wird gleich untergehen. Die Ruhe beginnt.
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