Intimchirurgie
Intime Zone

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Nach einem Kind ist nichts mehr wie vorher. Beziehung, Freundschaften, Arbeit, Ausgeh- und Schlafgewohnheiten – alles hat sich verändert. Der Körper sowieso. Ganz besonders die Geschlechtsteile, wenn auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Möglich, dass der Damm gerissen oder geschnitten, die Schamlippen verschrammt oder zerfleddert sind. Sicher aber ist die Vagina, die ihrer Funktion wegen jetzt Geburtskanal genannt wird, gedehnt und geweitet. Schliesslich presste sich ein Baby mit einem durchschnittlichen Kopfumfang von 35 Zentimeter hindurch. Wenn es nicht per Kaiserschnitt geholt wurde. Vieles heilt, wächst zusammen und normalisiert sich in den folgenden Wochen und Monaten. Oft nicht alles.
Es gibt Frauen, die sprechen von der «Turnhalle» zwischen ihren Beinen, vom «Lost Penis Syndrom» beim Geschlechtsverkehr. Manche müssen ihren ganzen Mut sammeln, um ihre intimste Zone wieder mal im Spiegel zu betrachten – und erschrecken. Geredet wird aber kaum über die Veränderungen, auch nicht mit der besten Freundin. Lieber klagt frau in der Anonymität der Internet-Foren ihr Leid. Oder in der sexualmedizinischen Sprechstunde des Inselspitals Bern. Deren leitende Ärztin, Elke Krause, sagt: «Viele Frauen sind verunsichert nach einer Geburt, Ängste plagen sie, wie: Bin ich noch attraktiv? Werde ich so noch begehrt?» Es seien vor allem jüngere Frauen, öfter auch südamerikanische Migrantinnen, welche Probleme hätten mit dem veränderten Intimbereich nach einer Geburt. In der Sprechstunde wird zu Beckenbodentraining geraten. Oder beim Geschlechtsverkehr die Stellung zu wechseln, kreativ zu sein, Neues auszuprobieren. «Unsere Beratungen sind recht erfolgreich», sagt Krause, «oft begreift die Frau, dass es in jeder Lebensphase Veränderungen gibt, dass diese auch Körper und Sexualität betreffen können und dass das ganz normal ist.» Ein gesundes Selbstbewusstsein ist zweifellos ein guter Nährboden für eine solche Einstellung. Auch andersrum ist es möglich: Aus einer solchen Einstellung erwächst gesundes Selbstvertrauen.
Wir leben allerdings in einer Zeit der beinahe unbegrenzten Möglichkeiten. Weder Schmerzen, noch Falten, Altersflecken oder flache Brüste müssen sein. Auch nicht verschnippelte Schamlippen oder ein gedehnter Scheideneingang. Der modernen Medizin sei Dank. «Ich bin keine, die gerne klönt», sagt Nina K. (28), «lieber verändere ich etwas, wenn ich kann.» Ninas zweites Kind war 4,7 kg schwer bei der Geburt und hat ihr «kreuz und quer alles zerrissen», wie sie erzählt. 1,5 Stunden lang nähte der Gynäkologe Vagina, Damm und Schamlippen zusammen. Das Resultat war nur mässig befriedigend. Nina: «Beim Sex war alles in Ordnung, aber im Gehen fühlte es sich an, als würde ein volles Tampon nach vorne rutschen. Und die Scheidenöffnung klaffte auseinander. Ich bin ein ästhetischer Mensch, es hat mich gestört.»
Ninas Gynäkologe legte ihr nahe, etwas zu machen. Doch da der Innerschweizer Arzt bloss etwa zweimal jährlich eine sogenannte Vaginalstraffung durchführt, recherchierte Nina im Internet. Und war etwas erstaunt. In der Schweiz fand sie zwar landauf, landab Angebote für Schamlippenkorrekturen, jedoch kaum ernstzunehmende Anbieter der Vagina-Verjüngung. «Wir Frauen sollen still hinnehmen, was sich durch die Geburt verändert. Würde es dem Mann beim Kinderzeugen den Penis verfötzeln, wären schon längst verschiedene Therapien parat», ist sich Nina sicher.
Begeisterter Ehemann
Die ästhetische Intimchirurgie hat in der Tat keine lange Geschichte. Vor 16 Jahren operierte Gynäkologe und Hollywood-Schönheitschirurg Dr. David Matlock erstmals die Vagina einer 34-jährigen vierfachen Mutter, die beim Sport an Harnverlust litt. Als er hinterher nicht nur von der Patientin einen Dankesanruf erhielt, sondern von deren Mann einen riesigen Blumenstrauss, merkte Matlock, dass sich hier ein neues Betätigungsfeld auftat. Seither hat sich der Schönheitschirurg zum Guru des Marktes gemausert, hat Tausenden von Frauen die Schamlippen korrigiert, an G-Point-Partys den G-Punkt aufgespritzt und verhilft ihnen – der letzte Schrei – mit dem «Brazilian buttlift» zu einem kugelrunden Hinterteil.
Seit fünf bis zehn Jahren fasst die Intimchirurgie auch in der Schweiz Fuss, mehr als 4000 Eingriffe werden laut Fachkreisen jährlich durchgeführt. Die Branche spricht von einer Zuwachsrate von 20 bis 35 Prozent pro Jahr. Trotzdem: Viel Erfahrung hat man noch nicht auf diesem Gebiet. Immer wieder hört und liest man von unbefriedigenden optischen Ergebnissen, von Schmerzen – bis hin zu irreversiblen Sensibilitätsstörungen. Erst diesen Februar warnten Ärzte in der «Daily Mail», die Aufspritzung des G-Punkts könne unter anderem zu Libidoverlust, Taubheit und Zerstörung des Gewebes führen.
Beim Vagina-Picasso
Weil Nina K. keine Lust hatte, Versuchskaninchen zu spielen, reiste sie nach München zu Prof. Stefan Gress, dem Labien-Papst und Vagina-Picasso Deutschlands. Der plastische Chirurg hat sein Handwerk in Brasilien und den USA gelernt, hat Geschlechtsumwandlungen gemacht und vor 13 Jahren begonnen, Vaginas zu verengen. Zurzeit tut er dies laut eigenen Angaben wöchentlich ein- bis zweimal. Den Eingriff führt Gress mit einem Gynäkologen in drei Schritten durch: 1. Vaginalgewebe um den Beckenboden straffen. 2. Überschüssiges Material mit einer Art Laserskalpell entfernen, angepasst an die Penisgrösse des Partners («Zwei Modelle stehen zur Auswahl. Männer wählen in der Regel das grössere, Frauen das kleinere.») 3. Unterpolsterung mit Eigenfett aus der Knieregion plus Vergrösserung des G-Punkts.
Nina K. hat in der gleichen Operation die Schamlippen korrigieren und die Brüste auffüllen lassen, die sie sich bereits mit 18 vergrössern liess. Dauer der Operation: sechs Stunden. Kostenpunkt: Ca. 18 000 Franken, die alleinige Vaginalstraffung hätte knapp 10 500 Franken gekostet. Nach einer Nachkontrolle am nächsten Tag reiste Nina zurück in die Schweiz. Nach zehn Tagen sass sie wieder am Steuer, um ihre Kinder in die Kita zu fahren. Nach drei Wochen juckte es eine Weile lang, doch nach vier Wochen hatte sie bereits das erste Mal wieder Geschlechtsverkehr. «Ich hatte ein bisschen Angst und in den ersten Wochen hat es etwas weh getan; ich war fast zu eng wie mit 18 Jahren», erzählt sie. Laut Gress ist das normal. «Weil 40 bis 80 Prozent der Fettmoleküle verlustig gehen, injizieren wir deutlich mehr als nötig», erklärt Gress. Doch mittlerweile ist Nina absolut zufrieden: «Es sieht perfekt aus.» Aus sexueller Sicht habe sich für sie wenig verändert: «Ich hatte auch vor dem Eingriff gute Orgasmen, genauso wie jetzt.» Ihr Mann jedoch merke einen massiven Unterschied, müsse sich seit der Operation richtig bemühen, nicht zu früh zu kommen.
In einem sind sich Gynäkologinnen, Schönheitschirurgen und Sexualexpertinnen einig: Mitverantwortlich für den Trend zur Designer-Vagina ist die heute weit verbreitete Vorliebe für eine haarfreie Scham. Da verdeckt kein Haarbüschel mehr gnädig die altersbedingt sich verändernden Geschlechtslippen. Diese neue Sichtbarkeit führt dazu, dass sich für den Intimbereich Schönheitsnormen herausbilden. Die Pornografie tut das übrige. «Pornos haben eine Vorbildfunktion, denn andere handliche Übersichten zu Schamhaarfrisuren gibt es nicht», schreibt Dian Hanson, Autorin von «The Big Book of Pussy», einem über drei Kilo schweren, beeindruckenden Werk, welches Fotos von 1900 bis heute zeigt, auf welchen Frauen ihre Geschlechtsteile freizügig zur Schau stellen. Hanson spricht in «The Big Book» deutliche Worte gegen medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen: «Als Erwachsene akzeptieren die meisten ihre fleischigen Lippen, manche jedoch nicht, und wo genug Selbsthass aufkommt, sind Schönheitschirurgen, die von Anomalien reden, nicht weit.»
Ein heikles Terrain. Wieso darf die Zahnstellung korrigiert werden, die Schamlippen jedoch nicht? Stimmt es wirklich, dass Männer signalisieren und Frauen machen? Elke Krause vom Inselspital Bern erzählt von einer Patientin, die sich 20 Jahre lang gewünscht hatte, die inneren Schamlippen zu verkleinern. «Nach der Operation sagte sie mir: ‹Sie sind die Erste, die mich ernst genommen hat›». Die Grenzen zwischen Lifestyle und Leiden sind fliessend. «Grundsätzlich raten wir, an intakten Organen äusserst zurückhaltend zu schneiden oder zu manipulieren, denn es gibt immer ein Risiko für Komplikationen», sagt Krause. Ein Irrtum sei es zu glauben, eine Libidostörung könne durch eine vaginale Verjüngungskur behoben werden. In ihrer Empfehlung zur Intimchirurgie schreibt die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: «Aus anatomischen Gegebenheiten können keine Rückschlüsse auf die sexuelle Funktion und das subjektive Empfinden gezogen werden.» Wie sagte doch Milton Diamond, amerikanischer Sexualexperte: «Das wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen.»
Tipps und Infos
- Im ersten Jahr nach der Geburt keinen chirurgischen Eingriff machen lassen – vieles regeneriert sich in dieser Zeit noch.
- Vor einer Operation Beckenbodentraining, Pilates und Liebeskugeln eine Chance geben. Es gilt: ohne Fleiss kein Preis. Wahr ist leider auch: Manchmal bleibt der Erfolg trotz eifrigem Üben aus.
- Das grösste Risiko ist ein unerfahrener Operateur – also gut prüfen, auf welchen OP-Tisch frau sich legt.
- Ist die Familienplanung noch nicht abgeschlossen, mit einer Vaginalstraffung zuwarten. Eine normale Geburt macht deren Effekt zunichte.
- Nach einer Schamlippenkorrektur ist eine Geburt kein Problem.
- Kosmetische vulvo-vaginale Eingriffe und solche zur Verbesserung der sexuellen Performance gehören in den Bereich der Enhancement-Medizin und werden von den Krankenkassen nicht übernommen.
- Als medizinische Indikation für eine von der Krankenkasse übernommene Therapie gelten Senkungen der anliegenden Organe wie der Gebärmutter.