Schule und Erziehung
In der Schulstube

Vanessa Püntener
Gründe, sich ein Schulzimmer in den eigenen vier Wänden einzurichten, gibt es viele: Die einen wollen ihre Kinder vor allem Übel der Welt beschützen, vor Drogen, Gewalt und zu viel Stress. Andere fürchten, der Nachwuchs werde zu früh sexualisiert durch Schulkameraden oder den Aufklärungsunterricht. Für Dritte wiederum sind der Darwinismus und die Evolutionstheorie Frontalangriffe auf ihr biblisches Weltbild eines Schöpfergottes. Immer aber sind die Eltern unzufrieden mit dem heutigen Schulsystem. Und nehmen das Heft deshalb lieber selber in die Hand.
Zum Beispiel die Familie Day aus Trogen, Appenzell Ausserrhoden. Die drei Kinder Lior (9), Jamie (6) und Lesley (4) sitzen im schmuck renovierten alten Bauernhaus miteinander am Pult. Lior liest, und Jamie und Lesley malen. Die Mutter Romy Day unterstützt die Kinder, wenn sie Hilfe brauchen. Lior ist zurzeit ganz vom Bergfieber befallen. «10 der 14 Achttausender liegen im Himalaya», sprudelt es aus ihm heraus. «Und der Mount McKindley in Alaska ist der höchste Berg in Nordamerika. Den will ich mal besteigen, wenn ich erwachsen bin», strahlt er um die Wette mit der Sonne, die in die freundliche Schulstube blinzelt.
Schule in der Kritik
Wenn Lior nicht mehr still sitzen mag, muss er nicht auf dem Stuh hin- und herrutschen, bis die Pausenglocke klingelt; man kann auch draussen weiterlernen. Ausgerüstet mit Malstiften und Zeichnungsblock steigt er das Tobel runter zum Bach, um Pilze abzumalen oder mit einem Bestimmungsbüchlein herauszufinden, was hier spriesst und wächst. «Lernen im Spiel ist sehr wichtig», sagt die Mutter. Oft entstünden dabei neue Ideen. Und die Kinder entdecken neue Wissensgebiete. Am einfachsten lernt sich das, was gerade interessiert. Warum diesen Antrieb also nicht konsequent nutzen? Frei von Stundenplan-Korsetten und Lehrstoff-Vorgaben sollen die Kinder die Welt entdecken.
Gegen die Grundidee der Homeschooler kann niemand etwas einwenden. Sie findet denn auch bei einer wachsenden Zahl von Eltern Gehör. Die Kritik an der öffentlichen Schule hat nicht zuletzt dazu geführt, dass immer mehr Eltern nach Bildungsalternativen suchen. Willi Villiger, Präsident des Vereins Bildung zu Hause, schätzt, dass heute rund 150 Familien in der Schweiz gegen 400 Kinder zu Hause unterrichten. Dass die Kinder später sozial ebenso fit sind wie solche, die die reguläre Schulbank drücken, zeigen mehrere Studien auf. Dennoch entscheiden die höchsten Richter der Schweiz in der Regel gegen den Heimunterricht, wenn es hart auf hart kommt: Etwa bei einzelnen Familien in Zürich, St. Gallen oder Basel, wo der Heimunterricht restriktiv gehandhabt wird (siehe Box).
Die wachsende Zahl von Homeschoolern lassen sich in zwei Lager einteilen: Die einen unterrichten zu Hause aus der Überzeugung, dass Kinder mit einer Eins-zu-eins-Betreuung viel effizienter lernen als in der Schule, wo die Lehrpersonen keine Chance haben, jedes Kind individuell zu fördern. Sie arbeiten in der Regel mit den Lehrmaterialien der öffentlichen Schule. Der Stoffplan bleibt mehr oder weniger derselbe. Nur den Rhythmus bestimmen die Kinder selber. Auf der anderen Seite sind die sogenannten Unschooler, deren Motiv das freie Lernen ist. «Jedes Kind kommt als Begeisterungspaket zur Welt», findet Autor André Stern, der selber nie zur Schule gegangen ist und ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben hat. «Dann schicken wir sie zur Schule, und dort werden sie zu lustlosen Pflichterfüllern», wie der Hirnforscher Gerald Hüther sagt. Doch Lernen müsse kein mühsamer Akt sein, sondern passiere im besten Fall von alleine. «Ausgelebte Begeisterung führt zu Kompetenz, und Kompetenz hat eine Nebenwirkung: den Erfolg.» Die Gruppe dieser reformpädagogischen Unschooler sei auf dem Vormarsch, beobachtet Willi Villiger.
Begeisterung statt Pflicht
Eher zu den Freilernenden als zu den Homeschoolern zählt sich die Familie Day. Sie ist eigens von Küsnacht ZH nach Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden gezogen, damit die Kinder daheim lernen können. Denn der Kanton Zürich hat die Voraussetzungen für den Heimunterricht verschärft. Seit August 2008 können ab dem zweiten Schuljahr nur noch Eltern mit Lehrerpatent selber unterrichten. Als Musiklehrerin hat Romy Day kein Lehrerpatent. Seit Sohn Lior daheim lernt, blüht er auf. Früher in Küsnacht, als er noch die Steiner Schule besuchte, kam er oft niedergeschlagen nach Hause, erinnert sich Romy Day. «Er ist sehr sensibel: Als Jüngster in der Klasse hatte er Mühe mit den Pisackereien.» Ausserdem war er in der Mathematik völlig unterfordert.
Ganz ohne Pflichtstoff geht es auch in der Familie Day nicht. Der Kanton gibt den Lernstoff vor nach dem Stufenprinzip, nicht nach dem Alter. Das kommt Lior entgegen. Hat er doch eine Stufe gleich übersprungen. Zur Lernkontrolle dienen die Hausbesuche durch Vertreter des Volksschulamtes. Dazu kommen die «Cockpit»-Tests in Mathe und Deutsch, zu denen die Kinder jedes Jahr antreten. «Das Einzige, was ich zu Hause vermisse», räumt Lior ein, «ist mein Schulfreund.» Romy Day weiss das und bemüht sich wie viele andere Homeschooler-Eltern auch, möglichst oft andere Kinder einzuladen und sie über Vereinsmitgliedschaften mit Gleichaltrigen zu vernetzen.
Stätte der Integration
Die Schulkollegen, Klassenlager und Schulausflüge allerdings ersetzen diese Bemühungen nicht. Der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer kritisiert den Heimunterricht denn auch vehement. «Man enthält den Kindern vieles vor: den Austausch auf dem Schulweg und Pausenplatz, und das gemeinsame Lernen in der Schulgemeinschaft», sagt Jürg Brühlmann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Lehrerverbands. Das Klassenerlebnis können Vereine nicht ersetzen. «Zudem sind die Kinder daheim unter Dauerbewachung und haben kaum Kontakte nach aussen.»
Dabei ist die Schule, wie wir sie heute kennen, ein noch relativ junges Kind. 1874 wurde mit der Bundesverfassung die Schulpflicht eingeführt. Die Eltern gingen in die Fabrik, die Kinder in die Schule. In Königs-, Adels- und Pfarrhäusern hingegen war es schon früher üblich, den Nachwuchs daheim zu unterrichten. Weder Wolfgang Amadeaus Mozart noch Jeremias Gotthelf waren in der Schule. Dass auch das Bürgertum seine Sprösslinge daheim unterrichten könnte, ist aber eine relativ junge Idee aus den USA, wo sich die moderne Homeschooling-Bewegung in den 80er-Jahren entwickelt hat. Einer der Vordenker war der antiautoritäre Pädagoge John Holt. Eigenmotiviertes Lernen zu Hause sei kindgerechter als der Gruppenunterricht in der Staatsschule, lautete sein Credo, dem viele mittelständische Familien folgten. Später entdeckten konservative Christen den Heimunterricht. Und heute gilt Homeschooling als die am stärksten wachsende pädagogische Bewegung in den USA. Jedes 40. Kind wird mittlerweile daheim unterrichtet.
In der Schweiz hat Lehrervertreter Jürg Bühlmann sogar Verständnis für die Eltern, die ihre Kinder aus der Schule nehmen. «Dass Kinder in die Schule müssen, ist einer der massivsten Eingriffe des Staates in die Freiheitsrechte. Kein Erwachsener muss heute noch etwas Vergleichbares tun gegenüber dem Staat.» Trotzdem sei der Zwang gerechtfertigt. «Die Schule ist der beste Ort, um Kinder in die Gesellschaft zu integrieren. In der Schule lernen Kinder, mit Menschen aus allen Schichten und Nationen zusammenzuleben. Die Schule ist der einzige Ort, wo sie den Umgang miteinander üben können. Wenn man ihnen das vorenthält, schafft man Ghettos von Gleichgesinnten, die nichts mit Menschen aus anderen Schichten zu tun haben wollen.»
Willi Villiger widerspricht. Als Oberstufenlehrer in Jonen beobachtet er, dass Kinder im Klassenzimmer nicht automatisch sozialisiert werden. «Im Gegenteil – wenn ein Lehrer überfordert ist, verwildern einige richtiggehend in der Klasse.» Geformt fürs Leben würden Kinder nicht in der Schule, sondern in der Familie. Im Umgang mit anderen Menschen zählten Qualitäten wie Ehrlichkeit, Loyalität, zu seinen Fehlern stehen können. «Solche Werte kann die Familie am besten vermitteln.» Seine Kinder hätten jedenfalls nie Probleme gehabt, sich in der Gesellschaft einzufügen und zurechtzufinden. Und für einige Kinder mag der Klassenverband tatsächlich zu viel sein, wie Romy Day bei ihrem Ältesten, Lior, erfahren hat. «Wir brauchten oft mehrere Stunden, um ihn die in der Schule erlebten Aggressionen verarbeiten zu lassen.» Was sie kaum verwundert. Sei doch der Klassenverband ein künstlicher Mix von Menschen, die allein ihres Alters und Wohnorts wegen zusammengewürfelt seien und nicht aufgrund gleicher Interessen wie später im Leben.
Nestwärme
Froh um die Heimunterrichtsalternative ist auch Jael Bischof, Mutter dreier Mädchen in Winterthur, die als Kind einst selber zu Hause lernen konnte – unter der Ägide ihres Vaters. Für die 33-Jährige waren das herrliche, unbeschwerte und gut behütete Kinderjahre. Für sie ist drum klar, dass sie ihre Töchter Anna (6), Linda (5) und Angelina (2) auch zu Hause unterrichten möchte. Ihr Mann hält ihr dazu finanziell den Rücken frei. Und da in Zürich ohne Lehrerpatent nur noch das erste Jahr selber unterrichtet werden kann, will sie das Patent nachholen. Bis sie so weit ist, springt ihr Vater ein, der Lehrer ist. Jael Bischof zählt sich zum konservativen Flügel der reformierten Kirche. Die Bibel gibt ihr Halt. Die gelernte Treuhänderin kennt auch die Volksschule von innen, ging sie doch bis zur 4. Klasse regulär zur Schule, bevor ihre Eltern als eine der ersten Familien in der Schweiz entschieden, die fünf Kinder daheim zu unterrichten.

Zurück in die Volksschule wollte sie später nie mehr. Nicht nur der wunderbaren Beziehung zu ihrem Vater wegen. «Ich kam daheim viel schneller vorwärts. Und so blieb Zeit für andere Dinge, die mich neben der Schule auch interessierten: Computer, Buchhaltung und Kinder hüten.» Ausserdem war sie auch ein bisschen froh, nicht mehr unter den Mädchen zu sein, die bereits über Buben und Sexualität tratschten: «Das war für mich etwas Privates und ging mir zu nah.» Die Nestwärme, die sie selber als Kind daheim fand, möchte sie ihren Kindern weitergeben. «Manchmal ist das Zusammenleben und -lernen auch schwierig. Aber wenn man den Knopf gelöst hat, ist es eine Bereicherung für den Zusammenhalt.»
Trotzdem möchte sie die Schule nicht schlecht reden. Auch der Heimunterricht sei kein Allerweltsheilmittel. Für das eine Kind stimme es und für die einen Eltern auch, für andere aber nicht. «Wenn man die Scheuklappen abnimmt, gewisse Vorurteile begräbt und das Homeschooling als dritte Bildungsalternative zulässt, wird die Bildungslandschaft viel bunter.»
Der Homeschooling-Röschtigraben
Mit wenigen Ausnahmen verläuft der Graben entlang der Sprachgrenze. In der Westschweiz ist Homeschooling ohne Weiteres möglich. Liberal sind die Deutschschweizer Kantone AG, BE und AR. Homeschooling nur mit Lehrerpatent der Eltern möglich: AI, GL, GR, LU, SG, SZ, ZH. In den Kantonen BS und ZG ist Homeschooling praktisch unmöglich. Und ganz verboten ist es in den Kantonen: TI, UR, NW, OW und TG.
Links
www.bildungzuhause.ch, www.heng.nyonweb.ch, www.nyonweb.ch/homeschool, www.leben-ohne-schule.de
Lesestoff
- André Stern, «... und ich war nie in der Schule», Zabert Sandmann Verlag
- Alan Thomas, «Bildung zu Hause – Eine sinnvolle Alternative», tologo Verlag