Haushalt
«Immer ich!»

«wir eltern»
Jetzt kann ich es beweisen! So dachte ich beim Protokollieren. Schwarz auf weiss würden am Ende der zwei Wochen die Zahlen belegen, dass ich mehr tue als er. Mehr waschen, mehr kochen, mehr einkaufen. Doch dann kam das Problem: Wie bemesse ich all die Arbeit, die im Kopf stattfindet? Dinge wie: «Nächsten Dienstag findet der Waldmorgen statt, aber nur, wenn das Wetter schön ist», oder «Montag ‹Verkleiderlisachen› in die Krippe mitbringen », und «unbedingt vor den Ferien noch einen Pass für die Kleine beantragen», schwirren durch meine Gehirnwindungen und verfolgen mich im Büro, im Bett, ja, selbst auf dem Klo. Kleinigkeiten finden Sie? Na, wenn die ganze Familie am Flughafenzoll festsitzt, weil Töchterchen sich nicht ausweisen kann, dann wird aus Peanuts ein ganzes Feld voller Erdnüsse. Und für den Sohn bricht gar eine Welt zusammen, wenn er als einziger am Beckenrand sitzen muss, weil ich es verschlampt habe, ihm eine Badekappe für den Schwimmunterricht zu besorgen. Deshalb: Kopfarbeit gehört ins Protokoll. Da bin ich pingelig. Andere Dinge hingegen werden nicht notiert. Das Geburtstagsgeschenk etwa, das ich für den «Göttibueb» meines Mannes besorgt habe. Ich war sowieso gerade zum Einkaufen in der Stadt und weiss ohnehin besser, was dem Kleinen gefällt.
Was heisst hier Männerjob?
Dafür gibt es natürlich auch Tätigkeiten, die meiner Meinung nach klar in seinen Aufgabenbereich fallen: Flaschen entsorgen, Zeitungen bündeln (wir haben zwei Tageszeitungen und eine Sonntagszeitung im Abonnement, weil er das wohlgemerkt für eine Notwendigkeit hält), das Auto zur Reparatur in die Garage fahren, Velos flicken, allgemeine Reparaturarbeiten und Rechnungen zahlen – darin bin ich besonders schlecht, da ich es nervlich nicht ertrage, wenn Geld vom Konto abfliesst. Männerjobs eben. Nur darf ich das zu Hause auf keinen Fall laut aussprechen, sonst kommt er mit der alten Leier: «Was heisst denn hier Männerjobs! Ihr habt für die Gleichberechtigung gekämpft, da gibt es keine Unterteilung mehr in männliche und weibliche Tätigkeiten, schliesslich bügle, wasche und koche ich ja auch!» Ein heikles Thema, dem man aber subito Gegensteuer geben kann mit einer Liste aller Frauenjobs: Soziale Kontakte pflegen gehört dazu. Sprich Freunde zum Essen einladen, das beinhaltet: Anrufen, smalltalken, gemeinsam nach möglichen Terminen suchen. Das tut er nie. Ich habe meinen Mann auch schon darum gebeten, ein solches Abendessen zu arrangieren – schlechte Idee. Würde ich ihm diesen Job überlassen, hätten wir schon bald keine Freunde mehr. Oder vergangene Woche: Zu klein gewordene Kinderkleider mussten ausgemistet, in Säcke verpackt und zur Sammelstelle gebracht und ein Teil davon für die Zweitgeborene in beschrifteten Kisten auf dem Dachboden verstaut werden. Eine Tätigkeit, die mein Mann schlichtweg ignoriert. Ich vermute, dass er gar nicht weiss, dass dieses Aufgabenfeld überhaupt existiert. Und wenn wir schon bei den Anziehsachen sind: Der saisonale Check bleibt jeweils auch an mir hängen: Sind noch genügend kurze Hosen für den Sommer vorhanden? Braucht es neue Gummistiefel für den Herbst? Passt die Skihose vom letzten Jahr noch?

Er wird lautstark beklatscht
Für den Familienurlaub packe ebenfalls ich die Koffer, nur schon, um nervigen Fragen im Stil von «wo sind schon wieder die Schwimmflügel?» aus dem Weg zu gehen. Und während mein Mann sich, wie vor Kurzem, am Fernsehen als Super-Papa abfeiern lässt – er gehört zur neuen Vätergeneration, die über Dinge, die Jahrhunderte lang von Frauen stillschweigend erledigt wurden, ein Buch geschrieben hat – überprüfe ich gerade die Impfbüchlein unserer Kinder und überlege, ob ich die Dreijahreskontrolle der Kleinen beim Arzt verpasst habe.
Zugegeben, diese Milchbuchrechnung, und der Vorwurf «immer ich!», wenn der Haussegen gerade Mal schief hängt, sind ermüdend. Als kinderloses Paar hätten wir uns das nicht in unseren schlimmsten Albträumen ausmalen können. Der Zoff ums Putzen liess sich damals ganz einfach mit einer Putzfrau beilegen. Einen Luxus im Übrigen, den wir uns bis heute leisten. Einfach, um eine Baustelle im Alltag zu umgehen.
PS: Im Tagesprotokoll habe ich meine Kopfarbeit unter «Planung» verbucht. Ich bin von täglich 30 Minuten Kopfarbeit ausgegangen, macht in der Woche zweieinhalb Stunden. Sehr bescheiden gerechnet.
Sie
Total Wochenstunden: 74,5
Davon fallen 25,5 Stunden der Erwerbsarbeit zu und 49 Stunden der Haus- und Familienarbeit. Diese setzt sich aus 2,5 Stunden Planung, 40,5 Stunden Kinderbetreuung, 2,5 Stunden Waschen und Putzen und 3,5 Stunden Einkaufen und Kochen zusammen. (Die Putzfrau putzt zwei Stunden pro Woche.)

Es gibt Männer, die tun nichts im Haushalt. Nicht mal präventiv, zum Beispiel absitzen beim Pinkeln. Und ihre Frauen basteln ständig an ihnen herum. Es gibt Männer, die tun ganz viel im Haushalt. Sogar entkalken unter dem Toilettenrand. Und auch deren Frauen basteln ständig an ihnen herum.
Diese Feststellung mag desillusionierend sein. Mir hat sie geholfen, die Sache entspannter zu sehen: Egal, wie viel Mann leistet zu Hause oder in der Kindererziehung, zufrieden ist Frau nie. Ich habe mir deshalb abgewöhnt, das An-mir-Herumbasteln persönlich zu nehmen. Und vor allem habe ich mir abgewöhnt, das «Immer-Ich»-Spiel mitzuspielen. Denn am Ende war doch immer ich der Verlierer – schlicht, weil ich mir gar nie merken konnte, was ich wann für die Familie getan habe und was nicht. Dann sagte ich zum Beispiel: «Ich habe doch schon am Donnerstag, ähm, die Kinder gebadet.» Und sie sagte: «Am Donnerstag warst du gar nicht zu Hause.» Und ich wusste: Sie hat recht. Schade. Denn auch wenn ich die Kinder nicht am Donnerstag, dafür vielleicht am Mittwoch gebadet hatte, hatte ich doch bereits verloren. In ihren Augen lieferte ich mal wieder den Beweis: Mitdenken in Familiendingen ist Manns Sache nicht.
Wider meine Natur
Nun hatte ich mir das alles also mühsam abgewöhnt. War eigentlich ganz zufrieden. Und dann kam meine Frau mit der Idee für diese Geschichte, die uns aufzwingen sollte, zwei Wochen lang unsere Tagesleistungen akribisch festzuhalten. «Am Ende sehen wir endlich mal schwarz auf weiss, wer von uns mehr macht.» Auf so eine doofe Idee kann echt nur eine Frau kommen, dachte ich. Tat aber, was ich in solchen Fällen meistens tue: Ich schwieg – und willigte ein.
Nun würde ich lügen, würde ich behaupten, mich hätte das Protokollieren kaltgelassen. Im Gegenteil: Bereits vom ersten Tag an entwickelte ich einen erstaunlichen Ehrgeiz. 7 Uhr: aufstehen. Frühstück machen für die Kinder, Kaffee für die Frau. 7.15 Uhr: Geschirrspüler ausräumen. 7.30 Uhr: Kindern die Zähne putzen. Znüni machen. 8 Uhr: Tochter in die Krippe fahren. Erstmals freute ich mich richtig, dass meine Frau ein Morgenmuffel ist, der zu Tagesbeginn so ziemlich zu gar nichts zu gebrauchen ist, jedenfalls zu nichts Geselligem. Die erste Stunde am Tag: alles mir! Fein säuberlich festgehalten.
Jeden Abend setzte ich mich mit meinem Smartphone auf den Balkon und liess den Tag Revue passieren. Zu meiner Überraschung erinnerte ich mich – früher hätte ich gesagt: «wider meine Natur» – an jedes noch so kleine Detail. Ich schrieb alles auf, zynische Kommentare inklusive: «Dienstag: 19 Uhr: Crêpes holen in der Badi für die Familie. Natürlich ich! Und laut Frau natürlich mal wieder die falschen: mit Pilzen aus der Dose!» Oder: «Samstag, neun Uhr: Sohn zum Fussball bringen. Anfeuern, füttern et cetera. Bis 15 Uhr. Dann hüpfen mit Tochter auf Hüpfburg. Toll ...! 16 Uhr. Zurück auf Fussballplatz. Anfeuern, füttern et cetera. 19.40 Uhr: Sohn duschen. Kinder ins Bett bringen. Vier Gute-Nacht-Lieder singen. Streng!» Und natürlich hielt ich fest, dass immer ich die Post holte - «immer!». Ich die Rechnungen zahle – «immer!». Ich der Tochter die Nägel schnitt – «wie meistens». Als ich am Freitag das Protokoll für den Vortag nachholte, bereute ich sogar insgeheim, dass ich nach der Arbeit direkt in den Ausgang gegangen war. Ich notierte: «Donnerstagabend frei» – das tat weh. Und dies gab mir dann doch irgendwie zu denken.
Sex zur Belohnung
Zumal ich vor lauter protokollarischer Nabelschau und familiärer Selbstbeweihräucherung auf einmal wieder spürte, was ich geglaubt hatte, mir ebenfalls abgewöhnt zu haben; nämlich für meine Leistungen neben dem Job, also in Haushalt und Kindererziehung, eine besondere Belohnung zu erwarten; Sex zum Beispiel. Dabei weiss ich doch: Erstens assoziieren Frauen generell Sex selten mit Belohnung, eher mit ehelichen Pflichten. Zweitens: Hat Mann den Küchenboden gewischt, vermeintlich «einfach so», dann ist das keine Leistung. Jedenfalls keine, die eine Belohnung verdient hätte. Denn «einfach so» existiert im Jargon der Hauswirtschaftslehre nicht. Da gibt es nur Aufgaben. Und die darf ruhig auch mal Mann erledigen. Einfach so.
Ich bin deshalb froh, dass nun wieder Schluss ist mit: Das mach ich und was machst Du? Herausgekommen ist, was zu erwarten war: In unserer Familie ist weder Frau noch Mann ein fauler Sack. Dass Frau trotzdem an mir herumbastelt – darüber aufzuregen, habe ich mir abgewöhnt.
Er
Total Wochenstunden: 77,5
Davon fallen 37 Stunden der Erwerbsarbeit zu und 40,5 Stunden der Haus- und Familienarbeit. Diese setzt sich aus 5 Stunden Familienadministration (Post, Rechnungen), 25,5 Stunden Kinderbetreuung und 6 Stunden klassischer Hausarbeit zusammen. 4 Stunden entfallen auf den Nebenjob als Hauswart. (Liebesdienste wie 6-mal Kaffee ans Bett bringen, 3-mal Drinks oder Bier holen wurden nicht eingerechnet!)