Erziehung - Verwöhnen
«Eltern scheuen Konflikte»

thinkstock.com
wir eltern: Herr Wunsch, was ist das richtige Mass an Zuwendung und Förderung?
Albert Wunsch: Zuwendung orientiert sich am anderen: Benötigt ein Dreijähriges ein Taschentuch, genügt es, wenn die Mutter ihrem Kind dieses reicht – Nase putzen kann es selbst. Verwöhneltern hingegen stellen nur auf den ersten Blick die vermeintlichen Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt. Beim genauen Hinschauen aber offenbart sich, dass es ihnen um ihr eigenes Wohlbefinden geht: Sie scheuen Konflikte, wollen ihre Ruhe haben, sich beliebt machen oder sich nicht mit dem Eigensinn des Kindes auseinandersetzen. Gerade in Trennungs- und Scheidungsfamilien ist das Verwöhnen häufiges Phänomen: Bei Papa gibts etwas mehr Eis und Filme als bei Mama – dabei geht es nicht ums Kind, sondern um die Absicherung der eigenen Position.
Wie kommen Eltern aus der Verwöhnungsfalle?
Indem sie ihr Tun hinterfragen! Habe ich so gehandelt, weil es um das Kind oder um mich ging? Nehmen Eltern ihrem Nachwuchs alles ab, verhindern sie ihm die Chance auf Erfolgserlebnisse. So wie jener Junge, der im Kindergarten ein Muttertagsherz bastelt. Die Erzieherin schneidet das kantige Gebilde gerade, weil es ihrem ästhetischen Empfinden nicht entspricht. Die Mutter wiederum lobt: «Das hast du aber akkurat ausgeschnitten!» Und der Junge lernt: Ich muss einfach jemanden suchen, der es für mich glättet. Nur: 10 Jahre später im Beruf gibt es niemanden, der Situationen für ihn ausbügelt. Deshalb sollten Eltern ihr Verhalten in regelmässigen Abständen überprüfen und gegenseitig reflektieren. Alleinerziehende könnten dazu Rat bei Freunden holen und so das Fremdbild der eigenen Erziehung überprüfen: «Hast du den Eindruck, ich mache eher zu viel oder zu wenig?»
Verwöhnen alle Eltern zwangsläufig?
Ich gehe davon aus, ja. Im Säuglingsalter ist viel mehr Fürsorge für ein Kind notwendig als in späteren Jahren. Die Kunst ist es zu erkennen, ab wann ein Kind etwas alleine kann. Im Grunde sollten Eltern bei jedem Geburtstag 1/18 ihrer Fürsorge runterfahren, um am 18. Geburtstag bei 0 angelangt zu sein. Das tun aber die wenigsten.
Ist die heutige Elterngeneration besonders anfällig fürs Verwöhnen?
Ja. Meine Grosseltern hatten zehn Kinder. Den Unfug, den man heute mit einem macht, ging damals schlichtweg nicht. Zudem ist ein Kind heute oft eine Art Projekt: Erst Studium, dann Job, dann Haus, dann Kind – in das alle Energie und Projektionen gesteckt werden. Vom chinesischen Aupair über Frühförderungskurse bis zur Rundum-Überwachung. Auch werden Eltern durch die Konsumgesellschaft geprägt, in welcher schneller Genuss und leicht gemachte Annehmlichkeiten als Selbstverständlichkeit gesehen werden.
Ist den Eltern heute der Kompass verloren gegangen?
In gewisser Weise schon. Mit der Leitparole «Erziehung ist Drangsal und Druck» steuerte die 68er-Generation ihren Teil dazu bei. Vieles, was selbstverständlich sein sollte, brach weg. Auch der Satz «Lernen muss Spass machen» stammt aus dieser Zeit. Er ist so ziemlich die dümmste Aussage, die je zum Thema Schule gemacht wurde. Natürlich ist es schön, wenn Unterricht Freude bereitet, aber Spass steht hier nicht im Vordergrund. So werden bei Schülern lediglich nicht haltbare Entertainment-Erwartungen geschürt.
In Ihrem Buch sprechen Sie die Scheu vieler Eltern an, autoritär zu sein, weil sie es mit autoritärem Verhalten verwechseln.
Jede Entscheidung, die Menschen treffen, setzt voraus, dass sie Rückgrat haben. Wer als Eltern glaubt, von Kindern geliebt werden zu müssen, verfällt einem Trugschluss. Väter und Mütter sollten ihre Kinder ins Leben begleiten; für die Liebesbedürfnisse der Eltern hingegen sind deren Partner zuständig. Wenn ich als Alleinerziehender meinem Kind eigene Gefühle und Unsicherheiten mitteile – oft einem Partnerersatz gleich – ist das zwar verständlich, aber schädlich.
Woran erkenne ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, mein Kind nicht zu verwöhnen?
Anders gesagt: Wenn ein Kind vieles nicht eigenständig kann und häufig Forderungen stellt, ist dies ein ziemlich klares Zeichen, dass etwas schief läuft. Genauso wenn situationsbezogene Sonderzuwendung – im Krankheitsfall etwa oder vor der Maturprüfung – später erneut eingefordert werden.
Albert Wunsch ist Sozialpädagoge, Psychologe und Erziehungswissenschaftler; er lehrt u.a. an der Katholischen Hochschule NRW in Köln und an der Uni Düsseldorf. Er arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater.
Buchtipp: «Die Verwöhnungsfalle»
«Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit» ist vor kurzem in einer neu überarbeiteten Auflage erschienen und wurde weltweit rezipiert.