Drittes Kind
Eins, zwei und ... drei!

Anne Gabriel-Jürgens
«Hilfe, nein!», kriegt man häufig zu hören, wenn man Eltern fragt, ob sie sich ein drittes Kind vorstellen könnten. «Ein grösseres Auto müsste her. Eine grössere Wohnung sowieso. Und ohne Lohnerhöhung und bessere Betreuungsmöglichkeiten ist das nicht zu machen.» Ein drittes Kind bringt in der Vorstellung vieler das mühsam erreichte Gleichgewicht durcheinander. Und das besteht nicht nur aus Raum und Geld, sondern auch aus Zeit und Arbeit. Es ist der Kopf, der viele Eltern von zwei Kindern von zusätzlichem Nachwuchs abhält. Das Herz, das würde oft für ein weiteres Baby schlagen. Fast scheint es, als sei unsere Vernunft-Gesellschaft zur Ein- beziehungsweise Zwei- Kind-Familie verdammt. Dabei bräuchte es eigentlich, um dem Schrumpfen der Schweizer Gesellschaft entgegenzuwirken, mehr Drei-Kind-Familien; Familien also, die über die reine Reproduktion der bestehenden Zahl von Köpfen hinausgehen und so für ein reales Bevölkerungswachstum sorgen.
Das liebe Geld
Doch warum flattern gerade jetzt wieder häufig die «Jetzt sind wir in der Überzahl»- Geburtsanzeigen in die Briefkästen? Warum sieht man auf dem Spielplatz vermehrt Mütter, ein Baby vorgeschnallt, ihren beiden anderen Knirpsen nachspringen? Sind das nur Einzelfälle? Oder ist die Absage an die Grossfamilie vielleicht gar nicht so ausgeprägt, wie wir glauben? Werden wir im Gegenteil gar zu Zeugen einer Trendwende? Das dritte Kind ist bei jungen Eltern wieder zum Thema geworden. Und im Bekannten und Freundeskreis häufen sich die Eltern, die nicht nur über ein weiteres Baby diskutieren, sondern auch eins machen und die bisher in der Schweiz geltende goldene Zwei- Kinder-Norm sprengen.
Es sind nicht nur Eltern mit Migrationshintergrund, denen man gerne eine Vorliebe für die Grossfamilie zuschreibt. Nein, hier setzt mit dem dritten Kind eine Gruppe von Schweizer Eltern ein Zeichen. Sie verwirklichen die Redensart «aller guten Dinge sind drei» mit einigem Optimismus, und es scheint ihnen das Normalste der Welt zu sein, wenn nun statt zwei eben drei Kinder ihr Leben auf den Kopf stellen.
Lena Stocker und Andreas Hunziker stellten sich nie die Frage, ob überhaupt ein drittes Kind, sondern vielmehr wann. Das Ehepaar Hunziker Stocker – sie Primarlehrerin (35), er Architekt (46) – lebt mit ihren mittlerweile drei Kindern Tim (9), Jan (7) und Liv (3) in der städtischen Siedlung Riedtli in Zürich. Es sind schöne Gebäude in einer äusserst begehrten Wohnsiedlung, aber mit Baujahr um 1920 ist der Raum in der Vierzimmerwohnung eher knapp bemessen – die Ansprüche waren früher bescheidener. Heute arrangiert man sich: Die familienfreundliche Atmosphäre, der Zusammenhalt in der Siedlung sind unbezahlbar, gerade mit drei Kindern. Die hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt waren für die beiden nie ein Argument gegen Kind Nummer drei. Allenfalls trübten die leisen Zweifel aus der Verwandtschaft die Freude über das dritte Kind etwas. Die Mutter von Andreas, die einmal in der Woche die Kinder betreut, war nicht wirklich erfreut, als er verkündete, dass Lena mit dem dritten Kind schwanger war. «Seid ihr sicher, dass ihr das wollt?», fragte sie besorgt. Ein drittes Kind hiess auch, der Architekt würde weitere vier Jahre als Hausmann zu Hause bleiben und seine Frau Vollzeit als Primarlehrerin arbeiten; alles hat seinen Preis. Der Wunsch nach einem dritten Kind überwand alle Widerstände.
USA als Trendsetter
Als vor fast einer Dekade in den USA der Trend zum «Drittkind» festgestellt wurde, erklärte man das publikumswirksam zum High-Society-Phänomen. Nachdem für Familien mit gut ausgebildeten Elternteilen in Topjobs zwei Kinder lange als ideal gegolten hatten, hiess es mit einem Mal: «Three is the new Two», zu Deutsch «Drei sind besser als zwei». Insbesondere die Glamour- Liga machte mit Kinderreichtum von sich reden und stellte damit indirekt auch ihren märchenhaften Reichtum zur Schau. Resultat waren Statements wie jenes der Journalistin Amy Astley in «Teen Vogue» (2005), wonach wer ein drittes Kind bekomme, damit in alle Welt hinausschreie: «Meine Wohnung ist gigantisch, mein Auto geräumig, mein Kapital unerschöpflich!»
Die Drei-Kind-Familie ist heute jedoch längst nicht mehr nur das Phänomen einer einkommensstarken Oberklasse. Wie die Familie Hunziker Stocker zeigt, entscheiden sich hierzulande gut ausgebildete Mittelstandseltern mit gleichzeitig eher dünnerem Finanzpolster wieder vermehrt für drei Kinder oder mehr. Man ist versucht, dies als Ausdruck für gestiegenen Optimismus zu werten. Ob dieser die gegenwärtige Finanzkrise allerdings unbeschadet übersteht, wird sich erst noch zeigen müssen. Trotz Einschränkungen bleibt Lena Stocker optimistisch. Sie empfindet die Drei-Kind-Familie als Bereicherung. «Je mehr Kinder man hat, desto spürbarer ist, wie unterschiedlich sie sind. Mit zwei Kindern gibt es immer diese Polarisierung. Drei Kinder sprengen die Einteilung und relativieren gleichzeitig die Erziehung. Wenn man nur ein Kind hat, sucht man den Fehler eher bei sich.» Andreas Hunziker sieht drei Kinder zudem auch als Sicherheit für den schlimmstmöglichen Fall … «Es wären dann immer noch zwei.»

Mutig oder naiv?
Ein Blick in die Statistik zeigt, dass sich der Trend auch in Zahlen niederschlägt. Nach jahrelangem Rückgang ist die Zahl der Drittkinder seit 2007 wieder im Steigen begriffen, wenn auch vorläufig nur zaghaft. Laut eidgenössisch statistischem Amt kamen im 2010 7665 Drittgeborene zur Welt, knapp 7,5 Prozent mehr als noch 2007. Auffälliger ist der Anstieg im Kanton Zürich: Hier wurden 2009 zehn Prozent mehr dritte Kinder geboren als noch vor vier Jahren. 980 Mütter waren Schweizerinnen, 283 Ausländerinnen. Dass sich eine Trendwende abzeichnet und das Phänomen vor allem auch den Mittelstand ergriffen hat, bestätigt die Hebamme Barbara Schwärzler von der Hebammenpraxis Dreieck in Zürich: «Mir ist aufgefallen, dass sich seit 2005 mehr Familien drei Kinder wünschen.» Sie erklärt sich den Wandel mit der obligatorischen Mutterschaftsversicherung, die just in diesem Jahr in der Schweiz eingeführt wurde. «Seitdem sind Mütter besser abgesichert. Das dürfte das eine oder andere zögernde Paar dazu gebracht haben, Einwände gegen ein drittes Kind beiseitezuschieben.»
Ob die Mutterschaftsversicherung allein die Trendwende in Gang gebracht hat? Wohl kaum. Was aber bewegt Paare, die bereits zwei Kinder haben, weitere Kinder zu bekommen, zumal mit jedem Kind Zeit-, Platz- und Finanzbudget pro Familienmitglied sinken? Wie mutig muss man sein, um sich auf dieses Wagnis einzulassen? Oder wie naiv? Die Vernunft spricht meist gegen viele Kinder, das Herz aber immer dafür.
Für Anna Küng fiel die Entscheidung noch im Spital. Als ihr die Hebamme ihr zweites Kind in die Arme legte und ihr zum «Pärchen» – nach dem Jungen Loris nun das Mädchen Anaïs – gratulierte, erwiderte sie spontan: «Das war nicht das letzte Mal.» In Gedanken nämlich hatte sie eben jener Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern – am besten ein Mädchen und ein Junge –, der schwarzen Labradorhündin und dem Einfamilienhaus mit Garten eine Absage erteilt. Sie wusste: «Diesem Klischee wollte ich nicht entsprechen.» Die Primarlehrerin lacht noch heute, wenn sie an diesen Moment zurückdenkt. Sie wollte keine Kleinfamilienidylle. Sie liebt den Clan. «Meine Eltern sind Familienmenschen. Ich wuchs mit zwei Brüdern und vielen Cousins auf. Das Zusammentreffen der vielen Charaktere hat mir immer gut gefallen und ich habe sehr von dieser Vielfalt profitiert.»
Das Glück herausfordern
Bei Andy Weber, ihrem Mann, stiess die heute 33-Jährige mit dem Wunsch, einen «Clan» zu gründen, auf offene Ohren. «Da ich einen behinderten Bruder habe, wuchs ich fast wie ein Einzelkind auf. Deshalb wünschte ich mir eine grosse Familie.» Sich bauchgeleitet ins Abenteuer Grossfamilie stürzen wollte er gleichwohl nicht. Für den Bankangestellten waren drei Faktoren entscheidend: genügend Zeit, eine gefestigte Beziehung und ausreichend finanzielle Ressourcen. «In der heutigen Zeit, da jede zweite Ehe in die Brüche geht, steigt der finanzielle und emotionale Verlust mit der Anzahl der Kinder», meint der 36-Jährige nachdenklich. Darum stand am Ende vor allem eine Frage im Raum: «Wollen wir das Glück wirklich ein weiteres Mal herausfordern? » Die Antwort heisst Matilda.
Bei jungen Familien mag die fehlende Zukunftssicherheit dazu führen, dass sie ihre Grossfamilienambitionen begraben. Es gibt aber auch Eltern, denen bleibt das dritte Kind aus anderen Gründen versagt. Bis in die 1990er-Jahre war die Drei-Kind- Familie auch in der Schweiz keine Ausnahme, ab 1997 fiel die Zahl allerdings erstmals unter die 10 000er-Marke. Der Abschied von der Dreiheit, die Zuwendung zur pragmatischeren Zwei-Kinder-Familie, hatte gesellschaftspolitische Gründe. So wurden viele Frauen, die sich im Zuge der allmählichen Emanzipation ihre Karrierechancen nicht hatten verbauen wollen und deshalb lange mit der Geburt ihres ersten Kindes zuwarteten, erst Mitte beziehungsweise Ende dreissig zum ersten Mal schwanger. Ein zweites Kind ging noch. Zu einem dritten aber kam es nicht mehr. Die biologische Uhr war abgelaufen.

Auch das Fehlen griffiger Strukturen – vom mangelnden Krippenangebot, über fehlende Tagesschulen, bis hin zur ernsthaften Einbindung des Mannes in die Kinderbetreuung – die es der Frau ermöglichen, auch mit drei Kindern weiterhin ihrer Arbeit nachgehen zu können, dürften ihren Anteil an der Abnahme der Drei-Kind-Familie gehabt haben. In Frankreich, wo das Krippen- und Tagesschulenangebot breiter ist als hierzulande, haben gut ausgebildete Frauen weit häufiger drei Kinder. Auch in skandinavischen Ländern, in Sachen ausserfamiliärer Betreuung europäische Musterschüler, sind Drei-Kind-Familien weit verbreitet.
Maria Rubio-Annecchiarico, Projektleiterin Events (38), wusste um die Schwierigkeiten, schob die Bedenken aber beiseite. Insgeheim hoffte sie, dass nach den beiden Mädchen Enya (6) und Morgan (3) ein Junge das Glück perfekt machen würde. «Der Wunsch nach einem Buben war gross. Bei zwei Mädchen war aber die Chance doch sehr hoch, dass eine weitere Dame zur Familie stösst», grinst sie und stupst Juan Rubio, Chauffeur (36), an, der dann als einziger Mann einen schweren Stand gehabt hätte. Er lächelt. Nein, Frauenpower habe ihn nie geschreckt. Aber um die Beziehung hätten sich beide schon Sorgen gemacht. «Übersteht unsere Ehe ein drittes Kind?» Bereits ein Kind strapaziert die Partnerschaft. Bei drei Kindern aber könne die Belastung zur Zerreissprobe werden. Ob all dem Organisieren würde noch weniger Zeit bleiben, die man für sich beziehungsweise die Zweisamkeit hat. Auch Maria tat sich anfänglich schwer: Gegen ein drittes Kind sprachen ihr Alter (als 36-Jährige galt sie als «Risikoschwangere») und ihre Zweifel, ob sie der dreifachen Mutterrolle gerecht werden und diese mit ihrem Job bei einer Grossbank würde vereinbaren können.
Ihre Bedenken haben sich mittlerweile zerstreut. Enrique ist seit acht Monaten da, Juan guter Dinge und Maria wieder zurück in ihrem Job. All das wäre aber ohne verständnisvolle Vorgesetzte und ohne die Unterstützung durch ihren Mann – er hat sein Arbeitspensum reduziert – ihre Mutter sowie ihre Schwester, die in ihrer Abwesenheit nach den Kindern schauen, nicht zu machen gewesen. «Unsere finanziellen Ressourcen sind zwar knapper, dafür sind wir reicher geworden. Jetzt fühlen wir uns komplett », meinen die Rubio-Annecchiaricos. Und die Mädchen freuen sich darüber, dass mit dem Buben ein weiterer Mann zur Familie gestossen ist.
Packen wirs an
Ein drittes Kind mischt die Familie noch mal gehörig auf. Das braucht Nerven. Wo unsere Interview-Partner die Probleme lokalisieren und wie sie sie zu meistern ver suchen.
Wohnung
Mit dem dritten Kind müssen Wohnsituation und Raumaufteilung oft neu überdacht werden. Mit 44 m2 pro Person, laut eidgenössisch statistischem Amt der aktuelle Pro-Kopf-Raumbedarf in der Schweiz, ist es dann wohl fürs Erste vorbei. Nun heisst es clever redimensionieren. Um Platz zu sparen, schlafen die Kinder in Kajütenbetten in einem Zimmer oder nach Geschlecht aufgeteilt in zwei Räumen. Zwar verliert das einzelne Kind so Rückzugsmöglichkeiten, dafür aber ist immer jemand da, um Sorgen und Freuden zu teilen.
Auto
Der Versuch, ein drittes Kindersitzli im Auto zu montieren, ist oft nicht von Erfolg gekrönt. Für viele Eltern ist dann der Moment für einen Wagenwechsel gekommen. Der Neue ist dann vielleicht nicht mehr so ergonomisch geschnitten, dafür aber genug breit, dass drei Kindersitze problemlos auf die Rückbank passen.
Ferien
Pauschalreisen gelten in der Regel für eine vierköpfige Familie. Wenn man in Hotels übernachtet, muss oft ein Zimmer dazugemietet werden. Auch Reisen in ferne Länder bleiben wohl eher die Ausnahme, da fünf Flugtickets allein schon das Ferienbudget sprengen. Campingferien oder aber das Mieten einer Wohnung /eines Hauses wie auch Wohnmobilreisen sind gute Alternativen.
Babysitter
Ob Grosseltern, Götti, Gotte – deren Kraft mag für ein oder zwei Kleinkinder reichen. Mit einem dritten aber wirds schwierig. Darum heisst es entweder die Kinder auf verschiedene Haushalte verteilen, womit man organisatorisch oft an Grenzen stösst. Oder aber man bezahlt einen fähigen Babysitter, was wiederum recht ins Geld gehen kann.
Einladungen
Eingeladen werden Drei-Kind-Familien immer seltener. Bei Freunden und Verwandten überwiegt möglicherweise die Sorge, bei sich zu Hause nicht genug Platz für weitere fünf Personen bieten zu können. Oder aber es regiert die nackte Angst vor der demolierten ultrateuren Stereoanlage, den verschmierten Wänden oder der Unordnung generell. Lieber laden sich Freunde und Verwandte deshalb gleich selber zur Grossfamilie ein.
Beziehung/Ehe
Die gemeinsame Zeit als Paar verflüchtigt sich mit dem dritten Kind weiter. Ein Babysitter für drei Kinder lässt sich nicht mehr so leicht finden. Auch die Wochenenden, für viele DIE Familienzeit, teilt man sich als Eltern oft auf, weil die Interessen der Kinder je nach Alter unterschiedlich gelagert sind: Papa unternimmt was mit den Grösseren, während Mama sich um das Kleine kümmert. Schlafen dann endlich alle Kinder, sind die Eltern oft so müde, dass auch sie nur noch ins Bett sinken. Von der «Quality-Time» zusammen bleibt oft nur mehr ein Traum. Doch auch bei drei Kindern gilt: Die Kleinkinderzeit ist schnell vorbei und damit auch der grösste Stress.