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Vaterschaft
Die Tücken des Papaseins
Ist bei den neuen Vätern alles beim Alten? Studien zu ihrem Familien-Engagement sehen so aus. Doch in den Köpfen und Herzen bewegt sich viel. Junge Papas wollen bei ihren Kindern präsent sein. Auch wenn es ihnen schwer gemacht wird ...
Die Entwicklungskurve, muss man sagen, ähnelt doch eher einer Geraden. Denn wenn auch die «neuen Väter» seit nunmehr 30 Jahren heraufbeschworen werden – in hellen Scharen begegnen sie einem noch immer nicht. Fast scheint es, als sei bei den Neuen alles beim Alten.
Klar, freitags, dem Papa-Tag Nummer 1, sieht man vereinzelte Väter mit Kind beim Einkaufen. Ja, auch beim Schulbesuchsmorgen sitzen welche auf den Stuhlchen und, ebenfalls ja, immer mal wieder liest man Berichte uber Hausmanner, alleinerziehende Väter oder Promi-Papis, die ihre Kinder zur Krippe bringen und auch wieder abholen. Nur – warum uberhaupt ist das Anlass genug fur einen Bericht? Warum kommen die Männer darin wie Helden daher? Weil sie mit Helden etwas Charakteristisches gemeinsam haben: Sie sind selten.
Springen Sie hier direkt zu den vier Väterporträts:
Ernährer: Der Mann. Immer noch.
Nach wie vor sind in drei Vierteln der Schweizer Familienhaushalte die Haupternährer die Vater. Nach wie vor arbeiten gerade mal 10 Prozent von ihnen Teilzeit und 28,4 Prozent der Mutter mit Kindern unter 25 (!) in einem Pensum von unter 50 Prozent. Jeder dritte Vater beteiligt sich nicht an der Hausarbeit. Hartnäckig finden ⅔ der Männer, Frauen seien von Natur aus fürsorglicher in der Erziehung. Und exakt 1 Stunde mehr pro Woche als noch vor zehn Jahren verbringen heutige Väter mit ihren Kindern. Ein Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln geht anders. Trotzdem. Es ist ein Schritt. Ein winziger zwar – aber in die richtige Richtung.
Denn dass sich so gar nichts täte, die Schrittchen lediglich ein Tänzeln auf der Stelle seien, das täuscht. Zwar ist das klassische Modell, wie das bei Klassikern halt generell so ist, besonders langlebig und resistent gegen Moden und Trends, aber es passt jetzt oft nicht mehr richtig und zwackt an allen Enden. Wie ein Wollpullover in traditionellem Dunkelblau, der zu heiss gewaschen worden ist. Plötzlich pikt er beim Tragen und zwängt ungemütlich ein. Vor allem beim Bewegen. Und immer mehr Männer wollen sich bewegen.
Väter hadern mit sich
Klar, sind viele Studienergebnisse deprimierend, wie etwa die der Universität Marburg, in der Arbeitssoziologe Martin Schröder vor zwei Jahren festgestellt hat, dass das Glücksgefühl von Vätern proportional mit den am Arbeitsplatz verbrachten Stunden ansteigt, der Peak des Glücks bei 50 Wochenstunden im Buro liegt. Auch bremst es ein bisschen die engagierte-Papas-Euphorie, wenn man nach Deutschland schaut und feststellt: Dort gibt es zwar eine zwölfmonatige Elternzeit und acht Wochen zusätzlich, wenn Vater mindestens zwei der Babymonate beziehen. Nur nutzen zwei Drittel der Vater das überhaupt nicht. Von dem anderen Drittel nehmen lediglich 40 Prozent mehr als zwei Monate, 64 Prozent bleiben sogar unter einem Monat. Ja, das klingt alles so, als sei das Familienmodell der 1950er-Jahre konserviert wie eine Fliege in Bernstein. Aber das stimmt nicht. Es tut sich etwas: bei Sichtweise und Gefühl.
80 Prozent der jungen Väter hadern mit sich und bedauern, nicht mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen (Gleichstellungsbericht der Bundesregierung Deutschland). Jeder zweite Papa, so eine Erhebung der Schweizer Pädagogin Margrit Stamm, quält sich mit der Sorge, ob er wirklich ein guter Vater ist. Den schmerzhaften Spagat zwischen Beruf und Familie kennen inzwischen nicht nur Frauen, 17 Prozent der Vater fühlt sich davon, laut Forsa, sogar vollig überfordert. Und das Lachen in Comedy Shows über Männer, die hilflos herumstottern, wenn sie nach dem Geburtstag ihres Kindes gefragt werden, kommt heutzutage vom Band. Lustig findet das niemand mehr und repräsentativ ist es schon gar nicht.
Das Rollenbild ändern. Aber wie?
Wer sich mit jungen Vätern unterhält, hört dagegen vieles, das so gar nicht traditionell ist. Wie traurig sie es finden, wenn das Kind bei einem aufgeschlagenen Knie stets nach Mama ruft. Wie belastend es ist, unbedingt das Familieneinkommen heimbringen zu müssen und wie dadurch die Angst um den Arbeitsplatz wächst. Wie positiv sich eine Partnerschaft verändert, wenn beide Teile Schreib- und Wickeltisch gleichermassen kennen.
Und wie anstrengend es ist, ganz allein, als Exot, gegen verkrustete Arbeitsstrukturen anzukämpfen, gegen blöde Kommentare und ja, auch gegen eigene alte Rollenbilder bei neuen Wünschen. Denn seit Herbert Grönemeyers gesungener Frage: ≪Wann ist ein Mann ein Mann?≫ sind zwar inzwischen 36 Jahre vergangen, doch mit der Suche nach einer Antwort schlagen sich Väter noch immer herum. Wie maskulin, wie sexy ist ein bügelnder, bastelnder, Brei futternder Vater? Wie sind Geld und Männlichkeit miteinander verhakt? Wie eigentlich sehen das die Frauen, wenn sie ehrlich sind?
Denn natürlich spuken auch in Mutter-Köpfen unbewusst noch ranzige Erwartungen und staubige Rollenbilder: von dem ≪Versorger≫, der ≪guten Mutter≫, ≪weiblicher Natur≫ und ≪Rabenmutter≫. Jede fünfte Frau, schreibt Margrit Stamm in ihrem Buch ≪Neue Vater brauchen neue Mutter≫ sichert ihr vermeintliches Hoheitsgebiet, die Kinderbetreuung, nämlich höchst eifersuchtig und blockt ein Engagement des Vaters gezielt ab.
Beton in den Strukturen
Eines zeigen die vielen Zahlen: Es gibt noch ein ziemliches Geschwurbel in den Köpfen, viel Beton bei den Strukturen und – eine Menge Heuchelei. Leitungsfunktionen funktionieren ausschliesslich mit einem Vollzeitpensum? Unsinn. Frauen seien einfühlsamer mit Kleinkindern als Männer? Unsinn. Und eine Milliarde Franken für Olympia 2026 liegen drin, aber wegen der geschätzten 230 Millionen für den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ginge die Schweizer Wirtschaft bachab? Noch mehr Unsinn.
Viel Sinn dagegen macht es, mit jungen Vätern über ihr Familienmodell zu reden: über ihre Arbeit, über Babys, Bindung und Vorbilder; darüber, wie wichtig es ist, mit Frauen an einem Strick zu ziehen, über langen Atem, enttäuschte Hoffnungen und – Mut. Vier Väter erzählen von der Schwierigkeit in der Schweiz, ein Rollenbild zu ändern.

Zeit statt Reichtümer
Urs Wieland (44), dipl. Masseur, und seine Frau Marianne (41), Pflegefachfrau,
haben drei Kinder. Berufs- und Familienarbeit teilen sie hälftig.
Ich finde die Aufteilung 50:50, wie wir sie haben, nur natürlich. Es sind ja nicht nur die Kinder der Frau. Ich habe für die Familie mein Berufsleben vollständig umgekrempelt. Früher habe ich zu 100 Prozent in der Verwaltung gearbeitet und recht gut verdient. Aber durch Rahels Geburt hat sich alles geändert. Ich habe mich verändert. Ganz andere Seiten von mir sind zum Vorschein gekommen, plötzlich haben mich Menschen viel mehr interessiert als Administratives.
Meine Frau arbeitet im Spital. Ihre Dienste sind unregelmässig und sie erfährt ziemlich kurzfristig, wie ihre Schichten liegen und an welchen Tagen sie arbeiten muss. Deshalb ist es ideal, dass ich jetzt – nach meiner Umschulung zum Masseur – selbstständig bei uns daheim arbeiten kann. Meine Horror-Vorstellung wäre, wenn meine Kinder mir später vorwerfen würden: «Papa, du hast nie Zeit für uns gehabt.»
Ich habe mit meiner Frau immer gleichberechtigt gelebt, warum sollte sich das ändern, wenn Kinder da sind? Wir leben hier sehr ländlich und da bin ich schon ein bisschen der Exot, wenn ich bei schönem Wetter das Bügelbrett nach draussen stelle und da glätte. Klar, höre ich dann manches Witzchen. Ich habe mal aus Spass ein Selfie von mir beim Glätten auf Facebook gestellt mit dem Spruch: «Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er auch mit heissen Eisen umgehen kann.» Die Resonanz war riesig, allerdings kamen 90 Prozent der Likes von Frauen.
Das Geld ist bei uns natürlich ein Thema. Weder als Masseur noch in der Pflege verdient man ja Reichtümer. Grosse Sprünge können wir uns nicht leisten. Ferien machen wir in der Schweiz. Letztes Jahr waren wir in Schaffhausen auf einem Bauernhof. Wir hatten total viel Spass. Auswärts essen gehen wir nur selten. Aber das ist es ist es uns wert. Dafür haben wir Zeit mit den Kindern.
Ich habe noch nie in Rollenklischees gedacht. Tu ich auch als Papa nicht. Wieso also sollte ein Vater mit seinen Kindern keine Eis-Prinzessinnen ausmalen oder Osternestchen basteln? Ich mach das gern. Ich habe richtige Wow!-Momente in meinem Leben. Etwa wenn ich dem Kleinen beim Spielen zusehe, wir zum Märli-Abend in die Schule gehen – oder ich Pippi-Langstrumpf-Zöpfe flechte. Wie damals, vor vier Jahren. Meine Tochter wollte nämlich als Pippi an die Fasnacht gehen und da hab ich gedacht: Okay Urs, sei kein Loser. Wie schaffst du das jetzt mit dieser Frisur? Und weil ich keine Ahnung hatte, wie Flechten geht, hab ich mir auf Youtube ein Zöpfe-Flechten- Tutorial angeschaut. Und: Es hat super geklappt. Das waren richtig tolle Pippi-Zöpfe. Mit Draht drin. Na, wenn das nicht männlich ist, dann weiss ich auch nicht.

Es geht nur gemeinsam
Loïc Roth (36), Geschäftsführer einer gemeinnützigen Stiftung,
80 Prozent, Veryan (33), dipl. Psychologin, Hausfrau, Anaïs (5), Lilo (2)
Wir leben das klassische Modell. Und das stört mich. Sehr sogar. Ich habe das nie gewollt. Wir wollten es immer anders machen, und jetzt sind wir in dieser Falle gelandet. Meine Frau ist in eine Abhängigkeit gerutscht und ich trage ganz allein die finanzielle Last. Das war niemals mein Wunsch. Wir sind beide unzufrieden mit der Situation. Wie wir da hineingeraten sind? Absichtlich jedenfalls nicht.
Veryan hat Psychologie studiert und einen tollen «summa cum laude»-Abschluss gemacht. Direkt nach dem Studium kam das erste Kind. Psychologen gibt es wie Sand am Meer. Vielleicht tauchen sie nicht so markant in Arbeitslosenstatistiken auf, weil sich viele selbstständig machen. Jedenfalls hat meine Frau keine Arbeit gefunden. Eine junge Frau ohne Berufserfahrung, dafür mit Baby, das ist für Arbeitgeber nicht der Hit. Bei einem Einstellungsgespräch ist sie tatsächlich gefragt worden, wie sie es machen würde, wenn das Kind krank wäre. Obwohl die Frage gar nicht zulässig ist und einem Mann nie gestellt worden wäre. Mich macht das richtig ärgerlich.
Wir wollten eigentlich 60:60 arbeiten. Ich finde es traurig, dass ich vom ersten Lächeln, den ersten Schritten, den ersten Wörtern meiner Töchter nur Videos geschickt bekomme. Lilo ist zu früh zur Welt gekommen und meine Frau musste vorher schon länger ins Spital, da hat mein Arbeitgeber mir alle Möglichkeiten eingeräumt, damit ich mich um Anaïs kümmern konnte. In der Zeit, als ich sozusagen alleinerziehend war, hatten wir beide eine sehr enge Beziehung. Aber jetzt merke ich, dass sie mehr die Nähe zur Mama sucht. Meine Frau wird wohl umschulen oder sich umorientieren, damit sie eine Arbeit findet. So lange verdient sie allerdings auch kein Geld. Bis sich an unserer Situation etwas ändert, sind die Kinder dann schon ziemlich gross. Das ist so schade, denn ich wusste schon mit 16 Jahren, dass ich später unbedingt Papa werden möchte.
Ich bin enttäuscht von unserer Gesellschaft und der Politik, dass sich diese altmodischen Vorstellungen von Familie hartnäckig halten. Ich finde, es bräuchte eigentlich eine männliche Rebellion, damit sich endlich etwas ändert. Familienpolitik ist doch keine reine Frauensache, sondern Männer und Frauen müssen gemeinsam an einem Strick ziehen, sonst passiert nichts. Wir leben mit einer anderen Familie zusammen in einer WG, ich tue so viel ich nur kann, und wir versuchen wirklich neue Wege zu gehen, aber die Strukturen machen es uns total schwer. Klar, es gibt einzelne ganz Mutige. Ich habe etwa einen Bekannten, der hats knallhart durchgezogen: seinen Job als Handwerker geschmissen, als seine Tochter geboren wurde, und dann ist er mit seiner Familie drei Jahre lang auf den Zeltplatz gezogen, damit er sein Kind aufwachsen sieht und sie trotzdem mit dem Geld hinkommen. Aber so ganz auf die Existenzsicherung zu pfeifen, das könnten wir nicht.
In meinem Job bin ich auch für das Personal zuständig. Da kam neulich eine Kollegin und hat gesagt: «Ich hab eine schlechte Nachricht – ich bin schwanger.» Das ist doch schlimm, dass Frauen davon ausgehen, am Arbeitsplatz sei eine Schwangerschaft eine «schlechte Nachricht». Ich hoffe sehr, dass sich, bis meine Töchter Mütter werden, endlich etwas getan hat. Für die Frauen. Aber auch für die Männer.

In Schweden ist es leichter
Alex Hofmann (44), Betriebswirt, Evelyne (40), Chirurgin,
Selma (7 Monate), Max (6), Linus (8)
Wir sind Schwedisch-Schweizer Doppelbürger und haben von 2009 bis 2017 in Stockholm gelebt. Wir haben also den direkten Vergleich, welche Bedingungen junge Familien in den beiden Ländern vorfinden. Vorsichtig formuliert: Die Rückkehr in die Schweiz war erschreckend anders, als wir uns das vorgestellt haben. Warum?
Das erklärt sich vielleicht, wenn ich einfach schildere, wie Kinderhaben in Schweden aussieht:
Schwedische Eltern bekommen pro Paar nach der Geburt 1 Jahr frei bei 80 Prozent des Lohnes. Aber fast alle Arbeitgeber stocken den Lohn freiwillig auf 100 Prozent auf. Die Betriebe konkurrieren darum, wer seinen Leuten die besten Bedingungen bietet. Evelyne hat jeweils die ersten 6 Monate genommen, ich die zweiten. 10 Tage Vaterschaftsurlaub direkt nach der Geburt sind sowieso selbstverständlich. 60 Tage pro Kind jährlich dürfen Mutter oder Vater daheim bleiben, wenn ein Kind krank ist. Ruft man dann im Büro an und sagt: «Du, der Kleine ist krank», ist das kein Problem. Kinder werden eben krank, das ist halt so. Niemand seufzt und jammert dann. Schwedische Kinder gehen in der Regel fünf Tage die Woche in die Kita.
In einem Radius von 1 km von unserem Stockholmer Wohnort hatten wir 93 Kitas zur Auswahl. Die Kinder werden aber nicht einfach versorgt, sondern es gibt einen Lehrplan, ein didaktisches Konzept– nicht umsonst heissen die Krippen dort Vorschulen. Vätergruppen sind in Stockholm völlig normal, die Väter lernen sich oft schon in den Geburtsvorbereitungskursen kennen und treffen sich dann regelmässig mit den Kindern zum Spielen, Schwatzen, Austauschen. Latte-Macchiato-Väter, könnte man sagen. Es ist sehr schön, in Schweden Vater zu sein. Allerdings musste ich mich auch erst reinfinden, dass dort anders gearbeitet wird. Ich kam ja 2009 (und noch nicht Vater) aus der Schweiz und war gewohnt, dass man als Betriebswirt so lange im Büro bleibt, bis die Aufgabe fertig ist.
In Schweden heissts um 16 Uhr: «Tschüss, ich muss mit den Kids zum Schwimmen.» «Tschau, heute bin ich dran, die Kinder aus der Kita abzuholen.» Und wenn ich dann zaghaft gerufen hab: «Äh, hallo? Aber unser Projekt?», hab ich zur Antwort gekriegt: «Kommt schon noch.» Und tatsächlich habe ich immer alles pünktlich bekommen. Meistens abends um 21 Uhr per Mail. Aber absolut zuverlässig. Das ist eine Unternehmenskultur des Vertrauens.
Vor zweieinhalb Jahren sind wir in die Schweiz zurückgekehrt. Meine Frau arbeitet als Chirurgin 80 Prozent und ich in meinem Job 100 Prozent. Wir waren entsetzt, wie schwierig es einem hier gemacht wird. Evelyne geht häufig um 6 Uhr aus dem Haus und ist erst nach 18 Uhr wieder daheim. Mindestens zehn statt acht Stunden sind hier die Norm für Ärzte. Dazu die Fahrt ... Als Selma auf die Welt kam, war ich noch selbstständig, konnte meine Zeit selbst einteilen und meine Frau ein bisschen von den Jungs abschirmen. Mutter und Kind brauchen doch ungestörte Zeit, um sich kennenzulernen, sonst klappt das Stillen nicht.
Die Selbstständigkeit habe ich inzwischen aufgegeben, der Arbeitseinsatz vor allem in der Anfangszeit ist enorm. Das wollte ich nicht. Jetzt habe ich mir einen Arbeitgeber gesucht, der mir extrem viel Flexibilität einräumt. Einen Job mit Präsenzpflicht mindestens von 9 bis 5 Uhr würde ich heute nicht mehr annehmen. Ich steh da fadengerade für ein. Ich will morgens da sein, abends kochen, spielen, mit den Jungs schwimmen gehen …
Morgen muss ich mit Linus zum Arzt. Meine Frau kann ja ihre Operationen nicht einfach verschieben. Da gleichen wir jede Woche die Kalender ab, wer wann was machen kann. Ich bin, glaub ich, in meinem Betrieb ein bisschen zum Vorbild geworden. Andere Väter finden extrem gut, wie klar ich kommuniziere: «Ich mach das rechtzeitig und wie vereinbart, aber schreibt mir nicht vor, wann und wo.» Neulich hatte ich eine Videokonferenz mit Selma auf dem Schoss, weil sie krank war und nicht in die Krippe konnte. Da haben die anderen Teilnehmer ständig gesagt: Was denken Selma und Alex zu Punkt drei? Es war sehr witzig. Und dennoch effizient. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass meine Beziehung zu Selma trotz der anderen Ausgangsbedingungen genauso eng wird wie zu meinen Söhnen. Das ist mir sehr wichtig. Sie zahnt übrigens gerade.

Diese Angst um die Arbeit
Andreas Näf (43), Konstruktionsleiter (40–60%), Andrea (38),
Oberstufenlehrerin (85%), Moris (6), Malena (4)
Ich gebe zu: Ich bin gescheitert. Und – ich kann mein Modell empfehlen. Klingt das verwirrend? Ich erklärs.
Meine Frau ist Lehrerin und liebt ihren Beruf. Als Moris zur Welt kam, hab ich noch 80 Prozent und sie 50 gearbeitet. Als Moris drei war und die Kleine jährig, hatte Andrea Lust, mehr zu arbeiten und ich darauf, mal raus aus dem Trott zu kommen, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen und zu reduzieren.
In das Gespräch mit meinem Chef bin ich in der festen Überzeugung hineingegangen: «Okay, Andreas, du wirst deinen Job verlieren.» Aber so war es nicht. Er hat ganz pragmatisch gesagt: «Besprechen wir, wie wir das regeln. Die Teamleitung musst du allerdings abgeben.» Da habe ich schon leer geschluckt. Zudem bekam ich statt der unbefristeten Anstellung einen Zweijahresvertrag. Deshalb verstehe ich Männer, die aus lauter Angst um ihren Arbeitsplatz gar nicht erst fragen, ob sie reduzieren könnten. Die Existenzangst sitzt tief.
Erstaunlich waren die Reaktionen auf meine Reduktion. Sehr oft bin ich gefragt worden, wie wir das jetzt finanziell regeln. Dass meine Frau mehr arbeiten könnte und gerne aufstockt, auf den Gedanken ist kaum einer gekommen. Anfangs habe ich geradezu zwanghaft aufgezählt, was ich daheim alles mit den Kindern für Pflichten erledigt habe. Offenbar hatte ich ein schlechtes Gewissen, mit primär Kindern und Haushalt nichts «Richtiges » zu leisten. Verrückt, oder? Irgendwann hat ein holländischer Kollege zu mir gesagt: «Andreas, ist dir schon mal aufgefallen, dass du dich die ganze Zeit rechtfertigst? Lass das doch.»
Richtig! Wieso sollte es wenig wert sein, mit seinen Kindern Schuhe zu kaufen – der Grosse hat Schuhgrösse 31, die Kleine 25 – zu kochen oder zum Schwimmunterricht zu gehen? Da war ich übrigens stets der Hahn im Korb und anschliessend, wenn ich beide Kinder endlich wieder in ihrer trockenen Kleidung hatte, klatschnass geschwitzt. Es ist sehr anstrengend, Hauptverantwortlicher für die Kinder zu sein. Abends hatte ich oft richtige Schmerzen in den Beinen, weil ich nicht ein Mal abgehockt bin. Keine ruhige Minute von 6 bis 20 Uhr! Ausserdem hat Moris anfangs gemault: «Die Mama soll kommen, die macht das besser als du.»
Das war hart. Man muss sich seinen Teil am Familienleben regelrecht erobern. Selbst der Frau gegenüber. Da musste ich auch erst mal klarstellen, dass ich manches vielleicht anders mache als sie, aber dass ich es mache. Auf meine Art. Okay, möglicherweise habe ich den Kindern hässliche Anziehsachen gekauft. Aber wen störts? Die Kinder und mich nicht. Damit musste Andrea sich halt abfinden.
Aber eigentlich ist meine Frau sehr souverän. Sie hat von Anfang an gefordert: «Mach!» Das finde ich gut. Ich glaube, dass es gut ist für eine Partnerschaft, wenn beide beide Lebenswelten kennen. Warum ich gescheitert bin? Ab dem Sommer arbeite ich wieder 80 Prozent und übernehme wieder das Team. Andrea reduziert.
Bei der Arbeit war es nämlich so, dass ich mit dem kleinen Pensum nicht nur stärker gefährdet bin, meinen Arbeitsplatz zu verlieren, sondern auch nur anspruchslose Aufgaben hatte. Ich kam mir vor wie ein Lehrling. Das hat mich total frustriert. Und als das Angebot kam: Stock auf, leite ein Team – da habe ich kapituliert. Die Arbeit brauche ich halt eben auch, um glücklich zu sein. Eine 60-Prozent-Teamleitung stand leider nicht zur Debatte. Ja, man hätte das am Arbeitsplatz sicherlich anders organisieren können – aber ein Einzelner kann da nicht viel machen. Deshalb habe ich das Gefühl, gescheitert zu sein. Trotzdem war die Zeit wertvoll: Ich habe viel gelernt und eine besondere Beziehung zu meinen Kindern geschaffen. Jedem Vater würde ich raten hinzustehen und zu sagen: «Ich will das!»
Caren Battaglia hat Germanistik, Pädagogik und Publizistik studiert. Und genau das interessiert sie bis heute: Literatur, Geschichten, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren – und wie man am besten davon erzählt. Für «wir eltern» schreibt sie über Partnerschaft und Patchwork, Bildung, Bindung, Erziehung, Erziehungsversuche und alles andere, was mit Familie zu tun hat. Mit ihrer eigenen lebt sie in der Nähe von Zürich.